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ran_ghor:kapitel_1

Ran Ghor; Provinz Doran; Hauptstadt Mehran 613 n. Ghr. Zr.

„Wie hoch waren die heutigen Verluste?“, in der schweren Dunkelheit des verhangenen Schlosses klang die Stimme des ‚Königs‘ müde. Erschöpft. Kaum zu glauben, dass diese schwache Stimme zu einem solchen Geschöpf gehört, maß der Drache doch eine beachtliche Spanne.

„20 aus der zivilen Bevölkerung, 14 der Wachen und ein Großteil des Wohngebietes.“, monoton leierte ein kleinerer Drache mit einem prächtigen schwarz-goldenen Schuppenkleid die schier endlos lange Liste der Verluste herab. Und das war nur von dem heutigen Tag. Die von einer ganzen Woche würde vermutlich ausreichen, um den ‚König‘ mit seinen matten, einst perlmutterfarbenen Schuppen einmal um den Hals geschlungen als Schal zu dienen.

„Nun. Es hätte schlimmer kommen können.“, optimistische Worte, wäre doch der Tonfall nicht so niedergeschlagen gewesen. Der perlmuttfarbene Drache trat an die, von schwarzen Vorhängen verhangenen Fenster und öffnete mit einem kräftigen Ruck die selbigen. Ein Bild des Grauens bot sich dem bestürzten Fürsten, egal wie oft er es sah, an so eine Verschwendung von Leben und Blut könnte er sich nie gewöhnen.

„Dürfte ich Euch kurz unter vier Augen sprechen….König?“, der schwarz-goldene Drache quetschte die Anrede gerade noch rechtzeitig hervor. Nicht das der König es ihm übel nehmen würde, sollte er die respektvolle Anrede nicht nennen, aber seine Wachen und vor allem die Königin würden es. So sanftmütig König Savanian auch sein mochte, seine Gefährtin Raferti war für ihr hitziges Gemüt wohlbekannt.

Mit einer müden Geste des Schweifes deutete Savanian an, dass alle – selbst seine Leibwächter – den Raum zu verlassen hatte, damit er alleine mit dem schwarz-goldenen Drachen reden konnte. Die blassblauen Augen nicht von dem grauenhaften Anblick abgewendet fragte Savanian ruhig: „ Was ist, Sohn?“

„Bei allem Respekt Vater, aber wir müssen etwas tun.“, schnaubte sein ältester Sohn aufgebracht. Zur Bekräftigung stampfte er mit dem rechten Vorderlauf auf. Seine scharfen, schwarzen Krallen ritzten tiefe Kratzer in den steinernen Boden.

Savanian seufzte und wand sich ab. Die prächtigen Schwingen ordentlich zusammengefaltet und eng an den Körper gepresst, verließ der König den Saal. Sobald er durch die beiden Tore nach draußen, auf den Platz vor der Burg. Dort lagen die verbrannten, zerfetzten und grauenvoll zugerichteten Leichen von Kriegern, Wachen, Kindern und Frauen in ihrem eigenen Blut. Im Augenblick des Todes gab es kein Freund und kein Feind mehr. Da waren alle gleich. Sie alle waren gleich. Alle besaßen Schuppen. Alle hatten mehr oder weniger prächtige Schwingen, welche aus den muskulösen Leibern wuchsen. Wieso bekriegten sich die beiden Provinzen also? Keizaal und Seth waren doch schon die größten und einflussreichsten aller Provinzen.

„Savanian?“, lautlos war sie von hinten an ihn heran getreten. Der schmale, von Saphiren geschmückte Goldreif um ihren schlanken Hals warf schimmernde Lichtreflexe auf die toten Körper. Beinahe so, als wolle das Licht sich noch einmal persönlich von jedem einzelnen verabschieden. Eine schmale Pranke legte sich auf seine Schulter, fürsorglich und besorgt.

„Was mache ich falsch, Raferti?“, fragte er leise. Der Kummer hielt sein Herz mit kalten Klauen umfangen und quetschte es bei jedem Schlag zusammen. Zärtlich schloss er einem toten Drachen vor sich die Augen, damit diese nicht von den vielen Aasfressern ausgerissen und der Körper damit entehrt werden konnte. „Wieso müssen so viele sterben?“

„Die Schwachen müssen unter den Zankereien der Stärkeren leiden.“, ein schlanker Körper schmiegte sich an Savanian. Der silbrige, blass violette Schuppenleib der kleineren Drachendame strömte beruhigende Wärme aus. Für einen kurzen, flüchtigen Moment lang wurde die schwere Last auf seinen Schultern etwas leichter. Brummend schloss Savanian die Augen schmiegte seinen Kopf an Rafertis. Er war froh, sie als seine Gefährtin zu haben, gab sie ihm doch Wärme, Liebe und Halt. Was würde er nur ohne sie tun? Vermutlich verzweifeln…

„Vater!“, die kalte Stimme seines ältesten Sohnes zerstörte den magischen Moment. Mit einer arroganten, herablassend anmutenden Geste schupste er erst die zerfleischten Überreste aus dem Weg, bevor er auftrat. Savanian spürte wie sich Enttäuschung in ihm regte. Er hatte seinen Sohn zu einem gerechten Nachfolger erziehen wollen, keinem kalten, skrupellosen Politiker dessen Ehrgeiz ebenso immens war, wie seine Gier nach Macht. „Vater, ein letztes Mal. Wir müssen reden!“

Ran Gohr - Provinz Keizaal - Hauptstadt Karalan 613 n. Ghr. Zr.

Rikero war beleidigt. Man hatte ihn, den offiziellen Gesandten des Hofes von Mehran und damit Stellvertreter des König Savanian, einfach vergessen. Natürlich war Keizaal ein riesiges Reich, das sich zudem gerade noch im Krieg befand und der König hatte viel zu tun, doch es war doch wirklich eine Frechheit ihn zuerst an den dritten Stellvertreter des Königs zu verweisen, der im Volksmund auch als Minister für unnötige Angelegenheiten bezeichnet wurde, und sich dann nicht an seine Anwesenheit zu erinnern. Als man ihn dann schließlich, wenigstens Höflich, um Entschuldigung bat, dass er vier Stunden vor dem Büro des Drachenministers gehockt hatte, musste er all sein diplomatisches Können einsetzen, um seinen Ärger zu überspielen.

“Ich bitte sie vielmals um Entschuldigung, das wir ihre, sicherlich wichtige Angelegenheit, nicht sofort vorgezogen haben, doch der Minister war noch in einer wichtigen Besprechung, die sich nicht abbrechen ließ, so gerne er das auch getan hätte”, das hatte der Butlerdrache geseuselt und Rikero hätte ihm diese Worte genausowenig abgekauft, wenn er nicht so dämlich dabei gegrinst hätte. Stattdessen bedankte er sich einfach und ließ sich in den Raum führen.

Der Minister, der den Namen Waran trug, war ein, eher kleiner Drache mit dunkelgrüner Färbung. Seine Flügel sahen schwächlich und verkümmert aus, was man von seinem Bauch nicht gerade behaupten konnte. Er war wohl ein Drache, der nicht häufig seine Klauen, oder Flügel krumm machen musste. Rikero hatte auf seinen Reisen viele solcher Drachen kennen gelernt, die lieber andere für sich arbeiten ließen. Seiner Meinung nach gehörten auch seine kriegerischen Geschwister dazu. Tatsächlich hatte er als einziger der fünf Geschwister die diplomatischen Gene seiner Eltern geerbt. Der Minister zupfte sich arrogant seine unzähligen Amulette am Hals zurecht, die ihn aussehen ließen, wie einen übergroßen Schmuckständer in Drachenform.

Dann hob er den Kopf, sodass er Rikero nicht in die Augen sehen musste, was gut war, da er so nicht Rikeros genervten Gesichtsausdruck bemerkte, und begann zu reden:“Was führt euch zu mir, Sir Rikero aus Doran?”

“Wie ihr sicher wisst, verehrter Minister”, Rikero fielen diese Worte schwer, doch er musste an seine Mission denken “befindet sich euer Land mit Seth im Krieg. Wie ihr auch möglicherweise wisst, liegt das kleine Land Doran unseres erlauchten Herrschers Savanian in den bewaldeten Gebirgen zwischen euren beiden Reichen. Unglücklicherweise wollte es das Schicksal bisher, das eure Truppen über unserem kleinen Land aufeinanderprallen und sich dort heftige Schlachten liefern, bei denen unsere Städte bisweilen gänzlich zerstört werden. Unzählige unschuldige Einwohner unseres Reiches sterben oder verlieren Angehörige, und ihr Besitz wird zerstört. Unser König bittet euch…”

“Jaja”, der Minister wedelte ungeduldig mit der Klaue. Eine weitere Unhöflichkeit, die ihn mancherorts vielleicht das Leben gekostet hätte “Euer König will, dass wir unsere Kampfplätze irgend wo anders hin verlegen, nicht wahr?”

Rikero hatte gerade noch Zeit, zu nicken zu einer Antwort anzusetzen, da sprach der Minister auch schon weiter:“Dann frage doch deinen klugen König mal nach einer Antwort, wie wir das antstellen sollen. Es gibt Seth und es gibt unser Reich, Keizaal und dazwischen liegt irgendwo Doran. Wir befinden uns mit Seth im Krieg, deshalb schicken wir Truppen in Richtung Seth, der König von Seth tut das gleich. Irgendwo prallen die Truppen aufeinander. Es ist ja nicht so, als würde sich unser König mit dem König von Seth zusammensetzen und sich mit ihm über die Schlachtplätze beratschlagen, so nach dem Motto “Heute könnten wir doch mal eine Schlacht über Dohrans Hauptstadt ausfechten, um den alten Savanian zu ärgern” Die Schlachten finden dort statt, wo sich die Soldaten treffen und wir sind froh um jede Flugmeile, die die Schlachten von unseren Grenzen entfernt stattfinden.”

Rikero schüttelte verärgert den Kopf:“Mal angenommen, Doran wäre ein mächtiges, großes Reich, das sich wehren könnte. Dann würde ihr nicht so einfach alle Schlachten auf dem Gebiet ausfechten. Es muss doch eine Möglichkeit geben, die unschuldigen Bürger zu verschonen.”

Der Minister lachte höhnisch:“Ja, ich habe sogar eine Idee… Wir könnte einfach in unseren Städten auf die Angreifer aus Seth warten. Dann zerstören sie zwar unterwegs UNSER Land, aber wenigstens finden die Schlachten dann nicht bei euch statt. Ihr seid ein Diplomat, Rikero, deshalb verzeihe ich euch diese unhöfliche Verschwendung meiner Zeit, aber ich möchte euch doch etwas mit auf den Weg geben: Das hier ist Krieg. Krieg hat keine Regeln, wer sich Regeln ausdenkt kann sich sicher sein, das seine Gegner diese Regeln nicht beachten wird und wer sich einschränkt wird verlieren. Überbringt diese Nachricht eurem König. Hiermit erlaube ich euch, den Raum zu verlassen.”

Rikero stand wie vom Blitz getroffen da. Er war schon seit einigen Jahren Diplomat, doch sowas hatte er noch nie erlebt. So viel Unhöflichkeit konnte doch unmöglich in eine Drachen passen, selbst, wenn er das beachtliche Bauchvolumen des Minsiters besaß.

Waran räusperte sich und sagte erklärte drohend:“Ich habe euch erlaubt, den Raum zu verlassen!”

Rikero riss sich zusammen, sich aufregen konnte er später. Jetzt hieß es erstmal, das Gesicht zu wahren. Dieser Drache wollte ihn nur seine Macht und die Macht seines Landes spüren lassen, das war Rikero nur zu bewusst und gerade deswegen musste er einen stolzen Eindruck machen.

Wenn er etwas Glück hatte, und der Minister es etwas zu weit getrieben hatte, mit seinen Befugnissen, würde er sich vielleicht noch einmal anders entscheiden, aus Angst, etwas könnte zum König durchsickern. Aufrecht verließ er den Raum, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Die Saaldiener hatten die riesigen Türen schon fast wieder geschlossen, als von Rikero von innen hörte, wie der Minister seinen Namen rief.

Er konnte das Grinsen nur mühsam unterdrücken, als er in den Raum zurückkam.

“Ich werde noch einmal darüber nachdenken, vielleicht können wir doch etwas für euren König tun”, erklärte der Minister “Es ist ja nicht so, als sei ich ein hartherziger Drache, es sind halt schwere Zeiten!”

“Ihr habt sicher Recht”, stimmte Rikero ihm zu, während er ihn innerlich vor Verachtung anspuckte.

“Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Aufenthalt in unserer Hauptstadt. Ihr seid entlassen!” Jetzt geleitete Waran Rikero sogar zu Tür… Was für ein schwacher, lächerlicher Auftritt. Rikero bedankte sich noch höflich und verließ dann geradewegs den Palast.

Tatsächlich hielt glaube er nicht, das man besonders viel bezüglich seiner Angelegenheit unternehmen würde, doch trotzdem erfüllte ihn eine gewisse Selbstzufriedenheit, wenn er an den Minister dachte. Doch jetzt wartete erst Mal eine Menge Arbeit auf den Diplomaten, denn falls er doch noch mal vor einen Minister gerufen werden sollte, musste er gut vorbereitet sein.

ran_ghor/kapitel_1.txt · Last modified: 2013/03/20 21:20 (external edit)