User Tools

Site Tools


stalingrad

Stalingrad

von Schattenfeuer

Leise verklingt das Pochen meines Herzens. Gierig wird mein rotes, rotes Blut von dem unberührten Schnee aufgesogen. Ich wünschte, ich könnte sagen, mein rasselnder Atem wäre das einzige Geräusch, welches diese Landschaft in ihrer gnadenlosen Schönheit stört. Doch so ist es nicht. Schreie von Sterbenden, von diesen schrecklichen, schrecklichen Waffen getroffen, zerfetzt, verstümmelt, aus dem Leben gerissen. Das dumpfe Donnern der Panzer. Das knatternde Peitschen der Maschinengewehre. Und überall dem liegt das bösartige Fauchen des eisigen Windes.

Ich huste, röchele. Ich will nicht sterben. Will wissen was mit meiner Mannschaft passiert ist. Doch ich kann mich nicht mehr bewegen. Leben sie noch? Habe ich sie bei meinem Sturz zerquetscht? Kein Knochen in meinem geschuppten Leib ist mehr heil. Alle sind sie in viele, scharfe Splitter zersprungen. Die Farbe meiner Schuppen lässt sich unter all dem dickflüssigen Blut, dem aufgerissenen Fleisch und dem klebrigen Schnee nicht mehr identifizieren. Blut. Es ist überall. Fließ aus dem Stumpf, der einst mein rechter Flügel war. Abgetrennt durch Granatenschrapnelle. Mitten im Flug. Eine Explosion von Schmerz. Ich hoffe, meine Mannschaft, mein Kapitän, bitte, sie sollen nicht die gleichen Schmerzen erleiden, wie ich. Hoffentlich behandeln diese Soldaten mit dem Banner unseres Feindes sie gut. Sie sind keine schlechten Menschen. Nur von den Lügen eines Mannes verführt und verblendet.

Es geht mit mir zu ende. Ich spüre es. Der Schnee ist auf einmal nicht mehr so kalt. Die Schrapnelle in meiner Seite tun nicht mehr weh. Mein Blickfeld verdüstert sich immer mehr. Was für eine Ironie. Dies soll unsere rechtmäßige Heimat sein? Diese Eishölle? Stalingrad? Alles, was unsere einst so glorreiche Armee hier findet ist Tod und Verderben…

….

……

„Brunn?“, der blonde Mann mit dem strengen Scheitel hebt nicht mal den Kopf von seinem Notizbuch.

„Was ist, Amicus?“, fragt er mit ruhiger, angenehmer Stimme. Hinter ihm raschelt es, Schuppen reiben aneinander. Ein großer Kopf taucht über ihm auf. Große gelbe Augen huschen nervös über den dunklen Himmel.

„Morgen werden wir kämpfen, oder?“, Amicus wirkt unruhig. Die langen Krallen scharren über den hartgefrorenen Boden. Fast so, als könnte der Drache es nicht mehr erwarten. Brunn legt das Notizbuch und den Füllfederhalter weg. Stattdessen nimmt er sich nun sein Maschinengewehr und kontrolliert die Waffe sorgfältig.

„Noch lange nicht, Freund. Wir müssen noch ein Stück weit in den Osten vordringen. Wir warten, bis die Bodentruppen aufschließen und fliegen dann weiter.“, erklärt der Mann freundlich. Der Drache – Amicus – wiegt abschätzend den Kopf hin und her. Der zusammengefaltete Membran der großen Schwingen knistert leise, als sich das prächtige Tier wieder zusammenrollt.

„Liest du mir wieder etwas vor?“, die gelben Augen blicken wie die eines Kindes. Unschuldig und flehend. Brunn seufzt und blättert in einem Buch mit vergriffenem Einband. Seine ruhige Stimme wird energischer, je mehr er sich in Rage redet, die giftigen Worte eines anderen in die Welt hinauslässt…

….

……

Schrilles Schreien, schmerzerfülltes Kreischen. Die Hölle. Unter ihnen, nichts. Schnee, Eis. Kälte. die brennenden Wracke zerstörter Panzer. Amicus fliegt so schnell seine Schwingen ihn tragen. Hinter ihm ein ganzes Geschwader feindlicher Drachen. Einer der kleineren, silbrig geschuppten Drachen öffnet das spitz zu laufende Maul und spuckt einen Strahl ätzenden Giftes.

Mit einem gewaltigen Kraftaufwand reißt Amicus seine Körpermaße herum, dreht sich einmal um die eigene Achse und schüttelt den kleineren Eisenflügel ab. Stolz präsentiert er seinen Feinden das Banner mit dem Emblem seiner Armee. Sie sollen wissen, wer sie besiegte.

Die Eisenflügel verteilten sich, Wölfen gleich. Ihre Kapitäne lachen über das blutrote Banner an Amicus‘ Geschirr. Verspotten den weißen Kreis mit dem schwarzen Kreuz mit den spitzen Ecken. Nennen den Kriegsherrschen einen machtgierigen Irren. Diese Beleidigung ließ Amicus nicht auf sich sitzen. Brüllend greift er an. Und tappt genau wie seine Armee in eine Falle.

Die Eisenflügel scheren auseinander, etwas explodiert. Grelles Licht, hohes Pfeifen. Ein ohrenbetäubendes Krachen. Das satte Schmatzen von glühenden Metallsplittern, welche sich in Fleisch, Muskel und Sehnen bohren. Es knirscht, dann fällt er. Wird gierig von der Erde angezogen. geschockt kann Amicus beobachten, wie seine Schwinge zuckend an ihm vorbei fällt, ihn überholt und, eine Wolke aus feinem Schnee aufwirbelnd, auf dem harten Boden aufschlägt.

Sein Schrei hallt über die Schneeebene, vermischt sich mit denen der Soldaten, der Drache zu einem höllischen Chor, während die peitschenden Schüsse die Violinen in dieser Höllensymphonie mimen. Digiert von den Teufeln in ihren sicheren Festungen. Sie waren nichts als Figuren in dem Spiel zweier Tyrannen. … …. ….. Am 3. Dezember 1933 schlüpfte eines der wenigen, exportierten Eier in dem Stützpunkt der Luftwehrmacht nahe Berlin.[…] Der Schlüpfling wählte einen, dem neu gewählten Reichskanzler loyalen Mann als Kapitän. Wegen seines eher sanften Wesens wählte der Unteroffizier Brunn den Namen Amicus, Freund. Der frisch geschlüpfte Drache folgte seinem Kapitän wie ein kleiner Hund.[…] Knapp drei Monate später hatte Amicus seine volle Körpergröße von stolzen 12 Metern erreicht. Er war einer der wenigen Drachen, welcher von dem Herrscher des Landes persönlich ausgezeichnet wurde.[…] Die Spur Amicus‘ , seiner Mannschaft und Kapitän Brunn verlieren sich in Stalingrad. Vermutlich sind sie gefallen oder verschollen.

[ Die Akte ‚Amicus‘ gilt als geschlossen und wurde durch einen Brand im Jahre 1989 zerstört. Bis heute weiß niemand über das Schicksal des Drachen, seiner Mannschaft oder seines Kapitäns, Michael Brunn, bescheid. Sie gelten weiterhin als verschollen…]

stalingrad.txt · Last modified: 2013/03/20 21:20 (external edit)