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Aulus letzte Schlacht

DISCLAIMER: Alle verwendeten Figuren sind geistiges Eigentum von Naomi Novik und stammen aus dem Temeraire-Universum.

In der Ferne tauchte langsam aus den früh morgendlichen Nebelschwaden die ersten Küstenbefestigungen von Dover auf. Leonardo fühlte sich irgendwie an seine Ankunft vor zwei Monaten erinnerte. Nur diesmal war die Situation nahezu umgekehrt: Er verteidigte das Land, das er eigentlich ausspionieren sollte. Was für eine Ironie! Innerlich musste er sich aber eingestehen, dass er mittlerweile einige Personen in England wirklich lieb gewonnen hatte. Zum einen Perscitia mit ihrer bissigen und manchmal sogar zynischen Art war wirklich eine erfrischende Abwechslung zu den Drachen, mit denen er normalerweise zusammen lebte. Und auch Aulus, der die Formation vor ihm anführte, gehörte zu jenen, die er ehrlich bewunderte. In den letzten Monaten war dieser fast schon zu einem Freund, aber besonders zu einem Mentor geworden. Wenn alles gut ging, dann würde er nach dieser Schlacht ihre Gesellschaft noch einige Zeit in Anspruch nehmen können. Hoffentlich passierte keinem seiner Freunde etwas. Er seufzte leise: Wie sehr unterschied sich dieses Gefühl von dem, was er beim Aufbruch vor zwei Tagen erlebt hatte. Tage und Nächte durchreisen ließ wirklich jeden Kampfesswillen rasch einschlafen. Louis hatte den Seufzer anscheinend gehört, den er fragte mit besorgter Stimme: „Was ist los, mein Freund? Geht es dir nicht gut?“ Leonardo schüttelte stumm den Kopf: „Nein, das ist es nicht, ich mach mir nur Sorgen. Was ist wenn dir, Jade oder Hope etwas passiert? Ich würde mir mein Leben lang vorhalten, dass ich euch nicht retten konnte.“ Louis strich ihm sanft über den Nacken: „Es wird nichts passieren. Du hast es letztes Mal doch auch geschafft uns zu retten und da war die Situation viel prekärer. Jetzt sind wir vorbereitet und haben eine starke Armee im Rücken. Denkst du nicht, dass Perscitia so wenig Verluste wie möglich erleiden will . Sie hat Aulus sicherlich Schlachtpläne für jede erdenkliche Situation mitgegeben.“ Louis nickte unentschlossen. Es hörte sich zwar gut an, aber irgendetwas konnte immer passieren. Louis schien seine Gedanken gelesen zu haben, denn er sagte leise: „Es ist schrecklich unwahrscheinlich, dass irgendetwas passiert , aber dir muss klar sein: Es herrscht Krieg und wir sind mittendrin, quasi zwischen den Fronten. Sollte mir oder irgendjemand anderen aus der Gruppe irgendetwas passieren , müsst ihr weitermachen. Nur weil einer zurückbleibt, darf nicht die gesamte Gruppe untergehen.“ Sein Freund hatte mit großer Autorität in der Stimme gesprochen und Leonardo nickte und erwiderte mit gedrückter Stimme: „Das ist mir auch klar, aber gefallen muss es mir trotzdem nicht, oder?“ „Nein, auf keinen Fall, denkst du mir behagt der Gedanke zu sterben oder einen geliebten Freund zu verlieren? Trotzdem werde ich irgendwann weit vor deiner Zeit von uns gehen und du wirst damit klar kommen müssen.“ „Aber dann hat niemand dich mir weggenommen. So eine Situation wäre einfach der normale Lauf der Dinge. Nicht schön, aber ich käme irgendwie damit klar.“

Die nächsten paar Minuten herrschte angespanntes Schweigen und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. In der Zwischenzeit hatte sich auch die gewaltige Formation ihrem Ziel immer näher angenähert. Direkt unter Ihnen lagen die weißen Segel der Kanalflotte. Ihr Anführer Aulus begann einen langsamen Sinkflug einzuleiten. Leonardo passt sich den Bewegungen der Formation an und ließ sich sanft auf seinen Schwingen hinab gleiten. Leonardo wunderte sich kurz darüber, dass die anderen ihnen nicht folgte, gab sich dann aber selber rasch die Erklärung, dass die anderen wohl schon feste Anweisungen bekommen hatte. Sein Team hingegen war auf spezielle Instruktionen angewiesen. Außerdem war Aulus in Abwesenheit Perscitias ihr Repräsentant vor den anderen Admirälen. Er blickte sich neugierig um: Unter ihnen lagen auf einigen schwimmenden Holzplattformen ein bunt durcheinander gewürfelter Haufen Korpsdrachen. Er zählte ungefähr 50 Tiere, also blieb die Hauptaufgabe der Verteidigung an ihnen hängen. Na das konnte ja lustig werden. Wenig später setzte sie auch schon auf dem Deck von einer der größeren Galeonen auf. Interessiert blickte sich Leonardo um: Er war bisher noch nie auf einem Schiff gewesen und versuchte sich jetzt an das schwankende Gefühl unter seinen Klauen zu gewöhnen. Plötzlich lenkte etwas bzw. besser gesagt jemand anderes seine Aufmerksamkeit auf sich. Einen Kabinenluke öffnete sich und Kommandeur Roland kam daraus auf sie zu gestürmt und rief mit einem erleichterten Blitzen in den Augen: „Ah, da seid ihr ja endlich. Perscitias Formationen werden schon sehnlichst erwartet. Der Angriff der Franzosen kann jeden Moment erfolgen. Ah und bevor ich es vergesse.“ Sie verneigte sich vor Aulus und sagte in einem übertrieben höflichen Tonfall: „Herzlich Willkommen auf der Seaswallow Admiral Aulus.“ „Ähm, vielen Dank Kommandeur.“, antwortete Aulus ein wenig steif. „Gibt es bereits Informationen über die Art des Angriffes?“ Leonardo kicherte leise: Aulus hatte wirklich überhaupt nichts für höfliche Konversation übrig. Jane schien seine Manieren jedoch nicht weiter zu stören und sie sagte in einem forschen Ton: „Ja, sogar schon relativ genaue. Der Admiral, der die ganze Aktion anführt, muss wirklich ein ziemlicher Idiot sein. Er hat überhaupt keine Maßnahmen zur Sicherung vor unserer Aufklärung unternommen. Aber kommen Sie bitte ein Stück mit. Dort hinten liegen die Karten.“ Nachdem sich alle, um den improvisierten Kartentisch versammelt hatten, nahm Jane einige Figuren in die Hand. „Die Kanalflotte befindet sich hier.“ Sie setzte ein kleines Schiff vor die Küste von Dover. „Dabei deckt sie genau den Teil ab, der nicht von der Küstenartillerie geschützt ist. Unsere Luftverteidigung patrouilliert mit kleinen Gruppe aus Spähern entlang des gesamten Abschnittes. Daher wissen wir, dass der Angriff hier auf der Luftseite und hier auf der Wasserseite erfolgen wird.“ „Drachen als Geleitschutz und Transporter?“, erkundigte sich Aulus und studierte interessiert die Karte. „So, in etwa. Diesmal versuchen es die Franzosen anscheinend mit zwei parallelen Angriffen. Luft und Wassertransporter.“ Leonardo schüttelte abschätzigen den Kopf: „Ihr Anführer muss wirklich überhaupt nicht nachgedacht haben. Wir können beide Arten des Angriffes ohne Probleme kontern.“ „Das stimmt, aber freue Sie sich nicht zu früh. Die Franzosen haben es nämlich irgendwie geschafft eine annähend gleich große Marine aufzubauen wie wir. Und der Admiral der Flotte soll ein wirklich fähiger Mann sein. Leider wird unsere ja nicht mehr von Nelson angeführt.“ „Das heißt also der Kampf wird in der Luft entschieden?“, fragte Aulus mit gerunzelter Stirn nach. „Ja.“ „Wie viele Gegner sind zu erwarten?“ Jane wand sich unbehaglich: „Genau das ist unser Problem. Es werden ungefähr 300 Drachen sein.“ Aulus ließ sich von dieser zugegebenermaßen ziemlich großen Zahl nicht aus der Ruhe bringen. „Hm, interessant. Wir müssen sie also irgendwie aufspalten. Mit wie viel Prozent Schwergewichten werden wir zu tun haben?“ „circa 50 Prozent. Noch so eine Sache, die wir nicht genau verstehen. Wir versorgen unsere Gegner, die ganzen Drachen?“ Hier mischte sich Leonardo wieder ein Mal in das Gespräch ein: „Das ist relativ einfach: Entweder sie haben die Attacke schon länger vorbereitet und Nahrung gebunkert oder die Drachen durften einfach frei am Meer jagen. Die Ressourcen sind im Moment in Frankreich zu haben.“ Aulus nickte ihm kurz zu: „Eine gute Analyse. Mich wundert nur eins: Warum schickt das Korps so wenig Drachen? Sie müssen doch mindestens noch 10 Formationen zu Verfügung haben.“ Jane wandte sich, peinlich berührt, „tut mir leid ich versteh es auch nicht, aber die Admiralität hat mir verboten mehr zusammen zu ziehen.“ Der alte Drache gab sich mit dieser Antwort zufrieden und wandte sich in einem friedlicheren Ton dem nächsten Thema zu: „Wie heißt der Admiral eigentlich, der die Luftschlacht anführt?“ „Angeblich ein Mann namens Densens.“ Leonardo und seine drei Freunde zuckten zusammen und verzogen gequält ihre Gesichter. Die beiden Anführer bemerkten natürlich ihre Reaktion: „Wisst ihr etwa irgendetwas über diese Person? Es könnte kriegsentscheidend werden.“ Louis fing sich als erster und antwortete: „Er war unserer ehemaliger Vorgesetzter in Limoges. Densens ist nicht sonderlich intelligent, aber er hat großen Einfluss und ein Gespür dafür, wie er am einfachsten andern schaden kann. Jetzt macht auch der ganze Angriff mehr Sinn. So eine schlecht geplante Sache kann wirklich nur ihm entsprungen sein. Glücklicherweise unterschätzt er die Stärke von Perscitias Armee und denkt er könnte uns einfach überrollen.“ „Hm, interessant. Es ist gut zu wissen, dass so viele Schwergewichte dabei sind. Das ermöglicht uns eine ganze Reihe an Strategien.“ „Sie sind der Erste, der so eine Menge an starken und zähen Drachen als gut bezeichnet.“, Jane sah ihn leicht kopfschüttelnd an. „Ah, sehen Sie. Genau das ist ein Vorteil für uns. Unser Gegner denkt nämlich dasselbe. Und übersieht damit auch die größte Schwäche solcher Drachen: Sie sind weder schnell, noch können sie Attacken gut ausweichen. Aus diesem Grund werden wie die Armee spalten. Der Teil, der die Lufttransporter verteidigt, wird getrennt von denjenigen, die uns beschäftigen sollen. Letztere Gruppe muss nur so lange hingehalten werden, dass die andere restlos zerstört werden kann.“ „Im Ansatz hört sich so eine Idee ziemlich gut, aber wie wollen sie es umsetzen ?“ Aulus setzte ein überlegenes Lächeln auf: „Hier kommt jetzt die Wendigkeit unserer Truppen ins Spiel.“ Er bedeutete Jade einen Stift zu nehmen: „Wir werden unseren Gegner nicht frontal angreifen, sondern wir fallen in seine Flanke.“ Jade zeichnete jeweils zwei Blöcke auf der Karte, die in einem rechten Winkel gegeneinander trafen. Mit kleinen Pfeilen zeichnete sie die Richtungen, die die jeweiligen Gruppen für ihren Angriff nutzen würden. „Da die Truppen vom Korps nicht so wendig, wie unsere Einheiten sind, sollten sie vielleicht die Abschirmung der ersten größeren Gruppe übernehmen.“ Jane nickte langsam: „Aber selbst wenn der Plan funktioniert bleibt ein gewisses Restrisiko. Was ist wenn wir nicht genug sind, um die Transporter zum Absturz zu bringen? Die Schwergewichte sind ja alle anders beschäftigt.“ Aulus grinste jetzt triumphierend: „Ach , das würde diese Formationen schon alleine schaffen. Ein leichtgewichtiger Giftspucker und Leonardo hier.“ Jane sah ehrlich überrascht aus: „Wo haben sie ein Giftspucker-Ei herbekommen. Ich dachte die Art wäre nach der Züchtung der Säurespucker ausgestorben.“ „Wir haben in einem verlassenen Zuchtgehegen noch eines gefunden, dass aus irgendeinem Grund nicht geschlüpft ist. Sobald wir es ins Lager mitgenommen und in eine wärmere Umgebung gesetzt hatten, ist es plötzlich geschlüpft. Vielleicht haben wir ja noch die Möglichkeit kleinere und wendigere Langflügler zu züchten. Aber zurück zum Thema. Konnte ich alle ihre Einwände entkräften?“ Jane nickte resignierend: „Ich geben mich eurer besseren Planung gegenüber geschlagen. Zugegebenermaßen, wir hätten sonst wirklich ein ernstes Problem bekommen.“ In diesem Moment kam ein Offizier durch die Tür gestürzt und flüsterte Jade, nachdem er salutiert hatte, etwas ins Ohr. Als er den Raum verlassen hatte, verdrehte die Kommandeurin die Augen. „Das hätte er ruhig auch laut sagen können. Wir haben einige Schwimmplattformen bereit gestellt auf denen ihre Drachen landen können. Sobald wir die genaue Ankunftszeit der Franzosen wissen, geben wir Ihnen Bescheid.“ Aulus nickte ihr noch einmal respektvoll zu und sagte: „Auf einen guten Kampf. Ich lasse Ihnen die Aufstellung meiner Drachen in ungefähr einer halben Stunde von einem Boten bringen. Bis dahin haben wir auch den Plan und unsere Anweisungen perfektioniert.“ „Sehr gut und vielen Dank, dass sie heute da sind.“, Jane verneigte sich einmal kurz. „Es mag zwar nicht so ausschauen, aber auch uns liegt etwas am guten alten England.“, lächelte der alte Drache und wandte sich endgültig ab.

Leonardo wusste, dass er sich eigentlich die Gelegenheit nutzen sollte, um vor dem bevorstehenden Kampf noch ein wenig Schlaf zu bekommen. Aber er war einfach zu nervös. Zum gefühlten hundertsten Mal suchte er mit seinen Augen den Horizont ab und versuchte, obwohl es vollkommen zwecklos, Anzeichen auf die Ankunft des Gegners zu erhaschen. Frustriert riss er sich selber vom nebelverhangenen Himmel ab und sah sich suchend nach seinem Freund und Reiter um. Ein Buch oder ein Schachspiel würden ihn jetzt sicher ablenken können. Wenige Sekunden später hatte er Louis gefunden: Sein Reiter saß am Rand der Plattform und unterhielt sich leise mit Jade, um Hope, die es tatsächlich geschafft hatte einzuschlafen, nicht aufzuwecken. Er seufzte neidische. Hope besaß in solchen Situationen wirklich eine bewundernswerte Gelassenheit und Geduld. Louis hatte ihn offensichtlich bemerkt und sagte nun leise: „Komm rüber Leonardo und zebrech dir nicht den Kopf über die kommende Schlacht. Du kannst eh nichts daran ändern. Ich war gerade mit Jade hier darüber am sprechen, was wir nach dieser ganzen Aktion machen werden. Ich denke Mal auf Kriegsdienst hat von uns vorerst keiner mehr Lust, oder?“ Leonardo sah ihn überrascht an. Darüber hatte er ehrlich gesagt noch gar nicht nachgedacht. Für ihn war der Krieg so natürlich geworden. Er dachte einen Moment nach und antwortete dann: „Ich bisher über die Zeit nach dem Krieg noch überhaupt nicht nach gedacht, aber du hast Recht. Ich habe wirklich keine Lust wieder und wieder auf gefährliche Missionen geschickt zu werden. Die Frage ist nur: Was können wir tun: Der Dienst im Korps ist verpflichtend, oder?“ „Auf das Problem sind wir auch schon gestoßen“, meldete Jade sich Wort, „es gibt eigentlich nur eine Möglichkeit: Wir desertieren, setzten uns ins Ausland ab. China wäre vielleicht eine Möglichkeit.“ Leonardo schüttelte ausdrücklich den Kopf: „Bloß nicht China, Amerika hört sich besser an. Seitdem die USA sich für unabhängig erklärt hat, geht es den Drachen dort deutlich besser. Dort gibt es dann auch eine wirklich Demokratie und keinen lächerlchen Kanton.“ Louis sah seinen Drachen überrascht an: „Was hast du gegen China? Es ist immerhin dein Geburtsland.“ Leonardo schüttelte entschlossen seinen Kopf. Nein, das kam für ihn überhaupt nicht in Frage! Letztendlich hatte er auch noch einen Bericht in China einzureichen. In Amerika wäre er von dieser Bürde befreit. Mittlerweile dachte er eh komplett anders über diese Aufgabe. Es grenzte beinahe schon an einen Verrat gegenüber Louis. Aber das konnte er seinen Freunden gegenüber natürlich nicht zugeben. Er musste sich also möglichst schnell einen glaubwürdigen Grund zusammenbasteln: „Wie schon gesagt, ich halte nichts von diesem übertrieben Kaisertum in Asien. Dort wird der aktuelle Herrscher ja wie ein Gott verehrt. Wirklich nichts, was ich näher miterleben möchte.“ Louis beäugte ihn zwar ein wenig misstrauisch, beließ es aber erst einmal bei dieser Begründung. In diesem Moment landete einer der Korpsdrachen auf ihrer Plattform, ein Reiter sprang ab, lief zu ihnen herüber und salutierte: „Ich habe eine Nachricht von Kommandeur Roland für sie: Die französische Invasionsstreitmacht hat unsere Blockade beinahe erreicht. Machen sie sich für den kommenden Angriff bereit: Die vereinigten Verteidiger brechen in zehn Minuten auf.“ So rasch, wie er gekommen war, verschwand der Mann wieder. Aulus hatte die Worte auch mitbekommen und rappelte sich jetzt langsam auf. Leonardo stupste ebenfalls Hope an, damit sie endlich aufwachte. Wenige Sekunden später öffnete die Drachin ihre Augen und sah ihn erschrocken an: „Ist es soweit ja?“ „Ja, wir werden jeden Moment in die Schlacht ziehen.“ In der Zwischenzeit hatte Aulus seine restliche Formation gesammelt und machte sich selber bereit für den Start. „Kommt, macht weiter: Louis steig bitte auf meinen Rücken.“ Endlich waren auch sie fertig. Der ältere Drache gab das Zeichen zum Start und die Formation erhob sich. Am Himmel über der englischen Blockadestreitmacht sammelten sich mit zunehmender Geschwindigkeit Heerscharen von Drachen. Von einem der Schiffe aus betrachtet wirkten sie allerhöchstens wie etwas größere Vögele, aber jeder der genauer hinschaute, würde das Funkeln der Schuppen bemerken. Langsam ordnete sich das Chaos am Himmel und zwei dicht bei einander fliegende Gruppen aus Formationen entstand. Die eine führte die englische Flagge, während auf der anderen Perscitias Flagge wehte: Die Silhouette eines einzelnen Drachens, auf dessen Rücken ein einsamer Reiter saß. Leonardo selber bemühte sich gerade seinen Platz in der Formationen zu bekommen. Leider war es notwendig in solch einem Knubel zu fliegen, da eine breite Front aus Drachen viel leichter vom Feind entdeckt werden konnte. Langsam hatte er sich bis zu seiner Postion durchgekämpft und konnte vor sich Aulus erspähen. Anscheinend schaffte es langsam auch anderen Drachen zu ihren Gruppen aufzuschließen, denn Leonardo musste immer weniger Rämpler oder Flügelschläge ertragen. Er hasste es , wenn er so eingepfercht wurde. In diesem Moment gab Aulus das Zeichen zum Start und die zwei Formationen setzten sich langsam, immer schneller werden in Bewegung. Nach einigen Sekunden Flugzeit ließ sich die englische Formation ein wenig zurückfallen und die Drachen aus Perscitias Lager veränderten nochmals ihre Gruppierung: Was vorher ein mehr oder weniger organisierter Quader gewesen war, wurde jetzt zu einem Dreieck mit einer ziemlich spitz anlaufenden Front. Sie hatten sich vorher mit Kommandeur Roland auf diese Taktik geeinigt, da so am einfachsten und schnellsten die Front der Franzosen aufgespalten werden würde. Die Korpsdrachen würden dann im Schatten dieser Formation mit eindringen und die Verteidiger von der Transportern fernhalten. Mittlerweile hatten sie ungefähr die Mitte des Kanals erreicht und flogen jetzt über das geheimnisvoll schimmernde Meer hinweg. Vorerst sollte der Gegner denken die Blockade wäre dem Angriff schutzlos ausgeliefert. Leonardo sah, wie Aulus den Horizont absuchte und anscheinend eine möglichstes dichte Nebelwand aufzuspüren versuchte, nach einigen Momenten hatte er einen gefunden und führte die beiden Gruppen tief in die Schwaden hinein. Jetzt hieß es warten bis die Späher die Ankunft ihrer Feinde melden würden. Das ganze Unterfangen stand und viel mit der Koordination ihrer Truppen, wenn sie den richtigen Zeitpunkt verpassen würden, hätten sie keine Chance in die Flanke des Gegners zu fallen. Der Sternendrache schüttelte sich leicht zitternde: Die feinen Wassertröpfchen des Nebels drangen unter seine Schuppen und er fühlte sich innerlich halb erfroren an.

Nur wenige Meilen von ihnen entfernt stand Admiral Densens auf einem dem größten Grand Chevaliers und konnte es kaum erwarten, dass sie die Engländer endlich angreifen können würden. Pah, dämliche Lien. Frankreich war nicht zu schwach, um diesen Angriff durchzuführen. Sie hatten Unmengen an Drachen und Infanterie. Die Britische Verteidiger würden beiseite gefegt werden. Glücklicherweise hatte man ihm das Kommando, nachdem seine Freunde ein wenig Druck gemacht hatten, übertragen. Dies war die einmalige Gelegenheit zu beweisen, dass er besser war, als irgendein aus China geflohener Drache. Er, ein Admiral, dessen Vorfahren man noch bis zur Zeit der Römer zurückverfolgen konnte. Hm, was waren nur diese Schatten, die immer wieder kurz im Blickfeld der Truppen auftauchten? Seine Offiziere sahen wegen Ihnen ziemlich beunruhigt aus, aber er würde sich niemals dazu herablassen, einen von Ihnen nach dem Grund zu fragen.

Als Leonardo die Kälte beinahe nicht mehr aushalten konnte, tauchte einer ihrer Späher vor ihnen aus einer Nebelbank auf: „Die französischen Truppen passieren diese Stelle in ungefähr 5 Minuten. Machen Sie sich also bitte bereit.“ Ein prickelnder Energieschub durchzuckte seinen Körper und Leonardo spürte wie die Aufregung jegliche Kälte vertrieb. In den nächsten paar Minuten sprach keiner von Ihnen ein Wort, sondern warteten alle nur angespannt das der Angriff endlich begann. Nochmals erstattete der Drache Meldung: „Sie müssen jetzt starten, der Gegner befindet sich fast auf der Selben Höhe mit Ihnen.“ Aulus gab unverzüglich das Zeichen zum Start und sagte noch während sie sich in Bewegung setzten: „Viel Glück meine Herren.“ Leonardo begann wieder schneller mit den Flügeln zu schlagen und sich in die Formationen einzureihen. Aulus ließ sie das Tempo immer weiter erhöhen, bis irgendwann die schweren Drachen vom Korps nicht mehr schneller konnten. Für Leonardo war diese Geschwindigkeit quasi schon gemütliches Reisetempo. Es würde aber reichen, um jede gegnerische Armee zu überraschen. Besonders in dem dichten Nebel, der über dem Kanal lag. Plötzlich rissen die Wolken auf und er konnte einen ersten Blick auf die Formationen aus Frankreich werfen. Leonardo musste unwillkürlich ein Zittern unterdrücken. Diese Armee war wirklich gewaltig. Er wusste zwar eigentlich schon, wie groß sie sein sollte, aber sie jetzt wirklich zu sehen war noch einmal etwas ganz anderes. Um wieder ruhiger zu werden, rief er sich noch einmal ihren Auftrag ins Gedächtnis: Sie mussten nur die Transporter zerstören. Und das würde hoffentlich nicht all zu lange dauern. Erste Warnrufe schallten quer über Wasser, als aus dem Nebel die englischen Truppen brachen und die ersten Verteidiger begannen sich in ihre Richtung umzudrehen, die meisten aber hielten einfach nur stur ihren Kurs bei. Anscheinend hatte der französische Admiral die Situation noch nicht richtig realisiert, die Drachen waren größtenteils unvorbereitet. Leonardo schüttelte nur resignierend den Kopf über solche Ignoranz und flog weiter. Er sah vor sich die ersten Gegner auftauchten, verzichtet aber darauf sie anzugreifen, sie mussten schließlich noch durch die Reihen des Gegners brechen. Ein eisiger Windzug peitschte über sein Gesicht als er mit einer Rolle einem Drachen auswich und es dem Mittelgewicht hinter ihm überließ, ihn aus den Weg zu stoßen. Beim nächsten Gegner musste er dann die Innovative übernehmen, er rammte ihn in einem unerwartetem Moment die Zähne in den Bauch. Wenige Sekunden später taumelte ein Plein-Vite in die Tiefe. Leonardo blickte kurz über seine Schulter: Der Angriff schien gut zu laufen: Man konnte schon deutlich den Keil sehen, der in die Truppen der Gegner getrieben worden war. In diesem Moment schien aber auch Densens bemerkt zu haben, dass ein Angriff in die Flanke seiner Formationen erfolgt. Nach und nach drehten sich die Drachen in ihre Richtung. Leonardo verdoppelte noch einmal seine Anstrengungen und drängelte sich rücksichtslos zwischen den Verteidigern durch. Dabei wich er so gut es ging, den Krallen und Klauen Hiebe der Gegner aus. Als Andenken behielt er nur einige Striemen an seiner Seite. Leicht ängstlich blickte Leonardo sich um, er hatte zwar das Ende der Formation erreicht, aber wo waren seine Verbündete: Im Eifer des Gefechtes hatte er vergessen, wie viel schneller er als sie fliegen konnte. Und im Moment umringten ihn einige Drachen, die wirklich nicht so aussahen als hätten sie Lust auf ein freundliches Gespräch. Er versuchte unter den Schwingen des Mittelgewichts durch zu tauchen, bekam als Ergebnis aber nur einen Schlag vor den Kopf. Leonardo musste höllisch aufpassen, dass keiner der Drachen Rücken an Rücken mit ihm kam, die Gefahr, dass Louis überwältigt würde wäre einfach zu groß. Doch kurz bevor seine Kameraden durchgebrochen waren, passierte es: Zwei Männer sprangen auf den Rücken von Leonardo und begannen seinen Kapitän zu attackieren. Er tat, dass einzig Vernünftige und widmete sich seinem eigenen Kampf. Er hatte zwar schreckliche Angst, um seinen Reiter, aber zwei Männer waren nicht so viele, dass Louis nicht mit Ihnen fertig werden konnte. In der jetzigen Situation einen Dreher hinzulegen, wäre idiotisch: Er würde seinen Angreifern den ungeschützten Bauch auf dem Präsentierteller hinhalten. Zu seiner Erleichterung segelte auch schon wenige Momente später einer der Männer von seinem Rücken hinunter: Tod.

Auf Leonardos Rücken musste Louis sich gerade um ganz andere Probleme kümmern: Er hatte zwar den ersten Mann, der auf den Rücken seines Drachen übergesprungen war., mit einem gezielten Schuss in Brust getötet, aber der zweite bereitete ihm deutlich mehr Probleme. Er war zwar ein ziemlich gut Fechter, aber jeglicher Vorteil, den er dadurch am Boden gewonnen hätte, zerrann im Luftkampf zu nichts. Sein Angreifer nutzte geschickt die Bewegung von Leonardo aus, um sich mal stärker in einen Schlag hinein lehnen zu können und mal sicher aus seiner Reichweite heraus tragen zu lassen. Jeder Angriff dauerte nur wenige Sekunden, und boten ihm überhaupt keine Möglichkeiten, wirklich die Klingen zu kreuzen. Sein einziger Vorteil war, dass er keinerlei Skrupel hatte, den Mann umzubringen. Er musste ihn nicht gefangen nehmen, sondern einfach nur los werden. Zu Louis Sorge konnte er bald nicht viel mehr, als sich auf seine Verteidigung zu besinnen. Sein Gegner, offensichtlich ein erster Offizier, musste doch irgendwann mal einen Fehler machen. Mit vor Konzentration verzerrten Gesicht parierte er Schlag um Schlag. Am Boden wäre er schon lange schrittweise zurückgewichen. Schon wieder traf ein übermäßig verstärkter Schlag seinen Degen und er musste mit aller Kraft dagegen halten, damit dieser ihm nicht aus der Hand geprellt. In den wenigen Sekunden, die danach blieben wurde Louis schlagartig klar, dass er diesen Kampf mit ehrlichen Mitteln nicht gewinnen konnte. Glücklicherweise trug er unter seinem Mantel noch ein zweite Waffe: Einen schönen alten und vor allem schweren Säbel. Seinem Plan folgenden griff er in eine seiner viedflen Taschen und umwickelte seine Handfläche mit einem Stück Stoff – Stoff?! Warum zur Hölle hatte er Stoff dabei? Ach er erinnerte sich: wahrscheinlich, um mögliche Verletzungen zu verbinden. War jetzt aber auch nebensächlich. Er bildete mit ihm ein kompaktes kleines Polster, um seine linke Hand. Einziger Nachteil war, dass er jetzt seine aktuelle Waffe nur noch mit einer Hand führen konnte. Dies zahlte sich leider auch direkt Wenige Sekunden später aus. Sein Degen wurde ihm aus der Hand geschlagen und flog in einem hohen Bogen von Leonardos Rücken. Irrsinniger Weise verspürte er leises Bedauern: Diese Waffe besaß er schon so lange, sie war einst ein Geschenk von einem französischen Offizier und Freund gewesen, der für Louis immer ein Vorbild gewesen war. Im nächsten Moment spürte Louis den kalten Stahl einer Waffe auf seiner Haut, der französische Gegner hatte ihm seinen Degen mit einem siegessicheren Lächeln an den Hals gesetzt: „Abandonnez-vous!“ Louis hingegen dachte aber gar nicht daran aufzugeben, sondern zog mit einer blitzschnellen Bewegung die bandagierte Hand aus der Tasche und schlug die Waffe beiseite. Er grinste: „Es ist nicht sonderlich klug jemanden zu bedrohen den man weder töten will noch kann.“ Und mit diesen Worten ließ er die Bandage fallen, packte seinen Säbel mit beiden Hände, zog ihn und schlug bevor sein Gegner realisiert hatte, worum es eigentlich ging, die flache Seite gegen den Hinterkopf. Der Mann verdrehte die Augen und sackte mit einem leichten erstaunten Gesichtsausdruck auf dem Rücken von Leonardo zusammen. Louis betrachtete ihn genauer: Der Mann war viel jünger als er gedacht hatte, gerade erst 18 oder 19. Er musste wirklich gut sein, um jetzt schon ein solch hohen Rang zu besitzen. Irgendwie brachte er es nicht übers Herz ihn von Bord zu werfen, denn es wäre gleichbedeutend mit seinem Tod gewesen. Am Besten übergab er ihn gleich einfach den anderen Drachen. Apropos Drachen, was machten eigentlich diejenigen, von denen sie vor wenigen Momenten noch angegriffen worden waren?

Leonardo versuchte derweilen weiterhin verzweifelt die Reihe der Drache zu durchbrechen, ohne dabei in Stücke gerissen zu werden. Glücklicherweise vermieden es die Angreifer im nahe zu kommen, seine speziellen Fähigkeiten schienen sich mittlerweile herum gesprochen zu haben. Einer der gelben Schnitter versuchte wieder einmal einen Vorstoß und Leonardo wich ihm mit einem eleganten Schlenker aus, im nächsten Moment naht ein weiterer Drachen von der Seite heran und er ließ sich einfach ein Stück fallen. Jetzt befand sich zu allem Überfluss auch noch über ihm ein Drache. Langsam wurde es wirklich eng. Weiter absacken konnte er auch nicht, da die Schiffe unter ihm, sonst auf ihn feuern würden. Bedrohlich naht die ersten Gruppe Gegner heran. Leonardo ließ hastig seinen Kopf von links nach rechts schwenken. Er brauchte doch nur noch ein winziges bisschen Zeit. So weit weg war seine Formation nicht gewesen. Ein irrwitzige Idee formte sich in seinem Kopf.. Er hatte gehört, dass es möglich sei, aber mit dieser Handlung würde er das Leben seines Kapitäns gleichermaßen aufs Spiel setzen. Die Drachen kamen immer näher. Na gut, er hatte keine andern Möglichkeiten. Leonardo ließ sich wie ein Stein fallen, kurz bevor er auf den Wellen aufschlug, spannte er seine Flügel und fing gewaltsam den Sturz ab. Mit einem Ruck brachte er sich wieder in eine gerade Position: Jetzt hieß es schnell sein: Nicht weit von seiner aktuellen Postion trieben einige Linienschiffe auf dem Wasser. Auf dem Deck des ihm nächsten Schiffes brach hektische Aktivität aus. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit, rasch suchte er den Himmel über sich nach seiner Formation ab, die Teilung der gegnerischen Truppen war anscheinend ein voller Erfolg gewesen. Leonardo schnellte nach vorne und in die Höhe, um möglichst rasch seine Formation zu erreichen. Schon nach wenigen Sekunden, ertönte ein schmerzhaft lauter Knall und neben ihm flog eine Kartätsche vorbei. Blitzschnell begann er in Zickzack mustern hin und her zu fliegen. Solange sich kein Schema in seinen Bewegungen entdecken ließ, war er beinahe untreffbar. Der Rhythmus des Kanonendonners erhöhte sich: Nun schossen weitere Schiffe auf ihn. Links und rechts sausten Kugel an ihm vorbei. Ein einziger Treffer und alles wäre vorbei. Leonardo warf einen weiteren Blick zu den Schiffen: Eine weitere Kugel flog auf ihn zu und diese war genau auf seiner Flugbahn. Reflexartig warf er sich auf die Seite. Dieses Mal spürte er den Luftstrom, als das Geschoss an ihm vorbei flog. Er wollt weg, nur noch weg aus dieser Hölle aus Kanonenkugeln und Kartätschen. Leonardo legte noch einmal an Tempo zu und tauchte wieder in die Menge der Drachen. Ein. Und diesmal landete er sogar bei denjenigen., die mit ihm aus Schottland aufgebrochen waren. Suchend sah sich der Sternendrache nach Aulus, um. Anscheinend hatte dieser gerade den Angriff auf die Transporter begonnen. Leonardo beeilte sich zu ihm zu gelangen; im Moment hatte er ein wenig den Überblick über die Schlacht verloren. Ihr Anführer sah irgendwie nicht allzu glücklich aus: „Was sollte diese Aktion denn? Ich habe es doch schon im Lager gesagt: Keine Alleingänge!“ Leonardo senkte beschämt den Kopf: „Tut mir Leid, ich war ein wenig übereifrig, aber es ist ja nichts passiert.“ „Ich kann jetzt eh sowieso nicht ändern. Zu deiner Information, du warst ja abwesend“, er warf ihm einen giftigen Blick zu, „wir greifen gerade den Haupttransporter an. Mach dich also gefälligst ein wenig nützlich.“ Mit diesen Worten konzentrierte sich der Graukupfer wieder auf die besagten Transporter. Louis rief ihm zu, dass er einen der Männer gefangen genommen hatte. Wenige Sekunden später hatte sich dieses Problem auch erledigt, er übergab den Mann an einen der größeren Drachen. Leonardo scannte kurz die Umgebung: Vor ihnen lag das Heer aus Transporter, glücklicherweise bis auf die Träger weitgehend unverteidigt. An der Bauart der hölzernen Kolossen hatte sich anscheinend nicht wirklich viel verändert, seit der Schlacht von Dover: Immer noch dieselbe hausartige Form und die selben vier Tragholme für Drachen, wie es auch in dem Augenzeugenbericht geschrieben stand, den Leonardo in Perscitias Lager gelesen hatte.. Der Sternendrache schloss sich wieder seiner Formation an und versuchte dabei möglichst unauffällig zu wirken. Offensichtlich vergeblich. Hope beäugte ihn misstrauisch. „Wo warst du?“ „Ich war in einen Kampf verwickelt, hat ein wenig gedauert.“, murmelte er wenig überzeugend. Sie sah ihn ungläubig an, musste sich aber mit dieser Antwort zufrieden geben, da Aulus gerade die Formation in einen Sturzflug auf einen der Transporter lenkte. Leonardo hätte ihr zwar gerne die Wahrheit gesagt, im Moment war ihm aber sein Ausrutscher einfach zu peinlich. Immerhin es stimmte was er gesagt hatte … zumindest … aus einem gewissen Blickwinkel betrachtet. Leonardo lenkte seine Aufmerksamkeit zurück auf den Sturzflug. Er hatte sich heute eindeutig genug geleistet, er wollte nicht auch noch den Drachen vor sich rammen. Als die Gruppe wieder in die Waagerechte schwenkte, lag der erste Transporter direkt vor ihnen. Und es schwebten nur zwei gegnerische Verteidiger vor ihm. Aulus rief ihnen von der Spitze der Formation noch die letzten wichtigen Anweisungen zu: „Teilt euch auf und greift die Trägerdrachen an. Konzentriert euch einfach nur auf sie. Um die anderen kümmere ich mich schon. Und macht schnell. Sie können sich nicht großartig währen, also nutzt ihre Bewegungslosigkeit aus.“ Die Formation platzte auseinander und Leonardo steuerte zusammen mit Hope den ersten Holm an. Ein ziemlich gefährlich aussehender Grand Chevalier schleppte diese Seite. Er ließ sich davon aber nicht weiter entmutigen und rief zu Hope hinüber: „Du erinnerst dich an unsere Übungen in Limoges.“ „Natürlich“, antwortete sie ein wenig schnippisch. „Gut dann weißt du ja auch was wir hier machen müssen.“ Hope warf ihm noch ein bösen Blick zu wich dann aber weit genug zurück, damit er den Drachen von der Rückseite her angreifen konnte. Wenige gezielte Angriffe später taumelte der Drache halb bewusstlos nach unten. Leonardo brauchte erst einmal einen Moment bis er wieder zu Atem kam. Das war wirklich ein Brocken gewesen, er hatte ihm mehrmals sein Gift injizieren müssen, bevor er auch nur leichte Anzeichen von Benommenheit gezeigt hatte. Naja, bei dem Körpergewicht. Mittlerweile war aus dem unkoordinierten Torkeln ein Fallen geworden. Unglücklicherweise war der Drache immer noch mit langen Metallketten an den Transporter gekettet. Den andern drei Drachen wurde dies zum Verhängnis. Sie konnte das Gewicht nicht mehr tragen und wurden erbarmungslos nach unten in die Fluten gezogen. Leonardo betrachtete mitleidig, wie sie sich abmühten, dass der Transporter halbwegs gerade auf dem Wasser aufkam. Er gönnte ihnen keineswegs dieses von einem unfähigen General aufgezwungen Schicksal. Densens würde bei ihrer nächsten Begegnung bezahlen.

Innerhalb der nächsten halben Stunde halfen Leonardo und Hope mit die gesamte Flotte fliegender Truppendepots nach und nach zum Absturz zu bringen. Die Blockade der anderen französischen Drachen funktionierte vorzüglich. Ab und zu schaffte es zwar einen besonders gewitzter oder schneller Gegner ihre Reihe zu durchbrechen, mussten sich bald aber wieder zurückziehen. Wie Aulus es prophezeit hatte, waren die Gegner schlicht und einfach zu langsam, um mit den viel leichteren Verteidigern mithalten zu können. Eigentlich hatten sie ihre Aufgabe somit erledigt, aber irgendwie beschlich Leonardo ein Gefühl, dass irgendetwas noch kommen würde: Densens hatte immer noch Unmengen von unverletzten Drachen. Er würde sicherlich nicht einfach so wieder zurück nach Frankreich fliegen, nein, dafür war er viel zu stolz. Densens sah ungläubig dabei zu, wie quasi direkt vor seiner Nase ein Transporter nach dem anderen zum Landen auf dem Wasser gezwungen wurde. Seine Wut stieg immer weiter an, als er dieses Desaster hilflos mitansehen musste. Das schlichtweg unmöglich, warum hatte ihm niemand gemeldet, dass der Gegner so nahe war. Tief in seinem Inneren wisperte zwar eine Stimme, dass es seinen eigene Schuld war, aber in diesem Moment brauchte er einen Schuldigen: „WER VON EUCH IDIOTEN WAR FÜR DIE AUFKLÄRUNG ZUSTÄNDIG?“ Einer der Offiziere zitternd die Hand: „ S … sie habe selber g … g … gesagt, dass wir keine Drachen aus schicken sollen?“, brachte er stotternd hervor. „Wollen Sie mir etwa unterstellen, dass ich unfähig wäre?“, sagte Densens mit gefährlich leiser Stimme. „N…Nein, natürlich nicht.“ „DANN STELLEN SIE SICH VERDAMMT NOCH MAL DEN KONSEQUENZEN!“ „Offizier“, er hatte den Namen des Mannes vergessen, „legen sie diesen Mann in Ketten.“ An den bemitleidenswerten Mann gerichtet, zischelte er noch boshaft: „Sie haben mit ihrer Unfähigkeit, diese Operation bewusst gefährdet und werden somit als Staatsverräter behandelt..“ Zufrieden schaute er zu, wie der Mann weggeschleppt wurde. Jetzt wo Densens sich abreagiert hatte, sollte er darüber nachdenken, was sie als nächsten machen sollte. Die Luftstreitmacht war zerstört also bleiben nur noch die Schiffe. Ein diabolisches Lächeln schlich sich auf seine Lippe. „Befehlen sie den anderen Formationsführern Kurs auf unsere Linienschiffe zu nehmen.“ Er lachte gehässig: „Wir werden diese lächerliche Seeblockade dem Erdboden gleichmachen.“

Plötzlich bewegten sich die die gegnerischen Truppen wieder, zogen sich aus den Kämpfen zurück in die sie verwickelt waren. Leonardo studierte aufmerksam die Flaggensignale die ausgetauscht wurden, glücklicherweise hat sich der Code seit seiner Abreise nicht geändert: Rot, Grün, Blau, Kreuz, Streifen, wieder Rot und abschließend wieder blau. Er brauchte einen Moment um dahinter zu kommen, was mit diesen Zeichen gemeinte, dann traf es ihn unvorbereitet wie ein Blitz: Das waren Marschbefehle und wenn er es richtig verstanden hatte, waren es keine zum Rückzug. Er blickte sich hektisch um: Wo war nur Aulus? Nach einigen Sekunden entdeckte er ihn, der alte Drache hatte sich aus den Nachzugskämpfen heraus gehalten, er vermutete anscheinend selber, dass irgendetwas im Anmarsch war. Leonardo hetzte zum ihm herüber, Hope dicht auf seinen Fersen, sie hatte die selbe Gefahr wie er entdeckt: „Sir, wir müssen zu unseren Schiffen, jetzt sofort.“ Die Augen des Drachen weiten sich, als er verstand was der Gegner vorhatte. „Sammeln“, rief er, „wir müssen unsere Flotte verteidigen.“

Für die Männer auf den Schiffen musste es aussehen, als würde einen dunkle Wolke heran nahen. In einem stetigen Strom senkten sich die Angreifer auf die Flotte herab und offenbarten ihre volle Größe. Teilweise war es wirklich beeindruckend: Ein voll ausgewachsener Grand Chevalier war beinahe so groß, wie eines der kleinere Linienschiffe. Dieses Faktum wurde der Trinidad wenige Momente zur Verhängnis einer der französischen Drachen ließ sich ziemlich unelegant, aber zweifellos effektiv , auf das Schiff fallen. Bei seinem Aufprall splitterte die Hauptrah und einige unglückliche Matrosen wurden aus den Takelagen in die Fluten geworfen. Doch die Mannschaft an Deck war auch nicht viel besser dran, unter dem Gewicht des Schwergewichtes brach der Rumpf des Schiffes an so vielen Stellen, dass als der Drache sich wieder erhoben hatte, es langsam in der Tiefe des Meeres verschwand.

Unter dem ungestümen Angriff der französische Truppen wurde beinahe ein Drittel der Kanalflotte innerhalb weniger Minuten zerstört, der Rest aufgespalten und in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Als Leonardo das Szenario überblickte, spürte er wie leises Entsetzen in ihm aufstieg, was sollten sie nur in dieser Situation machen. Beim einem direkt Angriff stand es 2 gegen 1 und sie hatten keinerlei taktischen Vorteil. Leonardo verlangsamte seinen Flug bis er gleichauf mit Aulus war: „Lass die anderen stoppen. Wenn wir uns jetzt in Kämpfe verwickeln lassen, dann bricht die nautische Invasionsflotte ohne Probleme durch.“ Der Graukupfer betrachtete missmutig die Situation: „Wenn wir nichts tun, dann ist die Kanalflotte in wenigen Minuten vernichtet. So können wir wenigstens noch ein paar Transporter aufhalten.“ Leonardo schüttelte verzweifelt den Kopf: Es musste doch irgendeine andere Lösung geben. Völlig überraschend mischte sich Louis in den kurzen Wortwechsel ein: „Wir können doch noch einmal das selbe wie bei den Drachen machen.“ Die Augen des Sternendrache leuchteten auf, als sich eine Idee in seinem Kopf zu formen begann: „Du meinst, wir…“ Louis nickte aufgeregt: „Ignorieren die Kriegsschiffe und konzentrieren uns auf deren Transporter.“ Einige Sekunden schweigen, dann hörte Leonardo, wie sein Reiter mit viel ernster Stimme nachsetzte: „Das Ganze hat nur einen Nachteil: Die Kanalflotte wäre auf sich gestellt. Bedenke, wir würden mit dem Leben von hunderten Menschen spielen.“ Leonardo erzitterte leicht, als er realisierte was für einen Verantwortung auf Ihnen lag, rang sich aber dazu durch den Vorschlag Aulus zu unterbreiten. Dieser wirkte plötzlich, als wäre er um Jahre gealtert und sagte mit leiser Stimme: „Ich kann die Menschen auf unseren Schiffen nicht in Stich lassen, aber wir müssen auch an die denken, die sterben werden, wenn diese Invasion erfolgreich ist.“ Aulus sah hin und her gerissen aus, schwieg noch einige Sekunden, dann aber strafften sich seine Schultern und er sagte entschlossen: „Ich übertrage dir hiermit das Kommando über 7 Formationen. Mache mit Ihnen was getan werden muss. Ich verteidige die Flotte zusammen mit den Korpsdrachen. Viel Glück“ Er sandte ihm, wie ihm erst später klar wurde, ein letztes warmes und irgendwie auch stolzes Lächeln. Und bevor Leonardo irgendetwas dagegen tun konnte, war der Graukupfer verschwunden. Was sollte das? Er, ein eigenes Kommando? Aulus wusste genau so gut wie er selber, dass er als Spion nach England gekommen. Warum jetzt also dieses Manöver? Es gab andere die auch qualifiziert wären. Aber nicht so, wie er es war, flüsterte eine Stimme in dem hintersten Winkel seines Geistes. Leonardo seufzte. Er konnte die Situation eh nicht ändern. Er hatte die Verantwortung über diese Drachen und er würde sie zum Sieg führen müssen. Mindestens. „Ihr habt es gehört, greift diese Transporter an, wenn ich euch ein Zeichen gebe:“ Aufmerksam sah Leonardo, wie Aulus mit seinen Drachen beim Gegner aufschlug. Gut, die waren erst mal beschäftigt. Leonardo erhöhte den Rhythmus seiner Flügelschläge und erzeugte einen in sich modulierenden Klang, der über dem Wasser widerhallte.

Louis hatte das Ganze mit Unbehagen betrachtet. Er wusste, dass Leonardo seine Sache gut machen würde, genau so gut wusste er aber auch, dass Aulus sich selber auf eine Reise ohne Wiederkehr geschickt hatte. Er seufzte traurig, warum musste dieser Idiot Densens auch eine Invasion anzetteln. Es hatte ein unausgesprochener Waffenstillstand zwischen Perscitiia und Lien bestanden. Erstaunen breitete sich in ihm aus, als er den Kampfschrei von Leonardo hörte. Etwas ähnliches hatte er das letzte Mal auf den Schlachtfeldern von Jena erlebt. Zwar um einiges lauter und mächtiger, aber die selbe Klangfolge. Zu so etwas waren eigentlich nur Himmelsdrachen fähig. Aber das war im Moment erst einmal egal, er würde später mit seinem Drachen über diese Sache sprechen.

Leonardo ließ seine Drachen sich in einer sehr dichten Dreiecksformartion zusammenballen und begann in einem weiten Bogen seinen Angriff. Er fragte sich insgeheim, wie stark der Nebel sie jetzt noch vor neugierigen Augen schützen konnte, aber eigentlich war es auch egal. Sobald Densens registriert hatte, was vorging, wäre es eh schon zu spät . Mit einigem Abstand zur Hauptflotte der Franzosen kamen die Transporter in Sicht. Leonardo lächelte düster. Schwerer Fehler. Jegliche Unterstützung musste erst einmal die Distanz zwischen den beiden Gruppen überwinden. „Teilt euch in zweier Gruppen auf und zwingt die Seeleute zur Umkehr:“, befahl Leonardo mit einem entschlossenen Unterton in der Stimme. Diese Invasion würde hier und jetzt endgültig zu einem Ende gebracht werden. Die Drachen fächerte sich auf, sodass es für die Seeleute erscheinen musste , als ob aus dem nichts , eine riesige Streitmacht erscheinen würde. Leonardo kicherte bösartig, ein wenig Show konnte auf jeden Fall nicht schaden. Viellicht ergaben sich so sogar einiger der Schiffe früher.

Noch einmal 15 Minuten später und alles war in diesem Teil der Schlacht gelaufen. Am Anfang hatte sich die Transporter zwar noch zu wehren versucht, aber nach kurzer Zeit sang und klanglos aufgegeben. Im Ernst, welcher Idiot würde eine Kanone abfeuern, wenn mehrere blutverschmierte leichtgewichtige Drachen auf dem Deck saßen. Da war es doch viel einfacher sich zu ergeben und Personenschaden zu vermeiden. Abschließend gab Leonardo noch den Befehl, die Schiffe so stark zu zerstören, dass sie nicht mehr weiter konnte, aber auch nicht untergehen würde. Er war ja schließlich kein Sadist. „Gut, zurück zur Kanalflotte. Vielleicht können wir den Gegner einschließen.“, befahl Leonardo, als sich die Drachen wieder in einer großen Formation organisiert hatte.

Für Aulus sah es gerade überhaupt nicht gut aus. Er stand einer Übermacht an gegnerischen Drachen gegenüber und seine eigenen Truppen waren in ihren eigenen Kämpfen verstrickt. Aber so einfach würden man ihn nicht beiseite schaffen können. Er hatte die Erfahrung von fast 200 Jahren Dienst, zuerst im britischen Korps und später bei Perscitia. Viellicht starb er heute, aber der Feind würde keine Schritt in das Land setzten, dass er seit seiner Geburt verteidigte. Die Situation spitzte sich immer weiter zu. Die letzten Drachen, die an seiner Seite gekämpft hatten, waren zum Rückzug gezwungen worden. Und ihm gegenüber stand derjenigen der dies alles Schuld war. „Densens“, knurrte er gefährlich. Der Admiral grinste überheblich auf seinem Drachen: „Ah Ausbilder“, er sprach das Wort mit Verachtung, „Aulus. Treten sie beiseite und wir können diese ganze unschöne Angelegenheit beenden.“ „Nein“, erwiderte er stoisch, sie werden keinen Flügelschlag zu näher zu denen kommen, die auf meinen Schutz angewiesen sind.“ Densens grinste bösartig: „Ach immer dieses heroische Getue. Ich bezweifle, dass sie irgendetwas dagegen tun können, meine Flotten werden in wenigen Stunden an der englischen Küste einlaufen und sie in französischen Besitz überführen.“ Aulus lachte spöttisch: „Welche Flotten? Ihre Lufttransporter wurden zerstört und ihre Schiffe sollten in diesem Moment von meinem Freund und Geschwaderführer Leonardo zerstört werden.“ Densens Mine verzerrte sich vor Wut: „Dieser elende Verräter..Aber auch er wird mich nicht aufhalten können. Zu Not verwüste ich mit meinen Drachen die englische Küste und mit Ihnen fange ich an .“ Aulus lächelte gelassen:: „“Ts, ts, ts, wo ist den jetzt ihr ganzer Großmut hin? Eins kann ich ihnen versprechen: Ihre Überheblichkeit wird irgendwann ihr endgültiger Untergang.“ Rasend vor unkontrolliertem Zorn trieb der Admiral seinen Drachen an, sich auf Aulus zu werfen. Dieser wich behände aus und tauchte unter dem Grand Chevalier weg. Zu seinem Unglück hatte sich jetzt aber auch die anderen französischen Tiere in den Kampf eingemischt. Nur knapp entkam er einem Feuerstoß. Verdammt, wo kam jetzt dieser Flamme-de-Gloire her? Immerhin wenige Sekunden später durchfurchten seine Krallen die Seiten ebenjenes Drachen und kratzen an den Knochen des bemitleidenswerten Tieres entlang. In nächstem Moment rammte ihn Densens Chevalier und warf ihn in die Gruppe der Feinde zurück. Aulus schrie auf vor Schmerz, als mehrere Klauen seine Schuppen durchbrachen und tiefe schmerzhafte Wunden in sein Fleisch brannten. So würde es also enden. Er lächelte, während ihm langsam schwarz vor Augen wurde. Seine Zeit war gekommen, endgültig. In der Ferne konnte einen Zug aus Drachen erspähen, angeführt von einem einzelnen Gold glänzenden Punktes. Er hatte keine Sekunde gezweifelt, dass Leonardo es schaffen würden.

Immer weiter trieb er sie an, immer schneller, damit sie vielleicht noch das schlimmste verhindern konnten. Langsam, zu langsam tauchte in der Ferne der Seeschlacht auf. Und es sah überhaupt nicht gut aus: Überall trieben die Fracks von verbranntet – verdammt hatte der Gegner etwa auch Feuerspucker – oder komplett zerstörten Schiffen. Von der einst stolzen Kanalflotte war kaum noch etwas übrig . Nur einige einsame Gallonen hatten es hinter die Linien der verteidigenden Drachen gebracht. Und diese drohte immer mehr einzubrechen. Immerhin Jane wusste, was sie mit ihren Drachen tat. Leonardos Augen strichen über das Schlachtfeld, bis er an einem Punkt hängen blieb. Auf dem Wasser trieb der Körper seines Ausbilders. Rings um ihn herum färbten sich die Wogen langsam blutrot. Unzählige Wunden überzogen Aulus und er wurde nur noch von den letzten verbliebenen Gasbeutel über Wasser gehalten. Leonardo fühlte sich in diesem Moment, als hätte etwas Schweres ihn mit voller Wucht am Kopf getroffen. Geschockt und gleichzeitig gelähmt blieb er in der Luft stehen. Das konnte doch nicht wahr sein. Aulus, der schon so viele Schlachten geschlagen hatte, so viele andere überlebt, konnte doch nicht einfach tot sein. Er verspürte das kindlich Verlangen zu seinem Mentor hinzu fliegen, sich zu vergewissern, dass er villeicht noch lebte, aber sein Verstand wiederholte unweigerlich die Worte: Er ist tot, solche Verletzungen kann niemand überleben. Seltsamerweise verspürte er keinen Schmerz. Noch nicht, der würde später kommen. Aber tief in sich spürte er eine Wut ansteigen auf denjenigen, der dies alles schuld hatte. Densens. Gleichzeitig lenkte dieser Gedanke, seine Aufmerksamkeit wieder auf die Schlacht. Es gab immer noch einige Drachen und Schiffe, die gerettet werden konnten. Er hatte das Kommando von Aulus übertragen bekommen und musste jetzt dessen Verantwortung übernehmen. Entschlossen riss er sich selber zusammen, schob jeden Gedanken an den Tod seines Freundes beiseite, jeden Gedanken, welche wohl die grausamste Art war Densens jämmerliches Dasein zu beenden. Dafür hatte er auch noch später Zeit. Der Gegner hatte anscheinend auch gerade ihre Ankunft bemerkt und reihte sich jetzt in einer Verteidigungskette vor ihnen auf. Leonardo lächelte grimmig. Irgendwie hatte er gerade richtig Lust auf einen Kampf. Und nach Möglichkeit wollte er ihn diesmal richtig gewinnen. „Verwickelt den Gegner in Einzelkämpfe. Achtet aber bitte darauf nicht von der Gruppe isoliert zu werden.“ Mit einem Anflug von Galgenhumor fügte er hinzu: „Das ist jetzt die einmalige Gelegenheit den Franzosen einmal so richtig einzuheizen. Also los!“ Rasch entwickelte sich ein heftiger Kampf zwischen den beiden Seiten. Leonardo hatte sich einen besonders schlecht gelaunten und besonders sehr großen Defendeur Brave rausgesucht. Er zischte um den Gegner herum, strich beinahe schon spielerisch, aber mit tödlicher Wirkung über den Rücken des Drachen. Er gab sich dem Kamfesrausch völlig hin und genoss die entsetzen Schrei der Männer die getrennt vom zerrissenen Geschirr in die Tiefen stürzten.

Beunruhigt beobachtete Louis, zur Untätigkeit verdammt, wie Leonardo seinen Gegner quälte. Es war beängstigend mit welch offenkundiger Freude sein Freund sich am Blutvergießen ergötzen. Er hatte zwar vorher schon, aber nicht so. Immer nur, wenn es nötig war und niemals ohne danach von schlechtem Gewissen geplagt gewesen zu sein.

Backflash:

Kurz nach ihrer Befreiung aus der Festung von Dover, hatte sie eine kleine Party in Perscitias Lager gefeiert. Aus irgendeinem Grund hatte Leonardo den ganzen Abend ziemlich bedrückt gewirkt und sich immer mehr von seinen feiernd Freunden abgesondert. Als Louis seine Abwesenheit auffiel, begann er überall in der Nähe ihres Zeltes zu suchen bis er seinen Drachen zusammengerollt und ziemlich nachdenklich fast schon traurig die Sterne beobachten sah. „Hey“, sagte er leise, „was ist los?“ „Nichts, es nichts“, murmelte Leonardo wenig überzeugend, „alles ist in Ordnung.“ „Das glaubst du doch selber nicht . Also beantworte meine Frage.“ Der Drache gab sich einen Ruck und antwortetet wahrheitsgemäß: „Ich weiß eigentlich sollte ich glücklich sein: Du, Jade und Hope seid frei und größtenteils unverletzt. Aber es fühlt sich einfach nicht richtig an. Ich habe getötet, um euch das raus holen. Es kommt mir beinahe so vor, als hätte die Lebenszeit von anderen gestohlen, um euch zu retten. So viele Männer, die nie mehr nach Hause zurück kehren werden. Ausgelöscht von mir in einem einzigen Augenblick.“ Louis sah seufzend seinen Freund an. Er kannte diese Gedanken. Jeder hatte sie nach seiner ersten Bluttat, es war nur erstaunlich, dass ein Drache so fühlte. Die meisten beschränkten ihre Fürsorge und Liebe nur auf nahestehende Menschen. „Ich weiß es hört sich abgedroschen an, aber es ist nicht deine Schuld: Wir befinden uns im Krieg, Verantwortung tragen diejenigen´, die diesen Wahnsinn heraufbeschworen haben.“ Leonardo nickte unglücklich: „Ich weiß das auch, aber es nimmt trotzdem nicht die Schuldgefühle von mir. Und ich kann nicht einmal sagen, dass nach dem Tod alles besser wird. Ich finde diese ganzen Religionen einfach nur lächerlich, noch mehr Gründe sich abzugrenzen und andere ohne sich Gedanken machen zu müssen töten zu können.“ Leonardo schüttelte sich: „Versprich mir nur eines: Nach diesem ganzen schrecklich Krieg will ich weit weg von hier.“ Seine Lefzen zuckten in der Andeutung eines Lächelns: „mit möglichst vielen Büchern…“ Louis lachte befreit, Leonardo würde sich wieder fangen früher oder später: „Wenn wir all das überleben machen wir uns aus dem Staub.

Backflash Ende:

Louis wurde grob aus seinen Gedanken gerissen, als ein wirklich riesiger Grand Chevalier Leonardo rammte. Dieser hatte es gerade erst geschafft den Defendeur los zu werden und wurde nun direkt wieder mit einer neuen Gefahr konfrontiert. Der Sternendrache schüttelte kurz den Kopf, um das Klingel in seinen Ohren loszuwerden und ließ seinen Blick über den Angreifer gleiten. Nach einigen Sekunden blieb sein Blick an einem Punkt auf dem Rücken des französischen Drachen kleben. Ein teuflischer Ton hatte sich in seine Stimme geschlichen, als er leise und verachtungsvoll ausstieß: „Densens, so sehen wir uns also wieder.“ Dieser gab nicht im mindesten beeindruckt zurück: „Äh, wie war noch mal dein Name? Leopold, Leonore, oder so was in der Art?“ Er zog ein gespielt nachdenkliches Gedicht, „ Ach stimmt du warst der Leonardo, der jetzt eigentlich in einem Trainingslager namens Limoges sitzen sollte. Aber du musstest dich ja zum Feind absetzen, wie schade, wie schade. Aber eigentlich ist ja von Verrätern wie dir nichts anderes zu erwarten.“ Leonardo wusste, dass der Mann ihn nur provozieren wollte, aber er war so wütend, dass es ihm letztendlich egal war auf welcher Seite dieses vermaledeiten Krieges es stand. Wenn irgendjemand seine Freunde verletzte, bedrohte oder in irgendeiner Form bedrohte, dann würde er den nächsten Tag nicht erleben; egal ob in England oder Frankreich. Er schob jeden weiteren Gedanken beiseite, ließ die Instinkte, die tief in seinem Innern lauerten, gebändigt von den Ketten seines Verstandes, die Oberhand über seinen Körper gewinnen und warf sich auf den Chevalier.

Louis betrachtete mit angehaltenem Atem, den vor ihm tobenden Kampf. Wäre er nicht mit drin, hätte das Gefecht etwas schrecklich faszinierendes, aber so konzentrierte er sich lieber darauf, nicht von seinem Drachen abgeworfen zu werden. Er hatte Leonardo zwar schon oft kämpfen sehen, aber niemals mit solch einer Leidenschaft, mit solch einem beängstigenden Können, selbst die brutalen Aktionen vor wenigen Minuten reichte nicht an das ran, was sein Drache jetzt leistete. Jeder halbwegs objektiver Betrachter würde sagen, dass Leonardo keine Chance hätte, er war von vorherigen Kämpfen ausgelaugt, der Gegner war beinahe 10 bis 20 mal so groß und ein einziger Treffer würde ihn vom Himmel fegen. Aber so unglaubwürdig es klang: Leonardo beherrschte den Kampf, manchmal bewegte er sich so schnell, dass er in einem golden Blitz zu verschwinden schien. Und er wurde nicht mindesten langsam. Von irgendwo her musste der Sternendrache eine Kraft schöpfen, die jegliche Müdigkeit hinweg fegte.

Die anderen Drachen, sowohl englische als auch französische, hatten sich von den beiden Kämpfenden entfernt, um nicht ins Kreuzfeuer ihres Kampfes zu kommen und beobachten ebenfalls den Kampf mit einer morbiden Faszination. Auch Densens schien langsam begriffen zu haben, dass dieser Kampf bei weitem nicht so einfach enden würde, wie er es sich vorgestellt hatte. Sein anfangs Siegessichere Lächeln hatte sich zu einer Maske der Wut verzerrt und er schrie seine Gewehrschütze an Leonardo anzugreifen. Der Grand Chevalier blutete aus immer mehr Wunden und wurde langsam, aber stetig durch das Gift in seinen Adern immer müder. Densens stand nun nackte Angst ins Gesicht geschrieben und versuchte seinen Drachen zum Rückzug zu bewegen.

Louis wusste, dass wenn sie zu ihrer Flotte durchbrechen wollten, jetzt der einzige mögliche Zeitpunkt war. Er musste Leonardo irgendwie aus seinem Blutrausch reißen. Er lehnte sich zu dessen Ohr und schrie mit einem beinahe schon verzweifelten Unterton in der Stimme: „Leonardo, du musst diesen Wahnsinn jetzt beenden. Wenn du die anderen retten willst, musst du sie anführen.“ Sein Drache reagierte nicht. Louis flehte nun: „Aulus hat dir diese Verantwortung übertragen, es ist sein letzter Wille, dass du uns alle aus dieser Hölle herausholst.“ Das schien zu wirken. Leonardo schüttelte leicht den Kopf und wirkte beinahe so, als würde er aus einer Trance aufwachen. „Natürlich“, murmelte er leise, „er würde wollen, dass ich seine Aufgabe vollende.“ Er warf einen letzten nun bedauernden Blick auf den davon fliegenden Densens: „Eines Tages wirst du für deine Taten bezahlen.“ Er rief ihm laut hinterher: „Es haftet Blut an deinen Händen, Admiral Densens. Das Andenken derjenigen, die du heute getötet hast wird dich in Kürze einholen und zu Verantwortung ziehen.“

Mit diesen Worten drehte der Sternendrache ab und flog wieder zu seinen Geschwadern zurück. Die französischen Gegner hielten einen respektvollen Abstand ein. Keiner wollte seinen Zorn auf sich ziehen. Der vorangegangene Kampf war mit solch einer Härte und Gnadenlosigkeit geführt worden, dass keiner ihn mehr unterschätzten würde. Leonardo erhob noch einmal die Stimme: „Euer Admiral ist geflohen, ich garantiere euch freies Geleit, wenn ihr jetzt die Kämpfe stoppt.“ Ein trauriger Unterton schlich sich in seine Stimme: „Heute sind genug mutige Menschen und Drachen gestorben, weiteres Blutvergießen ist nicht nötig.“ Einer der kleinere Petit Chevaliers meldete sich zu Wort: „Ich stimme Ihnen zu Admiral Leonardo. Unter den gegebenen Umständen können wir nichts mehr erreichen.“ Zu seinen Verbündeten gewandt rief er: „Ich befehle hiermit, kraft meines Amtes als Admiralmajors, den Rückzug.“ Keiner der Franzosen widersetzte sich seiner Antwort und langsam unter den wachsamen Blicken Leonardos, zog sich die rapide geschrumpfte Invasionsflotte zurück. Erleichtert stieß er den Atem aus, den er angehalten hatte, diese Situationen hatte gefährlich viel Sprengstoff enthalten. Eine falsche Bewegung, ein falsch gewähltes Wort und ein noch größeres Gemetzel, als ohnehin schon, wäre entbrannt. So verbleib eine fast völlig zerstörte Flotte mit viel zu wenig Drachen, die über ihr kreisten und versuchten die letzten Überlebenden zu retten. Leonardo schüttelte traurig den Kopf. Was für ein Wahnsinn.

SIMON

leonardo/kapitel_13.txt · Last modified: 2013/03/20 21:20 (external edit)