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weihnachtswichteleien:frohe_weihnachten_nashorn

Frohe Weihnachten, Nashorn

für klara

„Last Christmas I gave you my heart.” Missmutig stapfte ich durch den knietiefen Schnee. Selbst hier gab es kein entkommen. Mein Plan war es gewesen dem ganzen Weihnachtskram mal für ein paar Minuten zu entgehen indem ich fernab von Schokoweihnachtsmännern, dem alljährlichen Dekowahnsinn und Schuhläden, aus denen von früh bis spät „Do they know it’s Christmas“ tönt, einfach mal spazieren ging. Mein Hirn und dessen Ohrwürmer hatten diesen Plan bereits nach kürzester Zeit vereitelt. Weihnachtslieder beißen sich schlimmer fest als Schlager. „…but the very next day you gave it away.“

Es war nicht so, dass ich Weihnachten hasste, es nervte nur mittlerweile. Wozu musste man denn von früh bis spät die gleichen furchtbaren Weihnachtslieder rauf und runter dudeln, die Einkaufscenter verstopfen und jeden nur erdenklichen Quadratzentimeter mit leuchtenden und glitzernden Sternchen in eine Epileptikerhölle verwandeln? Mir war das einfach zu laut und zu bunt. Nachdem mir der Besuch des überfüllten Weihnachtsmarktes durch den Auftritt „unserer beiden Weihnachtsengel Jennifer und Cindy, ich bitte um einen riesigen Applaus, meine Damen und Herren“ verdorben worden war, blieb mir nichts anderes als die Flucht. Nichts eignete sich dazu besser, als der kleine Wald westlich des Stadtzentrums. Hier herrschte bis auf meinen eigenen Ohrwurm angenehme Ruhe.

„This year to save me from tears, I give it to someone special.“, trällerte ich Dampfwolken ausstoßend.

Als meine Zehen kalt wurden, beschloss ich mich langsam auf den Rückweg zu machen. Gerade wollte ich über einen umgestürzten Baumstamm steigen, als hinter mir ein lautes Krachen, wie das Splittern von Holz ertönte. Erschrocken fuhr ich herum, um zu sehen, ob vielleicht einer der Bäume unter seiner Schneelast zusammenbrach. Nichts. Stirnrunzelnd drehte ich mich wieder um und ging weiter. Keine 5 Sekunden später ertönte das Geräusch erneut. Diesmal hatte ich genauer hören können aus welcher Richtung es gekommen war. Wie sehr ich mich auch bemühte, zu sehen war nichts. Einen Moment stand ich unschlüssig da. Meine mittlerweile eiskalten Zehen und Finger sowie mein gesunder Menschenverstand rieten mir einfach zurückzugehen und keinen weiteren Gedanken an das eben gehörte zu verschwenden. Ich seufzte. Warum nur muss immer die Neugier gewinnen? Als ich näher kam knackte es wieder. Vorsichtig lief ich weiter darauf zu, langsamer jetzt. Es war sicherlich albern, aber ich war doch etwas nervös, was mich hinter den Bäumen erwarten würde. „Last Christmas…“ Ich konnte es nicht glauben, dass dieser Ohrwurm sich sogar jetzt bemerkbar machte. Das unwegsame, schneebedeckte Gelände zwang mich meinen Blick nach unten zu richten, um nicht über einen Ast zu stolpern oder auf einer vereisten Stelle auszurutschen. Dementsprechend unvorbereitet traf mich der folgende Anblick, als ich kurz stehen blieb um mich umzusehen. Gar nicht bewegen. Das war vermutlich das Beste. Finger zählen wäre eine sinnvolle Alternative, um den wahrscheinlichsten, Fall, nämlich, dass ich das hier einfach träumte ausschließen zu können. Dazu hätte ich allerdings die Hand heben müssen und das wagte ich nicht, aus Angst es könne mich sehen. „Es“ war die genauste Klassifizierung zu der mein geschocktes Hirn in diesem Moment in der Lage war. Zu meiner Verteidigung, es kommt ja schließlich auch nicht allzu oft vor, dass man beim Spaziergang auf ein geschupptes Monster trifft. Noch bevor ich einen Entschluss treffen konnte wie mein Leben am vernünftigsten zu retten sei, wurde mir die Entscheidung abgenommen. Das Monster drehte sich langsam unter Verlust einiger Bäume zu mir um. Nach kurzer Begutachtung des entstandenen Schadens hob es den Kopf. „Oh.“, sagte es. Da hatte es recht. Ich nickte. “Nicht erschrecken!”, rief es plötzlich. Natürlich erschrak ich. „Ich kann das erklären“, sagte es. Ich bezweifelte das, widersprach jedoch nicht. Das Vieh war riesig und ich hielt es daher für unklug, es zu verärgern. „Ich bin“, erklärte es mit stolzgeschwellter Brust, „der Weihnachtsdrache.“ Ich starrte ihn an. Vermutlich hatte der Drache eine etwas andere Reaktion erwartet, denn er schaute jetzt etwas enttäuscht. Dieser Gesichtsausdruck wandelte sich um in Überraschung, als ich plötzlich vor ihm auf die Knie fiel und lachte. Die Situation war einfach zu absurd. Wahnsinn, dachte ich, auf was für verrückte Ideen man so alles im Traum kommt. So was würde mir im wachen Zustand nie einfallen. Lachend wartete ich darauf aufzuwachen. Da ich dies nicht tat entschied ich mich das Spiel noch etwas weiter zu spielen. „Weihnachtsdrache?“, fragte ich, mühsam ein erneutes Lachen unterdrückend. „Und Heiligabend fliegst du herum und verteilst die Geschenke?“ Ich kicherte. Beleidigt blickte mich der Drache an. „Ja“, antwortete er trotzig. „Und ich wüsste nicht, was daran so lustig sein soll.“ „Entschuldige bitte“, sagte ich, mühsam um Beherrschung ringend. Weihnachtsdrache… „Und wie ist das so? Ich meine der Weihnachtsmann und du, seit ihr so was wie Konkurrenten? Oder arbeitet ihr zusammen?“ „Ich bitte dich! Du glaubst doch nicht wirklich noch an den Weihnachtsmann?“ Verwirrt schüttelte ich den Kopf. „Nein, natürlich nicht, aber eigentlich auch nicht an… Egal.“ Wir schwiegen beide eine Weile. Es wurde wirklich höchste Zeit, dass ich aufwachte. Selbst im Traum auf Manieren bedacht bemühte ich mich schließlich um eine Fortsetzung des Gesprächs. „Wie kommt es dann, dass die Menschen sich die Geschichte vom Weihnachtsmann erzählen, den es ja auch… also den es jedenfalls gar nicht gibt, obwohl die Geschenke in Wahrheit von einem … Weihnachtsdrachen gebracht werden?“ „Überleg doch mal.“, antwortete er. „Lieber, guter Weihnachtsmann, schau mich nicht so böse an. Das funktioniert. Aber mit Drache? Riesengroßer Weihnachtsdrache…“ Ich überlegte kurz und ergänzte:. „Heute trifft dich meine Rache?“ Er runzelte die Stirn „Aber du verstehst das Problem?“ „Drache reimt sich nicht so schön?“ „Nein, Drachen sind nicht so marketingtauglich. Ein kleiner, dicker Mann mit Zipfelmütze, der Cola trinkt, das ist super. Aber eine riesige, schuppige Echse mit Reißzähnen?“ Ich nickte einsichtig. „Und das stört dich nicht? Dass niemand von deiner Existenz weiß, meine ich.“ „Niemand? Du weist ja jetzt von meiner Existenz.“ „Ja, klar. Also stört es dich nicht?“ „Ich habe mich wohl damit abfinden müssen, dass die meisten Menschen nicht allzu erfreut über die Wahrheit wären.“ Ich hatte das Gefühl darauf etwas antworten zu müssen. „Du wirkst doch ganz nett!“, entgegnete ich höflich. Das Lächeln des Drachen entblößte mehr Zähne als mir lieb war. Er musterte mich von oben bis unten. „Wo du sowieso grad hier bist, kannst du mir eigentlich auch helfen.“ Ich schaute ihn entsetzt an. „Wir müssen jetzt aber nicht Weihnachten retten oder so?“ Der Drache blickte mich verständnislos an. „Nein, mir ist vorhin nur eines der Geschenke runter gefallen, als ich über dieses Wäldchen geflogen bin. Ich hab versucht es zu finden, aber…“ er schaute auf die umgestürzten Bäume hinter ihm. „.. ich schätze ich bin ein bisschen zu groß.“ Kurze Zeit später fand ich mich auf dem Bauch unter den niedrigen Ästen einer Tanne liegend. „Ich hab was“, rief ich nach hinten. Ich streckte den Arm nach einem vor mir liegenden roten Gegenstand aus. Dabei schoben sich Unmengen kalten Schnees in meinen Ärmel. Langsam kroch ich wieder hervor. Als ich zitternd wieder auf den Füßen stand hielt ich ein kleines Flaches Päckchen, wie einen Umschlag in der Hand. „Was ist da drin?“, fragte ich. Der Drache griff vorsichtig danach und schob es unter seinen riesigen Flügel. „Eine Geschichte für ein Nashorn namens Klara. Vielen Dank für deine Hilfe.“ Ich blickte ihn erwartungsvoll an. „Ist noch was?“, fragte er stirnrunzelnd. „Naja, ich habe gerade einem magischen Weihnachtsdrachen geholfen. Irgendwie habe ich erwartet, dass jetzt irgendetwas Beeindruckendes passiert. Ich weiß nicht, vielleicht ein Lichtstrahl oder ich hab drei Wünsche frei oder so.“ Er zögerte kurz. „Magst du fliegen?“ „Oder fliegen.“, antwortete ich begeistert. Vorsichtig, um die umstehenden Bäume nicht noch mehr zu beschädigen, streckte er ein Vorderbein aus, sodass ich daran hoch klettern konnte Ich zögerte kurz. Wenn das hier ein Traum ist, dachte ich, gibt es auch keinen Grund das hier nicht zu tun. Langsam zog ich mich hoch, rutschte ein paar Mal an seinen glatten Schuppen ab, schaffte es schließlich jedoch halbwegs unbeschadet zwischen seinen Schultern platz zu nehmen. „Bereit?“, fragte er, ließ mir dann aber keine Zeit die Frage zu verneinen. Noch bevor ich eine Möglichkeit zum Festhalten gefunden hatte sprang er los. Panisch ließ ich mich nach vorne fallen und versuchte mit den Armen seinen Hals zu umklammern. Immer höher schraubte der Drache sich während ich schrie wie am Spieß. Gerade als ich dachte mich nicht mehr länger festhalten zu können verlangsamte sich der Flug und wir glitten sanft über der weißen Winterlandschaft dahin. Ohne meinen Griff zu lockern schielte ich seitlich am Hals des Drachen vorbei um nach unten zu sehen. Ich konnte nicht entscheiden, ob es das schönste oder das schrecklichste war, das ich je in meinem Leben gesehen hatte. Wir flogen mindestens 300 Meter in der Luft. Ich wagte es kaum mich zu bewegen beim Gedanken an die Tiefe unter mir. Dennoch war der Anblick der strahlend weißen Landschaft einfach atemberaubend schön. Lange Zeit sprach niemand, bis mir plötzlich etwas einfiel. Ich richtete mich etwas auf um besser sprechen zu können. In Richtung des Drachenkopfes fragte ich: „Sag mal, sind Drachen jetzt eigentlich Insekten oder nicht?“ Er drehte sich im Flug zu mir um und öffnete den Mund um mir die Antwort auf die Frage zu geben, die nicht nur mich seit Monaten beschäftigte und brennend interessierte. Vor Aufregung ließ ich seinen Hals los und setze mich gerade hin. „Ist doch ganz klar“, antwortete er. „Drachen sind…“ In diesem Moment packte mich ein eisige Böe und trug sowohl mich, als auch die Antwort hinweg. Vor Überraschung konnte ich nicht einmal schreien. Ich versuchte nach den Schuppen des Drachen zu greifen, doch ich fiel schneller, als ich reagieren konnte. Verzweifelt versuchte ich meinen Fall durch das unkoordinierte Schlagen mit Armen und Beinen aufzuhalten. Das Weis kam mit beängstigender Geschwindigkeit näher. Ich hatte gerade noch Zeit mich zu fragen, ob der Drache mich wohl auffangen könnte.

Mit einem leisen Schrei öffnete ich die Augen. Ich saß Kerzengerade in meinem Bett. Ein Blick auf die Leuchtziffern meines Weckers sagte mir, dass es 6.00 Uhr war. Ich stand auf und stellte mich an das Fenster. Draußen war es noch dunkel, wie jeden Wintermorgen. Im Vorgarten meines Nachbarn blinkten goldene und rote Sternchen. Verschlafen versuchte ich mich an das eben geträumte zu erinnern. „Last Christmas I gave you my heart“, summte ich leise in die frühmorgendliche Stille hinein. Weihnachtsdrache, dachte ich. Schräg. Dann fiel mir noch etwas ein. Ich musste lachen. „Frohe Weihnachten, Nashorn Klara!“

Daenerys, Weihnachten 2014

weihnachtswichteleien/frohe_weihnachten_nashorn.txt · Last modified: 2014/12/24 15:55 by Terminator