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ran_ghor:kapitel_3

Ran Gohr - Provinz Keizaal - Hauptstadt Karalan 613 n. Ghr. Zr.

Rikero saß in seinen Gemächern und langweilte sich. Inzwischen war fast eine Woche vergangen, seitdem er mit Waran geredet hatte. Eigentlich konnte er sich nicht beschweren, schließlich war er in einem geräumigen und gut eingerichteten Gebäude in der Nähe des Palastes einquartiert worden und wurde anständig versorgt und alles wäre auch schön und gut, würde man ihn nicht schon wieder ignorieren. Er bemühte sich die ganze Zeit um eine neue Audienz bei einem der höheren beiden Minister, doch ohne Erfolg. Auch, wenn es ihm an nichts mangelte, so kümmerte sich doch niemand um sein Anliegen. Rikero trat an die Fensteröffnung und sah hinunter auf den gigantischen Palasthof von Karalan, der Hauptstadt der Provinz Keizaal. Der Hof war kreisrund und von Gebäuden umgeben um die sich wiederum eine starke Mauer rankte, die im Stil der Provinz mit silbernen Metallplatten beschlagen war und im Licht der Sonne, die man ansonsten hier eher selten sah wunderschön funkelte.

Am anderen Ende des Hofes lag der gigantische, silberne Palast, wahrscheinlich das größte Gebäude in ganz Ran Ghor, und gab mit seinen riesigen Stahltoren, der starken, metallernen Fassade und den darein einhauenen Abbildungen früherer Schlachten - Rikero hatte nie verstanden, wie die Schmiededrachen mit ihren riesigen Klauen so feine Arbeit zustande brachten - ein beeindruckendes Abbild von der Macht der Militärprovinz.

Zwischen den Gebäuden, zu denen auch Rikeros Quartier gehörte, führten fünf Torbögen hinunter in die Stadt. Viele Drachen wuselten auf dem Hof herum und gingen ihren Beschäftigungen nach. Am anderen Ende arbeitete gerade eine Gruppe von Handwerksdrachen an einem Gebäude: Ein Schmied schlug mit einem gigantisch Stahlklotz, der kaum in seine Klauen passte Metallplatten in die richtige Form während er sie mit seinem Feueratem am glühen hielt. Die fertigen Platten wurden von anderen Arbeitern direkt in die Mauer des neuen Gebäudes eingearbeitet.

Kriegsdrachen in silbernen Rüstungen marschierten über den Hof oder kreisten über den Mauern, Händler boten Waren aus den tiefen Wäldern des Reiches an und Minister und Botschafter, die man daran erkannte, dass sie immer den Kopf erhoben hielten, als würden sie sich für etwas Besseres halten - was sie ja leider auch taten - eilten zwischen normalen Bürgern der Stadt hindurch. Rikero musste unvermittelt an seine Heimatprovinz Doran denken, wo sein Vater Savanian regierte. Wenn man es darauf angelegt hätte, wäre es sicher nicht schwer Dorans gesamte Bevölkerung in dieser riesigen Stadt unterzubringen.

Eigentlich liebte Rikero seinen Beruf als offizieller Diplomat, doch manchmal wünschte er sich auch, er wäre zu Hause und könnte ein ganz normales Leben führen. Doch das würde leider niemals möglich sein, so lange sein älterer Bruder Nevala Thronfolger war. Rikero hatte sich niemals gut mit seinem Bruder verstanden, der ihren Vater verachtete und nur auf Krieg aus war. Tatsächlich war Rikero ursprünglich nur Diplomat geworden, um Nevala zu entkommen, eine Rückkehr nach Hause würde also nur Probleme bringen und die konnte Rikero wirklich nicht brauchen.

Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als jemand nach ihm rief. Kurz darauf stapfte ein ziemlich großer Wachdrache in seine Gemächer. Offensichtlich bekleidete er einen höhreren Rang, den an der Halskette, die alle Militärdrachen über ihrer Rüstung trugen funkelten unzählige Orden und Auszeichnungen. Rikero vermutete, dass die Wache keine Auszeichnung für Höflichkeit und gemessenes Eintreten in fremde Gemächer besaß, doch das war jetzt nicht so wichtig. “Colonel Krakol zu Diensten!”, gröhlte der Eindringling und neigte dabei den Kopf “Ich komme mit einer dringenden Nachricht von Minister Laronai, er wünscht euch unverzüglich in seinem Büro zu sprechen!” Rikero brauchte eine Sekunde, bevor er begriff, was für eine Nachricht man ihm da überbracht hatte: Laronai war erster Minister und der Stellvertreter des Königs. Wenn dieser ihn sprechen wollte, dann hieß das, das Waran vielleicht wirklich seiner Pflicht nachgekommen war, so sehr Rikero davon überrascht war. Das war eine unglaublich gute Neuigkeit und verbesserte die Lage und damit auch Rikeros Laune um einiges. “Wir können sofort aufbrechen”, sagte Rikero “Wo finde ich seinen Empfangsraum?” “Im Palast, ich werde euch dorthin führen”, erklärte der Wachdrache, drehte sich um, wobei sein Stachelbewehrter Schwanz nur wenige Zoll vor Rikeros Gesicht vorbeizischte, und stapfte vorran aus dem Zimmer. Rikero legte sich noch seine Kette mit dem Wappen Dorans, einem grauen Drachen über einem Berg - Neben einigen großen Waldebenen war Doran eine Bergprovinz - und folgte dann der Wache hinaus auf den Hof. Sie spazierten quer über den Hof zum Palast, der aus dieser Nähe noch mehr überwältigender wirkte, und betraten ihn durch die großen ausladenden Flügeltore, die jetzt weit geöffnet waren.

Die Eingangshalle war ebenso beeindruckend. Sie war Quaderförmig angelegt und auf der Bodenfläche hätte eine ganze Armee platz gefunden. Über hundert Fuß über ihnen erstreckte sich das gigantische, mit Edelstahlkunstwerken verzierte, Deckengewölbe. Von der Haupthalle gingen unzählige Gänge ab, die tiefer in den Palast zu den Empfangsräumen, Versammlungshallen und Gemächern führten. Vor einem großen Empfangsraum blieb die Wache stehen und bedeutete Rikero mit einem Nicken einzutreten:“Wartet da drinnen, der Minister befindet sich augenblicklich noch in einer wichtigen Besprechung. Er wird euch allerdings jeden Moment rufen lassen.” Mit diesen Worten ließ die Wache Rikero stehen und verschwand in den Gängen des Palastes. Ihm blieb also gar nichts anderes übrig, als darauf zu warten, dass der Minister Lust bekam, seine “Besprechung” zu beenden und ihn einzulassen. Er hoffte, das er diesmal etwas schneller eingelassen würde, als letzte Woche bei Waran. Es war wirklich demoralisierend, so lange vor eine Tür zu stehen. Seufzend starrte Rikero auf das Tor, das zum Minister führte, als dieses sich zu seiner Überraschung plötzlich öffnete.

Ein kleiner Drache trat heraus. Er verbeugte sich vor Rikero und erklärte mit pipsiger Stimme:“Ihr seid wohl Prinz und Diplomat Rikero vom Hofe Doran !? Mein Herr der Minister Laronei erwartet euch schon ungeduldig!” Freudig überrascht, das man ihn direkt einließ betrat Rikero den Raum.

“Prinz Rikero, ich bin hocherfreut, euch kennenzulernen”, wurde er von der warmen Stimme des Ministers begrüßt. Laronei war ein großer Drache mit einer orangeroter Schuppenfärbung. Er trug weder Schmuck noch sonst irgend eine Verzierung, was Rikeros Achtung vor ihm gleich vergrößerte. “Die Freude ist ganz meinerseits, Minister Laronei”, erwiderte Rikero und neigte zum Zeichen der Achtung den Kopf “Ich komme in wichtiger Mission direkt vom Hofe Doran.” “Das habe ich gehört, ihr hattet ja bereits das Vergnügen mit meinem… Kollegen Waran!” Die Art, wie er das Wort Kollege aussprach verriet, das seine und Rikeros Meinung von dem Minister einander ähnelten. “In der Tat”, sagte Rikero “Er war mir eine sehr große Hilfe, bitte richtet ihm meinen Dank aus.” “Ich werde es übermitteln”, versprach Laronei “aber nun wollen wir doch zum Grund Eurer Anreise kommen, Ihr habt hier schon viel zu viel Zeit mit warten verloren, wofür ich mich auch im Namen des Königs noch einmal ausdrücklich entschuldigen möchte. Ich hoffe, es hat Euch nicht zu viele Umstände gemacht” “Nein, ich wurde besten versorgt”, sagte Rikero “aber wir haben in der Tat wichtigere Dinge zu bereden, vor denen mein leibliches Wohl eine verschwindend geringe Rolle spielt. Wenn es euch recht ist, werde ich das Problem nun kurz erläutern.” Laronei nickte zum Zeichen, das er fortfahren solle. “Es geht um den Krieg, wie Ihr euch sicher denken könnt”, begann Rikero und blickte Laronei tief in die grauen Augen “Es ist allgemein bekannt, dass unsere neutrale Provinz Doran genau zwischen dem erhabenen Keizaal und seinem Feind, der Wüstenprovinz Seth, liegt. Bedauerlicherweise schicken beide Länder ihre Truppen durch unser Land, oder fechten bisweilein sogar Kämpfe auf unserem Gebiet aus. Dabei sterben unzählige unschuldige Drachen, Dörfer werden zerstört und Ländereien vernichtet. Erst kürzlich wurde eine ganze Keizaalische Garnison von den Truppen aus Seth über unserer Hauptstadt Mehran vernichtend geschlagen, dabei wurde die halbe Stadt zerstört. Im Namen unseres erhabenen Königs Savanian bitte ich die Regierung der Provinz Keizaal um ein Schutzabkommen für unsere neutrale Provinz, oder aber Schutztruppen und Versorgung für unsere Dörfer.”

Riker senkte den Blick zum Zeichen, das er geendet hatte. Jetzt ergriff Laronei das Wort: “Ich möchte euch versichern, das wir eure Situation verstehen”, antwortete er “da besteht tatsächlich ein großes Problem, das eine Lösung erfordert und ich habe euch hier eingeladen, um euch einige mögliche Lösungen vorzuschlagen. Doch wie ihr sicher wisst ist Keizaal eine riesige Provinz mit stark bewachten Grenzen und so lange Seth so einem Abkommen nicht ebenfalls zustimmt, können wir da wenig machen. Denn wenn wir unsere Truppen plötzlich aus Doran abziehen würden, würde Seth dies als Angriffspunkt nutzen und dann würden sich die Schlachten erst Recht in euer Reich verlagern. Aus diesem Grund müssen wir genau überlegen, wie wir handeln.” “Da habt ihr sicher Recht, doch trotzdem ist ein schnelles Handeln unbedingt erforderlich”, sagte Rikero “Mit jedem Moment, den wir hier im sicheren Karalan stehen und verhandeln könnten in Doran Armeen aufeinanderprallen, die ganze Landstriche verwüsten. Leben stehen auf dem Spiel.”

“Ich möchte euch versichern, das ich eure Situation wirklich voll und ganz verstehe”, meinte Laronei, er sah tatsächlich bedrückt aus “Und wie ich bereits sagte, gäbe es da schon ein paar Möglichkeiten, wie wir euch helfen könnten. Ich könnte bei meinem König einen Vertrag beantragen, den wir bei nächster Gelegenheit sowohl Doran als auch Seth vorlegen würden, in dem wir Doran als Neutrales Gebiet erklären. Das einzige Problem wäre eben die Zeit. Ihr selbst spracht von euren Zeitschwierigkeiten. Eine andere Möglichkeit wäre es eben auch, Doran Truppen zur Unterstützung zu schicken, aber damit würde Doran sich gleichzeitig dazu verpflichten, Seth den Krieg zu erklären und selber Truppen zum Kampf gegen Seth zu mobilisieren, sprich, seine neutrale Position aufzugeben und ich muss wohl davon ausgehen, dass euer König Savanian den Frieden und die Neutralität halten möchte.”

“Zuallererst möchte ich euch danken, dass ich euch bereits mit dem Problem auseinander gesetzt und sogar schon mögliche Lösungen in Betracht gezogen habt. Allerdings muss ich euch zustimmen, dass Doran eine kleine Provinz ist und im Krieg wäre es auf die Hilfe einer Großmacht angewiesen, und damit auch von ihr abhängig. Wir überleben nur aufgrund unserer Neutralität und die sollten wir um jeden Preis halten, wenn wir unabhängig bleiben wollen. Aber, wie gesagt, bin ich Euch bereits zu großem Dank verpflichtet, dass Ihr Vorschläge zu unserer Hilfe unterbreitet. Möglicherweise werden wir die Möglichkeit mit dem Vertrag wirklich in Betracht ziehen.” “In der Tat erscheint das mir auch als die bessere der beiden Möglichkeiten und andere wollen der keizaalischen Regierung im Moment nicht in den Sinn kommen. Natürlich ist es dazu notwendig, dass Doran seine neutrale Position beibehält. Ich werde einen solchen Vertrag in Auftrag geben.”

Rikero verbeugte sich:“Dies ist wirklich sehr großzügig von ihnen. Wir hoffen auf eine schnelle Antwort und einen guten Ausgang der Dinge. Wenn es euch keine unannehmlichkeiten bereitet, werde ich bis zur Unterzeichnung des Vertrags noch an eurem Hof verweilen. Auf ein baldiges Widersehen und mögen die Dämonen sich ewig von euch fernhalten, Minister Laronei.”

Ran Ghor; Provinz Doran; Hauptstadt Mehran 613 n. Ghr. Zr.

Nevala!“, der schwarz-goldene Prinz ignorierte die Schreie hinter ihm und setzte ruhig eine Pranke vor die andere. „NEVALA!“ Die tiefschwarzen, messerscharfen Krallen verursachten auf dem glattpolierten Marmor des Bodens kleine Klickgeräusche und Kratzer. Darauf war Nevala schon immer stolz gewesen. Er war stärker als alle anderen seiner Geschwister. Schneller. Konnte länger Flammen speien. Mehr als einmal war er sogar schon dafür gelobt worden. Sein Feuer brachte selbst das feuerabweisende aller Metall innerhalb kürzester Zeit zum Schmelzen. Hätte er sich für eine Laufband als Schmied entschieden, so wäre er vermutlich berühmt geworden. Doch auf Metall einzuschlagen genügte dem schwarz-goldenen Drachen nicht. „Nevala!“, grob traf die blass violette Pranke seine Schulter. Raferti lief, die Lefzen zu einem aggressiven Zähne fletschen zurückgezogen neben ihm. In den türkisfarbenen Augen der Drachendame loderte heiß der Zorn. „Was auch immer für einen kranken Plan du dir wieder ausgedacht hast, vergiss es. Du wirst auf der Stelle zu deinem Vater zurück gehen und dich entschuldigen!“

Abfällig schnaubend wand Nevala seinen kantigen Schädel wieder nach vorne. Seine, ebenfalls tiefschwarzen Hörner, welche sich im Nacken nach unten bogen und unterhalb des Kiefers in einem leichten S-förmigen Schwung endeten, glänzten in dem fahlen Tageslicht kurz auf. Raferti knurrte wütend. Erneut versuchte sie, den größeren Drachen mit der Pranke zu schlagen. Nevala stoppte abrupt und ließ seinen stacheligen Schweif vorpeitschen. Das Gliedmaß traf Raferti an dem Vorderbein und ließ sie einknicken. „Oh, tut mir wirklich sehr leid, aber ich habe leider keine Zeit dir auf zu helfen, alte Frau.“, zischte Nevala spöttisch. Noch während sich die Königin fluchend aufrappelte, verließ er das winzige Schloss und stieß sich vom Boden ab. Eilig griff der Wind unter die schwarzen, von goldenen, verschlungenen Linien geschmückten Schwingen. Nevala brummte kurz zufrieden. An manchen Tagen schien es, als würden selbst die unzähmbaren Elemente seinem Willen gehorchen. Schnell erreichte der Prinz sein Ziel.

„Borean!“, kaum dass Nevala gelandet war, rief er auch schon mit herrischer Stimme nach dem Schmiededrachen. Ungeduldig mit dem Schweif peitschend stolzierte der schwarz-goldene Drache auf das halboffene Gebäude zu. Das großzügige Becken, welches der Schmied mit Kohlen und seinem Feueratem füllte, glühte und sonderte so starke Hitze ab, dass die Luft in der Schmiede zitterte. Fast wie ein Windspiel in einer Sturmbö. „Ich bin hier, Prinz.“, kam endlich die Antwort. Das große, hölzerne Tor – welches Schmiede und Wohnbereich voneinander trennte, wurde aufgeschoben und ein wahrlich riesenhafter Drache trat hinaus. Die Farbe seiner Schuppen ließ sich nicht identifizieren, was nur bedingt an der schweren, stahlgrauen Rüstung lag, welche in schmucklosen, mit Nieten und verstärkten Lederriemen zusammen gehaltenen Metallplatten Brust, Rücken und Schultern schützte, sowie einige leichtere Platten die den muskulösen Schweif und die Unterarme zusätzlich panzerte. Ein schwerer, annähernd dreieckiger Helm mit Sehschlitzen und schweren Stahldornen lag neben dem gepanzerten Drachen. „ Kommt, ich bin gerade mit ihr fertig geworden.“ Mit ‚ihr‘ meinte Borean die Rüstung, welche auf einer metallenen, drachenähnlichen Puppe ruhte. Mattschwarzes Metall, gebogene, scharfe Dornen aus dem gleichen Material waren überall angebracht. Auf der Stirnseite des Helms, den Platten für Hals, Schultern, Rücken und Schweif. Doch das Teil, welches Nevala am meisten gefiel war eine schwere, mit vielen Widerhaken gespickte, vierklinge Keule, welche über seine Knochenklinge gezogen wurde.

„Helf mir sie anzuziehen und dann trommel die anderen zusammen.“, befahl Nevala und griff sich bereits Helm und Unterarmschützer von der Puppe. Geschickt schloss er die ledernen Riemen und schüttelte probehalber den Kopf. Der Helm saß perfekt und verrutschte nicht einmal ans Nevala mit der Pranke daran zog. „Es geht also los?“, Borean schnallte dem Prinzen er die Brustplatte um, ehe er sie mit der Bauch- und Rückenplatte verknüpfte und anschließend die Schulterpanzer über dem Riemengewirr festschnallte. Nevala, der sich unterdessen die Schwanzkeule übergezogen hatte, schnaubte nur einmal kurz auf, was man mit einem harten Lachen gleichsetzen konnte. Er knurrte: „ Schön wär’s. nein, wir müssen einen Stoßtrupp aus Keizaal zurück schlagen. Sechs schwere Kampfdrachen. Fünf müssen sterben, der sechste soll es zumindest bis zu seinem König zurück schaffen. Ich will eine verdammte Nachricht überbringen.“

„Und wie lautet die Nachricht?“, Borean schloss den letzten Riemen und trat zurück. Während er sich seinen Helm auf schnallte, verrenkte sich Nevala einige Male um sich an das ungewohnte Gewicht der Rüstung zu gewöhnen. Mit allem zufrieden verließen Schmied und Prinz den Wohnbereich und schwangen sich in die Lüfte. Am Himmel über der Stadt wurden sie bereits von drei weiteren gepanzerten Drachen erwartet. Noch ein wenig unbeholfen setzte sich Nevala an die Spitze und leitete das kleine Geschwader an die Grenze. In der Ferne konnte man, sofern man gute Augen besaß einige kleine, schwarze Punkte ausmachen, die schnell näher kamen. „An alle! Unser Ziel ist es, diesen Stoßtrupp zurück zu schlagen. Ich will, dass sie bluten. Dass sie heulend zu ihrem König zurück flattern. “, brüllte Nevala. Seine Worte trafen auf begeisterte Zurufe und Zustimmung. Die kalten, orangeroten Augen des schwarzgepanzerten Drachens glühten auf, die Luft um sein Maul begann zu flimmern vor Hitze. „Sie sollen uns fürchten!“

Nevalas Taktik war einfach. Sie würden in den Wolken warten, bis der Stoßtrupp die Grenze zu Doran überflogen hatte und sich dann von oben auf sie herabfallen lassen. Doch dieses Vorgehen hatte einen entscheidenden Makel. Die Kampdrachen von Keizaal hatten zumindest Nevala mit seiner dunklen Rüstung vor dem hellen Hintergrund der Bergketten gesehen, sollten auf einmal alle verschwunden sein, so würden die kampferprobten Drachen sofort Verdacht fassen. Wenn nicht sogar den Hinterhalt voraus sehen und umkehren. Also spielte der Prinz den Köder und die anderen lauerten in der dichten Decke der tiefhängenden Wolken verborgen auf ihre Chance zuzuschlagen. Geduldig zog Nevala enge Kreise, bemühte sich immer den gleichen Ort als Fixpunkt zu nehmen. Mit der schweren Rüstung war es ihm nicht möglich in der Luft stehen zu bleiben, ohne wie ein Stein vom Himmel zustürzen. Dann, endlich hatten die Kampfdrachen in ihren protzigen, silbernen Rüstungen ihn erreicht.

„Halt!“, bedrohlich umrundete Nevala den augenscheinlichen Anführer. Dieser knurrte, flog aber ebenfalls Kreise um Nevala herum, um den anderen auch immer im Auge zu haben. „Was willst du, Bursche? Wir sind in militärischer Mission unterwegs!“, grollte er drohend. Verächtlich mustere Nevala den anderen. Wie alle Soldaten der Keizaalischen Armee hatte dieser seine Schuppen mit einer Paste aus Silberstaub und anderen Dingen eingeschmiert, um ihnen eine silberne Färbung zu geben. Keiza, Keizaals König fand wohl großen Gefallen daran, dass seine Untergeben seinen, ebenfalls silberfarbenen Schuppenkleid nacheiferten. „Dies ist die Grenze zu Doran. Ihr seid nicht befugt sie zu überqueren.“, schnauzte Nevala zurück. Zur Bekräftigung ließ er seinen Schweif etwas weiter ausscheren. Die schwere Metallspitze kratzte leicht über die gefärbten Schuppen an der Schulter des Keizaalischen Drachens. Die dicke Kruste bekam einen Riss, kleine Klumpen bröckelten. Sanftes Hellgrün kam darunter zum Vorschein.

„Auf wessen Befehl hin?“, zu Nevalas Enttäuschung sprang der Wortführer der anderen nicht auf seine Provokation an. Zeit zu handfesteren Methoden zugreifen, dachte der schwarz-goldene Drache. „Auf meinen. Kehrt um oder ich werfe eure zerfetzten Leichen über Karalan ab, auf das die Dämonen sie sich hohlen.“, zischte Nevala. Dies war der letzte Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Die sechs Drachen knurrten und zogen ihre Kreise um Nevala enger. Die Luft erhitzte sich immer mehr und daran waren nicht nur die mühsam unterdrückten Flammen schuld.

„Das reicht. Hiermit bist zu Wegen Amtsbeleidigung und Behinderung einer Staatsgewalt verhaftet und zum Tode verurteilt. Das Urteil wird sofort gefällt!“, brüllend ging der Anführer zum Angriff über. Wäre Nevala allein gewesen, so hätte dieser keine Chance gegen sechs erfahrenere Drachen gehabt. Schon der erste Klauenhieb des Wortführers hätte den Prinzen ins Jenseits geschickt. doch Nevala war nicht alleine. Ein widerwärtiges Knacken ertönte, als Borean mit seinem ganzen, immensen Gewicht im Sturzflug auf den Anführer niedersauste und ihn mit voller Wucht im Rücken traf. Augenblicklich erschlaffte der Körper und stürzte, gierig von der Schwerkraft angezogen auf den Erdboden hinab. Borean hatte ihm das Rückgrat gebrochen. Doch nicht alle in Nevalas provisorischer Kampftruppe hatten solches Glück. Zwei verpassten ihre Chance einzugreifen und der letzte fand sich aufgespießt auf einer Schwanzspitze wieder, ehe er wusste wie ihm geschah.

Nevala wehrte mühsam einige kraftvolle, wohlgezielte Prankenhiebe auf seinen Unterleib ab und tauchte unter dem silbernen Drachen hindurch ab. Der Angreifer zischte enttäuscht auf und machte sich augenblicklich an die Verfolgung. Zu Nevalas Entsetzen holte der gepanzerte Drache schnell auf. Ruckartig stoppte der Prinz seinen mörderischen Flug, hielt abrupt an, wirbelte herum und spie seinem Verfolger seinen Feueratem ins Gesicht. Dieser konterte in dem er ebenfalls einen Feuerball spie und hoch in die Wolken zog. Als Nevala ihm folgen wollte, wurde er mit gnadenloser Wucht in die linke Seite gerammt. Die Metallplatte, welche seine Flanke schützen sollte, beulte sich leicht ein und drückte unangenehm auf den Rippenbogen. Fauchend vor Zorn hieb der Prinz nach dem zweiten Panzerdrachen. Er erwischte ihn am Unterkiefer. Die scharfen, schwarzen Krallen verhakten sich in dem Kieferknochen und zogen. Knirschen und jämmerliches, langsam ersterbendes Geschrei. „Erbärmlich.“, zischte der Prinz ehe er den herausgerissenen Knochen fallen ließ und in die Wolken hinauf schoss. Doch sein neues Opfer war bereits verschwunden. Unschlüssig zog der Prinz seine Kreise. Die schwere Keule am Ende seines Schweifes peitschte träge durch die Luft – als plötzlich das Gewicht immens zunahm. Die Muskeln in den Schwingen protestierten ehe sie einfach ihren Dienst verweigerten. Nevala stürzte, einen schrillen Schreckensschrei ausstoßend ab.

Das Gewicht am Ende seines Schweifes zog ihn gnadenlos nach unten und entpuppte sich, als Nevala einen kurzen Blick nach hinten warf, als der Keizaalische Kampfdrache den er gesucht hatte. dieser hielt Nevalas klobige Schwanzkeule in den Vorderpranken um klammert und zwang den Prinzen somit immer weiter abzusacken. Panisch zog und zerrte der schwarz-goldene Drache und schaffte es einen Riemen zu zerreißen. Er musste ein hysterisches Lachen unterdrücken, als ihm Boreans Worte zu der Keule einfielen. ‚So eine Keule ist sowohl eine vernichtende Waffe als auch ein verheerender Schwachpunkt. Hat dich einmal ein Feind dort gepackt, gibt es keine Möglichkeit zu entkommen, es sei denn, man brennt sich frei.‘ Nevala wand den Kopf zu dem Drachen hinter ihm. Seine eigene Position war alles andere als ideal für einen Angriff mit dem Feueratem. Der Wind blies ihm entgegen, er konnte gegen die Kraft des Elementes kaum den Kopf wenden und seine Augen begannen zu Tränen, aber der Erdboden kam immer näher. Entschlossen spannte der Prinz noch einmal alle Muskeln in seinen prächtigen Schwingen an und verlangsamte den Fall abrupt.

Flammen schossen grell und unerträglich heiß aus seinem Rachen, fauchten über Nevalas schuppigen Körper und trafen den gegnerischen Drachen. Doch dieser knurrte nur gequält und hielt die Schwanzkeule weiterhin fest umklammert. Nevala wimmerte als der Fallwind die Flammen zurück schlug und sie ihrem Herrn ins Gesicht loderten. Geistesgegenwärtig schloss er die Augen und versuchte den Kopf irgendwie außer Reichweite des Feuers zu bewegen. Der Erdboden war nur noch wenige hundert Längeneinheiten entfernt und Nevala wurde panisch. Er zerrte hektischer an dem eisernen Griff und stieß schließlich aus reiner Verzweiflung kraftvoll mit dem gepanzerten Schwanzende gegen den Brustkorb des Drachens. Die silberne Brustplatte verbog sich und gab schließlich nach. Heißes Blut rann aus der Wunde als Nevala erneut zog und es schließlich schaffte, seine Knochenklinge aus dem metallenen Rüstungsstück zu befreien.

Beide, sowohl Nevala als auch der Keizaalische Soldat zogen knapp über dem Boden wieder nach oben, jedoch langsamer, erschöpfter. Der Soldat verschwand mit unregelmäßigem Flügelschlag und starken Blutungen in der Richtung, in welchem sein Heimatland lag, Nevalas Schwanzkeule immer noch im Brustkorb steckend. Dieser unterdessen schraubte sich keuchend höher in den Himmel. Sein Gesicht brannte dort, wo der Helm es nicht geschützt hatte, sein Schweif schmerzte und er hatte einen breiten Riss in der linken Flügelmembran fortgetragen. Doch die schlimmste aller Verletzungen war die Verletzung seines Stolzes. Nevala wollte sich nicht eingestehen, dass er ihre Feinde unter- und die eigene Stärke überschätzt hatte. „Borean! Rückzug.“, befahl er knapp um nicht zu zeigen wie erschöpft er eigentlich war. Tägliche Trainingsstunden mit den Palastwachen und theoretischer Kampfunterricht machten noch lange keinen Krieger aus. Leise fluchend zog sich der schwarz-goldene Prinz zurück. Kaum dass er auf dem Hof des Schlosses aufsetzte, stürzten ihm schon seine Eltern entgegen.

„Nevala! Was hast du getan?“, schrie Raferti aufgebracht und schien drauf und dran zu sein ihrem Ältesten höchstpersönlich an die Gurgel zu gehen. Doch Savanian legte seiner Gefährtin beruhigend eine Pranke auf die Schulter. „Ruhig Blut, Raferti.“, und an Nevala gewandt fuhr er fort. „ Das war mutig aber unglaublich dumm. Du-“ „Erspart euch euren Atem! Ich habe das getan, was Vater schon seit langem hätte tun müssen und ich würde es wieder tun!“, Nevala machte keinerlei Anstalten, seine Stimme zu senken sondern brüllte voller Zorn. „ Ich bin kein Feigling der sich in seinem Schloss verkriecht und darauf hofft, dass alles von alleine besser wird!“ Ein metallisches Kreischen gefolgt von einem dumpfen Scheppern begleiteten den Nachhall von Nevalas Worten. Erschrocken starrte der Prinz seinen Vater an, den Kopf immer noch so, wie er nach Savanians Prankenhieb gefallen war. Dieser stand vor seinem Sohn, die Schwingen weit ausgebreitet und die Pranke immer noch erhoben. Scheinbar war der König ebenso schockiert über seine Tat wie sein Sohn. Verzweifelt versuchte Savanian den angerichteten Schaden wieder gut zu machen und murmelte: „ Nevala….“ In den kalten, orangeroten Augen des Prinzen wich der Schock etwas anderem. Zufriedenheit. Achtlos hob Nevala seinen herabgefallenen Helm auf und ging wortlos an seinen Eltern vorbei, wobei er seine Mutter härter als nötig anrempelte.

Langsam ließ sich Savanian wieder auf alle viere sinken und faltete die Schwingen ordentlich zusammen. Das war das erste Mal seit langem gewesen, dass ihm die Pranke ausgerutscht war. Er schämte sich für seine Tat, wünschte sich sie rückgängig machen zu können und konnte es doch nicht. Was hatte ihn nur so weit getrieben? War es diese offene Abneigung in den Augen seines Sohnes? Oder der bittere Groll in seiner Stimme? Raferti führte ihren Gatten vorsichtig zu ihren Gemächern zurück und noch einen großen Teil der kurz darauf anbrechenden Nacht drehten sich Savanians Gedanken um dieses Geschehen.

Während man sich in Doran schon lange zur Ruhe gebettet hatte, stolperte in Karalan ein schlaksiger Botendrache durch die Gänge des Schlosses. In den Vorderpranken trug er in Leinen eingeschlagen Gegenstand, der vielleicht einen weiteren Krieg auslösen könnte. Keuchend stoppte der kleine Drache vor den Gemächern des Ministers und klopfte hastig. Als nach dem ersten Klopfen niemand reagierte, trommelte er mit den stumpfgefeilten Krallen gegen das edle, mit silbernen Gravuren geschmückte Holz der Tür. „Was ist?“, fauchte ein gereizt und sehr verschlafen wirkender Minister den wesentlich kleineren Boten an. Die orangeroten Schuppen glänzten matt in dem fahlen Licht des Kamins, welcher hinter dem Minister loderte. „Meister Laronei, das sollten Sie sich ansehen! Ein Soldat des gestern losgeschickten Stoßtrupps ist schwer verwundet zurück gekommen! Er berichtet von einem Hinterhalt und alle anderen aus seiner Truppe sind tot!“, quasselte der kleine Drache ohne Luft zu holen los.

„Und was ist das besondere daran, dass man mich zu dieser undankbaren Stunde aus dem Bett holt?“, knurrte Laronei gereizt. Er war nicht dumm, wenn das ein normaler Hinterhalt gewesen wäre, dann hätte man ihm morgen früh einen Bericht bezüglich der Verluste vor gelegt. „Dies ist der Beweis.“, den Kopf ergeben gesenkt hielt der Bote dem Minister das, in Leinen eingeschlagene Ding hin. Vorsichtig nahm Laronei das Teil, aus Furcht es eventuell zu zerbrechen. Doch als er merkte, dass es aus schwerem Metall bestand und zudem sehr scharfe Kanten hatte, griff er ein wenig fester zu, damit es ihm nicht hinunter fiel. Er schloss die Tür hinter sich und legte das Leinenbündel auf den Tisch vor sich. Vorsichtig schlug er die Leinen zurück und unterdrückte ein wutentbranntes aufbrüllen.

Das Ding, welches mitten auf der Tischplatte lag, auf einige Schichten schmutziger, blutbesudelter Leinen gebettet, war nichts anderes als der Teil einer Rüstung. Aus tiefschwarzem Metall, mit vier Klingen und zahlreichen Widerhaken bestückt lag die Schwanzkeule da. Doch das, was Laronei am meisten zur Raison brachte, war das kleine, beinahe unauffällige Wappen, welches am Schaft der Keule eingraviert war: Ein grauer Drache über einem Berg…

ran_ghor/kapitel_3.txt · Last modified: 2013/03/20 21:20 (external edit)