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leonardo:kapitel_2

Die Schale bricht

DISCLAIMER: Alle verwendeten Figuren sind geistiges Eigentum von Naomi Novik und stammen aus dem Temeraire-Universum.

Langsam erwacht der Drache aus seinem tiefen Schlaf. Wie nicht anders erwartet, war er immer noch in seinem Ei. Er stutze, irgendetwas war anders. Ja, genau er spürte nicht mehr die Flügelschläge von dem, der ihn vom Schiff aus hergebracht hatte. Außerdem waren dort draußen neue Geräusche und Gerüche. Er nahm das leise Gespräch von zwei Männern wahr, die sich gerade so laut unterhielten, dass er es mitbekam, aber kein Wort verstehen konnte. Auch roch er die würzigen Schwaden, die von einem Lagerfeuer aufstiegen, auf dem eine Kuh gegrillt wurde. Diese interessanten Gerüche weckten ein für ihn völlig neues Gefühl. Die Quelle von ihm war in der Nähe seines Bauches und schickte schmerzhafte Stöße durch die Nerven in seinem Körper. Zusätzlich rumorten auch noch seine Magen. Der Drache ging in sich und versuchte zu ergründen, warum sein Körper ihm solche Probleme bereitete. Die Antwort war denkbar einfach: Er verspürte nur ein simples, überaus starkes Hungergefühl. Lange würde er es nicht mehr aushalten können. Er musste endlich aus der verflixten Schale heraus. Ein Versuch wäre es auf jeden Fall noch einmal wert. Denn das Material, dass er auf seinen Schuppen spürte, war nun komplett ausgehärtet. Er begann sich gegen die Schale zu werfen. Nichts. Neuer Versuch. Er versuchte die schwächste Stelle des Eies zu finden. Tatsächlich, an der oberen Seite der Schale befand sich eine Stelle an der ein wenig Licht durchschimmern sah. In der Zeit, die er gebraucht hatte, um die Stelle zu finden, hatten sich einige Franzosen genähert, die angeregt darüber debattierten, wer wohl das Ei bekommen würde. „Ich wette, der Drache wählt mich, was soll den schon an dir interessieren, du hast ja bis jetzt noch nicht mal einen Fuß auf einen von ihnen gesetzt, geschweige denn einen Kampf miterlebt.“ „Ach, das kommt noch, außerdem ist ihm vielleicht wichtiger, dass ich einige Jahre jünger als du bin.“ Der Drache runzelte verärgert die Stirn. Einen von diesen Hohlköpfen würde er sicher nicht erwählen. Als ob es darauf ankommen würde, wer mehr Schlachten geschlagen hätte oder jünger wäre, er wollte jemanden, der mit ihm geistig auf einer Ebene sei. Er horchte auf. Eine weitere Person näherte sich. „Guten Tag, meine Herren. Ich soll das Schlüpfen überwachen und neue Erkenntnisse über den Drachen festhalten, die vielleicht für die Züchtung unserer Drachen wichtig sein könnte. Mein Name ist Louis Salubre Ich bin Arzt und Fachmann für Drachen jeder Art. Meine Aufgabe besteht auch darin seine Entwicklung der ersten drei Monate mitzuverfolgen und aufzuzeichnen.“ Dieser Mann gefiel ihm schon viel besser, er sprach ruhig mit einer kultivierten und sanften Stimme. Er schien zwar nicht zur Auswahl zu stehen, aber schon allein, weil die zwei Idioten keinerlei Kontakt mit wichtigen Personen, was wegen seiner Mission unvermeidlich wäre, hatten, würde er den Arzt auswählen. Und wenn die Europäer wirklich so scharf auf chinesische Drachen wären, dann würde man seine Entscheidung mit Sicherheit akzeptieren. Egal, erst einmal musste er sich aus dieser verflixten Schale befreien, denn das Hungergefühl wurde immer schmerzhafter. Er begann mit all seiner Kraft sich gegen die dünne Stelle der Schale zu werfen. Tatsächlich. Es klappte. Ein schmaler Riss bildete sich. Der Drache versuchte ihn mit seiner Kralle auszuweiten, sodass nach einigen Versuchen sich der Bruch bis zum Boden des Eis ausdehnte. Der Drache schob erneut eine seiner spitzen Klauen in den Riss und führte sie auf der anderen Seite der Schale wieder bis nach oben. Nur noch ein kleines Stück verband die beiden Hälften miteinander. Er bereitete sich schon einmal vor, gleich die Welt mit eigenen Augen zu sehen. Der Drache richtete sich auf, sammelte seine Kraft und sprengte mit einem Zucken der Schultern die Ei Teile auseinander. Er blickte sich interessiert in dem Raum um, indem er nun stand. Dieser ähnelte entfernt den Pavillons, die er schon aus China kannte, nur war er schlichter gestaltet und besaß nur ein einfaches Giebeldach. Um ihn herum standen die drei Franzosen und betrachteten ihn neugierig. Einer von ihnen, der älteste, ungefähr um die 40, hielt ein Geschirr in der Hand. Er war großgewachsen und hatte dünne schwarze Haare, sein Gesicht war relativ grobschlächtig und auch ansonsten machte die Gestalt nicht viel her. Der zweite, deutlich jüngere, war etwa um die 20 Jahre alt und man sah ihm seine Nervosität deutlich an. Gespannt ließ der Drache seinen Blick weiter wandern. Der Arzt war 22 Jahre alt, hatte ein ausdrucksstarkes Gesicht mit hervorstechenden Wangenknochen und buschigen Augenbrauen. Seine Augen hatten eine Farbe wie leuchtender Smaragd, die ihn interessiert musterte. Mit seinen Händen schrieb er dabei eifrig etwas auf einen Stapel Papier. Er trug einfache schwarze Kleidung, die sehr schlicht war und ohne irgendwelche Verzierungen auskam. Der ältere der beiden Männer näherte sich ihm und deutete eine Verbeugung an. Mein Name ist Théo Imbecile und ich würde Sie gerne anschirren. Sobald dies erledigt ist, habe ich hier auch etwas Fleisch für Sie. Der Drache legte den Kopf schräg: „Das hört sich ja fast wie Erpressung und so hungrig bin ich nun auch wieder nicht. Sie können mir erst einmal etwas zu essen geben und dann denke ich vielleicht noch einmal über dieses Geschirr nach. Ansonsten werde ich mich von Ihnen sicher nicht anschirren lassen!“ Der Mann sah ihn verblüfft an, das hätte er nicht erwartet. Langsam begann er sich aufzuregen, er verhandelte sicher nicht mit dieser halben Portion von Drachen. Im Vergleich zu anderen war dieser kaum größer als eine Ente. Er stürzte überraschend auf ihn zu, mit der Absicht ihm das Geschirr überzuziehen. Dieser schüttelte kaum merklich den Kopf, das fing ja schon gut, kaum war er geschlüpft, bekam er schon Ärger mit einem groben und vor allem dummen Franzosen. Er sprang vor und biss den Mann in den ungeschützten Knöchel. Dieser jaulte auf, denn die Zähne des Drachen waren schon beim Schlüpfen messerscharf. Nun richtig wütend wollte er sich auf das winzige Wesen stürzen. Er wurde jedoch von dem anderen Anwärter zurückgehalten. „Lass es gut sein. Der Drache will dich offensichtlich nicht und wenn du ihn zu etwas zwingst, dann haut er wahrscheinlich ab. Also warte und beobachte, wen er sich als Gefährten aussucht.“ Langsam konnte er den Hunger nicht mehr aushalten, er musste also dringend dieses nervige Ritual hinter sich bringen. Der Drache bewegte sich langsam in die Richtung, wo der junge Mann und der Arzt standen. Der Flieger machte schon ein hoffnungsvolles Gesicht, das sich aber schnell in Erstaunen umwandelte, als er sich nicht zu ihm, sondern zu Salubre wendete. Von diesem verlangte er interessiert zu wissen: „Was für Aufzeichnungen fertigen sie da an?“

SIMON

leonardo/kapitel_2.txt · Last modified: 2013/03/20 21:20 (external edit)