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Kapitel 1

Disclaimer: Alle verwendeten Figuren sind geistiges Eigentum von Naomi Novik und stammen aus dem Temeraire-Universum.


Das Ei schlüpft

Als John Williams an diesem Morgen auf den Hof des Drachenstützpunktes von Loch Laggan trat, schien das erste Mal seit langem wieder die Sonne. Es war ein harter Winter gewesen und alle waren froh, die Sonne wieder zu Gesicht zu bekommen. Auch die Drachen genossen den Wetterumschwung und räkelten sich auf dem Hof. Der Hof war eine runde, von den Mauern des Stützpunktes umgebene Fläche, dessen Steine von den darunter befindlichen Bädern erwärmt wurden, was ihn, vor allem im Winter, zu einem beliebten Aufenthaltsort für die Drachen machte. Williams ging über den Hof zu der Treppe, die zu den beheizten Räumen mit den Dracheneiern führte, welche ebenfalls von den heißen Dämpfen der Bäder erwärmt wurden. Seine Aufgabe war es, die Eier zu pflegen und zu melden, wenn eins der Eier sich verhärtete. Die Verhärtung eines Eis war ein Zeichen, dass dieses bald schlüpfte. Er untersuchte jedes Ei und sprach mit ihm, was wichtig war, damit die noch ungeschlüpften Drachen bereits im Ei die englische Sprache erlernten. Denn Drachen lernten ihre Sprache durch die Eierschale hindurch. Die Drachen waren auf einem langen Gang in verschiedenen beheizten Räumen untergebracht. Neue Züchtungen, Geschenke und Ähnliches wurden in separaten Räumen gelagert. Als letztes kam er in den Raum mit dem nordischen Ei. Der Raum selbst war einfach eingerichtet: Ein flaches Podest, das in der Mitte des Raumes stand, mit dem Ei auf einem Kissen in der Mitte und ein großer Eichentisch neben der Tür mit ein paar Stühlen. Durch ein Gitter in der Decke, genau über dem Podest, fiel Licht ein. Das nordische Ei war ein Geschenk der Norweger gewesen, und da man weder wusste, von welcher Art seine Eltern waren, noch was für ein Drache schlüpfen würde, hatte man ihm einfach diesen Namen gegeben. Aus dem Ei hörte man neuerdings häufiger Geräusche, doch hatte es seltsamer Weise noch nicht mit dem Vorgang des Verhärtens begonnen. Aber vielleicht war das bei den Eiern der Norweger einfach so.

Als er den Raum betrat, bemerkte er sofort die Veränderung: Das Ei glitzerte im Licht, das durch das Gitter in der Decke drang. Als er näher kam, sah er, dass sich über der Eierschale eine dünne Eisschicht gebildet hatte. Während er sich noch fragte was das bedeuten könnte, sie waren ja in beheizten Räumen, hörte er ein Ticken aus dem Ei. Das ticken bedeutete, dass der Drache unmittelbar vor dem Zeitpunkt des Schlüpfens stand. Williams hatte keine Ahnung wie der Jungdrache das geschafft hatte, doch er musste augenblicklich Meldung machen. Er verließ eilends den Raum, um den Admiral zu benachrichtigen. Er hatte Glück: Admiral Roland stand draußen auf dem Hof und unterhielt sich mit ihrem Drachen Excidium, einer von Englands besten Langflüglern.,,Admiral“, rief er von weitem außer Atem, „Admiral! Das Nordische Ei!” Roland drehte sich um und runzelte die Stirn. „Was ist mit ihm?“, fragte sie. “Das Nordische Ei! Ich glaube, es schlüpft!” Es waren keine weiteren Worte mehr nötig. Roland rannte ins das große Hauptgebäude, um den Kapitänsanwärter und einen Drachenarzt zu holen, Williams rannte zurück zum Drachenei. Roland und die anderen kamen gerade noch rechtzeitig. Es bildeten sich bereits feine Risse in der Schale. Der Kapitänsanwärter, ein junger Mann namens Grey, er war mittelgroß mit dunkle kurz geschnittene Haare und ironischerweise ganz in Grau gekleidet, stand vor dem Ei mit dem Geschirr in der Hand. Das Anschirren wurde immer vom zukünftigen Kapitän ausgeführt. Danach gab der Kapitän dem Drachen einen Namen und dann gehörten Drache und Kapitän offiziell zusammen. Williams und Grey kannten sich, hatten aber nie ein besonderen Umgang mit einander gepflegt, doch Williams wusste, was es für Grey bedeutete, und gönnte ihm seine Chance. Die Risse in der Eischale wurden immer größer. Auf einmal ging ein Zittern durch das Ei und es zersprang. Inmitten der Schalenreste saß der merkwürdigste kleine Drache, den Williams je gesehen hatte.

Er war schneeweiß und seine Schuppen glänzten wie Eis. Er war dünn und sehr lang und im Vergleich zu anderen Jungdrachen sehr klein. Er hatte keine Vorderbeine, sondern stärker ausgebildete Klauen an den Flügelgelenken die er als Vorderbeine benutzte. Dadurch ragten seine Flügelspitzen nach oben. Grey trat einen Schritt auf den kleinen Drachen zu, das Geschirr in der Hand. Der kleine Drache legte den Kopf schief und sah ihn mit durchdringenden, tiefen blauen Augen an. Grey tat noch einen Schritt und hob das Geschirr… Der kleine Drache öffnete das Maul, ein Strahl schoss heraus und Greys Arme erstarrten in der Bewegung. Verdattert sahen alle auf Greys Arme: Sie waren mit Raureif überzogen. Dann starrten alle den Jungdrachen an. Er machte sich nichts daraus und begann, sich die Schalenreste vom Körper zu picken, als wären sie gar nicht da. Williams machte schnell seinen Mund zu, als er bemerkte, dass dieser vor Erstaunen offen stand. Er erinnerte sich nicht, schon je zuvor von einem Eisspucker gehört, geschweige denn einen gesehen zu haben, doch hier hatte er offensichtlich einen vor sich. Der kleine Drache warf Grey einen vorwurfsvollen Blick zu und quiekte, was vermutlich einem Fauchen gleichzusetzen war. Dann duckte er sich und sprang mit einem unglaublichen Satz durch den ganzen Raum auf den Tisch, wo er, um nicht auf dem glatten Holz wegzurutschen, seine Klauen tief in die schöne eichene Tischplatte grub. Dann sprang er hoch in die Luft, breitete die Flügel aus und flog flatternd zur Wand, an der er geschickt hinaufkletterte. dabei krallte er sich mit seinen Hinterbeinen fest, schlug die Klauen in die Wand und zog sich dann hoch. Das alles ging unglaublich schnell und ehe sich Williams versah, hing der Drache auch schon kopfüber an der Decke und musterte die Menschen unter ihm interessiert, als betrachte er ein spannendes Experiment. William hatte einmal gehört, dass viele Drachen im Norden in Eis- und Felsspalten lebten. Dort brachte der Körperbau des kleinen Drachen einiges an Vorteil mit sich. Jetzt kam auch Bewegung in die Menschen. Grey kam auf die Stelle zu, unter der ein wütender kleiner Drache hing und ihn anquiekte. Unvermittelt tat Grey Williams Leid, wie er so verzweifelt dastand. Es war der Traum eines jeden im Korps, einmal einen eigenen Drachen zu besitzen und wenn man einmal eine Chance bekam, war es ungewöhnlich, dass man sobald eine neue erhielt. Dann stieß er sich vom Gitter ab und flatterte in Williams Arme.

Er konnte unter den rauen Schuppen den Herzschlag des Drachen spüren. Der kleine Drache schmiegte sich an seine Schulter und gähnte zufrieden. ,,Und jetzt“, verkündete er mit einer hohen Stimme, „habe ich Hunger und außerdem”, fügte er noch hinzu, „hätte ich gerne einen Namen.“

eure saphira


Link zu Kapitel 2

skalli/kapitel_1.txt · Last modified: 2013/03/20 21:20 (external edit)