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leonardo:kapitel_14

Katastrophen über Katastrophen

DISCLAIMER: Alle verwendeten Figuren sind geistiges Eigentum von Naomi Novik und stammen aus dem Temeraire-Universum.

Die Nebel über dem Ärmelkanal hatten sich langsam gelichtet und offenbarten jetzt erst die vollen Ausmaße der Schlacht. Unzählige Schiffe, sowohl englische wie französische, trieben zerstört auf den Wellen und verschwanden nacheinander in den Tiefen des Meeres. Von den ungefähr 100 Drachen, die Perscitia geschickt hatte, waren jetzt nur noch 60 oder 70 übrig. Keiner hatte sich die Zeit bisher genommen, die Überlebenden durch zuzählen. Jane Roland hatte es deutlich schwerer getroffen, ihre Formation hatte die Flotte in einer Selbstmordaktion verteidigt und waren fast vollständig aufgerieben worden.

Leonardo stand kurz vor dem körperlichen Zusammenbrechen, aber er durfte sich keine Schwäche erlauben, es gab noch so viel zu tun. Die ganzen Verwundeten die zu versorgen waren, es mussten Meldungen an das Korps und Perscitia gesendet werden und neue Truppen am Kanal stationiert werden. Er war so müde, das Bild vor seinen Augen immer wieder flackerte und aus seinem normalen fließenden Flugstil, ein torkelndes sich-in-der-Luft-halten geworden war. Louis hatte ihm schon vor Stunden gesagt, er sollte sich eine Pause gönnen, aber er konnte, durfte nicht. Wenigstens die Überlebenden sollten genau das bleiben, was sie waren: überlebend. Nicht verhungern, nicht verdursten und auf gar keinen Fall an Unterkühlung sterben. Aber bald hatte er es geschafft, nur noch eine letzte nervige Pflicht: Eine Besprechung mit Roland und dem Admiral – Leonardo hatte seinen Namen vergessen – der Flotte.

Als er auf einem der letzten halbwegs unbeschädigten Linienschiffen gelandet war, musste er erst einmal einen Moment schwer atmend stehen bleiben. Alles drehte sich vor seinen Augen und es dauerte einige Zeit bis er wieder halbwegs Herr seine Sinne war. Indessen war Louis von seinem Rücken gesprungen und betrachtete ihn besorgt: „Ist alles Ordnung bei dir? Wenn du willst kann ich auch zu dem Treffen gehen und du hast einen Moment Zeit, um dich auszuruhen.“ Alles in Leonardo schrie danach dem verlockenden Angebot nachzugeben, aber blieb standhaft und schüttelte den Kopf: „Danke, dass ist wirklich lieb von dir, aber absolut nicht notwendig. Ich schaffe das.“ Sein Reiter betrachtete ihn zweifelnd: „Ich will dir nicht zu nahe treten, aber du stehst kurz vor einem physischen Zusammenbruch. Ich habe alles heute auch mitbekommen und werde Jane, die wichtigen Sachen mitteilen. Du schadest dir nur selbst. Aulus wollte sicherlich nicht, dass du dich aufgrund deiner Verantwortung selber fertig machst. Du bist nicht alleine. Wir alle wollen dir helfen.“ Leonardo gab den Überredungskünste seines Freundes nach und ließ den Kopf leicht nach unten sacken. „Du weißt das dieses Argument nicht fair ist, oder?“ Louis warf ihm noch warmes Lächeln zu und begab sich dann auf die Suche nach Kommandeur Roland. Er selber trottete in Richtung Hauptdeck und ließ sich dort neben einige anderen Drachen nieder. Direkt neben ihm schlief bereits Hope, sie hatte es anscheinend auch geschafft von ihren Verpflichtungen loszueisen. Leonardo schloss die Augen, suchte eine halbwegs gemütliche Postionen und verdrängte erfolgreich jeden Gedanken oder jedes Schuldgefühl, dass irgendetwas mit den schrecklichen Ereignisse am heutigen Tag zu tun hatte. Sie halfen ihm jetzt sowieso nicht weiter.

Derweilen hatte Louis Jane gefunden und saß jetzt mit ihr und einem relativ jungen Mann, namens Whibla, an einem der runden Besprechungstische. „Ich bin stellvertretend für Leonardo, er hat schon seit dem Morgengrauen gekämpft und fühlt sich nicht in der Verfassung, vernünftig an dieser Besprechung teilzunehmen.“ Jane nickte kurz: „Leonardo hat heute wirklich eindrucksvolles geleistet, er hat sich seine Pause redlich verdient. Ich denke, es steht außer Frage, dass wir alle Ergebnisse in doppelter Fassung, sowohl ans Koprs wie auch zu Perscitia schicken.“ Hier meldete sich das erste Mal der Flottenadmiral zu Wort: „Sie hat keinerlei offiziellen Rang, genauso wenig wie“, er fuchtelte in Louis Richtung, „er hier. Da könnten wir unsere Informationen genau so gut der Presse geben.“ Jane warf ihm einen wütenden Blick zu: „Halten Sie de Klappe Whibla.“ Der Mann wollte protestieren, aber sie schnitt ihm resolut das Wort ab: „Nein, sie hören mir jetzt einmal genau zu: Ohne Perscitia hätten wir eine zweite Französische Invasion am Hals. Das liebe Korps war sich ja zu fein, mehr als eine lächerliche Anzahl von Drachen zu Verteidigung bereitzustellen.“ Louis betrachtete leicht amüsiert, wie Jane den Mann zusammenstauchte. Es gab wirklich so viele Idioten auf der Welt, sowohl in Frankreich wie auch in England. „Und von ihrem Beitrag wollen wir gar nicht erst zu sprechen anfangen.“ „Was meinen sie damit“, sprang Whibla sofort auf das neue Thema. Er war wirklich ein Idiot. Na ja, immerhin konnte Louis Leonardo dann mitteilen, dass er nicht allzu viel verpasst hatte. „Ich meine damit, dass sie unsere Flotte verdammt schlecht verteidigt haben. Im ersten Angriff gespalten, Nelson würde sich im Grab umdrehen. Ist ihnen eigentlich klar, wie viele Menschen sie damit auf dem Gewissen haben?“ Als Jane ihren kleinen Vortag beendet hatte, war von dem einstigen Hochmut des Admirals nicht mehr viel übrig. Er war anscheinend nicht gewöhnt, dass er eine Sache falsch macht und vor allem, dass andere sich trauten ihm dies vorzuhalten.

„Wenn sie ja so wenig von mir halten, dann werde ich in dieser Besprechung sicher nicht mehr benötigt.“, verärgert stürmte der Admiral aus dem Raum. Jade ließ sich davon nicht weiter aus der Ruhe bringen. „Hm, wo waren wir stehen geblieben?“, sie gab sich die Antwort auf ihre Frage selber: „Ach ja, die Berichte. Ich werde sie gleich persönlich abschicken gehen. Gut nächstes Thema.“ Nun kam eine der Sache die Louis besonders am Herzen lag: „Wann können wir zu Perscitia zurückkehren?“ Jane schien einen Moment zu überlegen und antwortete dann: „Ziemlich bald, die Franzosen werden nicht so bald wieder einen Angriff wagen. Und wenn es stimmt, was sie uns gesagt haben, dann dürfte Densens seinen Posten ziemlich schnell wieder loswerden.“ Louis nickte zustimmend: „Die ganze Aktion war für ihn ja ein noch größeres Desaster, als für uns.“

„Und damit gilt wieder unser stillschweigendes Abkommen mit Lien“, führte sie seinen Gedanken zu Ende. „Mir macht aber eine ganz andere Sorge. Leonardo hatte schon recht, es waren viel zu wenige Korpsdrachen für die Verteidigung da. Laut den Zahlen, die als Kommandeur der Luftflotte vorliegen habe. Müssten wir mindestens die doppelte Anzahl an Drachen entlang der Küste stationiert haben: Es macht einfach keinen Sinn.“

„Ich weiß nicht, ob du schon mal darüber nachgedacht hast, aber könnte es vielleicht sein, dass die Admiralität dich loswerden will. Es wäre doch die perfekte Gelegenheit gewesen. Jane Roland stirbt heroisch bei der Verteidigung der britischen Küste.“ Sie schnaubte ein wenig ungläubig: „Ja, dass würde ihn gefallen. Aber dafür die ganze Kanalflotte opfern? Niemals! Außerdem hätten sie dann euch auch davon abhalten müssen, mir zu Hilfe zu kommen.“ Mit einem sarkastischen Lächeln fügte sie noch hinzu: „Außerdem so oft hab ich sie jetzt auch wieder nicht vor den Kopf gestoßen.“ Dieses Thema war wirklich fruchtlos, deshalb beschloss Louis es zu beenden: „Wir können jetzt sowieso nur spekulieren. Vielleicht steckt ja auch gar keine böse Absicht dahinter und die Admiralität hat den Angriff einfach nur unterschätzt.“ Jade nickte zustimmend und von einem Moment zum anderen, wechselte ihr Gesichtsausdruck zu einer ernsten und ein wenig traurigen Miene: „Wie müssen möglichst bald Listen von den Gefallenen aufstellen. Es sind viele mutige Männer und Frauen gestorben und es ist unsere Pflicht ihre Angehörigen zu informieren.“ Vor Louis Augen stiegen in diesem Moment wieder die Bilder der Schlacht auf: Es waren so viele Schiffe einfach versenkt worden, ohne dass es auch nur einen einzigen Überlebenden gegeben hätte. Und von den Drachen wollte er gar nicht anfangen, auf dem Meeresgrund lag nun beinahe eine halbe Armee begraben.

„Es wäre angemessen, wenn wir die Beerdigung von Aulus öffentlich machen. Er hat viele unserer Leute gerettet und ohne seine geniale Taktik hätten wir die Küste niemals verteidigen können.“ Jade nickte zustimmend: „Es ist nur angemessen, angesichts dem, was er geleistet hat.“ Es herrschte einige Sekunden nachdenkliches Schweigen, bevor Jane wieder sprach: „Ich denke, dass waren erst mal alle wichtigen Punkten. Ich kümmere mich jetzt, um meine unliebsamen Pflichten.“ „Ja, geh ruhig. Ich werde meine Drachen für den Aufbruch vorbereiteten. Wir bleiben nur noch um den Toten die letzte Ehre zu erweisen.“ Jane reichte ihm die Hand und nickte ihm respektvoll zu, nebenbei registrierte er, dass sie einen angenehm festen Händedruck hatte und verschwand dann durch die offen stehende Kabinentür. Ein wirklich beeindruckend Frau, mittlerweile konnte Louis sich gut vorstellen, wie sie sich ihren Rang im Korps erarbeitet hatte. Und trotzdem gab es immer noch genug blinde Idioten, die ihr Steine in den Weg legten.

Einige Stunden später stand Louis wieder an Deck und schaute sich suchend nach dem Schlafplatz von Leonardo um. Die verbleiben Schiffe bildeten nun wieder eine schwache, aber immerhin zusammenstehende, im Licht der Dämmerung schaukelnde Blockade. Er wollte sich nicht selber loben, aber sie hatten es geschafft innerhalb kürzester Zeit wieder Ordnung in das Chaos der Nachwehen der Schlacht zu bringen. Mittlerweile spürte er auch die Anstrengungen des Tages und Louis wollte sich nur noch zu seinem Drachen auf dem Deck gesellen. Dieses ganze Kämpfen und Sterben, der ständige Verrat und, dass er seinen englischen Freunden nicht alles sagen, ekelte ihn nur noch. Hoffentlich gab es bald einen Gelegenheit für sie vier sich abzusetzen. Der Kapitän unterbrach kurz seinen Gedankengang, als er seinen Gefährten endlich gefunden hatte: Dicht neben Hope zusammengerollt. Louis schmunzelte leicht, die beiden waren sich teilweise wirklich verdammt ähnlich und ihren Wortgefechten und Diskussionen zu folgen, führte bei den meisten Zuhörern schon nach kürzester Zeit zu starker Verwirrung. Leider gab es seit sie in England waren, kaum noch Gelegenheiten, wo sie Mal gemütlich beisammen sitzen und sich unterhalten können. Er wünschte sich wirklich die Zeit in Limoges zurück. Er schob den Gedanken beiseite, mittlerweile war er wirklich gut darin geworden unliebsame Tatsachen zu verdrängen und lehnte sich an die weichen Schuppen seines Drachens. Morgen schon konnten sie endlich das Schlachtfeld verlassen und vielleicht, ja vielleicht befanden sie sich in einigen Monaten schon weit weg von den napoleonischen Kriegen in Amerika.

Als Leonardo aufwachte fühlte er sich wie erschlagen. Jeder Muskel in seinem Körper schien während seines Schlafes herausgenommen, zerstückelt und wieder falsch zusammengebaut eingesetzt worden. Gleichzeitig schien sein Kopf zu brummen und seine trockene Kehle verlangte nach Wasser. Stechende Blitze zuckten seinen Hals hinauf. Stöhnend rappelte er sich auf und wunderte sich über das dumpfe Klonk das ertönte. Irgendwie erinnerte es daran, wenn ein Kopf auf eine Holzplanke aufschlug. Als er sich umdrehte stöhnte er mitleidig: Es war ein Kopf der auf einer Holzplanke aufschlagen war. Anscheinend hatte sich sein Kapitän während seines Schlafes an ihn gelehnt, um selber ein wenig Ruhe zu finden. Naja, der würde sich freuen. Ein kleines boshaftes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht, wurde aber schnell von einem düsteren Gesichtsausdruck abgelöst, als er sich an die Ereignisse des letzten Tages erinnerte. Apropos, welche Uhrzeit war eigentlich gerade? Suchend wanderte sein Blick über den noch dunklen Himmel. Hm, wahrscheinlich kurz nach Mitternacht.

„Was zum Teufel?“, echote es Leonardo entgegen. „Was ist los?“, fragte er in einer möglichst unschuldig klingenden Stimme. „Warum liege ich auf dem Boden und warum verdammt fühlt sich mein Kopf an, als wäre ich sehr hart mit ihm auf ein Holzbrett aufschlagen?“ „Keine Ahnung“, der Sternendrache musste mühsam ein Kichern zurückhalten, „vielleicht ist ja genau das passiert? Louis beäugte ihn misstrauisch: „Und wenn ich fragen darf: Warum sollte so etwas passieren?“ Leonardo schaffte es gerade so ein ihm herausgerutschtes Lachen als Schnauben zu tarnen. „Hm, es könnte eventuell sein, dass ich nicht bemerkt habe, dass du mich als Bett missbrauchst.“ Nun konnte er sein Amüsement nicht länger verbergen und das nur mühsam zurückgehalten Lachen brach aus ihm heraus. „Dein Gesichtsausdruck, als du aufgewacht bist“, brachte er keuchend hervor, während er sich auf den Deck wälzte. Louis sah einige Momente erbost aus, aber nach ein paar Sekunden schlich sich auch ein Lächeln auf sein Gesicht. „Na,w arte, das zahl ich dir noch heim“, sagte er gespielt verärgert und warf sich auf ihn. Leonardo versuchte auszuweichen, schaffte es aber nicht seinem Kapitän zu entkommen. Dieser begann ihn gnadenlos durch zu kitzeln. „Also wirklich, wenn das unsere Gegner wissen würde, man müsste im Kampf nur einige lange Federn mitnehmen, um dich zu besiegen. „Ah, hörte sofort auf. Ich bin dein Vorgesetzter also lass den Blödsinn.“ Sie tollten so noch einige Minuten herum. Leonardo seufzte nachher ein wenig. Es war nicht gerecht: Warum musste dieser ganzer schreckliche Krieg herrschen. Mittlerweile machte er überhaupt keinen Sinn mehr. England und Frankreich hatte mehr verloren, als sie jetzt noch gewinnen könnten.

Es herrscht eine traurige und nachdenkliche Stimmung, als die Überlenden der Schlacht über dem Kanal, wie sie mittlerweile genannt wurde, auf einem der größeren Schiffe aufgereiht stand, um den gefallenen Drachen und Menschen die letzte Ehre zu erweisen. Eingehüllt in weißem Segeltuch würden sie jetzt dem Meeresgrund übergeben. Die Worte des Priesters, der eine Messe für die Seelen der Gestorbenen sprach, flossen an Leonardos Ohren vorbei, ohne, dass er auch nur eines von Ihnen mitbekam. Er glaubte an keine Religion: Dafür war die Welt viel zu unvollkommen und grausam. Er horchte wieder ein wenig aufmerksamer, als Kommandeur Roland nach vorn trat, um ein paar letzte verabschieden Worte zu sprechen: „All diejenigen, die gestern von uns gegangen sind, starben nicht sinnlos. Ich weiß, es ist ein schwacher Trost für alle Angehörigen und Freunde der Verschiedene, aber durch ihr Opfer sind hunderte vielleicht tausend Soldaten und einfache Zivilisten in England gerettet worden. Wenn ihr die Schuld für die vielen Toten sucht, dann sucht bei den Richtigen. Nicht bei euch selber, sondern bei denen, die für alle diese Kämpfe verantwortlichen waren und noch immer sind.“ Leonardo sog scharf die Luft ein, Jane wagte sich auf gefährlich dünnes Eins, wenn sie solche Beschuldigungen aussprach. Sie sagte es zwar nicht, aber man konnte in die Reihe der Schuldigen genauso gut das Korps und die Admiralität einreihen. „Ehrt sie, indem ihr die Ziele und Überzeugungen der Toten weiter fortführt.“ Sie schwieg einen Moment: „Ich weiß es scheint schwer, wenn nicht schon unmöglich, aber ihr müsst die Trauer beiseite schieben und dabei helfen diesen Krieg endgültig zu beenden.“ Beinahe eine Minute lang legte sich eine grabesschwere Stille über die Anwesenden bis irgendwann jemand anfing zu klatschen. Erst wenige, dann immer mehr nahmen den Applaus auf. Leonardo selber begann rhythmisch auf das Deck zu stampfen, eine letzte Ehrung für die Gefallenen und eine Kampfansage für die Zukunft.

Leonardo überlegte einen Moment lang, ob er nicht auch noch ein paar Worte speziell für Aulus sprechen sollte, verwarf den Gedanken dann aber. Der Drache hatte nicht viel von Palaver gehalten. Lieber mit Taten seinen Andenken ehren. Er betrachtete melancholisch, wie nach einander die die Körper der Toten in die Fluten gestoßen wurden. Angefangen bei den Fähnrichen und Kadetten und zu Letzt Aulus, der als Admiral, den höchsten Rang bekleidet hatte. Irgendwie hatte Leonardo wieder einmal das Lebensabschnitt für ihn hier endete, ein letztes Mal gestattete er es sich selber und zu trauern und ließ vor seinem inneren Augen noch einmal die Monate vorbeiziehen, die er zusammen mit dem alten Graukupfer verbracht hatte. Ein einzelne Träne löst sich aus seinen Augenwinkel und ran langsam an seiner Schnauze vorbei bis sie auf das Deck tropfte. Louis stand still mit einem betroffenen Gesichtsausdruck neben ihm: Er hatte Leonardo noch nie weinen sehen. Es erschütterte ihn seinen sonst so lebensfrohen und starken Gefährten so niedergedrückt zu sehen. Stumm legte er eine seiner Hände auf die Schuppen seines Drachens und hoffte ihm wenigstens so ein bisschen Trost zu spenden. Leonardo verweilte beinahe eine Stunde in dieser Position, gewährt Aulus einen letzten stillen Tribut. Dann plötzlich schien ein Ruck durch ihn zu gehen und ein neuer Funken erschien in seinen Augen. Leonardos Schultern strafften sich und er erwachte aus seiner Apathie. Er wandte sich zu Louis um und schenkte ihm ein dankbares Lächeln. „Was gabs Neues bei der Besprechung mit Jane“, wandte sich der Drache praktischeren Belangen zu. „Eigentlich nichts Neues, ich habe alles für den Aufbruch vorbereitet und wartete nur noch auf die Antwort von Perscitia.“ „Das ist gut“, Leonardo lächelte leicht, „ich freue mich schon darauf sie wieder zu sehen.“ Louis setzte einen leicht besorgten Gesichtsausdruck auf, wenn sie sich absetzen wollten, dann sollte es bald sein und die Rebellin würde sie sicher gerne an ihrer Seite wissen. Er setzte gerade zu seiner Antwort an, als ein Fähnrich zu ihnen herüber gerannt kam. Er salutierte kurz und sagte: „Admiral Leonardo, Sir, gerade sind für sie zwei Briefe eingetroffen.“ Leonardo runzelte kurz die Stirn, gab dann aber zurück: „Vielen Dank, Fähnrich, wegtreten.“ Als der junge wieder verschwunden war, wandte er sich an ihn und fragte: „Habe ich irgendetwas verpasst, oder warum bekommen wir zwei Briefe.“ Er schüttelte nur belustigt den Kopf: „Du hast nichts verpasst, aber denk mal scharf nach: Von wem bekommen wir sonst noch Briefe während wir inkognito in England sind.“ „Lien“, hauchte Leonardo überrascht, „aber was könnte sie von uns wollen?“ Louis zuckte mit den Schultern: „keine Ahnung, aber lass uns doch einfach nachschauen.“ Er wählte zufällig einen der Briefe aus und riss den Umschlag auf. Leonardo grinste verhalten, dieser war eindeutig von Perscitia: Krakelige Schrift, die man nur mit Mühe entziffern konnte. Liens Stil war komplett anders: kunstvoll gestaltete Schriftzeichen, wo jeder Buchstabe beinahe schon ein kleines Kunstwerk darstellte. Aber egal, der Inhalt war wichtig:

Dover, 20th of December 1813

Monsieur,

ich hoffe, dass Sie wohlbehalten und unverletzt sind, denn für den sich abzeichnenden Verlauf der nächsten Ereignisse müssen sie in bester körperlicher Verfassung sein. Zuerst einmal: Leonardo, du darfst auf keinen Fall ins Lager zurückkehren. Wir können nicht mehr für deinen Sicherheit garantieren. Warum? Fragst du dich sicherlich: Das Korps hat mich wie einen einfältigen Nestling reingelegt, während der Großteil meiner Streitmacht unter Aulus Führung die Küste verteidigt hat, wurden wir überfallen. Die Admiralität muss uns wirklich fürchten, wenn sie ihre Hauptflotte so schwächt, nur um uns angreifen zu können. Und England soll angeblich das Gute in diesem verdammten Krieg sein, dass ich nicht lache: Keine Deut besser als Napoleon. Der Angriff konnte zwar im letzten Moment zurückgeschlagen werden, aber ich bin nicht sicher ob wir es noch einmal schaffen würden. Es tut mir wirklich Leid, dich in dieser Situation alleine dastehen zu lassen, aber was sollte ich tun? Es ist für dich einfach sicherer, wenn der Feind nicht weiß, wo du gerade bist. Deshalb ein letzter Rat von mir an dich: Tauche mit deinen Freunden unter. Verschwindet irgendwo hin, wo euch weder eure englischen noch eure französischen Feinden finden können. Bleibt in Bewegung und traut niemanden! Anbei ist noch ein Brief aus Frankreich, keine Sorge, ich habe ihn nicht angerührt. Ich hoffe es entspricht deinen Wünschen, wenn ich in der nächsten Zeit, sämtlich Beweise und Fakten, die irgendetwas über dich verraten könnte, tilge. Es ist einfach nur schrecklich: Aulus tot, du quasi vogelfrei. Gibt es überhaupt noch irgendeine Gerechtigkeit? Langsam verliere ich wirklich den Glauben an meine Ideale. Ich hoffe dir gelingt irgendwo weit weg von hier ein Neuanfang.

Viel Glück und ewige Freundschaft

gez. Perscitia

Leonardo warf eine Blick zu Louis herab, als dieser den Brief langsam herunter sinken ließ. Er selber spürte, wie sich eine immer größere Wut in ihm an staute: Sie waren hier scharenweise gestorben und hatten der verdammten Admiralität den Arsch gerettet und wie wurde es ihnen gedankt: Mit Verrat und Missgunst. Es war wirklich nicht gerecht. Nun war auch noch ihr letzter Rückzugspunkt in England für sie zerstört worden. Er seufzte: „Komm mach den nächsten Brief auf, viel schlimmer kann es jetzt auch nicht mehr werden.“ Louis nickte kurz und nahm den zweiten Umschlag zur Hand:

Paris le 21 décembre 1813

Monsieur,

ich bin leider dazu gezwungen ihnen mitzuteilen, dass ihr Auftrag in England hiermit beendet ist. In Frankreich wurden Zweifel an ihrer Loyalität laut, deshalb sollten sie alleine um diese, hoffentlich, unbegründeten Angriffe gegen ihre Person zu entlasten, unverzüglich zurückkehren. Es interessiert Sie vielleicht zu wissen, dass jemand in sehr hohen Positionen seinen Einfluss spielen gelassen hat, um Kaiser Napoleon davon zu überzeugen, dass es keinen Sinn mehr macht, irgendwelche Verhandlungen mit Engländer zu führen. Egal ob Rebellen oder offizielle Regierung. Laut diesen Stimmen hat der Eingriff von Perscitia bei der Schlacht vom Kanal, jegliche Grundlagen für eine Kooperation zerstört. Aus diesen Gründen wurde Ihnen und ihrer Gruppe ein Ultimatum gestellt. Wenn sie sich nicht bis zum Neujahr 1814 bei mir oder einem andern hochrangigen Offizier in Paris gemeldet haben, werden sie als Verräter am Statt angesehen und dementsprechend verfolgt. Ich bin von ihrer Loyalität überzeugt und freue mich auf unser baldiges Wiedertreffen. Selbstverständlich bin ich immer noch interessiert an den Ergebnissen und Einsichten ihrer Mission

Gez. Lien

Leonardo lächelte grimmig. Dieser Brief war wiederum weniger überraschend. Es war ihm vom ersten Moment an klar gewesen, dass man seine Handlungen in der Schlacht gegen ihn verwenden würde, besonders bei einem Gegner, wie Densens. Aber der Brief bot auch einige Lichtblicke: „Es ist gut zu wissen, das immerhin Lien uns noch unterstützt.“ „Ich finde es eher erschreckend zu sehen, wie weit der Einfluss von Densens wirklich reicht.“, Louis sah nun wirklich verärgert aus, mehr noch als über den ersten Brief, „du hast vieles davon nicht miterlebt, aber ich hatte wirklich bei einigen Admirälen am Hof einen wirklich sehr großen Stein im Brett. Ich will gar nicht wissen, was für einen Hetzpropaganda gegen mich gefahren wurde, um solche Zweifel in meiner Loyalität laut werden zu lassen.“ „Naja, du kannst jetzt eh nichts dran ändern“, erwiderte Leonardo leichthin, „wir sollten als aller erstes Jade und Hope informieren und dann unseres weiteres Vorgehen planen.“ Louis grummelte noch etwas, dass sich wie „du hast leicht reden anhörte“, ließ aber von dem unerfreulichen Thema ab.

“Also was machen wir jetzt, die Situation hat sich ziemlich um 180° gedreht.“, fragte Hope, nachdem sie diese unerfreulichen Nachrichten verdaut hatte. „So viele Möglichkeit gibt es eigentlich nicht: Entweder wir gehen, wie verlangt, zurück nach Frankreich oder wir setzt uns direkt nach Amerika ab.“ Louis verzog das Gesicht: „Tut mir Leid, aber diese Möglichkeit gibt es leider gerade auch nicht.“ „Warum?“ Leonardo warf ihm einen fragenden Blick zu. „Mir fehlen hier in England ganz einfach die Verbindungen. Ich komme nicht an mein Geld ran und kann somit auch keine Schiff geschweige denn eine Überfahrt nach Amerika organisieren.“ „Dann gibt’s ja eigentlich nicht wirklich viel für uns zu entscheiden“, stellte Jade trocken fest, „zurück nach Frankreich und gucken, dass wir nicht direkt wieder in irgendeinem Gefängnis landen.“ „Zu dem Schluss bin ich auch gekommen, aber vielleicht hat jemand von euch noch irgendeine super geniale Idee.“ Leonardo schnaubte ungläubig: „Was bitte stellst du dir vor: In London die Kronjuwelen stehlen und dann irgendwie einen Kapitän der Marine bestechen.“ Louis kicherte leise: „Verlockender Gedanke, aber so Leid es mir tut zu sagen, eher unrealistisch.“ „Gut, wenn wir dann bitte wieder ernst werden könnten“, unterbrach Jade ihr Geplänkel, „wann brechen wir auf?“ Leonardo warf ihr einen gespielt beleidigten Blick zu: „Sobald wie möglich. Ich habe wirklich keine Lust noch eine Regierung eines Landes gegen mich zu haben. Vorher muss ich aber noch Jane Roland um einen Gefallen bitten, entschuldigt mich bitte. Ihr könnt ja den Rest für unsere Abreise vorbereiten.“ Die Gruppe platzte auseinander und die vier gingen in verschiedene Richtungen davon. Leonardo überlegte einen Moment, wo Jane gerade sein könnte. Er hatte wirklich keine Lust stundenlang das Schiff absuchen zu müssen. Nach der Beerdigung verfasste sie wahrscheinlich gerade die Briefe für die Angehörigen. Keine Aufgabe auf die er sie beneidete: Was sollte man auch den Eltern eines 13-jährigen Fähnriches schreiben, der in der Schlacht gefallenen war? Er hätte einen noblen Dienst für die Krone geleistet? Eine fade Floskel, die in der Augen der Trauernden schon fast zynisch wirken musste.

Nachdem er sich bei einigen Offizieren durchgefragt hatte, erfuhr der Sternendrache endlich, wo sich die Kajüte vom Kommandeur befand und schickte irgendeine gerade unbeschäftigt aussehenden Matrosen, um sie zu holen. Einige Minuten später trat sie aus einer der Luken an Deck hervor. „Was gibt’s Leonardo?“, fragte sie neugierig und musterte ihn aufmerksam. „Nichts gutes“, er schüttelte traurig den Kopf, „wir müssen England verlassen und ich wollte mich noch einmal bei dir bedanken und um einen letzten Gefallen bitten.“ Jane's Gesichtsausdruck wechselte von Verwunderung zu Wut und letztendlich zu Resignation, als Leonardo ihr erzählte, was in den beiden Brief stand, die er erhalten hatte.“ „Elende Feiglinge“, spie sie aus, „wie kann die Admiralität es wagen ihre Verbündeten anzugreifen.“ Ungläubig schüttelte sie den Kopf: „Naja, nach der Seuche sollte mich eigentlich nichts mehr wundern. Wie kann ich dir helfen, damit kann ich wenigstens ein bisschen von dem wieder gut machen, was diese hochangesehen Admiräle“, sie sprach es mit sichtbaren Sarkasmus aus, „angerichtet haben. Eskorte, ein wenig Geld oder vielleicht ein Schiff?“ Leonardo lächelte sie warm an: „Nein nichts von dem. Kannst du in den nächsten Jahren jegliche Spuren unserer Anwesenheit hier tilgen. Wir wollen ein Neuanfang starten und von niemanden verfolgt werden.“ Nun sah Jane noch ein wenig trauriger aus, nickte aber langsam: „Ja, ich denke ich komme an alle Aufzeichnung. Es wird zwar Jahre dauernd, aber bald wird sich niemand mehr an eure Taten erinnern.“ Sie schwieg einen Moment: „Es ist also endgültig? Ihr kommt nicht mehr nach Europa zurück.?“ „Zumindest nicht innerhalb des nächsten Jahrzehnts. Irgendwie ist es uns gelungen, viel zu viele mächtige Feinde zu machen. Es tut mir wirklich Leid, aber ich keine Lust tot auf irgendeinem Meeresgrund zu landen.“ „Ich kann deine Entscheidung nachvollziehen, was aber nicht heißt, dass es mir gefallen muss, oder?“ Leonardo lächelte ihr ein letztes Mal dankbar zu und sagte mit zuckend Mundwinkel: „Sorge bitte dafür, dass der Admiralität, wenn wir außer Landes sind, nicht langweilig wird. Irgendwer muss Unruhe stiften, sonst werdet ihr Engländer zu langweilig.“ „Ah, keine Sorge, ich und Perscitia haben einige interessante Pläne für die Zukunft und wer weiß – vielleicht kommt Temeraire ja auch bald wieder aus Australien zurück.“ Der Sternendrache stupste sie ein letztes Mal ermutigend an und ging dann endgültig davon.

Jane blieb noch etliche Sekunden so stehen und blickte ihm mit einem versonnen Lächeln hinterher. Manchmal traf man einfach Menschen und Drachen in seinem Leben, die eine Bereicherung waren. Leonardo war das ultimative Beispiel für ein Geschöpf, dass nach seinen Überzeugungen lebte und sich von niemanden dabei behindern ließ, egal was kommen würde.

SIMON

leonardo/kapitel_14.txt · Last modified: 2013/03/20 21:20 (external edit)