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leonardo:kapitel_18

Grenzen des Lebens

Die Stille zog sich noch einige Momente hin, dann gab Grenache das Zeichen zum Angriff Leonardo musste ihm still Anerkennung zollen, zuerst angreifen war zwar oft eher von Nachteil, aber in dieser Situation konnten sie nur gewinnen, der Gegner hatte noch keine Formation gebildet und hing als unorganisierter Haufen in der Luft herum. Die letzten paar Fuß überbrückten mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit. Maitre hatte die Drachen wirklich gut trainiert, normale Schwergewichte wäre nach dieser Strecke schon ziemlich erschöpft gewesen, geschweige denn davon, dass die meisten es wahrscheinlich gar nicht schaffen würden. Er warf einen abwertenden Blick auf Angustius Das beste Beispiel, dass man seinen Drachen unter gar keinen Umständen zuviel faulenzen lassen sollten, zumindest nicht Kriegszeiten. Seine Gedankengänge wurden unterbrochen als er auf den ersten Gegner traf. Hm, ein einfaches Leichtgewicht. Dürfte keine besondere Herausforderung sein. Wenige Sekunden später und sein Gegner segelte Richtung Boden , ein leises Schnarchen drang aus seinen Nüstern. Wirklich Pathetisch, Imbecile sollte demnächst seine Truppen besser ausbilden lassen. Naja, sein Problem. Gespannt wandte er sich dem nächsten Gegner zu. Ein Mittelgewicht, vielleicht würde dieser Kampf nicht so enttäuschend wie der letzte ende. Ja, das konnte etwas geben. Der Gegner brach nicht direkt unter dem ersten Schlag zusammen und wehrte sich sogar! Ok, Ambition hatte dieser Drache, aber auch er würde nicht allzu lange durchhalten. Ihm fehlte einfach das taktische Geschick und der Blick für den richtigen Augenblick zum Zuschlagen. Ah, da kam solch eine schöne Gelegenheit. Geschickt unterlief Leonardo dem Schwinger von dem Mittelgewicht gegenund schnappte im Gegenzug nach den weichen Flanken des gegnerischen Drachens. Dieser wich unbeeindruckt aus und schlug ein zweites Mal nach ihm. Leonardo betrachtete den Schlag einen Moment kalkulierend und ließ sich von ihm an den dickeren Schuppen treffen. Wie erwartet wurde er herumgeschleudert und befand sich plötzlich näher und in einem andren Winkel zu seinem Gegner. Dieser sah ihnen einen Moment perplex an; er hatte wohl mit einem beeindruckenderen Effekt seines Schwingers gerecht. Dann plötzlich weiteten sich seinen Augen in Schock, als sich Leonardos Zähne in sein Fleisch bohrten. „Alles in Ordnung, der Treffer war beabsichtigt“, rief er Louis zu. Dieser nickte beruhigt und klopfte ihm anerkennend auf die Flanke. Leonardo wich in diesem Moment noch einem schwachen letzten Angriff seines Gegners aus, bevor dieser endgültig in die Tiefe trudelte, nur noch halb bei Bewusstsein. Angespannt blickte er sich um und versuchte ihre Lage zu analysieren: Nach wenigen Sekunden wurde ihm klar, dass sie ein Problem hatten. Sie hatten es zwar erfolgreich geschafft einen Keil in die Formation zu treiben, liefen aber jetzt in das Risiko vom Gegner umschloss und zusammen getrieben zu werden. Das durfte wirklich unter keinen Umständen geschehen. Er musste zu ihrem Anführer. Auf seinem Weg zu Grenache stellte sich ihm plötzlich ein neuer Gegner in den Weg. Wieder ein Mittelgewicht. Genervt verdrehte er die Augen. Nicht, dass er etwas gegen einen Kampf gehabt hätte, aber jetzt war wirklich eine ungünstige Gelegenheit. Wer wollte denn da Ärger bekommen? Offensichtlich eine Art französischer Schwenkflügler. Und er sah verdammt gefährlich aus. Gegen den letzten hatte er episch in England verloren. Heute durfte dies auf keinen Fall geschehen. Ein leichtes Gefühl der Panik wallte in ihm hoch, als er daran dachte, was heute ohne alles auf dem Spiel stehen würde, Imbecile hatte wirklich kein Problem ganz Limoges auszurotten, wenn er eine Gelegenheit und ein Grund geliefert bekommen würde.

Louis spürte die Nervosität seines Drachen in Angesicht des neuen Gegners und flüsterte ihm beruhigend zu: „Mach dir keine Sorgen, das lenkt nur ab. Versuch einfach dich auf den Kampf zu konzentrieren. Du hast in den letzten Monate so viel gelernt, er wird keine Chance haben.“ Unter seiner Hand spürte er, wie sich Leonardos verkrampfte Halsmuskulatur ein wenig lockerte. Insgeheim selber besorgt betrachtete er, wie der Gegner herannahte. In den orangen Augen des Gegners leuchtete irgendwie ein bösartiger Schimmer. Er konnte es irgendwie nicht ganz in Worte schaffen, hatte aber bei dieser Bestie den primitivsten Instinkt wegzulaufen und sich zu verstecken. Leonardo zeigte sich von dieser konkreten Gefahr, aber viel weniger beeindruckt und rief dem Drachen in Französisch eine Beleidigung zu.

Diesmal ließ er seinen Gegner zuerst angreifen. Irgendwie bezweifelte er, dass der schwarze Drache sich so leicht, wie sein Vorgänger besiegen lassen würde. In diesen Augen brannte ein unbarmherziges Feuer. Im nächsten Moment kam dann auch schon der erste Angriff. Er wich ihm mühelos aus und rollte sich unter dem nächsten Angriff durch. Jetzt wäre vielleicht ein guter Moment für einen Gegenangriff. Er stieß unter den Pranken des Schwenkflüglers durch und versuchte in eines der weichen Flügelmembran zu beißen. Leider war sein Gegner nicht dumm, zumindest nicht dumm genug und schlug seinen Angriff ohne größere Probleme zurück. Nach einigen weiterem Hin und Her war Leonardo ziemlich klar, dass er diesen Kampf auf diese Weise eindeutig nicht gewinnen konnte… Zumindest nicht innerhalb der nächsten paar Stunden. Aber vielleicht, er warf einen raschen Blick über das Schlachtfeld… Ja, dass war perfekt. Er wartete noch einige Momente und griff dann seinen Gegner noch einmal an. Dieser wich, zurück und krachte, wie erwartet in das Schwergewicht, dass hinter ihm vorbei geflogen war. Tja, Pech gehabt. Man sollte wirklich einen Blick für seine Umgebung. Er schickte einen stillen Dank an Aulus und seine ewigen Predigten darüber, dass man auf dem Schlachtfeld die Augen aufhalten sollte. Wie auch immer, er musste weiter zu Grenache. Wenige Augenblicke später hatte er ihn erspäht und flog zu ihm herüber, den Gegner links und rechts ausweichend. Also echt, man schon von diesen, er wagte kaum das Wort in den Mund zu nehmen, Koprsdrachen stellten sich so dumm an, dass hinter ihm gegeneinander krachten. Imbecile hate wirklich die Creme del a Creme mitgenommen. Der Sternendrache tauchte unter den Gegner gegen den Grenache gerade kämpfte und verpasste ihm eine unangenehm aussehende Bisswunde. Wenige Momente später trudelte der Drache an ihm vorbei in die Tiefe. „Was gibt’s?“, erkundigte sich ihr Formationsführer; Leonardo deutete auf die Positionen der Gegner: „Sie versuchen uns einzuschließen, wenn wir nichts dagegen tun, dann sind wir in wenigen Minuten handlungsunfähig.“ „Merde!“, murmelte Grenache im Stillen und rief dann mit erhobener Stimme. „Formation delta b auf den Punkt 23:10.“ Leonardo sah ihn ein wenig irritiert an: Diese Verkürzten Befehle gab es zu seiner Zeit noch gar nicht.“ Naja, er flog einfach mal Grenache nach, die meisten Formationen kannte er eh, immerhin gehörte er zu dem Team, dass sie entwickelt hatten. Nach wenigen Momente war ihm klar, was der alte Drache vorhatte. Er begann vor freudig zu grinsen. Ja, dass konnte lustig werden. Die Drachen teilten sich in drei Dreiecksformationen auf, die scheinbar in einem großen Haufen auf eine der Ballungen von Imbeciles Drachen zusteuerten. Natürlich versuchte ihr Gegner diese Position besonders gegen sie abzusichern und beorderte noch einige Schwergewicht zu dieser Stelle. Seine fuchtelnden Handbewegungen sahen auf diese Entfernung wirklich lächerlich aus. Es war wirklich enttäuschend. Jedes mal wenn sie gegen diesen Idioten kämpfen mussten, war er in der Überzahl, schaffte es aber dennoch alles zu verhunzen. Selbst die simpelsten Ablenkungsmanöver schienen für ihn undurchschaubar zu sein. Naja, jetzt war es zu spät wieder einmal. Die drei Formationen trennten sich plötzlich und Leonardo schwenkte mit seiner Gruppe nach rechts weg. Erst nach einigen Sekunde fiel ihm auf, dass er offensichtlich diesen Teil der Formation leitete. Wann bitte hatte Grenache ihm das Kommando übertragen? Eine Ankündigung vorher wäre auch mal ganze nett gewesen. Egal, jetzt durfte er sich seine Nervosität nicht anmerken lassen. Jetzt hieß es erst einmal kämpfen. Langsam begann er sein Tempo zu erhöhen, bis er merkte, dass die Drachen hinter ihm nicht schneller konnten. Vor ihnen verscuhten sich die Gegner noch rasch neu zu formieren, aber sie waren einfach zu wenige. Als Leonardos Formation die Gegner rammte, machten nur wenige der Drachen den Fehler sich in einen Kampf verwickeln zu lassen. Die, die sich trotzdem versuchten in den Weg zu stellen, wurde gnadenlos – anders konnte man es nicht ausdrücken – zerfetzt und die ihre toten Körper in Richtung Boden geschleudert. Der Sternendrache flog einen weiten Bogen steuerte mit seinen Formation den Kreis der Gegner diesmal von außen an. Wenn sie jetzt genug Schaden verursachen konnten, dann hatte sie vielleicht eine klitzekleine Chance Imbecile ganz zu besiegen. Die nächsten paar Minuten verbracte Leonardo in aus Wirbel aus Blut und den Schreien von schwer verletzten Drachen. Normalerweise würde er solch ein Gemetzel verabscheuen und wenigstens versuchen einige von den anderen Drachen zu retten, aber heute ging es um ihr nacktes Überleben. Sollten sie scheitern, wäre das gesamte Lager in Limoges in Gefahr.

Louis betrachtete von Leonardos Rücken aus entsetzt, wie sein Freund unter den Gegnern wütete. Wann war es in diesem verdammten Krieg dazu gekommen, dass der Sternendrache jegliche Hemmungen vor dem Töten verloren hatte? Es war beängstigend, aber obwohl er den Gedanken, notwendig. Er fühlte sich auf dem Rücken von seinem Drachen so hilflos. Wie ein stummer Beobachter, der zum Zuschauen verdammt war, aber nicht eingreifen durfte. Ein weiteres Mal ließ er sein Blick über das Schachfeld streifen. Der Kreis, der sie noch vor wenigen Momenten eingeschlossen hatte, war an mehreren Stellen durchstoßen worden und die Reihen der Gegner hatten sich deutlich gelichtet. Sein Blick blieb an dem Knubel aus Drachen hängen, wo eigentlich die erste Formation fliegen sollte. Es war eine der wenigen Stellen, wo der Gegner noch aktiv Widerstand leistete. Und es sah gar nicht gut aus für sie. Kaltes Entsetzen durchzuckte ihn, als er in dem Kampf auch Jade mit Hope entdeckte. Verdammt sie mussten irgendetwas tun. „Leonardo“, brüllte er panisch: „Was ist?“, fragte dieser jetzt auch alarmiert, „Wir müssen den anderen helfen.“, er deutete auf den Haufen, „sie sind eingeschlossen und kommen ohne Hilfe von außen auch nicht aus dieser Falle heraus.“

Bei Leonardo schalteten sich in diesem Moment alle Beschützerinstinkte an. Fieberhaft begann er seiner Formation Befehle zu erteilen und steuerte die nun umgeformte Formation direkt in Richtung Gegner. „Merlot“, donnerte er, „wir brauchen dich hier vorne, also beeile dich mal ein bisschen.“ Der Schwergewichtige Drache gehorchte und schob sich vor ihre Truppen, wie ein lebendiger Rammbock. Leonardo ließ noch einmal einen letzten prüfenden Blick über das Schlachtfeld wandern, er wollte nicht schuld sein, den Kampf zu verlieren, weil er irgendein nerviges Detail übersehen hatte. Sein Blick bleib auf Imbecile und dessen persönliche Leibgarde hängen, die sich bisher vornehm aus dem Kampf zurückgehalten hatte. Verdammt, warum musste dieser Idiot sich jetzt einmischen?

„Ihr müsst schneller fliegen“, versuchte er seine Drachen anzutreiben, „Kommt gebt jetzt nicht auf. Nur noch diesen letzten Sprint, dann ist Imbecile so gut wie geliefert. Verzweifelt beobachtete er, wie sich die beiden Formationen dem Knubel immer weiter näherten. Schon nach wenigen Sekunden war vollkommen klar, sie konnten nicht vor Imbecile ankommen. Seine Drachen waren ausgeruht und nicht schon von den etlichen vorherigen Kämpfen erschöpft, aber was konnte Leonardo bitte schön tun, außer es weiter zu versuchen. Sie hatten vielleicht noch eine winzige winzig kleine Chance, den Ring zu sprengen.

Hope blickte sich hektisch um, verdammt, es musste doch irgendwo ein Schlupfloch geben, eine Schwachstelle, die sie ausnutzen konnten. Verzweifelt scharte sie die letzten ihrer Gefährten um sich, ihre Hände waren gebunden, jetzt konnte sie nur so lange durchhalten, wie möglich. Vielleicht schafften es ja die Gruppen von Leonardo oder von Grenache sie aus dieser Falle zu befreien. In diesem Moment wurde sie von einem französischen Mittelgewicht angegriffen und sie musste all ihre Gedanken auf den Kampf konzentrieren. Sie durfte einfach nicht, konnte jetzt nicht besiegt werden, da sonst die gesamte Formation untergehen würde. Mit letzter Kraft schlug sie den Angreifer zurück und schickte noch einmal einen Blick zu den wenigen, die verblieben waren, ihre Reihe zitterten und wankte, aber noch hielten sie stand. „Jade“, fragte sie mit leicht zitternder Stimme, „siehst du, ob von irgendwo Hilfe kommt?“ „Eher das Gegenteil“, antwortete ihre Reiterin leise, „Imbecile kommt“ Sie stockte und fügte dann mit einem Anflug von Hoffnung in der Stimme hinzu: „ich glaub Leonardo versucht auch gerade zu uns durchzukommen. Aber es sieht nicht gut aus.“ „Egal“, erwiderte Hope nun mit einem Anflug von Wut in der Stimme. „Ich werde sicherlich nicht einfach aufgeben. Wir versuchen einen Ausfall.“ Sie schrie einige Befehle und führte ein letzten todesmutigen Angriff. Es war schierer Wahnsinn, ungefähr 10 Drtachen gegen ein Übermacht von 60 oder 70 Gegnern. Aber vielleicht konnte es genau deswegen funktionieren. Deshalb sammelte sie noch einmal all ihre Stärke und versuchte die tödliche Falle, die ihnen gestellt wurde zu durchbrechen. Hope wollte nicht sterben und vor allem wollte sie nicht das Jade starb.

Das erste Mal in seinem Leben fühlte sich Leonardo komplett hilflos. Er konnte nicht schneller fliegen, ohne seine Formation zurückzulassen und musste zur Handlungsunfähigkeit verdammt dabei zuschauen, wie Hopes Gruppe zerfleischt wurde. Raphael und Enzo, die neben ihm flogen, schienen das selbe Gefühl zu teilen und vollbrachten beinahe das Unmöglich: Die Drachen steigerten trotz der Müdigkeit der Schlacht noch einmal ein winziges bisschen ihr Tempo. Sie hatten beinahe den Kampfherd erreicht. Vielleicht gab es ja doch noch die Hoffnung ihre treuen Gefährten zu retten. Doch diese wurde mit brutaler Grausamkeit zerschlagen, als der ebenfalls hinzugekommene Imbecile sich mit seinem fetten, bösartigen Drachen vor sie schob und sie höhnisch an funkelte. Leonardo versuchte an diesem neuen Gegner vorbeizukommen, aber vergeblich, er wurde nur in immer neue Kämpfe verwickelt und musste um sein eigenes Leben fürchten, als drei Gegner begann ihn herumzujagen. Er wich den Angriffen immer wieder aus und schaffte sogar den ein oder anderen Gegenangriff, aber an ein Durchkommen war überhaupt nicht mehr zu denken. Plötzlich durchriss ein schmerzerfüllter Schrei seinen Kampfesrausch: Hope. Sie war von mehreren Gegner eingekreist worden, nachdem die letzten Drachen ihrer Formation gefällt worden waren. Eine breite klaffende Wunde zog sich über Seite. Eine tödliche Wunde. Leonardo schaffte es noch einen letzten Blick in ihre vom Schmerz getrübten Augen zu werfen und erkannte die stumme Bitte in ihnen. Ein letzter Dienst den er nicht verweigern konnte. Als sie begann in Richtung des Boden abstürzen, begann er einen plötzlichen Sturzflug und jagte ihrem Körper hinterher. Als er an sie herangekommen war, zeriss er noch in der Luft das Geschirr und ergriff mit seinen Klauen Jade. Sie wehrte sich nicht, sondern flüsterte, wie erstarrt immer wieder diesen eine Namen: „Hope“. Er war sich nicht sicher, aber bevor sie aus dem Sturzflug herausriss, kam es ihm so vor als würde Hope noch ein letztes Wort flüstern: „Danke.“

In diesem Moment zerbrach etwas in Leonardo. Und es war schlimmer, als alles andere was er jemals erlebt hatte. Kein alles überwältigender Schmerz, nur dumpfe Gefühlslosigkeit. Es war, als hätte man ein graues Tuch über seinem Kopf zusammengeschlagen. Ein Tuch, dass ihn herabzog in einen See der stummen Verzweiflung. Es konnte, es durfte nicht sein. Nur ein schlechter Traum: Hope würde sich jeden Moment wieder fangen und mit ihm diesen verdammten Krieg gewinnen. Aber nichts passierte: Das Leben lief einfach weiter. Mit einer ernüchternden Endgültigkeit schlug sie auf dem Boden auf: Ihr fragiler Körper, zerschmettert, die Flanken aufgerissen und mit dunklem Blut, das in Strömen aus ihren Wunden floss, verschmiert. Warum? Immer wieder echote diese schreckliche Frage in seinem Kopf herum. Er fand keine Antwort. Es gab keine Antwort. War es seine Schuld? Hätte er ihren Tod verhindern können? In seinen Gedanken spielten sich, wie in einem Film, die letzten Minuten ihres Leben ab. Und es blieb dabei. Es gab keine Lösung. Seine Welt erzitterte. Gab es überhaupt noch Gerechtigkeit? Aulus Tod hatte ihm schon einen schrecklichen Schlag versetzt, aber sein Mentor war alt gewesen, er hatte alles erlebt, was das Leben zu bieten hatte, war gestorben, in dem Wissen, dass sein Tod nicht sinnlos gewesen war. Leonardo war zwar um den Verlust schrecklich traurig gewesen, aber er konnte sich damit arrangieren, er konnte die Arbeit von seinem Freund weiter führen und für seine Absicht auch in der Zukunft eintreten und ihm damit einen Hauch von Unsterblichkeit verleihen. In diesem Moment aber war alles anders. Hope war weder alt, noch erwartete sie in irgendeiner Form ihren Tod. Sie hatte nur gekämpft, um ihren Freunden zu helfen mit der wagen Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Eine Zukunft, die sie nie erleben würde. Ihr Tod hatte keinen Sinn und für ihn verblasste der selbige auch immer mehr. Für ihn war die Freiheit einfach nicht mehr verlockend. Wie sollte er glücklich leben, wenn er doch ständig an ihren Tod erinnert würde. Als sich Leonardo so immer weiter in seinen Gedanken und Gefühlen verstrickte, merkte er gar nicht, wie er immer weiter nach unten sank und dabei ein wunderbares Ziel für ihre Feinde abgab. Ihm war zwar die Gefahr nicht bewusst, seinem Reiter aber um so mehr.

Louis liefen selber die Tränen über das Gesicht, in seinen eigenen Gedanken lauerte die Verzweiflung, aber er unterdrückte sie und erinnerte sich lieber an den Schwur, den sie einst getätigt hatten, wenn einer starb, machten die andern weiter. Weder Jade noch Leonardo schien gerade dazu in der Lage zu sein, also musste er diese Pflicht übernehmen. Alles in ihm sträubte sich dagegen, aber irgendwer musste wohl die Scheißarbeit machen. Er verpasste Louis einen nicht allzu leichten Hieb und sobald Leonardo seinen Blick auf ihn fokussiert hatte, brüllte er ihm ins Ohr: „Reiß dich verdammt nochmal zusammen! Ich weiß es ist schrecklich, aber du musst weiter machen. Du hast diesen Satz sicherlich schon hunderttausendfach mal gehört, was aber nichts an seiner Bedeutung ändert. Die Toten wollen, dass wir weiter leben und ihnen nicht sinnlos in den Tod folgen. Eine Tragödie reicht.“ Louis war sich nicht hundertprozentig sicher, aber er meinte beinahe dabei zusehen zu können, wie sein Freund langsam wieder zu Bewusstsein kam. Vielleicht gab es doch noch eine Chance zu ihm durch zu dringen. „Lass Imbecile jetzt nicht gewinnen. Du willst doch nicht etwas, dass er mit seinen Verbrechen durchkommt, oder?“ Er warf seinem Freund einen stechenden Blick zu. Langsam, ganz langsam ließ dieser seinen Kopf hin und her schwenken. Erleichtert atmete Louis auf. „Dann überwinde deinen Schmerz und kämpfe verdammt nochmal weiter!“ Er meinte beinahe zu spüren, wie Leonardo wieder Kraft in seinen Museklen anstaute und sich wieder in eine stabile Fluglage riss. Trotzdem, komplett beruhigt war er bei weitem nicht. In die Augen seines Drachen war ein kalter Glanz getreten, den er bis jetzt erst einmal hatte sehen müssen, kurz nach dem Tode von Aulus. Und diesmal bezweifelte er, dass Leonardo sich selber wieder fangen würde. Dafür war der Schmerz hinter dieser eisernen Maske viel zu groß. Aber darum konnte er sich jetzt nicht kümmern, als nächstes musste er etwas für Jade tun. Zwischen Drachen und Reiter bestand ein Bund und wenn dieser gewaltsam zerrissen wurde, entstanden Wunden die niemand so schnell heilen konnte. Nicht wenige folgten ihren Kameraden in den Tod, da der Verlust zu grausam war. Aber so weit würde er es nicht kommen lassen. Er wusste, dass Jade die Stärke haben würde weiter zu machen. Und insgeheim musste er sich eingestehen, dass er einen weiteren Verlust nicht verkraften würde. Deshalb packte er seine Freundin an den Schultern und verhakte seinen Blick mit ihrem. Grün traf auf Grün und Louis bemerkte trotz der verzweifelten, wie sehr er den Anblick von ihr liebte. Und diesem einem beinahe schon unwirklichen Moment, ließ er all seinen Vernunft, die ihn schon sein Leben lang begleitet hatte, fahren und vertraute allein seinen Instinkten. Umgeben vom Geschrei sterbender Drachen und Menschen, dem Aufeinander krachen von Klauen auf Schuppen, dem dumpfen Explosionen von abgeschossenen Musketen, umfasste er ihr Gesicht und küsste sie. Wie lange hatte es ihm schon danach verlangt und jetzt in dieser unpassendsten Situationen von allen passiert es einfach. Zuerst reagierte Jade nicht und er fürchtet schon einen riesigen Fehler gemacht zu haben, aber dann, als würde sich eine Schleuse offen, umarmte sie ihn erwiderte mit schon beinahe einer verzweifelten Leidenschaft seinen Kuss. In diesem Moment setzt sein Denken komplett aus, er bestand nur noch aus Emotion, spürte ihre weichen Lippen auf den seinigen und genoss das wunderbare Gefühl, wie sich ihr weicher Körper gegen ihn presste. Nach einigen Sekunden begann Jade beinahe hemmungslos an zu weinen, unterbrachen den Kuss aber trotzdem nicht. Louis wollte sich nicht vorstellen, welcher Konflikt gerade in ihr tobte und versuchte einfach nur für sie da zu sein. Alles war besser als diese stumpfen Gefühlslosigkeit, von der sie vorher gefangen genommen gewesen war. Plötzlich wurden sie auseinander gestoßen als Leonardo mit einem Gegner kollidierte. Keuchend schnappte er nach Luft, hielt aber trotzdem Jade fest, damit sie nicht von Leonardo herunter geworfen wurde. Er warf ihr einen prüfenden Blick zu, diesmal erwiderte sie ihn bewusst und warf ihm trauriges Lächeln zu. „Wir reden später. Hast du eine Waffe für mich?“ Louis brauchte nicht nachzufragen um zu wissen wofür sie eine benötigte. Ihre Absicht war klar: Rache. Und er würde sie ihr sicherlich nicht verweigern. Er griff auf seinen Rücken nahm das vor dem Kampf angeschnallte Gewehr herunter. „Nur eine Kugel“, sagte er bedeutungsschwer, „alle anderen sind zusammen mir dem Schießpulver verloren gegangen.“ Sie nickte kalt. „Mehr werde ich auch nicht benötigen. Imbecile wird die Sonne nicht mehr untergehen sehen.“

Währenddessen bekam Leonardo von dem Geschehen, dass sich auf seinem Rücken abspielte überhaupt nichts mit. Waren vorher seine Gedanken von grauer Hoffnungslosigkeit und Trauer benebelt gewesen, brannte nun in seinem Geist das Feuer eines tödlichen Zornes. Alle Pläne Imbeciles und seines kranken Gönners Densens sollten am Ende dieses Tages in Scherben liegen , kein einziges ihrer größenwahnnsinigen Ideen in die Tat umgesetzt. Geschickt wiche er einigen von links und rechts angreifenden französischen Drachen aus. Pah, diese Amatäure würde ihn nicht von seiner Formation fernhalten können. „Ist alles in Ordnung?“, fragte einer seiner Drachen mitleidig. Offensichtlich hatte er das ganze Drama miterlebt. Leonardo durchfuhr einen schmerzhafter Stich, den er aber sogleich wieder unterdrückte. Später war die Zeit zum Trauern. Nicht jetzt, wie Louis ihm eben schon gesagt hatte. Leonardo nickte deshalb nur knapp und begann Befehle zu verteilen. An ihrer Situation hatte sich nichts großartig geändert: In der Mitte des Schlachtfeldes hing immer noch ein riesiger Knubbel an Gegner, offensichtlich hatte sie sich nach ihrem gemeinen Amgriff auf Jade immer noch nicht zerstreut. Leonardo plante ihn von zwei Seiten aufbrechen zu können. Nur eine Sache hatte sich zu vorher geändert. Er wollte nicht einfach nur noch gewinnen und fliehen können, nein, er wollte seine Gegner vernichten, sie in den Boden stampfen und Imbecile zusammen mit seinem Monstrum von Drachen in Fetzen über dem Schlachtfeld verteilen. Einige Sekunden lang erlaubte er sich diese blutigen Bilder zu genießen, riss sich dann aber wieder zusammen, jetzt hieß es handeln, er konnte sich später immer noch kreative Möglichkeiten überlegen seinen Nemesis umzubringen. „Melisti“, rief er einen der leichtgewichtigen Drachen aus seiner Formation zu sich, „flieg bitte schnell zu Grenache herüber und sag ihm, dass ich einen Großangriff starten möchte und möglichst dabei nicht allein dastehen möchte.“ Der Bote nickte kurz zur Bestätigung des Auftrages und flog dann herüber – einen weiten Bogen um ihre Feinde machend – zu der anderen Gruppe von Drachen. Leonardo wartete bis er angekommen war und donnerte dann „Angriff!“. Er begann sein Flugtempo kontinuierlich zu steigern bis er merkte, dass seine Kameraden ihm nicht mehr folgen konnten. Ihn juckte es zwar unter den Schuppen, aber er unterließ es seinen Drachen zu befehlen keine Gnade unter den Gegnern walten zu lassen. Irgendwo in dem nicht von Zorn verblendeten Teil seines Bewusstseins flüsterte ihm eine leise Stimme der Vernunft zu, dass die meisten Feinde genau so wenig Schuld an der Situation wie er selber hatte. Letztendlich musste man eine Grenze ziehen. Es gab Dinge, die konnte man einfach nicht machen. Schließlich wollte er nicht zum selben kaltherzigen Bastard werden, gegen der er nun schon fast seit seiner Geburt kämpfte. Wer aufgeben wollte, würde nicht sinnlos abgeschlachtet werden. Auf der anderen Seite des Schlachtfeldes sah Leonardo, wie Grenache mit seinen Truppen auf den Gegner krachte. Jetzt war auch ihre Zeit gekommen. Er ließ nur noch schnell einen prüfenden Blick zu Imbecile huschen. Er wollte nicht Hals über Kopf in eine Falle rennen. Erstaunt zog er die Augenbrauen hoch, als er sah, dass dieser wirklich etwas getan hatte. So viel Intelligenz hatte er ihm gar nicht zugetraut. Offensichtlich wollte sich der Feigling aus dem Staub machen und dafür den Großteil seiner Drachen als Kanonenfutter opfern. Naja, er hatte aber auch wirklich keine Chance mehr. Scheiße Aufstellung, die Hälfte seiner Truppen in den vorherigen Gefechten verloren und jetzt auch einen richtig wütenden Sternendrachen, der seinen Kopf abreißen wollte. Zusätzlich drangen von der Sole des Tales die Wehrschreie der verletzten Drachen und Menschen hinauf. An vielen Stellen war die zuvor noch idyllische Landschaft verwüstet und von den Kadavern der Verstorbenen übersät. Was für ein Wahnsinn. Den er jetzt beenden würde, schwor sich Leonardo und konzentrierte sich auf den ersten rasch herannahenden Gegner.

Hilflos hatte den Maitre den von Hope mit ansehen müssen. Schon wieder eine gute Kameradin, die er nicht hatte retten können. Den Tod von sovielen hatte er über die Jahre ansehen müssen, sodass er sich abgestumpft fühlte. Mit jedem sinnlosen Opfer, sehnte er sich mehr den Militätdienst einfach niederlegen zu können und endlich in seinen wohlverdienten Ruhestand gehen zu können. Mitleidig musste er daran denken, was Leonardo und die Reiterin von Hope, Jade, gerade durchleben mussten. Sie waren alle noch so jung und der Tod so schrecklich für sie. Für ihn selber barg dieser keinen Schrecken mehr. Er würde ihn in ein paar Jahren sogar willkommen heißen, er hatte soviel erlebt und das Leben barg nur noch wenige Freuden für ihn. Seit dem Tod seines Drachen erschien das Leben so Trist und farblos. Selbst Grenache, den er als treuen Freund über die Jahre schätzen gelernt hatte, würde ihn nicht mehr lange im Leben halten können. Seine trüben Gedanken wurden jäh unterbrochen, als ein kleiner Botendrachen, neben ihn und Grenache geschossen kam. Sobald er, von seinem schnellen Flug erschöpft, wieder zu Atem kam, begann er rasend schnell eine Nachricht herunterzurattern. Maitre wartete geduldig bis der Bote fertig war und sagte dann freundlich: „Und jetzt das Ganze bitte noch einmal langsam. Ich hab kein einziges Wort verstanden.“ Der Drache errötete und folgte seiner Aufforderung: „Kommandeur Leonardo lässt ausrichten, dass er gerade den finalen Angriff einleitet und er erbittet eure Hilfe.“ Maitre nickte ihm anerkennenden zu: „Geht doch. Wir werden Leonardo unterstützen.“ Grenache, der die Nachricht mit angehört hatte, begann ihre Einheit fertig zu machen. Zu dem immer noch neben ihnen flatternden Leichtgewichtig sagte er belustigt: „Du bleibst am besten bei uns.“ Mit einem ermutigenden Lächeln fügte er hinzu: „Wir wollen ja schließlich nicht, dass du im Kampfgetümmel noch verloren gehst.“ Der kleine Drache nickte begeistert und flog zu ein paar seiner Kameraden aus Limoges herüber.

Als sie den Gegner endlich erreicht hatten, stellte Maitre zum wiederholten Mal an diesem Tag fest, wie schlecht der Gegner organisiert war. Imbecile hatte durchaus fähige Kämpfer; das Problem war nur, dass sie nicht zusammenarbeiteten und nun von seiner Formation nach und nach besiegt wurden. Gerade in diesem Moment brachten mehrere der Leichtgewichte einen Grand Chevalier zu Boden, eine wirklich Glanzleistung, die nur durch Leonardos genialen Angriffstaktiken ermöglicht wurden … und durch die Inkompetenz der Gegner. Keinerlei Disziplin. Unter seinem Kommando wäre es niemals so weit gekommen. Aber warum sollte er sich beschweren? Immerhin waren es die Truppen des Feindes. So wurden weniger seiner Freunde verletzt geschweige denn getötet. Aus den Augenwinkel bemerkte er, wie sich einige Gegner unter dem Schutz eines letzten Verteidigungsrings davonstehlen wollte. Ts, Ts, Ts, nicht einmal genug Rückgrat um anständig zu kapitulieren um wenigsten ein bisschen Ehre zu behalten. Aber diese speziellen Feiglinge würde er Leonardo überlassen, der hatte seine Rache an Imbecile wirklich verdient. Er würde sich zusammen die letzten Verteidiger vornehmen. Unter ihm hatte Grenache anscheinend die selbe Entscheidung getroffen und steuerte den offensichtlichen Anführer der Truppe an. Das konnte eventuell noch ein interessanter Kampf werden.

Leonardo schickte einen dankbaren Blick zu Maitre. Solange er sich um Imbeciles Rückendeckung kümmerte, konnte er sich den Feigling selber vorknöpfen. Der Hälfte seiner Formation befahl er zurückzubleiben und seinem ehemaligen Ausbildern auszuhelfen. Er hatte wirklich keine Lust noch mehr alte Freunde verlieren zu müssen. Aus den Augenwinkel sah er Merlot sich neben ihm positionieren. Irgendwie war es beruhigend neben einem seiner ältesten Freunde in das letzte entscheidende Gefecht fliegen zu können. „Erledigen wir es endgültig“, rief ihm Enzo mit einer kalten Entschlossenheit herüber. Leonardo nickte nur stumm. Vielleicht hörte dann dieser ganze Albtraum endlich auf. Insgeheim wusste er zwar, dass er sich etwas vorlog, aber an irgendetwas musste er sich doch klammern. Denn sonst würde er einfach nur zusammenbrechen und dann würde selbst Louis ihn nicht mehr aus seiner Verzweiflung reißen können. Gewaltsam riss er seine Gedanken von diesem Abgrund der Trauer und des Schmerzes weg und konzentrierte sich wieder auf seine Aufgabe, die endgültige Rache an einem Größenwahnsinnigen. Wäre doch niemals ein Drache bei ihm geschlüpft. Er hatte keine Lust mehr das Schicksal immer den Bösen in die Hände spielen zu lassen. Heute würde er einmal Schicksal spielen und hoffentlich das Leben von vielen zukünftigen Opfern von Imbecile retten.

Verächtlich betrachtete Leonardo wie Imbecile immer weiter versuchte seinen Drachen anzutreiben. Dieser versuchtes es auch, aber bitte… was verlangte dieser Idiot? Selbst wenn Angustius bestens trainiert gewesen wäre, hätte er keine Chance gegen ein Leichtgewicht gehabt. Aus diesem Grund nahte die kleine Gruppe der Gegner auch ziemlich schnell heran und er befahl den Drachen, die ihm begleiteten, sich aufzuteilen und dem anderen den Weg zu verstellen. In einer letzten verzweifelt und – Leonardo konnte es nicht anders bezeichnen – bescheuerten Aktion, ließen sich die Leibwächter zurückfallen und stellten sich Ihnen entgegen. Genervt verdrehte der Sterndrache die Augen, Imbecile könnte selbst mit einer halben Stunde Vorsprung nicht entkommen, es befand sich weit und breit kein freundlich gesinnter Stützpunkt. Aber egal, wenn er es ihm noch einfacher machen wollte, dann würde er die Gelegenheit sicherlich verschwenden. Aber vielleicht war ja ein Kampf komplett vermeidbar. Ein Versuch war es aber alle Male wert: „Gebt den Weg frei! Ich bin nicht an euch interessiert. Ihr könnt zu euren verletzten und gefangen Kameraden zurückkehren, wenn ihr uns jetzt passieren lässt.“ Leonardo überlegte einen Moment und fügte dann noch hinzu: „Es gibt für euch nichts mehr zu gewinnen.“ Einige Zeit lang schienen die Gegner heftig über seinen Vorschlag zu diskutieren, aber Leonardo sah es einfach einmal als gutes Zeichen, dass sie offensichtlich sein Angebot nicht direkt in den Wind schlugen. Nachdem eine weitere halbe Minute verstrichen war, wurde er langsam ungeduldig. War dies nur ein trickreicher Versuch Zeit zu schinden? Leonardo war schon nahe daran, die Gruppe sprengen zu lassen, als plötzlich einer der Drachen sich aus den Verteidigern löste und auf halbe Länge zu ihnen herüber flog: „Wir haben uns entschieden.“ Einen Moment erwartungsvoller Spannung, „Ihr könnt passieren. Imbecile hätte uns bedenkenlos zu seinem Vorteil geopfert, wir sehen nicht ein ihn weiter zu unterstützen.“ Leonardo atmete erleichtert auf. Das war besser abgelaufen als erwartet. „So sei es.“ Zu seinen Freunden gewandt, fügte er hinzu: „Enzo, Merlot übernehmt bitte den Rest meiner Formation und geleitet dieses Drachen zu ihren Kameraden zurück. Ich stehe zu meinem Wort. Ihnen soll kein Leid zugefügt werden.“ Der Drache neben ihm schnaubte: „Darauf brauchst du mich nicht extra noch einmal hinzuweisen. Ist ja jetzt nicht so, als würden wir unsere Gefangenen mit heißen Eisen brandmarken oder foltern.“ Leonardo schmunzelte leicht und erwiderte: „Du weißt doch, ich muss mein Image wahren. Ist ja in letzter Zeit ziemlich torpediert worden.“ Von einem Moment auf den anderen wurde Merlot wieder ernst. „Du bist dir sicher das du keine Hilfe bei Imbecile brauchst?“ Er nickte entschlossen. „Hundertprozentig. Das ist mein Kampf- Und ich werde ihn heute beenden. Keine weiteren sinnlose Racheaktionen mehr und auch keine Opfer von seinem Hass und seinem Neid. Das ist mein Tribut an die Opfer dieses Krieges.“ In einen leichteren Tonfall wechselnd, fügte er noch hinzu: „Außerdem hab ich ja noch Louis und Jade, die können mir gerne helfen.“ Merlot nickte seufzend: „Ich mag deine Entscheidung zwar ich nicht, aber was kann ich tun?“ Nach einem Moment des Schweigens fügte er noch hinzu: „Ich denke mal, dass ist dann unsere letzte Begegnung. Ich wünsche dir viel Glück – gegen Imbecile und in eurem Neuen Leben.“ Gerührt betrachtete Leonardo seinen Freund und verabschiedete sich ebenfalls: „Wir werden uns sicherlich irgendwann einmal wieder sehen… Bis dahin kann ich dir und Enzo nur für eure Freundschaft danken.“ Merlot nickte ihm ein letztes Mal freundlich zu und wandte sich dann zu Seiner Formation um, nachdem Enzo ebenfalls seine letzten Grüße losgeworden war. Bevor die beiden außer Hörweite verschwanden, rief Leonardo ihnen noch hinterher: „Passt auf dass ihre diesen verdammten Krieg überlebt.“ Merlot brüllte nur noch einmal ermutigenden und verschwand dann endgültig in der Ferne.

Wenige Minuten später hatte Leonardo Imbecile erneut eingeholt und diesmal stand niemand zwischen ihnen. Ein böses Lächeln schlich sich auf Leonardos Lippen: Endlich war der Moment gekommen. Er gegen seinen Nemesis. Ok, Louis, Jade und den gegnerischen Drachen mal nicht mitgerechnet. Aber diese ging es heute nicht. Dieser ein Kampf würde für die gesamte Entwicklung, während den napoleonischen Kriegen stehen. Der Kampf um die Vorherrschaft von Drachen und Menschen in der Abendländischen Welt. Engstirnige Herrschsucht einer veralteten Adelsklasse gegen die liberalen und moderneren Vorstellung mancher Drachen. Bevor er zum Angriff überging, ließ Leonardo noch einmal seinen Blick über die Landschaft streifen. Gut, keinerlei Rückzugsmöglichkeiten. Also würde es jetzt wirklich enden. Zufrieden wandte er seinen Blick wieder Angustius zu. Dieser hatte mittlerweile gewendet und blitzte ihn aus bösartigen orangen Augen an. Leonardo sah ihn nur verachtungsvoll an. Wie konnte man nur so wenig Würde haben? Gedankenlos den Befehlen eines Irren folgen. Naja, was sollte man auch schon anderes erwarten von so einem Drachen. Sein Gegner war fett, selbst für ein Schwergewicht und seine dunkelgrauen Schuppen hatten jeglichen natürlichen Glanz verloren. Man könnte ihn schon beinahe bemitleiden. Sobald Leonardo in Reichweite war, warf er sich auf den Drachen. Dieser wich schwerfällig zurück und machte einen schwachen Versuch Leonardo mit seinen Klauen zu erwischen. Imbecile rief spöttisch herüber: „Was? Keine Angebot, dass ich mich ergebe? Die ganze Sache 'gewaltlos' zu regeln?“ Gespielt enttäuscht schüttelte er den Kopf: „Was ist nur aus all Ihren Moralvorstellungen geworden?“ Leonardo schnaubte verächtlich. Er würde sich sicherlich nicht von diesem Idioten provozieren lassen. „Verschwendete Energie bei Ihnen. Sie gehören zu den wenigen Individuen, bei denen Ich sagen würde, dass die Welt ohne Sie besser dran wäre. Sie hatten eindeutig genug Chance, General Imbecile.“ Und mit diesen Worten stürzte er sich erneut auf seinen Gegner. Die nächsten paar Minuten verbrachten die beiden Drachen damit ein beinahe schon lächerliche Spiel von Katz und Maus zu veranstalten, wobei lächerlicherweise Angustius versuchten den Angriffen Leonardos zu entkommen. Nicht sehr erfolgreich, musste dabei angemerkte werden. Er blutete aus unzähligen kleineren Wunden und rang sichtlich um Atem. Imbecile schien sich seiner zusehend verschlechternden Situationen mittlerweile auch klar geworden zu sein und versuchte weiter Leonardo zu einem Fehler zu verleiten: „Du vermisst doch sicherlich die kleine Hope. Was es für eine Freude war sie endlich auslöschen zu können, ihren wertlosen Körper auseinander zu reißen.“ „Nicht hinhören“, intonierte Leonardo in seinem Kopf wieder und wieder, es war ein Mantra, dass die dunkle schwelende Wut in ihm zurückhalten konnte, noch zumindest. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, was es mir ein Freunde bereitet hat, diese verräterische Plage endlich loszuwerden. Sie ist das beste Beispiel was mit denen passiert, die sich mir widersetzen. Und weißt du was das beste ist, ich werde morgen in Paris sogar noch entlohnt, dass ich diese kleine Rebellion aufgehalten habe. Wer hätte den schon erwartet, dass das gute alte Limoges einen Aufstand proben würde. Naja, es ist wohl das beste, wenn ich das Lager irgendwann demnächst komplett auslöschen lasse.“ Leonardo schüttelte wütend den Kopf. Was für ein unglaubliche Ignoranz. „Deine Truppen sind zerschlag“, spie er ihm verächtlich entgegen, „deine Pläne vereitelt, du wirst niemanden ein Haar mehr krümmen können. Die Herrschaft von dir und deinem tyrannischen Freund Densens endet hier und heute.“ Und mit diesen Worten stürzte er sich ein weiteres Mal auf Angustius. Er wusste schon in dem Moment, als er die Attacke startete, dass er sich verschätzt hatte. Nicht viel, vielleicht nur einige Fuß, aber es reichte für seinen Gegner. Dieser sprang in einer gewaltigen Anstrengungen nach vorne und packte ihn mit seinen riesigen Krallen. Der Sternendrache wand sich in dem Griff, um wieder frei zu kommen, scheiterte aber immer wieder an dem schraubstockartigen Umklammerung. Was sollte er nur tun? Knirschend gab ein seiner Schnuppen nach und ein brennender schoss seinen Rücken entlang. Lange würde er dieser Belastung nicht standhalten können. Er war winzig, Im Vergleich zu seinem riesigen Gegner. Langsam fühlte es sich an als würde jede einzelne Muskel in seinem Körper durch die schreckliche Anspannung auseinandergerissen . Langsam verdunkelte sich sein Sichtfeld, der Schmerz steigerte sich noch einmal explosionsartig. Und Leonardo verspürte das leise Bedauern, dass Hopes Tod nun doch sinnlos bleiben würde. Plötzlich, kurz bevor er endgültig das Bewusstsein verlor, ertönte der Knall einer Waffe, begleitet von dem schmerzerfüllten Aufschrei Angustius.

Wie betäubt beobachtete Jade, den Kampf, der um sie herum tobte. Louis hatte es zwar geschafft sie ein wenig aus dem Schockzustand herauszureißen, aber noch immer fühlte sie sich, als wären ihre Gefühle betäunt. Ehrlich gesagt wollte, sie sich jetzt auch mit keinem von diesen auseinandersetzen. Jetzt zählte nur der Hass den sie für Imbecile empfand. Derjenige der ihre zweite Hälfte getötet hatte. Mit grimmiger Zufriedenheit sah sie dabei zu, wie Leonardo Angustius immer weiter bedrängte, Wunde zufügte und wie die hochmütige Beherrschung Imbeciles immer weiter der Furcht vor seinem Ende wich. Seinen Worten hörte sie gar nicht erst zu. Was hatte ein Toter noch wichtiges zu sagen? Louis betrachtete angespannt den Kampf. Er hasste dieses Gefühl nichts tun zu können, seinem Drachen die Arbeit überlassen zu müssen. Nicht, dass er diesem nicht vertrauen würde. Er war es nur einfach nicht gewöhnt, tatenlos zusehen zu müssen. Ab und zu warf er einen besorgten Blick auf Jade, die neben ihm saß und ein starren Blick auf Imbecile gerichtet hielt. Hoffentlich tat sie nichts unüberlegtes. Noch einen weiteren Tod würde er heute eindeutig nicht verkraften. Im Moment sah es auf jeden Fall gut für Leonardo aus. Verärgert schnappte er einige der Wortfetzen auf, die Imbecile zu ihnen hinüberrief. Wie konnte dieser Bastard es wagen? Die Toten zu verspotten und – was für eine Dreistigkeit – mit seinen eignen Verbrechen zu beschuldigen. Für wen hielt sich dieser, dieser - ihm fiel keine auch nur im Annähernden passende Bezeichnung für Imbecile ein – eigentlich? Wahrscheinlich glaubte er auch noch an das, was er erzählte. Seine Wut wandelte sich schlagartig in Furcht um, als Leonardo von dem anderen Drachen gefangen wurde. Es musste doch irgendetwas geben, was er tun konnte. Plötzlich fiel sein Blick auf Jade, die das Bajonett hob, dass er ihr vorher gegeben hatte. Wen wollte sie damit treffen? Imbecile war durch seinen Drachen abgeschirmt und die Schuppen des Biestes würde es vor so kleinen Geschossen effektiv schützen.

Jade war sich der bedrohlichen Situationen eben so bewusst, wie Leonardo oder Louis. Im Gegensatz zu ihnen hatte sie aber eine Idee wie sie vielleicht noch einmal entkommen könnten. Sie würde nicht einfach so sang- und klanglos sterben, ohne vorher ihre Rache bekommen zu haben. Schade, eigentlich wollte sie ja diese Kugel für Imbecile aufbewahren. Konzentrierte legte sie auf eines der Augen von Angustius an. Sie wusste es war Wahnsinn, die Schuppen eines Drachen ohne schwere Artillerie durchdringen zu wollen, aber ein kleine Ablenkung würde wahrscheinlich schon reichen. Sie hatte nur diesen einen Schuss und sie stand unter Zeitdruck, Leonardo würde nicht mehr lange durchhalten können. Konzentrierte legte sie in einer fließenden Bewegung die Waffe an und zielte einen Moment lang und schoss. Fast zeitgleich mit der Explosion des Schießpulvers wurde sie mit einem Schmerzschrei ihres Gegners belohnt.

Leonardo nutzte die Ablenkung des sich in Agonie windenden Angustius und befreite sich aus der locker gewordenen Umklammerung. Rasch brachte er einige Fuß Abstand zwischen sich seinem Gegner. Er hatte wirklich keine Lust noch einmal in die Reichweite der Klauen dieses Biestes zu kommen. Die Stellen, an denen der Drache seine Schuppen aufgerissen hatte, schmerzten höllisch, aber er war immer noch besser dran als sein Gegner. Dieser wand sich in Luft und brüllte immer wieder schmerzerfüllt auf. Nun gut, dann würde er es jetzt endgültig beenden. Vielleicht gab es ja sogar eine Möglichkeit den Drachen zu verschonen. Er hatte heute eindeutig schon genug Schmerzen erleiden müssen und niemand konnte wissen, ob er sich ohne den Einfluss seines Reiters zu so einem Monster entwickelt hätte. Konzentriert sucht er Angustius' Rücken ab. Der Großteil der Besatzung war im Laufe der Kämpfe umgekommen und es verblieben nur noch Imbecile mit ein paar unausgebildeten Fähnrichen. Ja das könnte eventuell funktionieren. In einer fließenden Bewegung schwang er sich über den anderen Drachen und stieß auf seinen Rücken hinab. Angustius, immer noch von den Schmerzen an seinem Kopf betäubt, unternahm nicht einmal den Versuch ihn aufzuhalten. Geschickt wischte Leonardo die letzten Besatzungsmitglieder zur Seite und packte den vor Angst erstarrten Kapitän. Triumphierend entfernte er sich wieder von dem Drachen und hielt sich Imbecile vor seine Augen. Wie lange hatte er auf diesen Moment gewartet. Es war wirklich pathetisch, wie dieser sonst so hochmütige Mann, in Angesicht der Gefahr, zu einem um Gnade winselnden Etwas wurde. „Bitte, Sie haben ihren Sieg. Lassen Sie mich herunter. Ich verspreche, dass dann niemand ihre Flucht aus diesem Land mehr versuchen zu hindern wird.“ Leonardo schnaubte spöttisch: „Ich bezweifle, dass Sie die Macht haben dieses Versprechen einzulösen. Densens wird Sie abschreiben, sobald sie ihm keinen Nutzen mehr bieten. Außerdem wo wahr ihr Mitleid bei Hope.“ Er wartet einen Moment auf eine Antwort, die nicht kommen würde. „Ich mache lieber mein anfängliches Versprechen war.“ Er warte einen Moment bis das Begreifen in Imbeciles Augen erschien und er entsetzt den Mund öffte. Was auch immer sagen wollte, Leonardo würde es nie erfahren. Er öffnete seine Klauen und ließ Imbecile fallen. Nach wenigen Sekunden verstummten dessen verzweifelten Schreie. Ein blutiger Fleck am Boden war das einzige was von dem gefallen General zeugte. In einem Anflug von Zynismus dachte Leonardo: „Wie sagt man so schön: Hochmut kommt vor dem Fall.“

Irgendwie ließ ihn dieser Tod vollkommen kalt, er wusste nicht, ob es ein Zeichen dafür war, dass er ein schlechter Mensch bzw. Drache war, aber es war ihm letztendlich auch egal. Dieses Kapitel seines Leben würde er heute abschließen, zusammen mit all der Trauer, der Wut und auch dem Hass den er für einen nun toten Mann empfunden hatte. Er verspürte nur noch ein leises Bedauern, dass er Densens nicht seiner gerechten Strafe zu führen konnte, aber wenn alles nach Plan lief , dann würde dieser die Drachen in Europa nicht mehr lange terrorisieren können.

Er drehte seinen Blick weg von dem Schlachtfeld, von dem noch immer brüllenden Angustius, der den Tod seines Reiters noch gar nicht registriert hatte und wandte sich in Richtung der Grenze nach Spanien. Oder anders gesagte: zur Freiheit.

SIMON

leonardo/kapitel_18.txt · Last modified: 2013/03/20 21:20 (external edit)