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leonardo:kapitel_16

Alte Bekannte

Wolken zogen auf und in der Ferne deutet sich die ersten Anzeichen eines Sturms an. Leonardo schüttelte sich unbehaglich: Auf noch mehr Nässe und Kälte hatte er wirklich überhaupt keine Lust. Irgendeine morbide Gottheit mit einem sehr schwarzen Sinn für Humor hatte es wirklich auf ihn abgesehen. Sein Leben hatte mit Problemen angefangen und je älter er wurde, desto mehr Probleme entstanden. Es war wirklich Zeit für ein wenig Ruhe und Frieden. Der erste Donner grollte und ein Gleißender Blitz tauchte, die unter ihnen liegende Großstand, in ein düsteres Licht. Es war wirklich, wie einem schlechten Buch. Jetzt fehlte eigentlich nur noch, dass der Bösewicht von irgendwoher auftaucht,, dachte Leonardo selbstironisch. Er wusste gar nicht, wie recht er damit hatte.

„Man ist offensichtlich auf uns aufmerksam geworden“, stellte Thombes und deutet auf eine kleine Formation Drachen, die auf sie zusteuerte. Leonardo wurde langsamer bis er schließlich in der Luft anhielt. Zum Glück beherrschten, sowohl er wie auch Hope diese nützlich Fertigkeit. Die französische Formation näherte sich und irgendwie kam ihm der anführende Drache schrecklich bekannt vor und nicht in einer positiven Weise. Er wühlte sich durch sein Gedächtnis und versuchte dem imposanten Grand Chevalier einen Namen zuzuordnen. Erst als der Drache direkt vor ihnen war, wurde es ihm mit einem Schlag bewusst: Vor ihnen flog der wohl bös artigste und dümmste Drache Frankreichs: Angustius.

Louis war klar, dass irgendetwas nicht stimmte, als die andere Formation begann sie einzukreisen. So wurden keine Verbündeten begrüßt, sondern potenziell gefährliche Unbekannte. Er musste sich auch nicht lange wundern: Warum man ihnen diese Behandlung zukommen ließ, als die verhasste Stimme Imbeciles zu ihm herüber schallte. „Salubre, so sehen wir uns also wieder. Sie der Hochverräter und ich erfolgreicher Offizier und Führer meiner eigenen Formation. Es tut mir schrecklich Leid, aber ich muss sie leider“, er grinste gehässig, „jetzt festnehmen.“ Neben ihm murmelte Leonardo, etwas von erkauften Ämtern und unfähigen Idioten. Louis unterdrückte seine aufkochende Wut und sagte mit ruhiger und kontrollierter Stimme: „Das halte ich eher für unwahrscheinlich. Ich habe einen Brief, der mir freies Geleit bis zum Ende diese Jahrs zusichert. Lien persönlich hat ihn unterzeichnet.“ Imbecile sah nicht so aus, also ob dies ihn irgendwie stören oder überraschen würden: „Wissen Sie Salubre, die Zeiten ändern sich. Lien ist nicht mehr so mächtig, wie sie denkt und ich habe eine Gegenteilige Anweisung von meinem General und diese werde ich ausführen.“ Sein selbstgefälliges Grinsen wurde so weit es ging noch breiter. „Und ich hab sogar das Recht bei Gegenwehr Gewalt anzuwenden. Tja Pech, Salubre, ich sehe ihr verhalten einfach einmal als Gegenwehr an.“ Zu seinen Untergeben sagte er: „Greift diese Verräter an.“ Louis spürte leichte Panik in sich aufsteigen, er wechselte einen schnellen Blick mit Jade. Diese nickte ermutigend und hob eine Hand und zeigte eine 2.

Leonardo beobachte aufmerksam, wie sich die Drachen immer weiter näherten und suchte eine Lücke in ihrer Formation. Zu seinem Entsetzen erkannte er unter den Angreifern ein bekanntes Gesicht Merlot und sein Reiter Enzo Chevalier Das konnte doch nicht sein. In Limoges waren diese beiden treue Freunde gewesen. Er fing den Blick des Drachen, und schickte ihm einen fragenden Blick zu. Er zwinkerte kurz und schickte ihm ein geheimnisvolles Lächeln zu. In diesem Moment flüsterte Louis ihm eine Zahl zu. Ah, Aufteilen und möglichst viel Verwirrung unter dem Gegner schüren. Ein bewährte Taktik, die sie damals noch in Frankreich entwickelt hatten.

Beinahe synchron klappten die beiden Drachen zur Seite und begannen sich unter die Gegner zu mischen. Hope begann einen Kampf mit Angustius. Jade lachte ein wenig gehässig und rief zu Imbecile herüber: „Erinnerst du dich an unseren letzten Kampf. Heute wird der Denkzettel den ich dir letzte Mal verpasst habe, noch einmal aufgefrischt.“ Der Reiter warf ihr nur einen gehässigen Blick zu und rief seiner Mannschaft zu: „Erlaubt allen Schützen das Feuer..“ Die nächsten Sekunden versuchten die beiden Drachen verzweifelt, der ersten Salve auszuweichen. Nur mit teilweisem Erfolg. Leonardos Seite war mit kleinen Wunden übersät und er winselte schmerzhaft. Louis wusste, dass sie viele solcher Angriffe nicht überlebten würden. „Greift beide einen Drachen an und versucht aus dem Kreis auszubrechen.“ Leonardo nickte kurz und rief Hope zu: „Den auf 3 Uhr.“ Gemeinsam flogen sie auf Merlot zu, dieser sah gespielt erschreckt aus und ganz zufällig gingen die Schüsse seiner Mannschaft alle daneben. Der Sternendrache warf seinem alten Kameraden einen belustigten Blick. Seine Schauspielkünste waren wirklich keinen Deut besser geworden. Naja, Imbecile würde schon drauf reinfallen. „Wir haben heute aber auch ein Pech“, rief Enzo gespielt entsetzt. Just im nächsten Moment Merlot strauchelte ein wenig und flog so zur Seite, dass seine Freunde mühelos vorbeifliegen konnten. Diese Turbulenzen waren wirklich ärgerlich. Im Vorbeiflug rief Enzo Louis noch eine Koordinate und eine Uhrzeit zu. In bester Bösewicht Manier rief er dann auch noch, um einiges lauter, einige wüste Beschimpfungen hinterher. Merlot flog ihnen natürlich hinterher und „versuchte“ sie noch aufzuhalten. In Wirklichkeit wusste er, dass Leonardo wahrscheinlich selbst mit nur einem Flügel schneller als er wäre. Nach fünf Minuten verschwanden die Formation in der Ferne und Leonardo und Hope gingen wieder in ein gemütlicheres Reisetempo über.

Puh, dass war verdammt knapp gewesen. Louis atmete erleichtert aus, als die Gegner am Horizont verschwanden. Wütend verpasste er seinem Reisegepäck einen Hieb. Warum konnte nicht einmal etwas nach Plan laufen? Sie waren nach England gekommen. Was war passierte? Sie wurden eingekerkert. Schlacht über dem Kanal: Eine viel zu starke Invasion flotte tauchte auf. Wehrendendessen wurde ihr letzter Zufluchtsort angegriffen. Und jetzt das! Das Verlangen aus Europa wegzukommen, war langsam zu Notwendigkeit geworden. Sie hatten verdammt viel Glück gehabt. Und er bezweifelt, dass es ihnen noch lange treu bleiben würde. „Wo sollen wir jetzt hin fliegen?“, fragte ihn Leonardo. Louis war sich nicht sicher, aber meinte eine winziges bisschen Verzweiflung aus seiner Stimme heraushören zu können. Irgendwie war es auch nachvollziehbar. Jetzt waren sie wirklich überall vogelfrei: Kein einziger Platz, wo sie sich hin zurückziehen konnten. Keine offizielle Hilfe irgendeiner Regierung. Aber ganz alleine waren sie trotzdem nicht, sie hatte viele Freunde und Verbündete angesammelt. Einige von diesen wie zum Beispiel Lien bekleideten sehr hohen Positionen und konnten dementsprechend auch einiges bewegen. Zwar nicht in der Öffentlichkeit, aber im Geheimen. „Wir werden zu den Koordinaten von Enzo fliegen. Ich bin gespannt, womit er uns überraschen wird.“, ein leichtes Lächeln schlich sich auf Louis Lippen. Er kannte diese Koordinaten. „Es geht zurück nach Limoges!“

Langsam erkannte Leonardo, die Gegend wieder, in der er gerade flog: Die sanften Hügel, die weiten Getreidefelder, unverkennbar die vom Krieg noch unberührte Landschaft in Mittelfrankreich. Nur jetzt war alles in weißen Schnee gehüllt und eisiger Frost überzog die Bäume.

Die Idee sich hier zu treffen war eigentlich genial: Weder Densens noch Imbecile würden auf die Idee kommen, dass sie sich direkt neben einem Lager des Korps verstecken würden. Leonardo war gespannt welche Verhältnisse in dem Camp herrschen würden. Als sie es verlassen hatten, tobte ein ständiger Machtkampf zwischen ihnen und Imbecile. Wer wohl als Sieger hervorgegangenen war? Einiges sprach dafür, dass Imbecile sich irgendwie durchgesetzt hatte: Er führte eine Formation, Chevalier, der eigentlich den Widerstand gegen dieses Ekel mit angeführt hatte, musste sich ihm unterordnen. Insgesamt sah es wirklich nicht gut aus. Aber vielleicht erwartete sie ja noch eine positive Überraschung.

„Die Koordinaten, die ich habe, liegen glaube ich nicht innerhalb des Lagers. Eher im angrenzenden Wald.“ Louis hatte, während des Fluges eine seiner Karten aus dem Gepäck gezerrt und und ließ nun seine Augen konzentriert über das Papier wandern. Leonardo nickte leicht und korrigierte seinen aktuellen Kurs, um einige Grad.

Indes versuchte Louis eine Route für ihre endgültige Flucht zu Planen. Hm, ein Schiff in Spanien, das wäre gut. Dort hatte Frankreich noch relativ wenig Einfluss und es gab viele kleine Hafenstädte, die glücklich über eine aus Drachen bestehende Reisegruppe wären. Er wusste, dass die Überfahrt nach Amerika riskant war, aber wenn sie in Europa hatten sie zu viele Gegner. Und irgendwann würden diese sie finden. Ah, er hatte endlich eine für seine Zwecke geeignete Stadt gefunden: Barcelona. Groß, viele Drachen und direkt am Meer gelegen. Dort konnten sie untertauchen und eine Überfahrt finden. Perfekt.

Jetzt gab es nur noch eine Sache zu erledigen: „Thombes, sie wissen vielleicht, dass uns unter den gegeben Umständen nichts anders übrig bleibt, als das Land zu verlassen. Es gibt für sie also zwei Möglichkeiten. Entweder wir setzten sie irgendwo in Frankreich ab und sie können die Rolle des Gefangen spielen oder sie kommen mit uns nach Amerika.“ Der Angesprochene nickte langsam. Er hatte es wahrscheinlich schon kommen sehen. „Sie wollen meine Entscheidung nicht jetzt sofort haben, oder?“ „Nein natürlich nicht. Noch bleibt ein wenig Zeit in der wir planen und überlegen können.“ Louis warf einen Blick auf den Wald unter ihnen. „Leonardo, lande bitte dort drüben auf der Lichtung“ Der Sternendrache nickte kurz und schwenkte in die angegebene Richtung und landete weich auf dem Waldboden.

Louis löste sein Geschirr und sprang leichtfüßig von seinem Drachen ab. Morgen sollten sie sich also mit Chevalier und Merlot treffen. Er war wirklich gespannt, was sie so zu berichten hatten. Lächelnd trat er an das kleine Transportnetze an Leonardos Flanke heran und holte den mittlerweile sehr lädierten Schuhkarton heraus. Was hat er nicht schon alles überlebt: Ihre Gefangenschaft, tausende Kilometer Flug egal ob bei Schnee, Eis oder Sturm. Wenn er so recht überlegte hatte er schon lange keine Partie mehr gegen Leonardo gespielt. Er holte das Schachspiel heraus und wedelte einladet mit ihm vor der Nase seines Drachens. „Hast du Lust“, fragte er ihn lächelnd. „Äußerst gerne“, erwiderte Leonardo und seinen Augen erstrahlte wieder einmal das glückliche Leuchte, dass Louis so oft in der Kindheit seines Freundes gesehen hatte. Neben ihnen war auch Hope gelandet und er hörte Jade, wie sie sich gespielt ärgerlich darüber aufregte, dass sie das Abendessen machen müsste. Im Vorbeigehen warf sie ihm zu: „Die nächste Partie spiele ich gegen dich.“ „Kein Problem“, lächelte er und baute das Schachspiel vor sich und Leonardo auf. Ah, was Leonardo über die Zeit wohl dazu gelernt hatte?

Wenige Minuten später merkte er das sein Freund deutlich stärker geworden war. Früher hatte er ihn mühelos besiegen können, jetzt spannte sich ein ausgeglichenes Spiel zwischen ihnen. „Wo hast du so viel dazu gelernt?“, fragte er ihn interessiert. Leonardo sah einen Moment nachdenklich und traurig aus, gab sich dann aber sichtlich einen Ruck und antwortete: „Aulus war ein noch besserer Spieler als du. Wir haben oft abends gegeneinander gespielt, wenn du bei der Heiler Ausbildung gewesen warst. Er kannte einige wirklich abstrakten Spielzüge.“ Louis nickte langsam. Schade, dass er nie die Gelegenheit gehabt hatte.

Sie spielten noch einige Zeit weiter, aber letztendlich gewann er . Aber zugegebenermaßen: es war ziemlich knapp gewesen, er sollte wirklich noch einmal ein paar Strategien und Taktiken recherchieren. Louis klopfte seinem Drachen anerkennend auf die Schulter: „Ein wirklich gutes Spiel. Du hast einiges dazu gelernt. Vielleicht besiegst du mich irgendwann mal.“ Leonardo lächelte stolz: „Danke, ich geh mir was zu futtern besorgen, okay?“ Er nickte zustimmend: „Ja, mach ruhig. Es sieht so aus, als wäre mein Essen auch bald fertig. Nehm am besten Hope gleich mit. Mir ist es wohler, wenn ihr nicht alleine rum fliegt.“

Louis trat an das kleine Lagerfeuer heran, dass Jade offensichtlich aufgebaut und entzündet hatte, und schaute ihr neugierig über die Schulter. Sie mischte anscheinend gerade irgendeinen Eintopf zusammen. Es sah wirklich gut. „Hm, riecht verführerisch“, sagte er lächelnd, „eine der nützlicheren Fähigkeiten, die mir abgehen. Ich bekomme nichts, was auch nur halbwegs vernünftig schmeckt hin.“ Jade zuckte leicht zusammen, anscheinend hatte sie ihn nicht bemerkt: „Hey, erschreck mich nicht. Wenn wir ein wenig mehr Zeit haben, kann ich versuchen es dir beizubringen. Man brauch nur einiges an Geduld, wenn man später wirklich leckere Sachen machen will.“ Sie trat einen Schritt zurück und bettete ihren Kopf an seine Schulter: „Denkst du, wir überlebten diesen ganzen Irrsinn?“

Louis seufzte. Woher sollte er das wissen? Er hatte selber Ängste und Zweifel. Und es konnte so verdammt viel schief gehen „Soll ich ehrlich sein? Ich habe keine Ahnung. Wir stehen nicht komplett alleine da, haben aber auch mächtige Gegner. Es wird viel von dem Treffen morgen abhängen und dann, ob wir es unbehelligt aus Frankreich heraus schaffen.“

Sie verblieben in dieser Position noch einige Minuten und genossen still die Gegenwart des jeweils anderen. Irgendwie war es deprimierend: Dieser verdammte Krieg hinderte sie dran, wirklich einmal ein wenig Zeit zu zweit zu verbringen. Seit Limoges stagnierte ihre Beziehung. Es waren so viele Dinge passiert, nie ein Moment der Ruhe, es war wirklich zum Verrückt werden.

Ein Krachen durchbrach die angenehme Stille, als Leonardo und Hope von ihrer Jagd zurückkehrten. Louis verdrehte die Augen, es konnte nicht leiser gehen. Widerwillig löste er sich von Jade und begann ihre Schlafstätte aufzubauen. Wie lange schon hatte er nicht mehr in einem vernünftigen Bett geschlafen? Ach, seis drum. Dies war wirklich eines der kleineren und unwichtigeren Ärgernisse. Er legte sich hin und versuchte einen Moment lang alle Gedanken und Gefühle auszublenden und nur auf die Geräusche des Waldes zu hören.

Das Feuer hatte er gelöscht und es herrschte beinahe totale Dunkelheit. Leises Rascheln und das Geräusch, wenn sich Bäume im Wind wiegten. Er taste vorsichtig mit seiner Hand neben sich und ergriff Jades, die offensichtlich auch noch nicht eingeschlafen war und drückte sie leicht. In wenigen Tagen würde alles vorbei sein, auf die eine oder andere Weise.

Louis wurde von hellem Sonnenschein geweckt. Stöhnend rollte er sich auf die andere Seite: Er wollte nicht aufstehen. Warum musste im Winter die Sonne so verdammt früh aufgehen. Langsam rappelte er sich auf, einschlafen konnte er jetzt eh nicht mehr. Was für ein toller Start in den Tag. Er blickte sich erst halb bei Bewusstsein auf der Lichtung um. Bilder von der gestrigen Konfrontation mit Imbecile erschienen vor seinem inneren Auge und ihm wurde Schlagartig wieder bewusst, was heute alles auf dem Spiel stand: Ihre Flucht und damit gleichbedeutend ihr Leben. Er betrachtete lächelnd die beiden Drachen, die friedlich nebeneinander schlummerten, die Flügel schützend über den anderen ausgebreitet. Sie hatten so viel gemeinsam erlebt, ob dieses letzte Abenteuer wohl auch gut ausgehen würde? Sein Blick wanderte weiter und blieb an Jade kleben. Sie schlief noch tief und fest, das Haar in einem Fächer um ihren Kopf herum ausgebreitet. Sie sah wirklich wunderschön aus und so friedlich. In letzter Zeit waren ihre Gesichtszüge viel zu oft von Trauer oder Sorge verzerrt gewesen. Er wollte diesen Moment einfach nur festhalten und tief in seinen Erinnerungen vergraben, damit er ihn in dunkleren Zeiten wieder hervorholen konnte. Es gab so wenige von diesen - wie sollte man sie anders nennen - heiligen Situationen, in denen der eigene Geist von solch einer Ruhe und Friedlichkeit durchströmt wurde. Alle seine Ängste schrumpften zu unbedeutende Kleinigkeiten zusammen.

Es verstrichen etliche Minuten bevor Louis sich wieder bewegte. Er verharrte einfach reglos und genoss die Perfektion des Momentes. Kurze Zeit später begann Jade sich zu bewegen und streifte dabei die Decke von ihrem Körper. Louis errötete leicht, als sein Blick fast sofort an ihrer weichen Haut hängenblieb. Innerlich verpasste er sich Ohrfeigen, schaffte es aber einfach nicht seine Aufmerksamkeit auf etwas anders zu richten. Wie gerne er sie berühren würde… Seine Gedanken schleiften in zwielichtige Bereiche seines Wesens ab. Anscheinend hatte sie die Plötzliche Kälte bemerkt und richtete sich jetzt vollkommen auf und zog dabei die Decke als wärmenden Mantel mit sich. Louis hatte es endlich geschafft auf etwas anders zu gucken und schenkte ihr ein warmes Lächeln: „Guten Morgen! Hast du gut geschlafen?“ „Hervorragend!“m erwiderte sie fröhlich und ging putzmunter zu ihrem Drache herüber, um sich neue Kleidung zu holen. Louis schüttelte sich kurz, wie konnte man um diese Uhrzeit so aktiv sein? Er trottete gemächlich zu ihrem Proviant herüber und begann ein einfache Frühstück für drei Personen vor zu bereiten. Eigentlich war es gut, dass sie bereits auf waren, Enzo wollte sie bereits in zwei Stunden treffen. Laute Krachen meldte dann auch endlich das Aufwachen der beiden Drachen. Wie schafften sie es nur immer, die halbe Lichtung umzugraben. Er seufzte genervt. Seine Ruhe war jetzt definitiv vorbei.

Die Sonne stand nur einige Fuß höher, als die Gruppe aus dem Wald hervortrat und sich wachsam umschaute. Sie hatten beschlossen, dass den Treffpunkte vorher auf Fallen zu checken, deutlich klüger wäre, als später unvorbereitet in eine potentiell gefährliche Situation zu stolpern. Zu Leonardos erstaunen befand hatte Enzo anscheinend geplant, mitten auf dem Trainingsfeld zu treffen. Er musste wirklich sehr selbstbewusst sein, wenn er es sich traute, obwohl sie quasi vogelfrei waren, sie mitten auf einer Einrichtung der französischen Luftwaffe zu treffen. Er lächelte, irgendwie gefiel ihm der Gedanke. Genau die Art der Dreistigkeit, die er selber so sehr bevorzugte. „Es sieht gut für uns aus“, stellte auch Louis ziemlich erleichtert klingend fest. „Ja Limoges, ist eindeutig in der Hand unserer Freunde. Sonst könnten sie so eine Aktionen wirklich nicht durchziehen:“ Leonardo ging in einen leichten Sinkflug nieder, kreiste noch ein paar Mal über dem Platz und landete dann vorsichtig. Jetzt hieß es erst einmal warten.

Gut eine halbe Stunde später sah Leonardo, wie sich die ersten Drachen auf den Schlafplätzen ihrer altem Ausbildungsstelle regten, ah da kamen Erinnerungen auf. Es konnte nicht mehr lange dauern und man würde sie entdecken. Hoffentlich leiteten immer noch Maitre und Grenache die Ausbildung. Irgendwie erinnerte ihn der alte Drache sehr stark an den leider verstorbenen Aulus. Leider würden sie sich nie treffen. Von den Kuh und Rinder Gehegen drangen die Geräusche der Drachen beim Futtern herüber. Er verzog das Gesicht, die Manieren von Ihnen hatten sich wirklich überhaupt nicht verändert.

Nach kurzer Zeit lösten sich aus der Gruppe mehrere Drachen und flogen direkt auf ihren Landeplatz zu. Leonardo verspannte sich unbewusst, jetzt wurde die Sache ernst. Trotzdem spürte er einen Funken Hoffnung und unbändiger Freude in sich aufblitzen, als vor ihnen majestätisch und überlegen, ihre alte Formation niederließ. Alle waren da; An der Spitze Enzo Chevalier auf dem riesigen Merlot, flankiert von Lea auf Sauvignon und Kylian auf Muscadelle. Hinter ihnen reihten sich die restlichen Freunde auf. Der Sternendrache entspannte sich sichtlich: Dies war keine aggressives Verhalten, viel mehr ein feierliches Wiederbegrüßen. Einen Moment lang herrschte Stille und die beiden Formationen standen sich nur gegenüber und studierten die jeweils anderen. Dann sprang Enzo geschickt von seinem Drachen herab und eilte auf freudestrahlend zu ihnen herüber: „Willkommen zurück. Habt ja einiges angestellt, während ihr weg wart.“ Leonardo schnaufte und ließ seine defensive Haltung komplett fallen: „Von wegen. Nur weil ihr uns so vermisst habt, dass ihr Densens zu uns rüber geschickt habt. Hätte wirklich nicht nötig sein müssen“, er grinste süffisant, „der macht immer so viel Ärger.“ Der Drachenreiter lachte dröhnend und wandte sich Hope zu: „Kommt runter ihr beiden. Es ist einiges passiert und es gibt viel zu berichten.“ Seine Miene verdunkelte sich ein wenig: „Und nicht nur gutes.“ Louis und Jade stiegen vorsichtig ab und zogen Thombes unauffällig mit herunter. Dieser sah aus irgendeinem Grund sehr zurückhaltend aus. Louis schüttelte Enzo die dargebotene Hand und deutete auf den Mann neben sich: „Es ist schön wieder hierzu sein. Wir haben ebenfalls einiges erlebt, aber auch neue Verbündete gewonnen. Das hier ist Thomas Thombes, er hat sich uns während unserer Reise mehr oder weniger freiwillig angeschlossen.“ Der andere Reiter musterte ihren Begleiter aufmerksam: „Irgendwo bin ich Ihnen schon einmal begegnet. Aber ich bin unhöflich“, er reichte auch Thombes die Hand. Mittlerweile war auch die restlich Formation näher gekommen und begann sie zu begrüßen. Einige Umarmungen und ein wenig Smalltalk später standen die Reiter mit ihren Drachen irgendwie hinter sich aufgereiht in einem kleine Kreis. Merlot begann mit seiner tiefen Stimme zu berichten, was nach ihrer Abreise passiert war: „Also, nachdem ihr weg wart, hat sich erst einmal nichts wirklich verändert. Wir hatten immer noch unsere kleineren Machtkämpfe mit Imbecile und auch im Training ist nichts besonderes passiert. Dann ungefähr einen Monat später haben sich die Ereignisse überschlagen.“ Als sein Drache stockte, übernahm Enzo den Erdzählfaden: „Es fing eigentlich ganz harmlos an. Imbecile wurde vom Stützpunkt nach Paris gerufen.“ Louis lächelte leicht: „Damit hattet ihr sicherlich kein Problem.“ „Nein wirklich nicht. Wir haben erst einmal ein Party geschmissen. Das gehört aber eher weniger zum Thema. Auf jeden Fall kamen mehrere Wochen später einige Nachrichten nach Limoges. Und keine erfreulichen, dass kann ich dir sagen. Man teilte uns nur mit das Imbecile ein paar Mal befördert wurde, aber weder warum noch sonst irgendwelche Details.“ Jade schnaubte verächtlich: „Ich würde einiges darauf verwetten, dass er und Densens sich ihre Ämter einfach nur erkauft haben. Ehrlich verdient haben sie sie sicher nicht.“ „Das steht außer Frage“, stimmte Lea ihr zu, „aber wir hatten damit ein ziemlich kräftiges Problem am Hals. Die beiden konnten uns beliebig von hier für Einsätze weg kommandieren. Mich wundert ehrlich gesagt, dass sie nicht versucht haben unserer Gruppe auseinander zu reißen. Wir hätten absolut nichts dagegen tun können.“ Die feine Stimme von Raphael kam aus der Gruppe, der ein wenig zurückstehenden Reiter und sagte: „Wahrscheinlich haben die beiden einfach viel zu sehr die Macht genossen, die sie über uns hatten. So konnten sie sie viel einfacher demonstrieren und ausüben.“ „Wie auch immer“, führte Enzo die Geschichte fort, „wir konnten offiziell nichts gegen die beiden tun. Das hieß aber noch lange nicht, dass wir uns einfach so alles gefallen lassen würden. Von wegen. Wir haben stattdessen den Widerstand hier in Limoges weitergeführt. Mittlerweile ist jeder hier davon überzeugt, dass Densens und Imbecile Betrüger und Opportunisten sind. Wir versuchen alle Aktionen an denen wir teilnehmen, irgendwie zu sabotieren und ihr seht es ja: Das Ganze funktioniert.“ „Zum Glück.“, warf Louis, „wir hätten wirklich ein Problem gehabt, wenn ihr nicht dagewesen wärt. Hat Imbecile wirklich so viel Macht, dass er sich offiziell den Befehlen von Lien widersetzten kann?“ Enzo verzog sein Gesicht ärgerlich: „Leider ja. Densens hat es sogar irgendwie geschafft die verlorene Schlacht in England auf seine Offiziere abzuwälzen. Die Zeugenaussagen, die seine Unschuld bewiesen sollten, waren auf jeden Fall gefälscht. Und Liens Wort verliert leider immer mehr an Gewicht. Mich wundert es ehrlich gesagt, dass sie direkt nichts gegen diesen Hochstapler unternimmt. Sie muss doch selber sehen, wo das alles hinführt.“ Er zuckte ratlos mit den Schultern, „Wie auch immer. Am besten kommt ihr mit und wir quartieren euch temporär auf einem der äußeren Rastplätze. Grenache freut sich sicher schon darauf euch zu treffen.“

Entspannt schwatzend, folgte die Gruppe ihren alten Ausbildungskameraden in Richtung der Drachenplätze. Louis fühlte sich, als ob eine schwere Last von seinen Schultern genommen worden wäre. Wenigstens eine Sache, die gut gelaufen war. Mit der Unterstützung von Limoges würden sie es sicher unbeschadet bis Spanien schaffen. Und noch besser: Er hatte jetzt genügend Zeit zu planen und einige seiner Freunde in Frankreich zu kontaktieren. Viellicht nahm dies alles doch noch ein gutes Ende.

Leonardo sah sich neugierig auf dem kleinen Lagerplatz um, wo man ihn und Hope hingeführt hatte. Diesen Teil vom Lager kannte er überhaupt nicht. Früher hatte er mit Louis in einem Zimmer gelebt und sich auch nicht weiter Gedanken darüber gemacht, wo wohl die anderen Drachen schlafen würden. Naja, sah eigentlich auch ganz gemütlich aus. Nur wenn es Frost geben würde, hätte er überhaupt keine Lust hier schlafen zu müssen. Er schüttelte sich schon bei dem bloßen Gedanken an solch eine Kälte. Der Flug über den Kanal hatte ihn eindeutig eines besseren gelehrt. Er wandte sich zu seinem Gefährten um: „Wie lange, denkst du, können wir in Limoges bleiben?“ Louis zuckte die Schultern. „Vier, fünf Tage, vielleicht, aber auf keinen Fall länger als eine Woche. Ich habe wirklich keine Lust, dass Imbecile hier aufkreuzt. Ich bin erst vollständig beruhigt, wenn wir wieder aus diesem Land raus sind.

SIMON

leonardo/kapitel_16.txt · Last modified: 2013/03/20 21:20 (external edit)