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Schwarzer Engel

Ein Glockenschlag ertönte. Murray öffnete seine Augen. Über ihm war das Weiß des Himmels, so klar und hell, dass es seinen Augen schmerzte. Wieder ertönte ein Glockenschlag. Das musste der Himmel sein. Anscheinend war es aus mit Murray. Er musste im Kampf mit den Franzosen gestorben sein. Franzosen? Da war doch was. Ein Krieg, genau, eine Schlacht. Plötzlich sah er über sich einen Engel. Doch irgendetwas war komisch mit diesem Engel. Er war so… dunkel, ja er war schwarz. “Sind Engel nicht weiß?”, fragte sich Murray als ein neuer Glockenschlag ertönte. Plötzlich öffnete der Engel seinen Mund und fing an zu singen. Doch er sang nicht wundervoll und lieblich wie in all den Geschichten. Sein Gesang war schrecklich und fürchterlich, wie das Brüllen eines Tieres. Im letzten Moment rollte sich Murray zur Seite und wich dem Schwanz des niedersausenden Engels aus. “Das ist kein Engel!”, erinnerte sich Murray schreckartig, “Das ist ein Drache! Und die Glocken waren Kanonen!” Er war in einer Seeschlacht. Bevor er diesen Gedanken fortführen konnte, wurde er von dem kreischenden Geräusch von Holz, dass von einer Kanonenkugel in Stücke gerissen wird, abgelenkt. Murray rappelte sich auf und fing an, über das Deck zu rennen. Links und rechts von ihm wurde das, was von seiner Crew noch übrig war, von Kanonen oder Gewehren in Stücke gerissen. Er musste zum Lagerraum, um vielleicht doch noch sein Schiff zu retten. Während er über die Holzplanken sprintete, spürte er, wie eine Kugel seine im Wind flatternde Jacke durchlöcherte und seine Haut streifte. Trotz des glühenden Schmerzes rannte Murray weiter, da er wusste, dass ein solcher Streifschuss auf kurze Sicht nicht gefährlich war. Endlich erreichte er eine Luke und sprang unter Deck. Schnell fand er die Tür zum Lagerraum und betete, dass die Kiste mit den Leuchtpistolen noch intakt war. Obwohl eine Kanonenkugel quer durch das Schiff geflogen war und die dem Feindschiff abgewandte Seite des Raumes weggerissen hatte, war die Kiste unversehrt und er konnte eine Leuchtpistole geladen mit einer Leuchtgranate entnehmen. Ohne sich die Mühe zu machen, an Deck zu klettern, schoss Murray die Leuchtpistole aus der offenen Wand des Bootes heraus und hoffte, sie würde hoch genug steigen. Die Farbe war orange, was „im Kampf“ und „in Not“ bedeutete. Nur wenige dutzend Meilen von hier gab es Linienschiffe, die dem Feindschiff den Garaus machen würden wenn sie es nicht sogar schafften, sein eigenes Schiff, die Amelie zu retten. Er machte sich wieder auf den Weg an Deck, da er wusste, dass er in einer Seeschlacht innerhalb des Schiffrumpfes nicht lange überleben würde. Auf dem Deck wiederum gab es weniger Gefahr durch Kanonengeschosse und vor den Gewehren konnte man in Deckung gehen. Erst als Murray sich auf dem Deck hinter ein paar Holzfässer gesetzt hatte, bemerkte er, dass außer ihm niemand mehr an Deck war. Naja, zumindest kein Mensch. Mit einem lauten Krachen landete der schwarze Drache auf der Oberfläche des Schiffes und starrte ihn mit funkelnden Augen an. Das Feindschiff hatte sich schon weggedreht und war im Begriff, den Schlachtort zu verlassen. Sie hatten die Leuchtgranate von Murray gesehen und wussten, dass sie niemals die Amelie als Prise in einen heimatlichen Hafen bringen würden, bevor Verstärkung käme. Nun waren nur noch Murray und der Drache auf dem Deck. Der schwarze Drache war für einen Drachen nicht besonders groß und hatte überraschenderweise keine Besatzung. Wahrscheinlich war er ein exotischer Drache aus Amerika, der sich nicht hatte anschirren lassen. Immerhin würde er wild und unkontrolliert kämpfen. Langsam stieg Murray aus seiner Deckung. Eine leichte Brise strich über seine Haut und linderte den Schmerz der zahllosen Holzsplitter, die in seiner Haut steckten. Erst jetzt bemerkte Murray die Ruhe, die ihn umgab. Nichts war zu hören außer dem Schnaufen des Drachen und dem Geräusch der Wellen die gegen die Schiffsplanken schlugen. “Ein Duell mit einem Drachen? Wenigstens eine ehrenvolle Art zu sterben. Aber ich werde es dir nicht einfach machen, hörst du?” Murray wusste nicht, ob der Drache ihn nicht verstand oder es ihm egal war, jedoch zeigte er keine Reaktion. Für mehrere Sekunden standen die beiden Kämpfer mehrere Meter von einander entfernt und starrten sich an. Dann zerstörte der Drache diese Ruhe und sprang vor. Dem ersten Hieb des Drachen konnte Murray ohne große Probleme ausweichen, indem er zurücksprang, doch als der Drache mit dem anderen Vorderbein direkt nachsetzte, konnte Murray nur mit Mühe den Klauen entgehen, indem er sich zur Seite schmiss und abrollte. Ohne Murray viel Erholungszeit zu lassen, attackierte der Drache wieder und versuchte, nach Murray zu schnappen. Dieser schaffte es jedoch, sich hinter ein Fass zu rollen, das der Drache an seiner Stelle packte und in der Hälfte durchbiss. Plötzlich füllte sich die ganze Luft mit dem Schwarzpulver, das in dem Fass gewesen war und der Drache fing an zu husten, doch auch Murray entging dem feinen Pulver nicht und seine Augen fingen an zu tränen, was ihn dazu zwang sich zurückzuziehen, um nicht blind überrascht zu werden. Das erste, das Murray sah, als er wieder die Augen öffnete, war der Drache, der wutentbrannt auf ihn zustürmte. Doch Murray, der schon jahrelange Kampferfahrung hatte, wusste, dass es nicht die kontrollierte Wut eines Kämpfers mit Feuer im Herzen war, sondern die unkontrollierte und wilde Wut eines verärgerten Tieres. Genau wie bei einem Menschen konnte er die Gedanken seines Gegenübers aus seinen Augen lesen, und als dieser seine Pranke hob, um Murray endgültig zu töten, machte Murray einen unerwarteten Ausfall in Richtung des Drachen. Um Murray mit seinen Klauen zu erwischen, musste er sein Vorderbein näher an seinen Körper bewegen, was die Geschwindigkeit des Körperteils stark verringerte und es Murray ermöglichte, über die ausgestreckten Klauen zu springen und im Umdrehen mit dem Säbel die Haut quer über die Pranke aufzuschlitzen. Für eine Sekunde, die wie eine Ewigkeit schien, hielt der Drache still, da er es nicht begreifen konnte, dass dieses mickrige Wesen es geschafft hatte, ihn zu verwunden. Murray hingegen blieb trotz seiner Überraschung über die gelungene Durchführung seines waghalsigen Manövers hochkonzentriert und nutzte die Chance, um dem Drachen den Säbel direkt in die Brust zu stoßen. Dies erweckte das Tier aus seiner Starre und mit einem lauten Gebrüll hieb er auf Murray ein. Die Tatsache, dass sich der Drache seine Pranke aufspießte, da Murray seinen Säbel bereits herausgezogen und in Richtung der heranstürmenden Klauen des Drachen ausgerichtet hatte, störte diesen nicht und Murray flog quer über das Deck. “Das war es jetzt wohl.”, dachte sich Murray. “Immerhin habe ich ihn verletzt, das können nicht viele von sich behaupten.” Als Murray aufschlug, spürte er mehrere Knochen brechen, doch konnte er einen Aufschrei unterdrücken. Er hatte es immer als ein Zeichen von geistiger Stärke empfunden, bei starkem Schmerz nicht zu stöhnen oder zu schreien, und selbst in seinen letzten Momenten wollte er sich daran halten. Er wurde unsanft von der Reling gebremst und richtete sich nur mit Mühe auf. Seinen Säbel konnte er nicht finden, doch beim Suchen fiel sein Blick auf eine Kiste, die die blau-grüne Markierung des Familienwappens seines ersten Offiziers hatte. Murray öffnete die Kiste, deren Schloss völlig zerstört war, in der Hoffnung eine Pistole oder andere Waffe zu finden, jedoch sprang ihm ein Fläschchen mit einer durchsichtigen Flüssigkeit ins Auge. Das Curare! Sein erster Offizier hatte immer ein zweites Leben als Alchemist geführt und von den Eigenschaften und Effekten verschiedener exotischer Flüssigkeiten geschwärmt. Er hatte ihm an einem Abend auch von Curare erzählt, das in Südamerika weit verbreitet ist. Das Gebrüll des Drachen erinnerte Murray wieder an seine Situation. Er nahm die Flasche, und ohne viel nachzudenken, leerte er sie in seinen Mund und warf sie über Bord. Als er sich umdrehte, zückte er sein kleines Schnitzmesser, das er immer dabeihatte und sah dem Drachen, der sich nur ein paar Meter von ihm entfernt befand, direkt in die Augen. “Du wirst an deinem Mahl verrecken” Noch während sich das gigantische Maul des Drachen über seinem Körper schloss, schnitt Murray ihm mit dem Messer quer über die Zunge.

Obwohl der Drache siegreich das Schiff verließ, erreichte er nie das Festland.

von Golol

schwarzer_engel.txt · Last modified: 2014/01/09 17:42 by Golol