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Kapitel III - Ein Ende und ein Aufbruch aus tiefster Finsternis

Dem Drachen in seinem viel zu engen Unterstand verging allmählich die Lust. Sein Freund mag Recht gehabt haben. Das ist nicht das richtige. Zumindest nicht auf unbestimmte Zeit. Das Warten zeichnete sich immer mehr in dem Drang ab, einfach alles um ihn fein-säuberlich zu zerkleinern. Noch hielt er dem Verlangen stand. Doch auch seine Geduld und Anstand kannten Grenzen. Hatte er ihm nicht gesagt, er solle sich beeilen?! Hatte er. Das war nun etwa eine Stunde her. Offen gesagt war Dubion keineswegs besonders geübt darin, auf etwas und jemanden zu warten. Alles an Schmuck warf er bereits wieder unter den Tresen. Nur der Saphir in dessen schmucker Fassung blieb. Und diesen drückte der Drache nun mit einer Mischung aus Unbehagen und aufkommender Depression mit einer seiner Krallenspitzen der rechten Pranke auf das Holz. Es machte keinen großen Sinn, wozu das gut sein sollte, als dass es ein spontaner Einfall war, seine Ungeduld auf irgendeine Weise auszublenden. Dann geschah, was so offensichtlich erschien: Die Kralle rutschte ab, schlug klackend auf das Holz des Tresens und der Stein wurde zwei Meter abseits des Standes auf die Mitte der Straße katapultiert. Er schrak sogleich auf. „Oh, nein! Mist!“ rief er mit unterdrückter Stimme aus. Er sah erst gebannt zum Edelstein. Die geschäftigen Leute schienen diesen nicht gesehen zu haben, denn immerzu marschierten die wenigen hier an Dubion vorbei und drohten sogar, auf das Schmuckstück zu treten. Jetzt verging ihm die Warterei. Ganz gleich, wie aufwendig es auch war, diesen Stand aufzubauen. Und wie er überhaupt hineinschlüpfen konnte, ohne dass diese Mühe umsonst sein sollte. Er konnte doch nicht zulassen, dass das Beste, was er seinem Freund anbieten konnte, nun einfach in den Sand und Kies der Straße getreten werden konnte! Ruckartig beugte sich Dubion vor, zerstörte durch sein bloßes Gewicht den Tresen und Teile der daran befestigten tragenden Konstruktion und mit einem einfachen Satz sprang er ins Freie. Schnell hatte er seinen Schatz wieder aufgelesen. Alle Umstehenden sprangen auch, und zwar ein, zwei Schritte zurück. Sie schraken zurück. Schön, jetzt beachten sie ihn, dachte sich der Drache. Er schaute über seine Schulter und stellte mit einem von Peinlichkeit gezeichneten Ausdruck auf seinem Gesicht fest, wie sein Stand krachend in sich zusammen viel. Das war's also. Seine Händlerkarriere konnte er damit wohl vergessen. Die Schaulustigen sahen noch immer mit Argwohn zu dem nussbraunen Ungetüm. Obwohl Drachen vermehrt für den Umgang bekannt sind, auch zivilisiert mit Menschen interagieren zu können und sogar in der Lage seien, in ihrem sozialen Umfeld zu leben und nützlich zu sein, halten die meisten es dennoch für klüger, aus den Städten fernzubleiben. Selbst aus kleinen Dörfern. Und pflegten, in eigenen, von Menschenhand noch unberührten Gegenden in kleinen Kolonien von ausschließlich Drachen zu hausen. Dubion war eben schon immer anders, das konnte Kaderis bestätigen. Und eben dieser Bursche ließ sich nun blicken. Der Drache erblickte ihn sofort und seine Stimmung hellte sich sogleich wieder. Er wendete, und sprintete los. Kaderis bemerkte erst die Unruhe der Fußgänger, den Drachen, der dort auffällig auf der Straße weilte ebenso, und erschrak als sein Freund ihm auf ungestümer Art entgegen sprintete. Kaderis war es nicht, der sich überschätzte, doch sein guter und nicht zuletzt großer Kumpane. Dubion legte die beste Vollbremsung ein, die er im Repertoire hatte und riss dabei auf beängstigende Weise Furchen in den Stein. Kaderis taumelte, schlug gegen die Brust des Drachen und flog letztendlich mit einem Stöhnen auf den Rücken. So langsam legte der Magierschüler seine Hände fassungslos aufs Gesicht. Die Zuschauer grinsten mehrheitlich. So mancher fing lauthals zu lachen an. So mancher anderer applaudierte sogar. Was dieser Stadt mangelte, war Unterhaltung inmitten des geschäftigen Treibens. Der Humor nahm eine entwickelte sich hier auf eine Art, wie sie nun deutlich wurde. Tollpatschigkeit und Missgeschicke waren innerhalb dieser Stadtmauern immer gern gesehen. Dubion schaute verlegen lächelnd in die Mengen. Der Jüngling am Boden murmelte kaum verständlich „Das war doch pure Absicht.“ Der Drache hörte es trotz des Jubels, sah ihn verwundert von der Seite an und entgegnete „Ach komm schon…“ Er zog mit seinem Maul Kaderis an der Schulter hoch und setzte fort. „Jetzt sind wir quitt.“ Kaderis schaute verdutzt. Die Umstehenden verzogen sich schon wieder und gingen ihrer Wege. „Moment! Das war keine Absicht. Wieso also quitt?“ „Du hast mich so lange warten lassen!“ „Ist nicht mein Verdienst, dass du keine Geduld besitzt. Du übertreibst.“ sagte er während er ihn vorwurfsvoll ansah. Natürlich wusste er es und bemühte sich auch, dies zu berücksichtigen. Aber ging das eben nicht doch zu weit?! Er klopfte sich den Staub von der Kleidung. „Ja, gut. Es war keine Absicht.“ sagte Dubion. Kaderis hielt noch seine Miene bei, sah aber dann belustigt zu ihm auf und setzte an „Und? Hast du den Saphir noch?“ Mit sichtlicher Freude zeigte Dubion nun den besagten Stein vor, den er noch immer zwischen seinen Klauen hielt. Mit einem lächeln sagte er sodann „Gut, mal sehen…“ dann schaute er flüchtig an Dubion vorbei, traute erst seinen Augen nicht, dann seufzte er kaum vernehmbar. Dubion sah in selbige Richtung und beide schauten zu dem Trümmerhaufen, der einen Steinwurf entfernt friedlich da lag und einst die nicht ganz so florierende Geschäftsstelle eines unerfahrenen Händlers bildete. „Dubion…, dich kann man auch wirklich kaum allein lassen.“ Der Angesprochene grinste nur leicht verlegen, als dieser wieder auf seinen Freund heruntersah. „Ein kleines Versehen.“ „Du wärst seit langem der erste deines Faches, der es für nötig befinden wird, deinen Laden jeden beginnenden Tag auf ein Neues aufbauen zu müssen.“ Das grinsen des Kumpanen wirkte noch ein Stückchen mehr verlegen. „Und ich sagte dir doch, dies ist nichts für dich.“ Der Drache murrte. „Was ist nun, was gibst du für den Stein?“ „Solltest du mir nicht erst dein Angebot nennen?!?“ „Schlussverkauf, nenne mir einfach einen Preis!“ Auf diese ungewöhnliche Vorgehensweise musste der junge Magier wieder lächeln. „Meinet wegen. Ich gebe dir 10 Diriale.“ Was ein wenig in Richtung Ordnungsfanatismus ging, war für Kaderis seine gewohnte Art. Gerade Zahlen bei Geschäften, ja, zumeist Beträge in Zehnerstellen als Ausgangsbasis, in seinen Augen ordentlich, in den Ohren anderer möglicherweise komfortabler. Manipulativ. „Abgemacht.“ Und der Junge senkte den Kopf. „Du machst es einem wirklich einfach…“ „Warum auch nicht? Seh ich etwa so aus wie ein erstklassiger Feilscher?!“ Beide ersparten sich die Antwort. So vollzogen sie den Handel. Der braune Drache betrachtete mit Zufriedenheit seinen Verdienst, während der kleinere eine Augenbraue vor Unglauben hochzog. Er kannte die Miene und konnte es nicht nachvollziehen. Dann vollführte er eine halbe Drehung und hielt den Stein in die Sonne, ein mit kritischem Ausdruck. Er zeigte seine Überzeugung nicht, denn dieser Edelstein war wirklich für seine Zwecke zu gebrauchen. Ganz gleich, welche Zwecke das sein werden, denn Kaderis konnte das selbst noch nicht machen. Ihn fasste lediglich die Zuversicht. Dann Schritt er allmählich von Dannen. Der Drache folgte ihm. „Was wirst du nun als nächstes Wagen.“ erhob der Magier das Wort, ohne sich umzuwenden. „Dies schien von vorn herein zum Scheitern verurteilt.“ „Ich werde mir schon was einfallen lassen… Wie steht es mit dir? Hattest du wieder einen anstrengenden Tag?“ Kaderis hielt auf der Stelle, sinnend, wie er wohl bedacht antworten sollte. „Anstrengend, doch nicht nennenswert.“ Nun sah er über die Schulter. „Nichts, was mich so schnell kleinkriegen würde.“ Sie setzen ihren Marsch fort. „Der Alte kann schon zufrieden mit mir sein. Sagt mir noch, ich solle meine Fertigkeiten im Umgang mit der seelischen Magie üben. Und das habe ich.“ Er grinste, schaute dabei zu Boden. Dubion musste nachhaken. „Wie übst du so was? Was hat es damit auf sich? Du musst entschuldigen, aber ich bin kein Magier, wie dir bewusst ist.“ „Ich erklär es dir. Hier, ja, nicht in allen Teilen dieser Welt kennt man diese Sichtweise an, doch hier unterscheidet man zwischen 3 Formen der Magie. Natürliche ist schnell erklärt… und ich muss sagen, sie ist aus meiner Sicht auch leicht zu nutzen. Man bedient sich kleiner Reserven an Energie in der Umwelt. Sei es Pflanzen, Feuer, Licht, Wasser, sie ist überall vorhanden und deren Magie ist den Quellen angepasst.“ „Das hört sich simpel an. Meinst du, ich könnte das auch?“ Auf diese amüsante Frage musste Kaderis schmunzeln, denn ihm waren keinerlei Fälle von Drachen bekannt, welche von Menschen und menschenähnlichen Wesen praktizierte Magie nutzen. Er wusste nicht, ob ein Magier sie darin unterrichten konnten, doch zugleich faszinierte ihn diese herausfordernde Vorstellung. Er verwarf es doch sogleich und setzte seine Erläuterung fort. „Sie mag einfach klingen, doch hierzu sind Zaubersprüche und eine Menge Konzentration nötig. Aber um auf das eigentliche Thema zu kommen: seelische Magie ist etwas komplizierter. Man kann auch von schädlicher Zauberei ausgehen. Und außerdem ist sie hin und wieder unberechenbar.“ „Warum reicht dir nicht eine Form der Magie? Nun musst du gleich zwei beherrschen. So ein unnötiger Aufwand. Dein Meister muss eine Schraube locker haben.“ „Vorsicht! Mein Mentor weiß sehr wohl die Vor- und Nachteile unseres Faches abzuschätzen. Und ziehe bitte nicht Magiermeister Sanitt's Namen in den Schmutz!“ „Verzeihung.“ „Gut. Was seelische Magie so nützlich macht, ist ihre größere destruktive Wirkung. Aber auch manipulativ kann die Magie auf Materialien wirken. Die hinterlistigsten Zauberer nutzen sie auch zur Beeinflussung des Verstandes anderer Wesen. Illusionen und Suggestion sind wohl durch beide Formen gleichermaßen möglich zu bewerkstelligen.“ „Und was ist der Haken an seelischer Magie, wenn diese schon so wirkungsvoll sein soll?“ Kaderis hielt seinen linken Arm in die Luft, so dass er die dünnen Bahnen Blut auf seinem Arm demonstrierte. „Ohhh, ich dachte, die haben nichts weiter zu bedeuten…“ Er senkte den Arm wieder und sprach weiter. „Seelische Magie kann dem Verstand schaden, Emotionen betäuben, regenerative Kräfte auslaugen. Der physische Körper ist wirklich stark mit der Seele verbunden. Man sollte also gut Acht geben, bevor man gar noch seine Gesundheit zu sehr auf's Spiel setzt. Natürliche Magie kennt ihre Grenzen, da die Ladungen an Energien immer sehr gering ausfallen.“ Er machte eine kurze Pause, besah seinen Arm und überlegte. „Für die Nutzung von seelischer Magie dagegen sollte ein Jeder seiner eigenen Grenzen Bewusst sein. Und es bedarf auch starker Nerven.“ „Sollte die Schrammen auf deinem Arm nicht langsam mal verheilen?“ Kaderis unterdrückte das Verlangen, über seine Verletzung zu streichen. „Ja, sollten sie. Das ist der Preis der seelischen Magie. Aber eigentlich auch kein großes Hindernis für einen richtigen Magier. Ideal zur Heilung solcher Wunden, ist natürliche Magie. Von Pflanzen zum Beispiel.“ Sie sahen sich um. Abgesehen von den groß angelegten Zentren der Stadt, in denen Bäume zur Zierde angelegt wurden, hielt sich die Wegetation innerhalb der Stadtmauern in Grenzen. „Diese Stadt ist doch so arm an unmenschlichem Leben… Ich schätze, das muss noch warten.“ Schließlich erreichten die beiden das Ende der Straße, welche nun an die breiteren Hauptstraßen mündeten. Kaderis stoppte, wandte sich dabei zu seinen großen Freund um und holte zügig erneut den Saphir-Kette heraus, die er zuvor in eine Tasche seines Wamses verstaut hatte. „Nun. Ich werd's gleich versuchen.“ sagte er mit einem vergleichsweise ernsten Lächeln auf den Lippen. „Was versuchen?“ fragte Dubion ohne eine Antwort zu erhalten. Der gelehrte machte sich bereits ans Werk und war in seiner Konzentration nicht mehr ansprechbar. Keiner der zwei störte es, wie durch das Aufhalten des Verkehrs finstere Blicke auf sich zogen. Kaderis hielt den Saphir in den beiden Händen, schloss die Augen und murmelte Formeln, die keiner in dem Lärm der Schritte zu allen Seiten verstand. Es war nicht mehr als ein Hauchen. Scheinbar winzige Mühen, welche nun sogleich auf wundersame Weise ihre Wirksamkeit kundtaten. Der Saphir schien in seinen Händen in einem zugehörig bläulichen Licht. Ein Licht, welches seinesgleichen suchte, vermeintlich schöner als der erste Sonnenstrahl nach einmonatigem Entzog von Mond- und Sonneschein. Viele Passanten standen und bewunderten mit offenen Mündern. Der braune Drache war hingerissen. „Bei den Ahnen! Das ist unglaublich! Magie ist einfach fantastisch!“ Kaderis verzog das Gesicht. „Das war doch gar nichts. Ich muss zugeben, weniger reine Edelsteine könnten nicht so leuchten. Doch das ist nun nicht der Punkt. Noch kennst du nicht die Bedeutung dahinter.“ „Was meinst du damit?“ Dubion senkte aufgeregt den Kopf. „Nun hast du dein magisches Artefakt.“ Er überreichte ihm die Kette. Bevor er protestieren konnte, viel ihm der Magier ins Wort. „Sie es als eine Art von Geschenk. Auch das verzaubern von Juwelen und Stoffen ist eine wunderbare Eigenschaft der natürlichen Energie, welche uns umgibt. Jetzt hast du auch etwas magisches an dir.“ Er grinste. Dubion betrachtete die Kette, in der der Saphir eingefasst war. Er schien nun das Licht im Inneren auf noch erstaunlichere Weise brechen zu können. „Was kann der Stein?“ „Das finde mal selbst heraus.“ Dann wendete Kaderis wieder und ging in die Hauptstraße. „Wir sehen uns, Kumpel!“ Zum Abschied hob er ausnahmsweise die Linke, doch nur, weil die Wunden für ihn ein Geschenk war. Kein ansehnliches. Aber das Schicksal ging heute wieder unerwarteter Wege, begonnen mit einem unerwarteten Wiedersehen und Verletzungen. Kaderis sah gen Himmel, eine azurfarbene Scheibe, durchzogen von Wolkenbahnen, welche von der sich dem Untergang neigenden Sonne in ein feuriges Orange getaucht wurden. Die Bahnen glichen Krallenspuren auf dieser reinen Fläche des Himmels. Er dankte den Drei Wahrhaftigen für das Schicksal, das ihm heute zuteil wurde. Den Zufällen, die ihm zugute kamen. Den Stress, der sich in Grenzen hielt. Und nicht zuletzt der Zuversicht, seinem Meister Sanitt durch die kleine Übung heute gerecht zu werden.

Mit gutem Tempo erreichte der Magierlehrling den großen Platz mit ihren angrenzenden Kneipen und Geschäften. So steuerte er die Wirtsstube an, welche ihm unweigerlich das nächste Ziel werden sollte. Er trat ein, grüßte knapp den Angestellten und ging sehr schnell die knarrende Treppe zur Linken hinauf, ohne Gefahr zu laufen, in irgendein Gespräch verwickelt zu werden. Abende, an denen er am Tresen saß und sich mit hervorragenden Weinen vergnügte, sich dabei mit Angehörigen der Schenke, aber auch mit wildfremden, in ein Gespräch vertiefte, gab es nicht zu selten. Doch das sparte er sich heute für später auf, wenn überhaupt. Der Junge vergaß die Schrammen an seinem Arm, welche noch immer keinerlei Spuren von Genesung zeigten. Augenblicklich war er sich seiner Entscheidung froh, denn so würde er sich zunächst die Geschichte zu erzählen, wie er an diese Verletzung kam, ersparen können. Was Sanitt davon halten würde, das war ihm erst einmal gleich. Der Alte hatte doch ohnehin immer eine andere Art, die Dinge zu betrachten. Nur er konnte sich an allem erfreuen, oder auch ärgern, darüber hinwegsetzen und sogar von Katastrophen behaupten, diese gar nicht zu sehen. Kaderis erreichte das oberste Stockwerk, nahm bereits seine Tasche von der Schulter und in die Linke, während er mit der Rechten nach der Türklinke griff. Im Eintreten griff er nach seinem erst heute erworbenem Nachschlagewerk und sprach zugleich. „Ich bin zurück, Meister!“ Er zog das Buch heraus, schloss die Tür mit dem rechten Bein und sah erst dann zu Sanitt. „Ich bin spät…“ Weiter kam er nicht, bevor ihm der Atem stockte. Sanitt lag auf dem Fußboden, sein Sessel befand sich umgekippt in der hintersten Ecke des Raumes, auch der Tisch wurde beiseite geschoben, die Stühle lagen daneben. In der Brust des Mentors steckte sein eigener Stab. Kaderis trat langsam näher, noch immer geschockt von dem Anblick. Ein Vorhang wurde beiseite geschoben, sodass das dämmrige Licht auf den Leichnam des Alten viel. Der Junge wusste, dass er nicht mehr unter den Lebenden weilte. Der Stab, welcher seinen Körper durchbohrte, traf in der Mitte eines Zirkels auf das Holz. In die Holzplanken wurde tief und sehr genau ein magischer Kreis gezogen, in dessen Fugen und Kratzer sich das viele Blut sammelte, anstatt wie üblich eine Lache zu bilden. Lediglich am äußersten Ring verliefen Bahnen ab. Im nächsten Moment starrte Kaderis zum Bücherregal zu seiner Linken.

SINNLOS

UNTERLEGEN

VERSAGT

Schatten bildeten wabernde und zitternde, geschwungene Lettern, welche die Bücherreihen schauderhaft zierten. Der junge Magier ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen und rannte schnell zu den Büchern. In seinem Kopf raste alles, ratterte alle möglichen Zauber durch, die ihm in seiner Not helfen könnten. Reanimation… seelische Festigung… Geisterbeschwörung… Zeitmanipulation… Er schnappte sich das nächstbeste Werk und zog daran. Das Buch bewegte sich keinen Millimeter. Die riesigen schwarzen Lettern hielten sie fest wie stählerne Riegel. Und welches weitere Buch er auch versuchte zu nehmen, die Worte waren schneller und hielten sie eisern am Platz. Kaderis ließ nach ein halbes Dutzend an Versuchen die Sache und taumelte zwei Schritte nach hinten. Die Worte rüttelten an seinem Verstand.

SINNLOS

Er wendete geschockt den Blick ab, sah dann wieder seinen Meister. Mit zwei weiteren Schritten war er bei ihm und zog, nach kurzem Zögern, mit etwas Mühe den Stab heraus. Dann betrachtete er den Kreis, auf dem sein Meister lag. Keinen Zweifel. Das Gebilde, welches sich mit seinem Meisters Blut füllte, war nichts geringeres, als der Zirkel der Drei Wahrhaftigen. In seiner vollen Pracht. Provokation? Ein anderer Anhänger? Ein Konkurrent von Sanitt? Wer auch immer es war, er kannte nicht nur den Glauben, der in der heutigen Zeit immer mehr in Vergessenheit geriet. Er beherrschte wohl die Lehren und ging unglaublich präzise und sauber mit dem Kreisen und Linien vor, ja, sogar aufwendig wurden so manche Details als Relief aus dem Holz geschnitzt. Wer hat das getan? Und aus welchem Grund? Wie konnte sein großer Meister Sanitt nur unterliegen. Und er konnte ihm nicht helfen. Ihn packte die Wut. Der Mörder seines Meisters. Nichts anderes schwirrte noch in seinem Kopf. Und er gab ihm mit seinem eigenen Magierstab den Rest. Den, den er nun in Händen hielt. Dann sah er zum Tisch. Zwei Bücher lagen darauf. Diese hatte er nicht einsortiert. Die anderen konnte er nicht mehr anrühren. Er wusste selbst nicht genau, was das für ein mächtiger Zauber ist. Seelischer Zauber der finstersten Sorte. Sehr viel an negativen Emotionen sind in diese Worte hineingeflossen, um dieses niedergeschriebene Wissen für einen jeden zu bannen. „Das kann ich auch.“ murmelte er aggressiv. Er zog den Tisch mit einem kräftigen Ruck weiter in die Mitte des Raumes, stieg mit einem Bein empor und riss die Ölampe mitsamt Kette aus der Verankerung von der Decke. Als nächstes stellte er wieder einen der Stühle auf, setzte die Lampe darauf und fasste mit der Linken Handfläche auf das Glas, welches sich bereits stark erwärmt hatte. Er ignorierte den brennenden Schmerz. Schwitzend und mit geschlossenen Augen konzentrierte er sich und murmelte wieder zischende Worte. Weiß leuchtende Schriften rannen über das Glas und festigten sich. Das Licht der Lampe fokussierte sich auf einen sehr kleinen Punkt, die Helligkeit im Raum nahm ab. Nachdem das erledigt war, wischte er sich den Schweiß von der Stirn und sah zum Tisch. Das Buch von Triformis. Es sollte so kommen. Wenigstens das soll ihm verbleiben. Er schnappte es sich und packte das andere Werk in seine Tasche. An der Fensterreihe zog er schnell den Vorhang wieder zu und wischte das Blut vom Holzstab. Im Zimmer herrschte nun fast völlige Dunkelheit. Nur das abgeschwächte Licht der Lampe erzeugte noch immer schwache Schemen auf dem Boden. Die Worte am Bücherregal… Er beachtete nichts dergleichen mehr. Dann ging er mit gleichgültiger Miene zur Tür, steckte auch das andere Buch, welches er bei seiner Rückkehr hat fallenlassen, wieder in seine Tasche und ging. Die hölzerne Treppe stieg er sachte hinab. Unten angekommen beschleunigte er seinen Schritt. Der Besitzer am Tresen rief ihm noch hinterher, einen Humpen in die Höhe haltend, doch da hatte der junge Magier bereits das Lokal verlassen. Besitzer und Kellner seufzten. Etwas war heute anders an ihm.

Die Sonne war bereits kurz davor unterzugehen, als Kaderis die äußeren Mauern der Stadt erreichte. Die mit messingfarbener Rüstung gepanzerte und mit Langschwert bewaffnete Wache stoppte ihn und fragte ausgesprochen höflich nach seinen Beweggründen, die Stadt zu verlassen. „Ich möchte nur in Richtung Teran. Ein Freund erwartet mich.“ Die Wache kicherte nur etwas und entgegnete dann. „Die Jugend… Geh ruhig, doch sei vorsichtig! Du weißt doch, wie gefährlich die Welt dort draußen sein kann.“ „Dem bin ich im Klaren. Ich pass schon auf meinen Kopf auf.“ Ohne weitere Worte ging er. Ein gepflasterter Weg führte kerzengerade weg von der Stadt. Zu beiden Seiten der Straße boten freie Wiesen und Weizenfelder einen wunderschön friedlichen Anblick, den die Sonne nur noch verschönerte. Rötlich lag sie hinter den grasbewachsenen Hügeln, welche direkt vor ihm lagen, doch die Straße lag wie ein Einschnitt dort zwischen. Er verließ den Weg und betrat die Wiese, stieg auf den Hügel, bis er die Chance bekam, das Panorama hinter den Hügeln und die Stadt auch genießen zu können. Sehr alte Windmühlen, welche noch immer der Zeit widerstanden, drehten sich in der roten Abendsonne im mäßigen Wind und warfen Schatten auf die Steinernen Häuser, Türme und Mauern der riesigen Stadt, welche Kaderis immer seine Heimat nannte. Ein junger Bursche saß im Gras und sah zu ihm auf. Er lächelte. Kaderis setzte sich zu ihm. Er lächelte nicht. Der Junge war gekleidet in einer beigefarbenen Stoffhose und Hemd, darüber eine Tunika, grob aus einem Fell gefertigt. Seine zerzausten braunen Haare wehten im Wind, doch das störte ihn nicht im Geringsten. Er schien vielleicht zwei Jahre jünger als Kaderis. Nun erhob er das Wort. „Herrlich, nicht wahr?“ Kaderis sah nur gebannt auf die im Sonnenlicht glühende Metropole. „Ich müsste lügen, würde ich das verneinen.“ „Stimmt irgendwas nicht? Du machst einen mitgenommenen Eindruck.“ „Ich werde weiterziehen. Hier gibt es nichts mehr, was mich hält.“ Diese Worte kamen kurz und sehr direkt. Sie hätten passender nicht sein können. Und er wusste, früher oder später hätte er sich das selbst eingestehen müssen. Der Jüngere schnaufte. „Dann geh deiner Wege.“ Er sah ihn nun forschend an. „Wirst du dies hier nicht vermissen?“

Im verlassenen Studierzimmer des dahingeschiedenen Sanitt brannte noch immer die mit Petroleum gefüllte Lampe auf einem Stuhl. Das Feuer gebündelt zu einer weißen Kugel. Die Schatten ließen die Bücher keiner Ruhe mehr, hielten sie eifersüchtig gefangen, doch schienen dem warmen Licht entweichen zu wollen. Die weißen Lettern auf dem Glas verblassten, während das Feuer im Inneren sich ausdehnte, wie wellen gegen das Glas brandete und es schien immer mehr an Energie zuzulegen. Ein Inferno entbrannte. Das oberste Geschoss des Hauses, welches bislang so friedlich am Marktplatz Kunden anlockte, wurde von einem lauten Knall erschüttert, so dass das Beben im Umkreis von einer halben Meile noch zu spüren war. Die feurige Energie entlud sich, zerschmetterte Fenster und lockerte sogar Teile der Fassade. Mauerstücke an den Fenstern angrenzend vielen bröckelnd zu Boden. Flammen und Rauch stiegen aus den Öffnungen. Das Dach drohte ebenfalls, in Flammen aufzugehen. Sehr schnell wurden Löschtrupps herbestellt, welche glücklicherweise unweit der Stadtzentren positioniert waren. Der Schock war groß und alle flohen aus dem erschütterten Gebäude, darunter alle Mitarbeiter des Wirtshauses, die Gäste und sogar alle Einwohner der Stockwerke darüber, hatten sie die Wohnung nicht ohnehin vorher verlassen oder kamen bis zu dem Zeitpunkt nicht zurück. Diese eilten nur kurze Zeit später herbei, denn wer es nicht vernommen hat, hörte es wenig später von plappernden Passanten und Nachrichtendiensten.

Kaderis und sein geselliger Freund sahen das Spektakel. Dem Jungen mit braunem Schopf blieb der Mund offen. Kaderis stand auf und war daran, leichten Fußes das Weite zu suchen, wurde aber noch angesprochen. „Das warst du, nicht wahr?“ Der Magier drehte sich um. Er hatte noch immer einen kalten Ausdruck im Gesicht, keinen Sinn für Spaß. „Das spielt keine Rolle.“ Dann ging er. Der Kleine sprach ihn wieder von hinten an. „Ich hab zwar keine Ahnung, wo du gedenkst, hinzuziehen…“ Er griff sich einen Sack, welcher im Gras lag. Nicht viel enthielt er. Und was das für ein Inhalt war, interessierte Kaderis auch gerade nicht. „…Ich werde mit dir reisen.“ Dies verkündete er mit einem breiten Grinsen im Gesicht und einer Zuversicht, die den Magier verunsicherte. Letztendlich brachte er ihn doch zum schmunzeln. Er schloss die Augen, da die untergehende Sonne ihn blendete, und schritt weiter, den Stab eines echten Meisters in der Rechten. Dem Jungen mit nussbraunen Haaren und goldener Kette um den Hals widersprach er nicht. „Du bist unmöglich, Dubion!“

triformis/kapitel3.txt · Last modified: 2013/12/23 11:55 by Vehementis ea Veritas