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Kapitel II - Lauernd, so nahte das Grauen

Noch eine überaus überfüllte Straße. Und noch eine! Für den jungen Burschen keine große Hürde. Wie jeden Tag. Na ja, sah man einfach mal von dem kleinen Patzer von eben ab. Ein wenig tat der Fußgänger ihm ja schon Leid. Dafür würde dieser miese Freund von Drache schon noch zahlen müssen. Er hatte da sogar schon eine ungefähre Vorstellung… Das Labyrinth aus sandigen Passagen und belebten Irrwegen inmitten von Quadersteinen und Holzfestungen endete abrupt, als Kaderis den größten Platz der Stadt erreichte. Er blieb stehen und begutachtete das ihm dargebotene Spiel. Die Ausläufer der Gassen, welche auf diesen Markt führten, lagen auf einer Anhöhe, so dass man von ihnen und dem enormen Ring aus Wohnhäusern, Gasthäusern, Amtshäusern, Schmieden und so vielem einen passablen Blick auf das Schauspiel im Zentrum hatte. Es glich einem Becken, erinnerte so manchen an einen in den sonst ebenen Grund geschlagenen Krater. Das Becken gefüllt mit einer Masse von Menschen, dass es dem Jüngling schon vom Zusehen zu viel wurde. Aus diesem Meer von Passanten lugten die unzähligen Holzdächer und Planen der Stände und Buden, welche das passende Gegenstück bildeten. Aus diesem Grund war schließlich jeder hier und ließ sich solche Torturen ergehen. Kaderis setzte erneut zum Sprint an und verschwand in der Menge. Um ihn herum das Gebrüll der Marktschreier, natürlich, das durfte nicht fehlen. Aber auch Gesellschafter, welche wohl jeden Morgen und jeden Abend hier antanzten, nur um Gleichgesinnte zu finden, oder völlig Fremde, und einfach Gelegenheit zu haben, über tagtägliches zu plaudern. Er konnte es nicht verstehen, nicht nachvollziehen. Von klein auf zog er das ruhige Studierzimmer vor, lernte in aller Seelenruhe und mied einen Auflauf wie diesen, sofern es nicht zwingend notwendig war. Doch wenn es um Lebensmittel und Schnäppchen für magische Artefakte und Bücher für Zauberkunde ging, da nahm er die Sache schon ernst. Frische Speisen und besondere Raritäten waren eben nicht unwichtig.

Ein nussbrauner Drache spielte derweil mit einem in Gold gefassten blauen Stein, hatte selbstverständlich nichts besseres zu tun. Was er sonst in seinem eigenen Geschäft so fand, fiel auch nicht besser aus, als dieses eine gute Stück. Mehrere Steine, darunter ein glänzender Rubin in einer Kette aus Kupfer eingefasst, ein Amethyst und ein Smaragd von minderwertiger Qualität, ein wenig Pyrit und der Rest waren gar wertlose, herkömmliche Steine. Des Weiteren gab es da noch ein seltsam geformter Armreif aus veraltetem Gusseisen, welcher so nicht vielversprechender für den Verkauf war. Eine Gestalt in dunkler Kutte passierte den Stand, war auch schon wieder vorbeigezogen, bevor Dubion einen genaueren Blick erhaschen konnte. Er sah hinterher, doch die ominöse Person war auch schon in der Menge verschwunden. Etwas war faul an ihm. Das roch er. So wie der Drache seinen Kopf herausstreckte, erweckte er die Aufmerksamkeit eines Kunden. Dubion war von ihm überrascht. „Sei gegrüßt, werter… Händler?! Händler. Dieser Saphir.“ Er sah ihn nun genauer. „Ja, der scheint von exzellenter Reinheit zu sein. Ich biete euch 50 Diriale dafür.“ Das kam natürlich etwas unvermutet. Nun schaute der komische Händler mit großen Augen. Das war kein übles Angebot. Doch umso mehr gefiel es ihm, dass er überhaupt etwas verkaufen konnte. Doch es ging nicht. Der Saphir war schon für seinen Freund versprochen. Schade eigentlich. „Tut mir Leid, werter Herr, der ist unverkäuflich.“ Damit hatte der feine Kunde überhaupt nicht gerechnet. Man sah ihm seine Verwirrung an. Schnellstens fasste er sich wieder. „Sie wollen also verhandeln?“ Dubion fand das schon wirr. „Nein, will ich nicht!“ Der Enthusiast ließ sich zunächst nicht von seinem Vorhaben abbringen. „70 Diriale.“ Der Drache schnaubte kurz auf, das ging langsam zu weit. Er übertrieb es nicht, so viel war ihm schon klar, dass ein richtiger Händler in der Lage sein sollte, die Fassung zu bewahren. „Ich sagte doch, ich verkaufe nicht.“ Der Herr, welcher anscheinend so auf guten Schmuck aus war, trug ein makelloses, blaues Gewand aus Seide, bestens genäht und verziert. Ein Wohlhabender also, der was von Qualität verstand. Er konnte also auch etwas mehr Münzen springen lassen… Aber nein, der Saphir blieb, wo er war! Dubion lenkte abrupt ein. „Aber wir haben anderen guten Kram… Nein! Ich meinte Juwelen. Sehen sie sich nur diesen lupenreinen Smaragd an!“ Da machte der Kunde bereits kehrt und ging von dannen. „Tut mir Leid, ich bin nicht interessiert.“ Das versuchte der Drache zu verhindern. „Ich dachte, sie wollten etwas kaufen! Hier, 50 Diriale für diesen wundervollen Armreif!“ Der reiche Schnösel war bereits nicht mehr ansprechbar. Wo Dubion sich nach vorn beugte, ächzte und bog der Tresen sich unter seinem Gewicht. Er ließ es augenblicklich bleiben. Jetzt schmollte er, sein erster Kunde und er hat's vermasselt. Ein nicht gerade angenehmer Beginn eines ersten Arbeitstages, ein Handwerk von dem er sowieso keine Ahnung hatte. War es das wert?

Kaderis murrte. Der Bäcker ihm gegenüber versuchte ihm, ein vertrocknetes Leib Brot anzubieten, während der Gelehrte andere Pläne hatte. „Ich nehme das nicht. Den Fehler hab ich schon einmal gemacht, Brot aus teranischem Korn ist keinen Dirial wert, und schon gar keine 5!“ Sein gegenüber seufzte, anscheinend beabsichtigte er nun schon, jedem Kunden ein solches Angebot zu verbreiten. Kaderis setzte fort. „Schon ärgerlich. In Zukunft sollten sie so etwas von vorn herein unterlassen. Geben sie mir doch eines aus Roggen!“ Der Bäcker seufzte schon wieder. Das war nicht normal. „Ich kenne dich doch, dafür bist du auch nicht gewillt, auch nur eine Münze mehr als 5 zu geben.“ Kaderis strich sich durch seine kurzen schwarzen Haare. „Na schön… 6 Stück.“ Der Verkäufer tat es nicht gerade gern, aber stimmte dem Angebot doch zu. „Ausnahmsweise. Aber nur heute, lass das nicht zur Gewohnheit werden!“ Auch Kaderis war nicht ganz zufrieden. Geschäfte, die so einfach verliefen, unterforderten ihn. Der Junge ging nicht jeden Tag zu diesem Händler. Sein letzter Besuch lag sogar schon einige Zeit zurück. Aber das Feilschen hatte mit ihm der Backwarenhändler schon vor Ewigkeiten aufgegeben. Er konnte von Glück sagen, dass nicht jeder Gast so stur handeln konnte. Die Bäckerei lag am Rande des Marktplatzes, wie die Wirtshäuser. Wieder stand Kaderis am Rande und warf einen Blick hinab in das Becken, gefüllt mit kauflustigen Chaoten. Der Weg hierher führte bereits einmal quer durch die Masse. Keine schöne Sache. Alles sprach dafür, nun wieder sich hineinstürzen zu müssen. Die selbe Routine wie so jeden Tag. Er sprintete los, wieder mit den verwirrten Ausdrücken in den Gesichtern der Umstehenden. Er ignorierte alles. In geübtem Slalom spazierte Kaderis an den unzähligen Menschen vorbei, so geschickt, dass es in diesem dichten Gewirr die meisten ihn nicht mal wahrnahmen. Eine seltsame Art des jahrelangen Trainings, zugegeben. Von seinem akademischen Studium aber eine gelungene Abwechslung. Seine Suche war ziellos. Links und rechts Verkäufer und ihre Stände, so dermaßen viele, unterschiedlichste Wahren, zumeist weiteres an Nahrungsmitteln, doch der junge Lehrling hatte bereits genug dergleichen. Weiterhin Schmuck, denn auch dieser galt schon immer als beliebter und vielversprechendes Gut. Darüber gab sein guter alter Freund heute natürlich ein formidables Beispiel zum Besten. Ein weiterer Stand kam in der Dichte zutage, ein Buchhändler! Kaderis drosselte augenblicklich seine Geschwindigkeit und hielt an der gewünschten Stelle. Der Auflauf war so beispielhaft, auch hier musste der Junge sich um einen Platz am Tresen des Verkäufers kämpfen. Dann hatte er endlich eine gute sicht an die feilgebotenen Waren. Nebenbei bemerkte er, diesen Händler noch nicht zu kennen. Er schenkte sich auch, in dieser weitläufigen, tiefen Ebene sich Pfade zu merken oder sonst irgendwie Orientierung zu verschaffen. Daher kamen auch so manche Wiedersehen mit alten Bekannten immer überraschend, weniger an des Ringes Nähe, eher in der großen Mitte. Gut, der Händler sollte nun nicht Teil seiner Aufmerksamkeit werden. Dass Kaderis es eilig hatte, daran hatte sich selbstverständlich nach wie vor nichts geändert. Insgeheim sah der Lehrling es als seine Pflicht, seinem geehrten Meister Sanitt stets neue und vor Allem wichtige Literatur zu beschaffen, ergänzend zu all den bisherigen Nachschlagewerken. Mit bedacht sah Kaderis sich das Sortiment durch, vorwiegend alte und halbwegs verfallene Bücher. Das sollte kein gravierender Kritikpunkt werden. Doch diese hier schienen überwiegend noch derangierter, als es so manche Werke aus seines Meister's Sammlung waren. Und mit amüsierter Ernüchterung stellte er fest, dass er und Sanitt eh schon alle Bücher besaßen, die hier zur Schau standen. Nein, nicht ganz! Zwei Bücher lagen unschuldig und unscheinbar auf dem Tresen, auf die er sein Blick erst nun traf. Eines behandelte die Anatomie, einfacher und stubenreiner Haustiere. Gut, langweilig und banal! Ähnliche fanden sich da bereits. Das Zweite behandelte die Anatomie kleinerer Drachen und drakonische Geschöpfe, welche nach hiesigen wissenschaftlichen Bestimmungen und Schätzungen nur bedingt in der Kategorie Drache einzuordnen waren. Das war doch was! Natürlich hatte der Mentor bereits eines oder zwei solcher Bücher. Doch als weiteres Vergleichsexemplar machte dieses sich nicht schlecht. Und obendrein musste der Junge spontan an Dubion denken. Mist! Er wartete doch, das brachte ihm Bauchschmerzen. „He, guter Händler, wie viel verlangen sie für dieses Stück?“ Er deutete, so gut das bei dem Andrang ging, auf das Objekt der Begierde. Sein Gegenüber sah erst vorschnell auf den Stapel und freute sich. „Ah, ihr interessiert euch für Haustiere?!“ Kaderis stöhnte entnervt. „Nein. Das über Drachenkunde!“ „Oho, so so…“ Was sollte dass denn nun heißen?! Er nahm es und begutachtete es zunächst, dann nannte er den Preis. „Das macht dann 20 Diriale.“ Woraufhin Kaderis anfing zu lachen, es schwang nachhaltig etwas Geringschätzung mit. „Das kann nicht ihr Ernst sein, kommen sie, das ist kein Preis, für ein Buch, ich gebe ihnen 10. Und das ist schon großzügig gemeint.“ Dem Buchhändler fiel die Ware vor Überraschung beinahe aus der Hand, bekam es dann besser zu fassen und sah wieder zu dem Jungen vor ihm. Die Übrigen links und rechts waren verstummt. „Mein Kleiner, das ist ein wichtiger Teil, ausgesuchter Literatur über den Teil mystischer Wesen, welche einem Normalo wie dir für gewöhnlich… ja, gar nicht gedacht ist. Wofür sollte dir solches Wissen nützlich sein?“ Schon wieder musste er an Dubion denken. Das verminderte seine Geduld umso mehr. „Das ist irrelevant! 10 Münzen.“ „Und ich sage, es ist deutlich mehr wert, denn…“ Kaderis schnitt ihm sogleich das Wort ab, gezielt und gefasst. „…denn der Einband hat schon bessere Tage gesehen. Diese Sorte Stoff, welche von Zinnspinnern stammt, wird schon gar nicht für 'ausgewählte Werke' genutzt! Zudem sind mir in den Bibliotheken dieser Stadt schon bessere Werke untergekommen, mit Beispielen wie 'Drachen, drakonische Wesen und mehr' oder 'Gehobenes Wissen über Drachen aller bekannten Arten', verfasst von anerkannten Schreibern wie Cekaral und Lemoror. Und dieses stammt, wie ich sehen musste, von einem vergleichsweise unfähigen Autor, genannt Tellmann. Sie können jeden fragen, seine Bücher sind nicht das Geld wert. Und sie können froh sein, dass ich es überhaupt zu kaufen beabsichtigte.“ „Moment, warum willst du es dann?“ „Ich hab meine Gründe, aber wenn sie einen Preis verlangen, der höher als 8 liegt, kann ich auch wieder gehen. Und das würde ich jedem Raten, der es vorzieht, Bücher zu angemessenen Preisen zu kaufen.“ Die umstehende Schar hatte das sehr wohl vernommen und stierten nun gespannt auf den Verkäufer. Der Kleine hatte ihn so dreist an die Wand gespielt. Auf die paar Münzen konnte er sehr wohl verzichten, doch Geschichten über miese Betrüger sprachen sich schnell rum. Jeder hatte ein Gesicht zu wahren. „Ist ja gut. 8 Diriale und es gehört dir.“ Nun strahlte Kaderis. Er reichte ihm das Buch mit seinen verschwitzten Händen und nahm das Geld, welches er zuvor ihm vor die Nase gelegt hatte. „Wunderbar, das wäre dann auch alles. Einen schönen Tag noch!“ Damit verschwand er auch schon wieder in der Menge, machte kurzerhand die korrekte Himmelsrichtung und visierte den gesuchten Ausgang an. In dem Hin und Her verlor man schnell den Orientierungssinn. Und jeden Sinn für Zeit. Hoffentlich konnte sein Freund sich noch etwas gedulden…

Man merkte die Unruhe des gealterten Magiermeisters an. Eine Schweißperle rann ihm von der Schläfe. Die Figur lag regungslos vor ihm. Zwei Teile. Was hatte das zu bedeuten? Sanitt hatte bereits eine gewisse Vorstellung. Seine Frage bestand darin, welcher Zug nun von Wichtigkeit war, welche Strategie entscheidend. Und wer war sein Kontrahent? Das Licht im Raum wurde schwächer, immer schwächer. Die Öllampe war intakt, doch dieser Schwund der Helligkeit kannte keine natürliche Ursache. Er sah auf, direkt zur Tür. Er hatte sich nicht getäuscht. Im tief-dunklen Raum am Eingang wartete eine Gestalt, pure Schwärze, ein Schemen, das einem körperlosen Schatten gleichkam. War es materiell oder nur Einbildung, das konnte man durch das bloße Auge nicht einmal deuten. Die perfekte personifizierte Finsternis wurde lediglich von zwei grellen Augen durchbrochen, welche keine Gutmütigkeit und Freude besaßen. Sanitt fing an, leicht zu lächeln, senkte leicht den Kopf und schloss die Augen. Mit ruhiger und beständiger Stimme setzte er nun an. „Ahh… Du bist das…“ Sein Meisterstab, geschaffen aus einem knochigen Holzstab, hielt er bereits mit einem hartem Griff in seiner Rechten.

Ja, der lahme Kaderis war spät dran. Er ärgerte sich, so etwas vermied er doch lieber, Kameraden auf eine solche Art und Weise zu grämen. Nur einen Zahn zuzulegen, das stand nun nicht im Bereich des Möglichen. In dieser Dichte kam er nur so schnell voran, wie er es ohnehin gewohnt war. Er kannte die Straßen, es gab Alternativen. Der Weg führte nicht in einer Geraden Bahn zu seinem ursprünglichen Ziel. Es gab passende Wege. Erschlug mitten in der Menge eine scharfe Kurve ein, den Einen oder Anderen zum Schimpfen und Fluchen verleitend. Aus den breiten und gefüllten Straßen heraus, durchquerte er nun eine Gasse, solche, wie sie häufig zwischen den Spalten der Häuser führten, düster, aufgrund der fehlenden direkten Sonneneinstrahlung. Diese waren keine beliebten Wege für unbescholtene Fußgänger. Es war ihm gleichgültig. Wenn ihm jemand auflauern würde, hätte das auch einen gewissen Vorzug, so sehr er dies auch zu vermeiden gedachte. Es kam, wie es kommen musste. Eine weitere Biegung und der nächstbeste Ausgang auf die nächstbeste von Menschen gefüllte Straße kam in Sicht. Doch eine auffällige Person trat von der Wand ab, stellte sich in die Mitte, dass Kaderis gezwungen war zu halten. Ihm wurde der Weg versperrt. Dem Fremden umgab das hell beschienene Schauspiel der offenen Straße und die Sonne schien ihm in den Rücken. Es blendete den jungen Magier. Nun hob der Unbekannte seinen Arm, in der Rechten eine Waffe, ein Trommelrevolver, er funkelte bedrohlich in der Sonne. Er trat nun in die Finsternis ein, kam dem Jungen näher. Kaderis stand noch immer unschlüssig herum. Nun konnte er langsam sein Gegenüber erkennen. Ein abgerissener, schlanker Kerl in veralteter bürgerlicher Kleidung, schwarz gefärbt, seine längeren, dunklen Haare nach hinten gelegt und auf dem Gesicht einen Dreitagebart. Aufgrund der Umstände war es wohl offensichtlich, dieser freundliche Herr war ein Straßenräuber. Niederträchtiges Gesocks. Die Miene des Lehrlings wurde ernster. Die des Banditen ebenso. „He, keine falschen Spielchen. Rücke einfach dein Hab und Gut raus! Alles was du hast!“ Kaderis dachte nicht im Traum daran. Er schwieg, das war vernünftig. Langsam hob er seinen linken Arm, betrachtete ihn, sah dann belustigt zu dem bewaffneten Herrn. Sie standen nun in einem Abstand von gut 5 Metern. „Hörst du nicht, ich will dein Geld, dein Gut. Sei froh, dass ich so gutherzig bin, dir deine Kleidung zu lassen!“ „Ich fürchte, daraus wird nichts.“ Er grinste breiter. Der arme Tropf hatte keine Ahnung. Kaderis erhob seinem Arm weiter, richtete ihn nun gezielt auf den Schurken. Dieser starrte entgeistert. Aus den kürzlich verheilten Schrammen des Jungen trat frisches Blut, nicht gerade wenig. Dann folgte dunkler Rauch in dichten Bahnen. „Was zum Heiligen soll das?!?“ „Es war schon leichtsinnig, mir zu drohen, es mit so einer Apparatur zu versuchen, umso mehr.“ Der Bewaffnete schluckte. Dann sah er auf den Revolver. Er war funktionstüchtig. Er war geladen. Kaderis sprach weiter. „In dem Abstand wäre es schon Glück, mich zu erwischen. Diese Technik ist einfach zu unausgereift. Und ich bezweifle, dass du dir einen auch nur halbwegs Brauchbaren dieser Spielzeuge kaufen könntest, sofern dir das überhaupt was bringen würde.“ Kurze Pause. Die Wunden begannen in einem wunderschönen schwachen Karmesinrot zu glühen. „Welch eine Verschwendung, es gibt so viel, was das Geld wert gewesen wäre. Du allerdings hast verspielt!“ Ein leichter Schatten, gepaart mit einem kurzen Raunen durchdrang in einer Welle den Gang, traf den Banditen und ließ ihn leicht wanken, dann sah er auf seine rechte Hand. Die teure Waffe zerfiel in ihre Einzelteile. Lauf, Trommel, Schlagbolzen, Abzug, alles sank in Splittern zu Boden. Er war nun völlig wehrlos. Er schrie. Dann sah er zu dem Kurzen. Seine noch immer rauchende Hand und sein von Verachtung geschwängerter Blick setzten ihm zutiefst zu. Er verstummte erst, als dieser Magier das Wort erhob. „Höre, meine Geduld ist am Ende! Wenn du also nicht die Erfahrung machen willst, wie leicht dies an deinem Arm von Statten geht, suche so schnell wie möglich das Weite! Und wage es bloß nicht, mir so bald noch einmal unterzukommen! Dir würde die Zeit fehlen, es dann zu bereuen!“ Das ließ sich der Wicht nicht zweimal sagen, und verschwand so augenblicklich in der Menge, jedoch nicht, ohne sogleich mehrere Passanten in seiner Eile anzurempeln. Kaderis kam wieder langsam zur Ruhe, nicht diese Unverfrorenheit allein brachte ihm zu solcher Wut. Er wagte es, ihm weitere Zeit zu rauben! Tja, und Zeit hatte er keine mehr. Der Magier schüttelte sachte den Kopf. Mal wieder so viel Stress an einem Tag. Und ganz sicher nimmt weder sein Freund, noch sein Mentor derartige Ausreden hin, das konnte er sich abschminken. So nahm er die Beine in die Hand und hoffte, den Schaden so gering wie möglich halten zu können.

triformis/kapitel2.txt · Last modified: 2013/08/26 11:40 by Vehementis ea Veritas