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Auf den Brettern, die die Welt bedeuten

für Kiyomitsu-San

All the world´s a stage, And all the men and women merely players; They have their exits and their entrances ( William Shakespeare: As you like it II.vii.139-141)

LADY KIYOMITSU

LORD JINAI

AKARUI HIKARI Apothekerin in Mantua

CHOR

Findus, ein Kater

Winzerla und Lobeda, siamesische ungeflügelte Drachenkatzen

Mutzi, noch ein Kater

der lächelnde Hund

Eule

Die Hakata-Bucht in Japan, rechts und links Felsen, in der Ferne ein Schiff mit englischer Flagge. Lord Jinai liegt im Wasser, sein beeindruckendes aber missmutiges Haupt ragt heraus. Er trägt eine aus Seetang gefertigte Perücke. Während der Szene strampelt sich, von ihm unbeachtet, eine Krabbe aus dem Seetang heraus und hantiert mit ihren Zangen an den Seetang-Streifen. Lady Kiyomitsu lagert Lord Jinai gegenüber am Strand, neben sich eine seerosenteichgroße Porzellanschale mit Sake, aus der sie ab und zu einen Schluck nimmt. Akarui Hitaki, eine Seeschlange, schaukelt zwischen den beiden, jedoch von ihnen abgewandt, links im Bild. Sie hat nur Augen für drei Bottiche mit Reisbällchen und verdorbenem Fisch, die ganz links am Strand abgestellt sind.

LORD JINAI: Das ist albern.

LADY KIYOMITSU: Es ist nicht albern, es ist Kunst. Oder soll das eine Ausrede sein? Haben Sie Ihren Text schon wieder nicht gelernt?

LORD JINAI: Was denken Sie nur immer? Natürlich kann ich meinen Text!

Jinai hebt sich ein wenig aus dem Wasser und rattert seinen Text herunter

LORD JINAI Wohl, Julia, heute Nacht ruh ich bei dir. Ich muss auf Mittel sinnen. - O wie schnell Drängt Unheil sich in der Verzweiflung Rat! Mir fällt die Apothek’rin ein; sie wohnt Hier irgendwo herum.

Dreht den Kopf nach rechts – links – rechts, als wolle er eine vielbefahrene Straße überqueren

- Ich sah sie neulich, Zerlumpt, die Augenbrauen überhangend; Sie suchte Kräuter aus; hohl war ihr Blick, Ein Schneckhaus hing in ihrem dürftgen Laden, Ein ausgestopftes Nas und Panzer Von mißgelaunten Krabben;

Die Krabbe zerknackt mit ihren Scheren Tangblasen

auf dem Sims Ein bettelhafter Prunk von Schuhkartons Und grüne Töpfe, Blusen, muffger Ramen*, Bindfaden-Endchen, alte Rosenkuchen, Bedürfte jemand Gift hier, des Verkauf In Mantua sogleich zum Tode führt, Da lebt die arme Schelmin, dies ihm verkaufte. Hei Holla! Apothek’rin!

Lady Kiyomitsu und Lord Jinai sehen erwartungsvoll die Seeschlange an, sie schreckt auf, hebt ihren leeren Blick von den Bottichen und dreht sich ein wenig zu Lady Kiyomitsu und Lord Jinai.

LADY KIYOMITSU wirft einen vorwurfsvollen Blick auf die Schlange Na gut, das lassen wir ausnahmsweise mal durchgehen, wir üben das später nochmal. - An dieser Stelle kommt also die Apothekerin auf Stöckelschuhen heraus, sie hat ein Horn in der Hand.

LORD JINAI: Wo kommt sie heraus? Sieht sich um und dann die Schlange an

LADY KIYOMITSU: Aus ihrer Apotheke natürlich.

LORD JINAI: Ach so. Soll ich weitermachen?

Lady Kiyomitsu nickt.

LORD JINAI: Manno, komm hieher! Nimm, hier sind vierzig Stück Dukaten: gib Mir eine Dose Kekse, solch scharfen Stoff, Der schnell durch alle Adern sich verteilt, Und daß die Brust den Atem von sich stößt, So ungestüm, wie schnell entzündet Feuer Aus des Drachen furchtbarm Schlunde blitzt.

Ein Kazilik fliegt von rechts herein und setzt das Schiff in Flammen. Nach einer Explosion bricht, das Schiff auseinander und beginnt zu sinken.

AKARUI HIKARI: Wasssssssss?

LADY KIYOMITSU: Du bist dran. “Blitzt“. Dein Stichwort! Los, Sag deinen Text.

AKARUI HIKARI: Tekssssssssssssst?

LADY KIYOMITSU aufgebracht Sie hat ihren Text schon wieder nicht gelernt! Sie sollten sich doch darum kümmern, Jinai!

LORD JINAI: Der Junge, der ihr den Text beibringen soll, hat mir versichert, dass die hier eine geeignete Kandidatin wäre. Ihr Name ist Akarui Hikari, helle Leuchte. Woher sollte ich wissen, dass sie genauso dämlich ist wie die anderen.

Die Schlange sieht so aus, als versuchte sie die Bottiche zu zählen.

LORD JINAI: Vielleicht gefällt ihr die Rolle nicht? Feuer ist tatsächlich ein sehr schädliches und abstoßendes Element. Wenn wir das Stichwort änderten….

LADY KIYOMITSU: Kommt nicht in Frage! Man kann Kunst nicht einfach ändern, wie es einem in den Kram passt, man sollte sich schon an die künstliche Realität, mh, Kunstrealität halten. Wenn da steht, dass ein Drache Feuer spuckt, dann ist das so, auch wenn ich mir so etwas Abstoßendes nicht vorstellen kann. Wenn da steht, dass Drachen mit Helium gefüllte Insekten sind, dann muss man alles tun, dass kein Luftschiff auf der zarten Pflanze dieser Wahrheit landet, und dass sie nicht von einer marodierenden Sichel niedergemäht und zu Wurst verwurschtelt wird. - Das ist jetzt übrigens schon die Vierte!

LORD JINAI indigniert An mir liegt es nicht, falls Sie das unterstellen wollen. Ich habe dem Jungen, der ihr den Text eintrichtern sollte, mindestens fünfzehn Perlen bezahlt und eine Menge Gold aus dem Wrack vor der Bucht. Mögen sich die Nachkommen des Jungen an seinen Reichtümern freuen, morgen kann er persönlich als Wasserleiche in selbigem Wrack einziehen. Dann ist jetzt eben Schluss! - Warum machen wir das überhaupt?

LADY KIYOMITSU: Das habe ich Ihnen bereits gesagt. Die Ehre erfordert es. Die Ehre ist äußerst wichtig für die Peripetie.

Rechts hinter einem Felsen erscheint ein Schiffbrüchiger auf dem Wasser. Er trägt eine grüne angesengte Fliegeruniform und steht, obwohl er sich kaum auf den Beinen halten kann, mit gezogenem Degen aufrecht auf einer ebenfalls angekokelten Schiffsplanke. Die Planke mit dem Schiffbrüchigen schwimmt hinter Lord Jinai vorbei, stößt leicht gegen den Schlangenkörper, was den Kapitän der Planke fast aus dem Gleichgewicht bringt. Planke nach links ab.

Bei der Berührung durch die Planke dreht sich die Schlange langsam um und schwimmt ihr gemächlich hinterher. Die Krabbe lässt sich von Lord Jinais Frisur ins Wasser fallen. Ebenfalls nach links ab.

LORD JINAI: Ich wette, sie geht ihren Text memorieren. So können wir jedenfalls nicht weiterproben. Ich schlage vor, wir brechen ab. Taucht nach unten ab.

Kurze Zeit später schwimmt die Planke von links nach rechts ins Bild zurück und strandet in der Nähe der Bottiche. Der Degen steckt im Holz, man kann am Griff deutlich einen Drachenkopf erkennen. Der Kapitän ist weg. Die Schlange streckt den Kopf aus dem Wasser und leckt sich die blutigen Lippen; Schlange in Richtung des gesunkenen Schiffs ab. Die untergehende Sonne beleuchtet die Szenerie. Wind kommt auf.

LADY KIYOMITSU sinnend Wohl wahr, ich rede Von Träumen, Kindern eines mäßgen Hirns, Von nichts als eitler Phantasie erzeugt, Die aus so dünnem Stoff als Luft besteht Und flüchtger wechselt als der Wind, der bald Um die erfrorne Brust des Nordens buhlt Und, schnell erzürnt, hinweg von dannen schnaubend, Die Stirn zum taubeträuften Süden kehrt.

Nach Süden ab.

Findus läuft mit erhobenem Schwanz von rechts nach links ins Bild, setzt sich halb links aufrecht auf den Boden und legt seinen Schwanz um die Pfoten. Auftritt Winzerla und Lobeda: sie lassen sich bei Findus nieder. Auftritt lächelnder Hund. Er trägt eine Sichel im Maul und läuft zu den Bottichen mit dem verdorbenen Fisch, stellt sich auf die Hinterbeine, lugt in die Bottiche und bellt. Dabei fällt ihm die Sichel aus dem Maul in den Bottich. Er steckt den Kopf mit angelegten Ohren hinein und rettet die Sichel. Nachdem er den Kopf und die Sichel im Meerwasser gesäubert hat, lässt er sich hinter Findus und Winzerla und Lobeda nieder. Die Sichel legt er vor seinen Füßen ab und stellt sorgfältig seine Pfote darauf. Eule landet auf dem Degengriff.

CHOR stimmt ein lautes infernalisches Geheul an. Mutzi kommt verschlafen angesaust und stimmt mit ein.

*Ramen = asiatische Wassersuppe, Indigo Ryus Lieblingsspeise

Terminator, Weihnachten 2014

weihnachtswichteleien/auf_den_brettern_die_die_welt_bedeuten.txt · Last modified: 2018/01/04 10:39 by Terminator