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skalli:kapitel_15

Eine alte Feindin

Disclaimer: Alle verwendeten Figuren sind geistiges Eigentum von Naomi Novik und entstammen dem Temeraire-Universum


Eine alte Feindin

Schnaubend richtete Skalli sich auf und machte sich bereit, in den Schneesturm zu fliegen. Einen Moment dachte sie noch darüber nach, ob es nicht sinnvoller sein könnte, sich anzuschleichen, aber sie verwarf den Gedanken. Die Französischen Drachen sollten sie sehen, hier im Schnee, in ihrem Element. Sie würden lernen müssen, dass niemand einfach so Williams und ihre anderen Freunde stehlen konnte. Sich anzuschleichen wie ein kleines Küken schien ihr da unangebracht. Aber, so dachte sie, zumindest bis sie Williams erreicht hatte sollte sie sich ruhig verhalten, ansonsten würden diese feigen Zweibeiner ihn noch als Geisel nehmen und sie zur Aufgabe zwingen – wenn sie ihn nicht schon getötet hatten. Sie spürte, wie alles in ihr sich zusammenkrampfte. Nein, das konnte nicht sein. So dumm würden sie nicht sein. Wieder erinnerte Skalli sich an den verzweifelten Kampf und wie Williams fiel. Immer wieder das Bild, wie er von ihrem Rücken in herabstürzte. Es war nicht sehr hoch gewesen, aber unter ihm hatte eine Schlacht getobt… Wenn er gestorben war, dann war es ihre Schuld. Nein, er lebte, sie wusste es. Man konnte Williams nicht so leicht töten und nun war es an ihr, ihren Fehler wieder gutzumachen und ihn zu retten.

Der Sturm belebte Skalli, es war, als würde das Toben um sie herum ihr wieder Kraft verleihen und trotz des heftigen Schneefalls konnte sie ihre Umgebung klar erkennen. Sie befand sich an einem verschneiten Berghang hoch im Gebirge, um sie herum konnte sie nichts sehen, als den Schneesturm und weitere Gipfel. Unter ihr führte der Berghang, dessen dichte Schneedecke nur ab und zu von einem vereinzelten Baum oder Felsen durchstoßen wurde, steil hinab in eine Art verschneites Tal, wo sie schwach einige menschliche Behausungen ausmachen konnte – das französische Quartier, wie sie vermutete. Außerdem sah sie einen großen Schatten, der ziemlich schnell den Berghang hochgeschossen kam und im nächsten Moment erschütterte ein ohrenbetäubendes Brüllen das Tal. Alarmiert breitete Skalli die Flügel aus und sprang senkrecht in die Luft, während sie das Brüllen mit einem scharfen Zischen beantwortete. Keine Sekunde zu spät, denn das große französische Schwergewicht vor ihr, das sich schon bereit gemacht hatte, sie mit den langen Klauen am Berghang aufzuspießen wie einen Fisch bremste jetzt scharf ab. Stattdessen begann der viel größere und offensichtlich männliche Drache sie nun zu umkreisen. Seine dunkelblauen Schuppen glitzerten eindrucksvoll im Schneegestöber, seine kleinen fast weißen Augen schienen sie zu durchbohren, doch sie konnte auch sehen, dass der helle Schnee ihn blendete, die größte Schwäche der nachtaktiven Drachen, denn bei dem Drachen handelte es sich offensichtlich um einen Fleur de Nuit, die mächtigsten französischen Feuerspucker. Die Situation gefiel ihr, offensichtlich schien der andere Drache von ihrer selbstbewussten Haltung verunsichert, außerdem war er unangeschirrt, sie musste sich also keine Gedanken über Kanonen oder andere menschliche Waffen machen. Skalli beschloss, die Situation auszunutzen, sie legte den Kopf in den Nacken und spie eine Eiswolke in den Himmel, die den Sturm durchteilte und durch den Schneefall noch an Kraft gewann. Sie ließ einige Sekunden den tödlichen Blizzard aus ihrem Maul strömen, bevor sie knackend ihre Kiefer zuklappte. Mit Genugtuung sah sie, dass der andere Drache nun noch nervöser geworden war, offenbar wusste er mit der Situation nicht umzugehen, doch er fing sich wieder und beantwortete ihre Vorstellung mit einem tiefen Grollen, dass klang, als würde… Sie brauchte einen Moment um zu verstehen, dass er sie auf Französisch ansprach. „Ich spreche kein Französisch“, erklärte sie auf Englisch. Der andere Drache musterte sie jetzt noch misstrauischer, falls das überhaupt ging, bevor er auf gebrochenem Englisch fragte: “Woher kommst du? Weißt du nicht, dass dies hier ein Sperrgebiet ist?“ Skalli sah ihn überrascht an und vergaß beinahe, dass sie den anderen Drachen eigentlich beeindrucken wollte: „Aus England, deshalb spreche ich Englisch. Sperrgebiet? Ihr meint, weil ihr Leute hier einsperrt? Wir waren auf der Durch…“

„Du gehörst zu den Gefangenen?“, schnitt der Franzose ihr scharf das Wort ab „Dann muss ich dich jetzt zurück in die Festung bringen. Ich hoffe, du kommst freiwillig mit zurück. Wie bist du überhaupt entkommen?“ Wortlos deutete Skalli mit dem Kopf auf das Loch in der Höhlenwand. Erstaunt starrte der Fleur de Nuit auf die Stelle, wo noch Minuten zuvor eine hohe Schneedecke die unbeschadete Felswand bedeckt hatte, wo jedoch nun ein Loch klaffte das aussah, als wäre ein Drache hindurchgebrochen – was keineswegs überraschend war. Diesen Moment der Fassungslosigkeit nutze Skalli. Mit einem lauten Kreischen – sie würde noch daran arbeiten müssen, es klang zu schrill um furchteinflößend zu sein – stürzte sie sich auf den größeren Drachen. Wie ein Pfeil krachte sie in seine Seite ein bevor er überhaupt reagieren konnte und gemeinsam schlugen sie in die Felswand ein, wobei Skalli den Aufprall mit dem Körper des anderen Drachen abfing. Stöhnend und Kreischend versuchte der Fleur de Nuit Halt zu finden, oder Skalli von sich wegzudrücken, aber sie klammerte sich an ihn und grub ihre Klauen in seine Flanken. Während sie rangen tobte um sie erbarmungslos der Schneesturm, was Skallis Kraft und Willen den eigentlich stärkeren Gegner niederzuringen noch verstärkte. Der Fleur de Nuit hingegen schien zunehmend schwächer zu werden, während die Kälte sich in die Wunden an seiner Seite fraß. Das schien ihm bewusst zu sein, denn in seinen Augen stand Panik. Gerade noch rechtzeitig sah Skalli das Feuer, welches sich in seinem geöffneten Maul zusammenbraute. Sie stieß sich von ihm ab und gab ihm dabei noch einen Stoß. Unter ohrenbetäubendem rumpeln und Gekreische kullerte der verletzte Fleur de Nuit den Hang hinab und löste dabei gleich eine ganze Reihe von kleinen Lawinen aus, die sich zusammen mit dem Drachen einen Weg den Hang hinunter, geradewegs auf das französische Lager zu bahnten. Sie konnte unten hektische Bewegungen ausmachen und sie meinte, Gebrüll durch d0as Getöse des Schneesturms hören zu können. So viel zum Thema unauffällig verhalten. Unschlüssig, was sie jetzt tun, sollte schwebte sie einige Sekunden in der Luft, bevor ihr wieder einfiel, in welcher Gefahr Williams schwebte. Sie musste jetzt schnell handeln, bevor die da unten auf irgendwelche dummen Gedanken kamen. Mit dieser Sorge und dem immer stärker werdenden Wunsch Williams wiederzusehen stürzte sie sich mit angelegten Flügeln in die Tiefe auf das Lager der Franzosen zu, welches nun rasch näher kam.

Nun konnte sie auch mehr Einzelheiten ausmachen: Das Lager bestand aus ein paar kleineren Häusern, deren Aufgabe Skalli nicht kannte, doch das Herzstück des Lagers bildete ein großes Tor, das in einer Mulde im Boden direkt in den Berg hineinführte, scheinbar lag dort auch der Eingang zu dem Gefängnis aus dem sie soeben geflohen war. Sie spürte, wie ihre Hoffnung jäh abnahm. Es musste riesig sein, wenn sie bedachte, wie weit entfernt ihre ehemalige Zelle lag. Wenn man Williams tatsächlich dort gefangen hielt würde sie ihn vielleicht nicht finden können. Sie blickte wieder in das inzwischen verhasste französische Lager. Gerade stiegen zwei kleine Drachen in die Luft, jedoch scheinbar nicht um Skalli anzugreifen, sondern um den Fleur de Nuit zu bergen, überhaupt schien dort unten niemand Notiz von ihr zu nehmen. Hatte man den Angriff etwa doch noch nicht bemerkt und hielt das ganze wohlmöglich für einen Unfall? Gut möglich, schließlich war das ganze fast außer Sichtweite des Lagers geschehen, Skallis Schuppenfarbe machte sie vor den verschneiten Hängen fast unsichtbar und bei der Kälte konnte so ein Unfall schon mal passieren – hoffte sie. Skalli verlangsamte ihren Sturzflug und als sie weiterhin unbemerkt schien wollte sie sich gerade hinter einem Felsen verstecken, als hinter ihr eine Stimme knurrte: „Wohin des Weges, Küken?“ Wie ein Blitz fuhr Skalli herum, dabei schlug ihr Schwanz gegen den Felsen, sie unterdrückte ein Knurren als sich dort ein schmerzhaftes Ziehen breitmachte. Hinter ihr schwebte ein Drache, ein Flamme de Gloire, wie sie erkannte. Dem Drachen fehlte eine Vorderklaue, sein Gesicht war vernarbt und das eine Auge war offensichtlich erblindet… Accendare. Verschiedene Gefühle machten sich in ihr breit, als sie den Drachen erkannte. Angst und Schrecken, aber auch der Wille sich zu beweisen und für die schandhafte Niederlage zu rächen, die er ihr beigebracht hatte. Wie ein junges Kätzchen hatte Accendare sie bei ihrem letzten Kampf mit einer Klaue hochgehoben und beinahe erwürgt und bei lebendigem Leibe gegrillt. Maximus, der Königskupfer aus Temeraires Formation hatte sie damals vor der starken Flamme de Gloire gerettet. Sie würde dem hinterhältigen Biest nicht noch einmal auf den Leim gehen.

„Es muss dich viel Mut gekostet haben, mich wieder anzugreifen, nach alledem“, spuckte sie aus „Wie konntest du es wagen meinen Kapitän zu stehlen?“ „Ich habe deinen Kapitän nicht gestohlen“, erklärte die Flamme de Gloire ruhig und sachlich und in überraschend klarem Englisch, Skalli nahm nur am Rande wahr, dass auch sie alleine war und kein Geschirr trug. Accendare zeigte kein Anzeichen davon, dass sie sich an Skalli erinnerte und Skalli konnte nicht sagen, warum sie deshalb irgendwie enttäuscht war. Accendare fuhr fort: „Ich bin hier um dich zu bitten den Unfug zu lassen. Der König hat Kapitän Williams in seiner Gewalt, genauso wie die Anderen, Kapitän Laurence und Temeraire, diesen Spion mit seinem schwarzen Küken und den Drachen mit der Brille, obwohl der es wohl kaum noch lange machen wird. Wenn du unbedingt unser Heim zerstören willst, dann nur zu, aber deinen Freunden wirst du damit nicht helfen.“

Dass das Angebot, alles zu zerstören, kein Angebot war, war Skalli klar, genauso wie die Tatsache, dass sie eigentlich rein gar nichts tun konnte. Sie fragte sich jedoch, ob sie die Franzosen vielleicht soweit reizen konnte, dass sie Williams an die Oberfläche bringen könnten, dann wüsste sie wenigstens ob er noch lebte. Es war zwar riskant, aber dennoch ihre einzige mögliche Chance, Williams zu befreien. Andernfalls könnten die Franzosen einfach etwas behaupten um sie zu fangen und in Wahrheit… Skalli schnürte sich die Brust zu, als sie wieder an die Möglichkeit dachte. Nein, Williams lebte und sie würde einen Weg finden ihn zu befreien. Der Plan, die Franzosen dazu zu bringen, ihn ihr zu zeigen, gefiel ihr, so könnte sie sich auch an Accendare rächen. „Wird’s bald?“, fragte die Flamme de Gloire barsch. Skalli zögerte mit der Antwort, während die beiden sich, durchgeschüttelt vom Schneesturm, mit Blicken durchbohrten, dann, als Accendare gerade für eine Sekunde mit einer stärkeren Böe zu kämpfen hatte, stürzte sie sich mit erhobenen Klauen auf ihn…

… Schmerz… Die Luft um Skalli herum stand in Flammen, sie konnte nichts sehen, spürte nur am ganzen Körper einen furchtbaren Schmerz, der alles betäubte, ihre Schuppen schmolzen, ihre Haut schien sich zu lösen… Sie schloss die brennenden Augen, schrie verzweifelt… Sie wollte sich losreißen, doch sie konnte nicht, die Welt um sie hörte auf zu existieren, die Zeit wurde bedeutungslos… Sie kreischte, ein übernatürlicher furchtbarer Laut der Panik. Der Schmerz fraß sie auf, würgte und erstickte sie… Und auch ihr Kreischen. Obwohl sich alles in ihr sträubte ließ sie sich fallen in einem verzweifelten Versuch, zu entkommen, die Flammen verschwanden, als ihr kompletter Körper hart aufschlug, der Schmerz war unerträglich… Dann ließ sie los und entglitt dankbar in die Schwärze, doch ein Gefühl des Versagens war ihr letzter Eindruck…

eure saphira

skalli/kapitel_15.txt · Last modified: 2013/11/01 10:36 by Terminator