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zezhuanthia_lorsveki:kapitel_5

Kapitel 5 – Ghost River

Keberscu jagte durch Wald und über das Land. Hätte er ein Herz gehabt, so würde dies nun schmerzen, rasend von der Anstrengung, die dieser rasante Lauf kostete. Doch anatomisch gesehen, waren Dämonen tot. Sie hatten keinen geschlossenen Blutkreislauf, einige von ihnen waren ja kaum mehr als Skelette oder hatten Formen, die ihr sofortiger Tod wären, zumindest als Sterbliche. Keberscu spreizte seine Tastorgane an den verkümmerten Schwingen weit ab und schnurrte leise. Die Vibrationen von Schlagenden Schwingen wurden stärker. Bald hatte er seine Beute eingeholt, doch irgendwie würde es dann zu schnell vorbei sein, wo wäre denn da der Spaß? Wasser spritzte auf, als Keberscus blutiger Leib durch einen Fluss pflügte, augenblicklich färbte sich das von ihm fortfließende Wasser rostig rot. Jeder, der nun davon trank, würde einen Geschmack im Mund haben, den Keberscu liebte und hasste. Blut. Er hasste und liebte es gleichzeitig. Es war überlebensnotwendig. Dass er es auf seinen Klauen, seiner Haut und seiner Zunge schmeckte, doch stieß es ihn ab. Zeigte ihm immer wieder deutlich, dass sein eigenes Blut nicht mehr salzig und rot und sterblich war. Bitter war es. Kochend heiß war es. Orangefarben, wie die untergehende Sonne, so glänzte es. Dämonisch. Ein langgezogener Klagelaut entwich seiner Kehle, ein erbärmliches Winseln, der riesige Körper verlangsamte seinen Tritt, stolperte und schließlich knickten die Beine ein. Ein Beben ging durch den Erdboden, als Keberscu im Flussbett auf schlug, die Strömung riss beinahe schmerzhaft an seinen Tastorganen, Wasser drang in die leeren Höhlen, dort wo einst die Augen saßen, drückten gegen den dicken Membran und rannen wie falsche Tränen wieder hinaus. Sterblich, Leben, die irdischen Sphären. All das war ihm verwehrt worden und wieso?! Weil er damals das Land geformt hatte, sich in einem bluttriefenden Konflikt als Sieger durchgesetzt hatte, krepiert war bevor er zum ersten Fürsten über die längst verlorene Juwelenwüste gekrönt werden konnte. Ein anderer war Fürst geworden, hatte seinem Land doch in einer Gestik scheinbarer Freundschaft seinen Namen gegeben. Seth. So hieß Keberscu damals. Damals. Bevor all dies geschah. Schwach. Röhrend fuhr Keberscu auf, Wasser schlug in funkelnden Wellen aus, winzige Blitze, Risse und Brüche schienen sich über das Geschehen zu legen, das Wasser wurde zu Sand, großkörnig. Das Bild knisterte, verzerrte sich. Keberscu schien kleiner zu werden, das rot seiner Schuppen schien sich zu verflüssigen, gierig sog der Sand das Blut auf. Der Kampf nahm keine gute Wende, ihre Truppe war umzingelt, die Truppen dieser machtgierigen Schlampe Keizaal wurden immer mehr. Aber sie hatten ihnen einiges voraus, sie waren an die Hitze gewöhnt. Seine Gedärme drückten wild gegen seine Wunde, die erste von vier Metallklammern löste sich. Keine Zeit zu verschnaufen, er musste weiterkämpfen. Treuer Freund, erster General an seiner Seite, seiner verletzten. Niemand konnte ihn bezwingen, nicht mit solchen Freunden. Die Wende, sie trieben Keizaals Truppen zurück. Machten Stück für Stück Wüstenboden gut. Juwelen glänzten mit Körpern, abgerissenen Gliedern, Rüstungen und toten Augen in der unbarmherzigen Sonne um die Wette. Nur noch ein wenig, ausharren, gleich hatten sie gewonnen. Die letzte Klammer fiel mit einem finalen Laut. Seine Beine waren zu schwach. Er fiel. Sand wurde zu Wiese und umgepflügter Erde, doch Keberscu hielt nicht inne, er schrie, er tobte, warf sich gegen Gegner, die sich nur in seinem Kopf befanden, getrieben von dem Drang diese unbarmherzigen Erinnerungen, das hämische Lachen zu stoppen. „ES SOLL AUFHÖREN!“ Atmen wurde schwerer, Sand knirschte zwischen den Zähnen, vermengte sich mit dem Blut auf der Zunge zu einem widerwärtigen Brei. Er atmete schwer, alles verschwamm, der grellblaue Himmel, die rotgescheckte, funkelnde Wüste. Pranken schoben sich in sein Sichtfeld. „Nein, nein bitte! Nicht!“ Erinner dich, wo dein Platz ist, Mischling! „HALT DEIN MAUL!“, Keberscu warf sich gegen Bäume und Steine, knickte ein, strauchelte. Aus einigen Platzwunden strömte bitteres, kochendheißes Blut, tränkte den Boden und verwandelte ihn mehr und mehr in einen schwachen Abklatsch jenes Schlachtfeldes. Lange, dürre Beine. Schwingen mit zerfetzter Membran, ihr geworfener Schatten wirkte seltsam faszinierend. Ein blanker Totenschädel, grelles, blaues Feuer in den Augenhöhlen. „Es ist Zeit zu gehen, Seth.“ Du bist nichts wert. „Ich –“, Keberscu erstarrte. Mitten in diesem Schlachtfeld, diesem von ihm angerichteten Chaos verharrte er plötzlich, Stille – schwer und drückend – kehrte ein, wo vorher noch geflucht, gebettelt und getobt wurde. Die Stille zerbrach in tausende scharfer Scherben, als ein manisches Lachen laut wurde. Keberscu hatte sich auf die Hinterbeine gesetzt und sah zu Boden, mit der Kralle zeichnete er in dem Schlamm, seine Schultern bebten, er lachte. Das Lachen verebbte nur langsam, doch dann säuselte er: „Ich werde euch alle finden. Und dann…dann werden wir ein kleines Spiel spielen.“

Giftiges Miasma quoll, grün und schwer – krankmachender, wahnsinnerweckender, tödlicher Nebel – über die Lichtung, was hier existierte, starb innerhalb weniger Atemzüge, seltsame Krankheiten zerfraßen die Kadaver binnen eines Augenblickes. Gehüllt in diesen giftigen Nebelmantel betrat er diese Welt. Keberscu saß geduldig da und legte spöttisch grinsend den Kopf schief, nichts deutete mehr auf seinen Anfall hin, nicht einmal Wunden waren übrig geblieben. Es brauchte keine Worte, zu deutlich wusste der Neuankömmling, was in Keberscus Kopf vorging. Wonach der Dämonenfürst sich verzehrte und was für ein Spiel hier gespielt wurde. Mit einem schrillen, von hoch zu tief schnellenden Brüllen schwang sich der, von Miasma umhüllte Dämon in die Luft. Mehr und mehr nahm er das Aussehen an, welches ihm mit seiner zweiten Geburt geschenkt wurde. Dunkelrot, helleres Rot, mattes, sumpfiges Grün, schwarz, grau. Flicken bildeten, mit dicken schwarzen Nähten verbunden eine Haut. Acht schwere, schwarze Hörner schmückten einen Kopf, das Maul zog sich von einem Ohr bis zum anderen, nur durch zwei Muskelstränge auf jeder Seite zusammengehalten. Lange, schwarze Reißzähne blitzten auf, lugten selbst bei geschlossenem Maul noch hervor. Mit mächtigen Flügelschlägen überquerte der schauerlich anzusehende Dämon die Klippen, jene Grenzen zwischen Meer und Land – unter ihm verschwand ein blutroter Körper in den Fluten – seine sechs, rot glühenden Hitzeschlitze erspähten ihn schnell. Den warmen Körper zwischen den kühlen Wolken. Mit einem seiner Schreie, welche die Herzen der schwachen und alten zerplatzen, Kinder noch in den Armen der Mutter sterben und Männer ihren Verstand verlieren ließen, machte er auf sich aufmerksam.

Die Felswände der Klippe bebten. Kanska unterbrach kurzzeitig seinen Flugrhythmus, wobei ihn eine Windböe von der Seite beinahe gegen einen hervorstehenden Felsen trieb. Er fing sich jedoch schnell wieder und nutze den Wind um erneut an Höhe zu gewinnen. Sie hatten das Gebirge fast überwunden. „Was war das?“ schrie Wonhala von seinem Rücken und schaute die Klippe hinunter Richtung Tal, von wo sie gekommen waren. „Was… Was zur Hölle ist das denn?“ Kanskas Herz setzte kurzzeitig aus. Er wusste schon bei dem Gebrüll mit Sicherheit, dass sie verfolgt wurden und dass der Verfolger nicht mehr allzu fern war. Seine Vernunft und wohl auch sein Instinkt sagten ihm, nichts anderes zu tun, als so schnell wie möglich voranzukommen… und nicht zurück zu schauen. Dennoch brachte Wonhala’s Frage ihn dazu, es doch zu tun. Er neigte nur leicht seinen Kopf zurück um an der Hexe vorbei in die Tiefe zu starren. Dann sah er ihn und ein unangenehmer Geruch erreichte seine Nüstern. „Xssss…. XSIOL! Halt dich fest, Wonhala!“ Kanska holte tief Luft und beschleunigte seinen Flug, bis ihm die Flügel schmerzten. Kurz darauf erreichten sie den Gipfel. Ein langer steiniger Pfad, kilometerbreit und gespickt mit spitzen Felszacken, die wie riesige Sägezähne aus dem Gestein ragten, erstreckte sich von Norden bis weit in den Süden. Am Horizont, jenseits des Gebirges vor ihnen konnte man bereits die unendliche Weite des tiefblauen Meeres erkennen und salziger Wind wehte Kanska entgegen. „Ist das der Dämon, Kanska? Er ist riesig…“ „Halt dich einfach fest! Reden können wir später. Das letzte, was ich jetzt will, ist herauszufinden wer oder was dieses Wesen ist. Und ja… es ist riesig.“ Kanska legte ein Tempo voran, das einen langerprobten Kurierdrachen vor Neid hätte erblassen können. Seine vier Flügel waren für Sprints hervorragend geeignet. Allerdings zehrte diese Anstrengung besonders stark an seine Energiereserven. Er dachte jedoch nicht daran eine Pause zu machen oder auch nur zurückzuschauen. „Mana…“ keuchte Kanska. „Was?“ „Mana! Ich brauche einen Manatrank, jetzt!“ Wonhala holte zwei Fläschchen aus ihrem Rucksack, kletterte an Kanska’s Hals zu seinen Kopf und schüttete den Inhalt beider Fläschchen in sein Maul. Sie machte sich nicht die Mühe zurück auf seinen Rücken zu gelangen sondern hielt sich an seiner Mähne fest. Kanska merkte, wie er neue Kraft gewann. „Danke.“ „Dank mir später! Erstmal müssen wir dieses Monster abhängen.“ Wonhala drehte sich kurz um. Der riesige Dämon war bereits zum Gipfelpfad emporgestiegen und folgte ihnen hartnäckig. „Ach du Scheiße…“ „Was?“ „Dieses Wesen… Lass dich einfach nicht von dem erwischen, klar?“ „Bloß nicht…“ rief Kanska und starrte weiter wie gebannt auf den blauen Streifen am Horizont, der immer näher kam. Was Wonhala eigentlich sagen wollte, war, dass sie gerade gesehen hatte, wie der Dämon durch einen meterdicken Felsen geflogen war, als wäre es Luft. Außerdem spottete die ungeheure Größe des Dämons jeder Beschreibung. Einige Minuten später erreichten sie das andere Ende des Gebirges und das letzte bisschen Sonnenlicht verschwand hinter dem Horizont. Der Mond schien hell auf den dunklen Ozean. Eine herrliche Nacht aber es wird eine schlaflose Nacht werden.

zezhuanthia_lorsveki/kapitel_5.txt · Last modified: 2014/02/24 13:31 by Terminator