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ran_ghor:kapitel_4

Ran Ghor; Provinz Doran; Hauptstadt Mehran 613 n. Ghr. Zr.

Es gibt diese Tage, da hatte man bereits beim Aufwachen das Gefühl, man sollte besser liegen bleiben. Nicht aus Faulheit oder Müdigkeit, sondern weil dieser hauchzarte, kaum wahrnehmbare Geruch von Ärger in der Luft lag wie eine flüchtige Wolke bitteren Parfüms. Seit Anbeginn des Krieges lag dieser Geruch über Doran, hatte sich mittlerweile zu einem Gestank gesteigert, doch heute, heute war es etwas anderes. Noch bevor die Sonne sich schlaftrunken aus ihrem Nachtlager hinter dem fernen Horizont erheben und ihren Jahrmillionen alten Pfad über das blaue Himmelszelt folgen konnte, befreite Savanian sich aus der Umarmung seiner Gefährtin. Seine farblos stumpfen Schuppen schabten mit einem rauen Geräusch über die Kissen und den weichen Stoff, raschelten leise als der graue Drache den Schweif schlaff hinter sich her zog und das Schlafgemach verließ. Seine Gefährtin zuckte im Schlaf kurz, ehe sie ein unzufriedenes Grollen ausstieß und sich enger zusammen rollte.

„Wenigstens kann einer von uns schlafen.“, murmelte der Herrscher über Doran leise. Die langen, gewundenen Gänge des kleinen Schlosses waren wie leergefegt. Kein Wachdrache, keiner der Diener war auf den Pranken. Es herrschte eine beinahe schon bedrohliche Stille in dem Gebäude. Wäre es möglich gewesen, so hätte Savanian geglaubt, plötzlich verstorben und in eine leere, geisterhafte Nebenwelt versetzt worden zu sein. Wie von ganz alleine führten ihn seine Pranken raus aus dem beengenden, kalten Schloss, hinaus auf den runden Hof. Einst hatte eine hohe Mauer diesen Ort umschlossen, Blüten und verschiedene Kräuter waren in sorgsam überwachten Beeten gewachsen und es hatte sogar einen prächtigen Baum gegeben, der mit seiner mächtigen, grünen Krone für wohltuenden Schatten sorgte. Doch heute war die Mauer nicht mehr als ein lächerlich verfallenes Stück lieblos aufeinander gestapelte Steine. An einer Stelle hatte man es sogar ganz aufgegeben wieder auf zu bauen, was zerstört wurde. Blumen wuchsen hier schon lange nicht mehr, nicht einmal Moos konnte auf den zertrampelten, von Asche bedeckten Pflastersteinen und Beeten Fuß fassen. Blut war in den einst fruchtbaren Boden gesickert, mehr als die Natur je verkraften würde und hatte die Mineralien verdorben, den Boden versalzen. Das einzige, was hier jemals wachsen würde, waren Bäume aus Knochen mit Blühten aus zerfetzen Muskeln und gewaltsam geöffnetem Fleisch.

Doran war wie ein verletztes Tier. Es lag im Sterben und zwang sich dennoch mit krampfhaften Atemzügen weiter nach Luft zu schnappen, mit schwächer werdenden Beinen weiter zu laufen. Noch gewann dieses Tier den Kampf gegen den Tod, doch die Zeit spielte gegen es. Über kurz oder lang würde Doran fallen. Zu klein war die Provinz zwischen den Bergen. Zu schwach die wenigen Kämpfer. Und zu feige war sein König.

Nevalas wohlgezielte, giftige Worte schwirrten in Savanians Gedanken wie Fliegen um einen verendeten Kadaver. Hatte der schwarz-goldene Drache wirklich recht gehabt? Vielleicht hätten sie- nein hätte er, Savanian – um die Unabhängigkeit, die Freiheit des Landes kämpfen müssen, solange noch die Chance dazu bestand. Doch andererseits hätte er sich dann in einen hinterhältigen, verlogenen Krieg eingelassen, dessen genauer Ursprung jedem verborgen war. Jedem außer Keiza und Aramagon. Keiza, dessen Stolz nur von seiner einzigartigen Fähigkeit statt Feuer Eis zu speien in den Schatten gestellt wurde. Aramagon, der in seinem Fürstentum Seth auch Wüstendämon genannt wurde. Savanian hatte nur ein einziges Mal das fragwürdige Vergnügen beide Fürsten kennen zu lernen. Der einfachste Weg mit beiden klar zu kommen war, Keiza zu schmeicheln und Aramagon –über den man munkelte er stamme zur Hälfte von einem Dämonen ab - keine Gelegenheit zu geben überhaupt etwas an der eigenen Gefährtin interessant zu finden. Der Wüstendämon schien eine stark ausgeprägte Libido zu haben und eine ganze Horde von Weibchen, die bereit waren ihm jeden Wunsch von den Lippen abzulesen.

Savanian schüttelte den Kopf und schwang sich in die kühle Morgenluft. Er wollte über das Wohl seines Landes nachdenken, nicht über eitle Fürsten und triebgesteuerte Halbdämonen. Im Gegensatz zum vergangenen Tag schien der Wind heute nicht gnädig zu sein. Es gab kaum Auftrieb und so musste Savanian viel mehr Kraft in jeden seiner Flügelschläge legen. Sein Schatten fiel – als kaum vorhandener, dunkler Fleck – verzerrt auf die stellenweise zerstörten Dächer der Hauptstadt. Das Ziel des grauen Fürstens war ein Dorf, das nahe der Grenze zu Keizaal erbaut wurde. Wenn Nevala wirklich gegen einen Stoßtrupp gekämpft hatte, vielleicht war er ja dann auch klug genug gewesen die Leichen sorgfältig versteckt zu haben. Wenn ein einfacher Drache über die Wälder flog, so würde ein etwaiger Beobachter davon ausgehen, der Drache wolle jagen. Doch wenn ein Fürst über einen Wald flog und dabei systematisch den Boden absuchte, so wurden die Untertanen unruhig und zerrissen sich die Mäuler darüber. Also verband Savanian die Suche nach den Leichen des Stoßtrupps mit dem wöchentlichen Kontrollflug in den wenigen noch vorhandenen Dörfern. Bei solchen Besuchen wurde meist nur das nötigste gesprochen. Eigentlich teilten die Dorfältesten dem Fürsten nur die neusten Sorgen mit und dass war es dann.

Als die kläglichen, dunklen Silhouetten der ärmlichen Hütten endlich sichtbar wurden, brannten Savanians Muskeln an den Schultern und den Schwingen. Schlafmangel, Unterernährung und mangelndes Training machten sich bemerkbar, aber wann sollte er all diese Dinge denn tun, wenn seine Untergebenen unschuldige Opfer in einem Krieg wurden? Staub wirbelte auf als Savanian auf dem Platz vor den Hütten landete. Sofort wurden sämtliche Arbeiten unterbrochen. Die kleine, dunkelgrün-braun gescheckte Drachendame, welches zuvor sorgsam Weizen und Spreu voneinander getrennt und das Feuer im Ofen überwacht hatte, sprang auf. Mit einer hastigen Bewegung des stacheligen Schweifes erstickte sie die Flammen mit Sand und Staub, dann verneigte sie sich hastig.

„Mein Fürst. Bedauerlicherweise ist die bisherige Älteste Gara in hohem Alter verstorben. Ich bin Byumi. Ihre Nachfolgerin. Es ist mir eine Ehre Euch zu dienen.“, Byumi linste vorsichtig aus bernsteinfarbenen Augen zu Savanian hoch. Der Blick aus den tiefblauen Augen des Fürsten ging dumpf und leer ins Nichts. „Hast du Angst?“, wirbelnde Dämpfe, giftiges Grün. Bäume unter ihm, Sterne über ihm. Tod in seinem Schatten. Helle Berge, dunkle Wälder. Blut, der Gestank von Verwesung. Eine gekrümmte Gestalt, graue Schuppen. Sie schrie erbärmlich. Haut zerriss, Knochen wurden knackend aus den Gelenken gerissen. Hassendes Rot verschlingt giftiges Grün. Die sechs Augen aus grünen Dämpfen schwanden. Neue Augen wachten am tiefschwarzen Himmel. Blutrot und voller Hass. „Wer oder was bist du?!“, Angst. Panik.

„Mein Fürst?“, jäh befand Savanian sich wieder in der Realität. Er schüttelte verwirrt den Kopf, wollte die Fragmente der stets wiederkehrenden Alpträume abschütteln. Byumi sah ihn mit fragend schief gelegtem Kopf an. doch als Savanian weiterhin schwieg, sprach die Drachendame dass an, was ihr – als neue ‚Älteste‘ auf dem Herzen lag. „…und durch den Kampf zwischen den Truppen von Keizaal und den Euren wurde der Getreidespeicher zerstört. In einem Monat fällt der erste Schnee und wir haben keinerlei Vorräte mehr.“

„Ich biete Euch – Älteste Byumi – zwei Möglichkeiten an. Entweder, Ihr versucht mit den wenigen noch lebendigen Dorfbewohnern in das Reich von Seth zugelangen. Dort sind die Winter sehr mild und der Boden dennoch fruchtbar. Oder Ihr pilgert in die Hauptstadt, allerdings kann ich Euch nicht versprechen, dass Ihr dort Nahrung und Schutz finden werdet.“, erwiderte Savanian vorsichtig. Der Vorratsspeicher des Schlosses war nicht einmal halb so gut gefüllt, wie der Fürst es gern gesehen hätte. Sicher, durch die ganzen Kämpfe über ihrer Hauptstadt waren ein Großteil der Bevölkerung geflohen oder verstorben, aber auch so würden die Vorräte nicht für alle reichen. Zumal der Winter nicht mit Kälte und Stürmen geizen würde.

„Wir werden in die Hauptstadt pilgern.“, Byumi lächelte Savanian warm an. in den Bernsteinfarbenen Augen der jüngeren Drachendame standen Zuversicht, Vertrauen und Entschlossenheit. „ Ihr seid ein guter Fürst. Eure Leute wissen, dass Ihr uns niemals hängen lassen würdet. Ich- und alle Angehörige meines Dorfes – sind stolz, sich selbst Eure Untertanen nennen zu können.“

Savanian spürte, wie sich ein angenehm warmes Gefühl in seinem Innern ausbreite und für einen kurzen Moment die Welt weniger trist und grausam erscheinen ließ. Er nickte Byumi zu, als Zeichen dafür, dass er ihre Entscheidung und ihre Worte vernommen hatte, ehe er sich wieder in die Luft schwang. Doch die Wärme, ausgelöst durch die entschlossenen Worte einer fremden Drachendame, verflog rasch wieder. Die Angst streckte ihre kalten, spitzen Krallen nach seinem Herzen aus und nistete sich dort ein. Wie ein fauliger Parasit, ließ ihn nie alleine. Noch konnte Savanian die Angst in seinem Herzen unterdrücken, doch es würde der Tag kommen, an dem er sein wahres Gesicht würde zeigen müssen und davor fürchtete er sich.

Ein helles Leuchten, mehr eine Reflektion des trüben Sonnenlichts weckte die Aufmerksamkeit des dahin fliegenden Drachens. Vorsichtig schraubte Savanian sich in engen Kreisen am Himmel herab. Er befand sich, sofern seine Vermutung stimmte, direkt an der Grenze zu Keizaal. Die Lichtreflektion entpuppte sich als eine verbeulte, silberne Rüstung. Unschlüssig kreiste Savanian über den Wipfeln der Bäume. Der Kampfdrache hatte, als er tot oder schwer verwundet vom Himmel gefallen war, zwar eine breite Schneise in die dicht an einander gedrängten Bäume gerissen, aber Savanian war noch nie ein sonderlich guter Flieger gewesen. Und das Loch zwischen den spitzen Baumwipfeln war wirklich nicht sehr breit. Aber er wollte herausfinden, ob der tote Stoßtrupp irgendwelche Beweise bei sich hatte, die Doran zwischen die Fronten dieses Krieges stoßen würden. Savanian atmete tief durch ehe er zum Sturzflug ansetzte. Die dunklen, bedrohlich spitzen Bäume kamen näher und dann schlugen dem Fürsten auch schon Zweige und Äste entgegen. Ruckartig breitete er die Schwingen wieder aus und versuchte die Geschwindigkeit des Falles zu verlangsamen. Ein dumpfer Knall schallte durch den stillen Wald, gefolgt von einem halblauten Schmerzenslaut und einem unterdrückten Fluch.

„Bei allen Dämonen und Hel!“, obwohl Savanian wusste, dass es falsch war, zog er sein Hinterbein eng an den Körper und versuchte sein Körpergewicht auf die verbliebenen Beine zu verteilen. Beim Aufsetzen war er auf einem Baumstumpf ausgerutscht und hatte sich den rechten Hinterlauf verdreht. Wieder einmal. Langsam hinkte der Fürst über den unebenen Waldboden zu den toten Soldaten. Fliegen und andere aasfressende Tiere hatten bereits begonnen, sich über die Kadaver her zu machen, doch man konnte noch die Verletzungen erkennen.

Savanian zählte fünf Leichen und das verwunderte ihn ebenso, wie es ihn beunruhigte. Die Stoßtruppen waren immer Teams aus sechs Drachen. Wieso waren es hier nur fünf? Konnte es sein…hatte Nevala wirklich die Dummheit begangen, einen von den Soldaten als ‚Botschafter‘ entkommen zu lassen? Wenn dies der Fall war, so würden sie allesamt auf ihren Untergang zu steuern. Trotz verletzten Beines und schmerzender Schwingen stieß sich der graue Drache ab. Schneller als jemals zu vor flog er zu seinem Palast zurück, halb in der Vorstellung gefangen nur noch eine rauchende Ruine vor zu finden.

Kleine Steine und Dreckklumpen flogen weg, als Savanian schlitternd in dem Hof des Schlosses landete. Er konnte gerade noch beobachten, wie ein kleiner, gelbgeschuppter Botendrache Raferti eine Botschaft in die Klaue drückte und sich wieder mit wirbelnden Schwingen empor schwang. Binnen weniger Augenblicke war der gelbe Drache wieder außer Sichtweite.

„Savanian!“, der Kopf des grauen Drachen schwang herum. in Rafertis türkisfarbenen Augen stand Furcht. Sie hielt ihrem Gefährten die zusammen gerollte Botschaft entgegen. Savanian musste nicht einmal seine Fantasie anstrengen um erraten zu könnten, was denn dort in sorgfältiger Schrift nieder geschrieben stand. Eine Kriegserklärung. Von Keizaal, einer mächtigen, starken Armee. An Doran, ein kümmerliches, schwaches Stück Land zwischen Bergen und Wäldern eingeklemmt und von einem Feigling regiert. Savanian knurrte dumpf. Es schien, als wäre sein Geist aus seinem Körper heraus gezogen werden und nun als Unbeteiligter beobachten, wie der Körper etwas tat, was er bisher noch nie getan hatte. die Lefzen zogen sich zu einem wilden, furchtbar aggressiven Zähne fletschen zurück, Rauch und kleine Flammen quollen zwischen den scharfen, gebleckten Reißzähnen hervor während sich die starken Krallen in den Boden bohrten.

Ein unglaublich wütendes, lautes Brüllen hallte über die halbverfallene Hauptstadt, ließ die wachhabenden Drachen vor Angst zusammen zucken, die Frauen pressten sich mit Furchtgeweiteten Augen die Kinder an die Brust und versuchten diese davon abzuhalten in Tränen auszubrechen. Eine Flammensäule stieg aus dem Burghof empor, erhellte für einen winzigen Augenblick den wolkenverhangenen Himmel. Und da wussten die Bewohner, es würde Krieg kommen. Nicht einer war überrascht, als eine Stunde später ein Diener aus dem Schloss, in Begleitung zweier Wachen auf dem Marktplatz auftauchte und verkündete, dass Keizaal ihnen den Krieg erklärt hatte.

Raferti hatte ihren Gefährten in vielen Stimmungen gesehen. Hatte ihn getröstet, als er am Boden zerstört war. Ihn besänftigt wenn er zornig war. Ihn geliebt wenn er sie mit Leidenschaft verführte. Aber noch nie, nie in ihrer gesamten Zeit, von dem Punkt wo eine Wache in Haus ihrer Eltern aufgetaucht war und sie auf das Schloss gebracht hatte, um die junge Raferti dort ihrem zukünftigen Gatten Savanian vorzustellen bis heute, noch nie hatte Raferti eine solche Furcht vor ihrem Gefährten verspürt. Noch nie zuvor hatte Savanian sich so rasend vor Wut gezeigt. Die Zähne gefletscht und Rauch aus den Rachen empor quellend während die Augen Funken aus Wut, beinahe schon Hass versprühten. In diesem Moment hatte Savanian eine beinahe erschreckende Ähnlichkeit zu Nevala und das machte Raferti Angst. Die Luft vor Savanians Maul und über dem kleinen Krater, welchen er mit seinem Feueratem in den steinigen Boden gebrannt hatte, flimmerte und zitterte. Und eben so plötzlich, wie die Wut gekommen war, verschwand sie auch wieder, hinterließ einen am Boden zerstörten Savanian.

„Es ist ganz einfach.“, lockende Stimmen. Zähes, süßes Gift. Helle Berge, zerklüftete Gipfel. Dunkle Wälder, noch unberührt von Chaos und Zerstörung. „Sag mir…“,andere Stimmen. Giftig, beißend. Hasserfüllt. Lockten grauenvolle Bilder aus verborgenen Nischen im Gedächtnis hervor. Blut. Knochen, noch feucht glänzend von seinem Gaffer. Bitteres Blut. Hitze. Feuer. „…hast du Angst?“

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Ran Gohr - Provinz Keizaal - Hauptstadt Karalan 613 n. Ghr. Zr.

“Sie werdeb augenblicklich von Minister Laronei verlangt. Sie sollen unverzüglich zu ihm kommen!”, Rikero schreckte aus dem Schlaf hoch, als zwei riesige WAchdrachen in Rüstungen in seine Gemächer gestürmt kommen. Müde reckte er sich und sah aus der Fensteröffnung in der Wand. Es war noch mitten in der Nacht, er konnte den Mond hoch am Himmel sehen, oberhalb der riesigen Palastfassade. Er drehte seinen Kopf zu den Wachen und fragte:“Warum um diese Zeit? Es ist mitten in der Nacht!”

“Seine Anweisungen waren eindeutig!”, die Stimme des Wachsoldat war hart, genau wie seine Miene. Rikero erhob sich seufzend von seinem Lager und ging ohne ein weiteres Wort an den Wachen vorbei aus dem Raum. Draußen auf dem Palasthof nahmen sie ihn direkt in die Zange. Rikero kam sich vor, als wäre er ein Gefangener.

“Was wol…”

“Seid still!”, zischte die Wache rechts von ihm, ohne ihn anzugucken “und folgt ohne Widerstand!” Rikero war extrem beunruhigt, doch ihm war klar, dass ihm nichts andere übrig blieb, als sich abführen zu lassen. Also versuchte er, seine Sorge zu verbergen und ging erhobenen Hauptes über den Hof, als wären die beiden Wachen seine Leibwächter.

Die großen Palasttore standen ein Stück weit offen, was eigentlich streng verboten war, während der Nacht. Das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, verstärkte sich.

Nach einem kurzen Marsch durch die Gänge des Palastes, kamen sie vor dem inzwischen vertrauten Tor von Laroneis Arbeitszimmer an, ohne jemandem zu begegnen.

Die eine Wache schlug leicht mit der Vorderklaue gegen die Torpforte und fragte flüsternd:“Der, den ihr zu sehen wünscht, ist eingetroffen, Herr!”

“Er soll reinkommen”, kam die Antwort von drinnen. Wortlos stieß eine der Wachen das Tor auf und bedeutete ihm, einzutreten. Rikero betrat den Empfangsraum des Ministers, während sich hinter ihm die Tore schlossen. Er schreckte zusammen, als Laronei mit einem Satz vor ihn sprang und ihm aus nächster Nähe ins Gesicht starrte. Die gelben Augen des Ministers waren zu Schlitzen verengt und funkelten zornig.

“Wusstet Ihr davon?”, fragte der Minister “Ich denke nicht, dafür seid Ihr zu klug. Wie konnte Euer König nur so etwas dummes tun. Unsere Verhandlungen, sie waren alle umsonst. Ihr müsst das Land augenblicklich verlassen. Wenn Ihr morgen noch da seid, werde ich Euch verhaften müssen und man wird Euch hinrichten, wie es mit wichtigen Staatsfeinden hier gehalten wird!”

“Moment…”, unterbrach Rikero den Minister, obwohl das unhöflich war “worum geht es hier überhaupt?”

Der Minister öffnete sein Maul halb, wobei seine langen spitzen Zähne glitzerten und knurrte, während er statt einer Antwort in die hintere Ecke des Raumes vor einen großen schweren Steintisch trat. Dort lag, auf einer gepolsterten Unterlage eine große, Stachelbewehrte schwarze Kugel, die er als Schwanzkeule erkannte. Laronei drehte die Kugel mit seiner rechten Klaue ein Stück, damit das eingebrannte Wappen besser zu erkennen war - Ein grauer Drache, über einem grauen Berg!

“Was zum… Was hat das zu bedeuten?”, fragte Rikero irritiert, obwohl er bereits eine böse Vorahnung hatte, die wie ein Raubtier in seinem Geist lauerte.

“Euer Volk”, knurrte Laronei “Es hat uns verraten. Einige unserer Soldaten wurde überfallen und das bedeutet Krieg. Es tut mir… Leid.”

“Warum habt Ihr mich rufen lassen?”, fragte Rikero tonlos, er hatte einen dicken Kloß im Hals.

“Ich habe eine hohe Meinung von Euch”, antwortete der Minister “und ich wollte Euch warnen. Fürst Keiza wird Euch morgen hinrichten lassen, so viel ist sicher. Ich rate Euch also zu fliehen. Wenn Ihr im Morgengrauen noch am Palast seid, werde ich Euch festnehmen lassen. Ihr könnt hier nichts mehr für euer Volk tun, es ist dem Untergang geweiht. Geht nun schnell…”

Rikero neigte den Kopf, während er schon rückwärts auf den Ausgang zuging:“Ich danke Euch, Laronei. Aber ist das nicht gefährlich für Euch?” Laronei nickte, dann zischte er:“Ist es, wollt Ihr mich etwa umstimmen, andernfalls geht nun!”

Ohne noch einmal zu antworten, verließ Rikero das Arbeitszimmer. Er lief so schnell er konnte, ohne zu viele Geräusche zu verursachen durch die verlassenen Gänge des Palastes und kam zu seiner Erleichterung ohne weitere Begegnungen mit Wachen auf den Hof. Er überlegte, noch schnell zu seinen Gemächern zurückzuholen, um seine Schriftrollen mitzunehmen, doch dann entschied er sich dagegen. In ein paar Stunden würde die Sonne aufgehen und bis dahin wollte er schon über die Grenze sein.

Also schwang Rikero sich in die Luft und schlug kräftig mit den Flügeln. Es tat gut, mal wieder zu fliegen und Rikero wurde klar, dass er in seinem Beruf ziemlich wenig flog, wenn er nicht gerade irgendwo anders hin reiste, um dort einige Monate als Diplomat zu arbeiten. Er beobachtete den Palast inmitten der gigantischen Stadt mit den vielen Stahl- und Holzhäusern. Die Landschaft unter ihm wurde schnell kleiner, während er sich höher und höher in die Luft schraubte. Er musste sehr hoch fliegen, damit die Drachen ihn von unten nicht als Reisenden erkennen und Misstrauen schöpfen konnte. Außerdem brauchte er eine gute Aussicht, um Patrouillen schon lange sehen und ihnen ausweichen zu können. Zu seinem Unglück war der Himmel in dieser Nacht Wolkenlos, sodass man seine Silhouette gegen die Sterne und später gegen den Himmel würde ausmachen können, doch dagegen konnte er jetzt nichts tun. Nach kurzer Zeit hatte er die Stadt Karalan hinter sich gelassen und als er sich noch einmal umwendete war sie nur noch in weiter Ferne zu sehen, wie sie dort zwischen den Wäldern auf den Hügeln lag. Rikero wusste, dass er sich auf seinem Flug vor Patrouillen würde in Acht nehmen müssen. Ansonsten lag neben kleineren Dörfern nur noch eine größere Stadt auf seinem Weg, der er leicht ausweichen könnte. Er war froh, dass er damals in der Ausbildung alle Karten der Reiche so gut studiert hatte, wie es eben ging, sodass er auf seinen Reisen eigentlich immer genau wusste, wo er sich befand. Einmal sah Rikero am östlichen Horizont eine Patrouille von 12 Drachen fliegen, doch sie schienen ihn nicht bemerkt zu haben und er wich nach Westen aus, um aus ihrer Sichtweite zu gelangen. Ein anderes Mal stieg plötzlich von unten ein Drache zu ihm auf. Rikero tat, als würde er den Anderen nicht bemerken und beschleunigte sein Tempo, doch es wurde schnell klar, dass er dem viel größeren und Ausdauernderen Gegenüber nicht würde entkommen können. Also ließ er sich von ihm einholen. Der andere Drache hatte die Haltung eines einfachen Bewohner des Landes, nichts von dem Hochmut der Adeligen, doch er war groß und stark und könnte zu einer Gefahr werden. Er hatte graue Schuppen und seine Vorderklauen waren Muskelbepackt und sahen aus, als könnten sie Rikero mühelos in zwei Teile reißen. Rikero tippte darauf, dass der Drache ein Handwerker war.

“Warum reist Ihr alleine über das Land?”, fragte der andere Drache in einem grollenden Tonfall, während sie einander umkreisten, um nicht an Höhe zu verlieren.

“Ich reise in die Stadt Likraam”, log Rikero, das war nämlich die Stadt, die er eigentlich umgehen müsste.

“Ihr seid nicht von hier, Fremder!”, knurrte der Drache “Ich erkenne es an Eurem Akzent. Außerdem begehen nur Fremde den Fehler, alleine über diesen Teil des Waldes zu fliegen.”

Danach stieß er ein lautes Brüllen aus und aus dem Wald stieg etwa ein halbes Dutzend großer Drachen verschiedenster Farbe auf, die Rikero und den anderen Drachen umzingelten.

“Ich würde mich gerne vorstellen, bevor ich Euch die Schuppen über den Kopf ziehe und euch als Sklave verkaufe!”, verkündete sein Gegenüber in einem fast liebenswürdigen Tonfall “Mein Name ist Berjokr, auch genannt König der Banditen und Schädelzertrümmerer.”

Rikero bekam es mit der Angst zu tun, angesichts der Banditen, die ihn nun umzingelt hatten. Warum hatte er nicht an diese Möglichkeit gedacht? Er war auf Patrouillen und alles vorbereitet gewesen, aber auf Banditen nicht. Ein schwerer Fehler, so wie die Sache sich entwickelte. Er versuchte seine Angst zu überspielen und verkündete:“ Schön für Euch, Berjokr. Mein Name ist Telnian und ich bin auf der Durchreise. Nun würde ich Euch bitten, Eure sicher übermäßig gut ausgeprägte Intelligenz, wie ja Euer Spitzname vermuten lässt dazu zu verwenden, das beste zu tun und mich durchzulassen.”

Die Wirkung seiner Worte hätte Rikero unter anderen Umständen ein Lachen entlockt. Berjokrs Gesicht spiegelte Verwirrung wieder, während die Mienen seiner Kumpanen eine schier grenzenlose Blödheit widerspiegelten, während sie versuchten, den Sinn von Rikeros Worten zu erfassen.

Dann schlug der Ausdruck auf Berjoks Gesicht in Wut um als er brüllte:“Ihr Lügt und dafür werdet Ihr Sterben! Das Sklavendasein ist viel zu gut für Euch.” Dann warf er sich nach vorne und schlug mit seiner linken Klaue nach Rikero. Der Hieb hätte Rikero enthauptet, wenn er nicht in letzter Sekunde nach oben ausgewichen wäre. Dabei ließ Rikero seinen Stachelbewehrten Schwanz vorpeitschen. Der Angriff traf den Banditenanführer im Gesicht und die Stacheln erwischten ihn am Auge. Den Moment der Verwirrung nutzte Rikero um den Kreis der Banditen zu durchbrechen und so schnell er konnte davon zu fliegen. Hinter sich hörte er den Anführer vor Schmerz heulen, während seine Banditen entsetzt durcheinanderbrüllten. Dann übertönte die Stimme des Anführers die aller anderen, als er wütend brüllte:“Verfolgt diesen Bastard und bringt ihn zu mir, damit ich ihm eigenhändig den beschuppten Kopf von den Schultern reißen kann, als Preis für mein Auge…”

Den Rest bekam Rikero nicht mit, denn er legte sich in einen Sturzflug und schlug dabei so schnell und stark mit den Flügeln, dass das knattern des Windes ihm in den Ohren schmerzte. Rikero hatte gar nicht gewusst, dass er so schnell fliegen konnte. Angst verleiht Flügel, dachte er sich und musste trotz der absurden Situation über den Wortwitz grinsen.

Hinter sich hörte er keine Verfolger, doch er wagte auch nicht sich umzudrehen. Stattdessen legte er eine leichte Kurve hin, sodass er einen kurzen Blick zurückwerfen konnte, ohne dabei sein Tempo zu drosseln. Zu seiner Befriedigung stellte Rikero fest, dass er die Verfolger weit zurückgelassen hatte, doch die Jagd war noch nicht zu Ende. Am Horizont vor ihm kam etwas in Sicht und als ihm klar wurde, dass es eine Stadt war, bekam Rikero einen Schrecken. Augenblicklich bog er scharf nach Osten ab und stieg dabei wieder auf.

Damit gab er den Banditen zwar die Chance zu ihm aufzufliegen, doch er durfte auch nicht mitten in ein bewohntes Gebiet fliegen.

Als er die Stadt umflogen hatte, wagte er einen Blick zurück und stellte zu seiner Erleichterung fest, dass die Banditen die Jagd aufgegeben hatten. Er drosselte sein Tempo etwas - In wenigen Minuten würde er die Grenze nach Doran erreichen.

Ohne weitere Zwischenereignisse passierte Rikero die Grenze. Zwar wollte ihn eine doranische Wachpatrouille kurz aufhalten, doch als sie ihn als den zweiten Prinzen des Reiches erkannten, ließen sie ihn unter vielen Entschuldigungen weiterfliegen. Gegen Morgen erreichte er die Hauptstadt Mehran. Die Stadt war im Gegensatz zu Karalan winzig, doch trotzdem war sie eine beeindruckende Erscheinung, wie sie mit ihren starken steinernen Mauern und den größtenteils aus Stein errichteten Häusern, in den ersten Strahlen der hinter den Bergen aufgehenden Sonne glitzerte. Rikero sah seiner alte Heimatstadt mit gemischten Gefühlen wieder. Er freute sich, seine Eltern wiederzusehen, wenn auch mit so schlechten Neuigkeiten, doch dann war da auch Nevala und seine Geschwister… Er wusste, dass dieser Aufenthalt zu Hause in einer Tragödie, wenn nicht gar blutig enden konnte.

Mit diesen Gedanken überflog er die Stadtmauer und steuerte den steinernen Palast an, während er seine Klauen vorstreckte und sich zur Landung bereit machte. Rikero verlangsamte seinen Flügelschlag während er die letzten Meter hinab sank und setzte dann sanft auf dem Marmorboden des Vorhofes auf. Seine scharfen Klauen klackten auf den Fliesen, während er langsam auf den Palast zuging und seinen Schwanz raschelnd hinter sich herschleifte. Rikero war wieder zu Hause.

ran_ghor/kapitel_4.txt · Last modified: 2013/03/20 21:20 (external edit)