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leonardo:kapitel_12

Krieg zieht auf

DISCLAIMER: Alle verwendeten Figuren sind geistiges Eigentum von Naomi Novik und stammen aus dem Temeraire-Universum.

Louis wusste, dass irgendetwas nicht stimmte, als er die Mitte des Lagers betrat. Eigentlich waren diese Treffen, einmal die Woche stattfindend, nichts Besonderes, und seitdem sie vor einem Monat in Schottland eingetroffen waren, kein einziges Mal ausgefallen. Aber heute waren viel mehr Drachen anwesend, und wo sonst Gespräche die Luft erfüllte, herrschte heute ein angespanntes Schweigen. Louis sah sich nach den weißen Kitteln der anderen Ärzte um, vielleicht konnten sie ihm irgendetwas sagen. Ihm waren schon nach wenigen Tagen die Aufgaben der Lagerverwaltung zu langweilig geworden und so hatte er Perscitia gefragt, ob er nicht lieber etwas Produktiveres machen könnte. Einige Tage später hatte man ihn dann zu Camile Bidder und ihren Kollegen geschickt. Drachen und Menschenheiler kunterbunt zusammen gemixt. Die ersten Tage waren wirklich anstrengend gewesen, da er bisher nur die herkömmliche Medizin für zweibeinige Patienten praktiziert hatte. Teilweise musste er nächtelang aufbleiben, um Dokumente und Notizen der anderen durchzuarbeiten. Aber es hatte sich wirklich gelohnt und schon nach zwei Wochen durfte er die erste Operation an einem Drachen durchführen. In diesem Fall war es zwar nur eine Musketenkugel gewesen, aber immerhin. Mittlerweile konnte er vollkommen gleichberechtigt mit den anderen Ärzten zusammen arbeiten. Schnell hatte er einen seiner Kollegen, Relut, gefunden und fragte besorgt: „Ist irgendetwas passiert.“ „Noch nicht, aber wir haben die Nachricht bekommen, dass ein weiterer Invasionsversuch von Napoléon gestartet wird. Mehr weiß ich aber auch nicht, wir müssen warten, welche Informationen wir gleich von Perscitia bekommen.“ Leonardo überlief es kalt. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Was sollten sie tun. Dies war die denkbar schlechteste Situation, in die ein Spion nur kommen konnte. Relut hatte anscheinend seinen Gesichtsausdruck bemerkt, aber interpretierte ihn falsch: „Keine Sorge, so schlimm wird es nicht werden. Unsere Armee ist viel größer und besser ausgebildet seit Bonpartes letztem Versuch.“ Louis nickte nur schwach. Er musste unbedingt mit Leonardo, Jade und Hope sprechen. Aber in dieser Menschentraube hatte er eh keine Chance, deshalb wartete er ungeduldig darauf, dass Perscitia endlich auftauchen würde. Nach einigen Minuten, in denen Louis alle mögliche Pläne für die aktuelle Situation entworfen und wieder für zwecklos befunden hatte, tauchte die Drachin endlich auf. „Guten Morgen, meine Freunde. Ihr habt sicher schon davon gehört: England wird wieder einmal bedroht. Ich muss zugeben, es ist wirklich unerwartet, da ich mich eigentlich in Verhandlungen mit Frankreich befinde. Trotzdem sind wir vorbereitet und werden mit zehn Geschwadern direkt zum Kanal aufbrechen. Ich bestimme jetzt die Formationsführer.“ Bei der folgenden Auflistung von Namen hörte Louis schon halb nicht mehr hin. Diese Angaben waren vielleicht für Leonardo wichtig, aber nicht für ihn. Louis wurde aus seinen Überlegungen gerissen, als Perscitia sagte: „Leonardo, Louis, Hope und Jade kommen Sie bitte noch einmal zu mir.“ Mit einem unguten Gefühl wartete Louis bis sich die Menschen und Drachen auf dem Platz soweit zerstreut hatten, dass er zu ihr vordringen konnte. Er befürchtete schon, sie würde sie als Kriegsgefangene nehmen, schalt sich dann aber selber als einen Idioten. Perscitia mochte zwar gerissen sein, war aber alles in allem eine ehrliche Haut, die Wert darauf legte, ihr Wort zu halten. Als er zusammen mit den drei anderen vor ihr stand, gab die Drachin ihnen einen Wink ihr zu folgen. Am Rand des Platzes betraten sie zusammen ein auf Drachengröße ausgelegtes Zelt. Perscitia hatte eine sehr ernste Mine aufgesetzt, als sie zu sprechen begann: „Diese ganze Entwicklung ist überaus beunruhigend für mich und auch für Sie, deshalb muss ich Sie jetzt fragen: Welche Befehle hat Ihnen Lien gegeben? Verstehen Sie bitte, es ist dringend notwendig zu wissen, ob diese Aktion von ihr ausgeht, denn wir hatten uns eigentlich auf einen Waffenstillstand geeinigt.“ Louis überlegte einen Moment, bevor er antwortete: „Ich werde Ihnen antworten, aber nur dieses eine Mal. Wir schulden Ihnen etwas und ich versuche es noch immer zurückzuzahlen.“ Er nickte Leonardo kurz zu. Dieser machte weiter: „Lien hat uns wortwörtlich in einem Brief mitgeteilt, dass wir „unbedingt herausfinden müssen, inwiefern wir uns mit euch verbünden können, bzw. wie gefährlich Sie werden können“. Es herrschte einen Moment nachdenkliches Schweigen. „Ich vertraute auf Ihre Ehrlichkeit, denn wenn dies stimmt, haben wir wahrscheinlich kein so großes Problem.“ „Sie meinen jemand anderes hat diesen Angriff veranlasst und diese Person arbeitet ohne Liens Unterstützung“, fragte Jade vorsichtig nach. Perscitia nickte: „Nichts anderes würde Sinn ergeben. Aber jetzt wo diese Angelegenheit geklärt ist, zu etwas anderem, aber nicht minder Ernstem: Was gedenken Sie zu tun?“ in Hopes Augen brannte die Kampflust und sie erwiderte leichtfertig: „Das ist doch ganz klar: Wir kämpfen natürlich mit.“ Leonardo wollte schon einen Kommentar dazu abgeben, wie unüberlegt solch eine Handlung wäre, als er zu seiner Verwunderung bemerkte, wie Louis langsam nickte: „Ich denke auch, wir müssen in dieser Schlacht mithelfen, aber eher, weil wir keine andere Wahl haben.“ Leonardo sah ihn beunruhigt an: „Was meinst du damit? Wir könnten doch einfach hier bleiben.“ „Nein, können wir nicht. Dieses Lager ist infiltriert, zwar noch nicht in den höheren Ebenen, aber schon so weit, dass das Korps einiges mitbekommt.“ „Woher willst du das wissen?“ Perscitia mischte sich wieder in das Gespräch ein: „Weil wir vor kurzem einen ihrer Spione entlarvt haben. Von ihm haben wir einige Informationen bekommen. Wenn ihr hier zurückbleibt, wird diese Information an die Ohren des Korps gelangen und man wird trotz der Bedrohung durch Frankreich Drachen abkommandieren, die euch gefangen nehmen. Bisher war die Verteidigung des Lagers zu stark, aber so könnte sie durchbrochen werden.“ „Das Korps erhofft sich von uns immer noch kriegsentscheidende Information, ich weiß nicht wer sie auf uns gehetzt hat, aber anscheinend vertrauen sie immer noch seinem Urteil.“ Louis fügte dem noch mit düsterer Miene hinzu: „Außerdem stellen wir, unsere Vertrauenswürdigkeit unter Beweis, wenn wir heute mitkämpfen und das Korps sollte uns in nächster Zeit bis zu unserer Abreise in Ruhe lassen.“ Perscitia schien von dieser Entwicklung des Gespräches positiv überrascht zu sein und wandte sich einer der Holztafeln zu, in der eine Art Tabelle dargestellt war. Nach einigen Momenten, in denen sie diese studierte hatte, sagte sie: „Gut, ich teile sie vier der zehnten Formation zu. Suchen sie bitte gleich Aulus auf und er erklärt Ihnen ihre Aufgabe.“ Als die kleine Gruppe das Zelt verließ, ließ Louis erst einmal erstaunt seinen Blick über den Platz schweifen, wo eben noch kaum verhohlene Anspannung überall zu spüren war, erfüllte jetzt hektische Betriebsamkeit das Lager. Über ihnen flogen Scharen von Drachen hin und her, und vor ihnen lief eine kleine Gruppe Luftkämpfer mit Bajonetten und umgegürteten Säbeln vorbei. „Wie sollen wir in diesem Chaos unsere Formation finden?“, Louis sah sich unsicher um. Hope grinste: „Das ist überhaupt kein Problem, hat man euch bei den Medizinern nicht die Lagerorganisation in Krisenfällen gezeigt?“ Louis schüttelte den Kopf: „Garantiert irgendwann, ich war aber so sehr mit anderen Dingen beschäftigt, das ich es irgendwie nicht mitbekommen habe.“ „Naja, ist jetzt auch egal, aber jede Formation einen festen Platz im Lager zugewiesen. Nummer 10 liegt direkt neben dem Zelt der Taktiker.“ Hope führte die kleine Gruppe an und nach einigen Minuten hatten sie ihr Ziel erreicht. Dort warteten auch schon einige Drachen darauf endlich los zufliegen. Louis registrierte mit leichtem Erstaunen, dass diese Kämpfer aller nur leicht-, maximal mittelgewichtig waren. „Sehr ihr schon sind wir da.“, sagte Hope selbstgefällig. „Sehr gut, jetzt brauchen wir nur noch unsere Anweisungen von Aulus. Wo steckt er bloß?“ „Dort drüben“, Leonardo zeigte auf den alten Drachen der gerade ein paar seiner Besatzungsmitglieder instruierte. Louis ging rasch zu ihm hinüber und bekam noch einige Satzfetzen mit: „Schwache rechte Flanke …. zu wenige Drache … mehr Schützen auf diese Seite … und macht jetzt mal ein bisschen weiter. Wir müssen in 10 Minuten starten.“ „Ich denke das wird nicht nötig sein“, mischte er sich in das Gespräch ein, „Leonardo und Hope wurde auch noch dieser Gruppe hier zugewiesen.“ Aulus musterte ihn kurz: „Hm, sher gut. Haben die beiden irgendwelche besonderen Fähigkeiten?“ „Ja, beide sind sehr wendig, schnell und Leonardo ist giftig.“ Der Drache überlegte einen Moment: „Ein Giftspeier? Dafür müssten wir die ganze Formation neu aufbauen.“ „Nein, Sir, er injiziert das Gift. Es wirkt übrigens nicht tödlich, sondern nur betäubend.“ „Das ist interessant, ich denke er bekommt keinen festen Platz in der Formation, sondern kann überall da eingreifen, wo er denkt gebraucht zu werden. Eins frage ich mich nur“, er warf Leonardo einen scharfen Blick zu, „warum habe ich ihn dann knapp einen Monat lang ausgebildet, ohne auch nur im Ansatz irgendetwas von dieser besonderen Gabe zu erfahren?“ Der Sternendrache wand sich unbehaglich: „Ehrlich gesagt wollt ich mir diesen einen Vorteil für Notfälle aufbewahren. Aus Selbstschutz sozusagen.“ „Ich kann eh nichts mehr daran ändern.“ Aulus wechselte resignierend das Thema, „Brauchen Sie irgendeine Besatzung?“ Leonardo schüttelte vehement den Kopf: „Nein, das wäre nur unnötiges Gewicht. Louis reitet auf mir, aber niemand sonst.“ „Für mich gilt das selbe.“, warf Hope ein. „In Ordnung, haben Sie noch Fragen?“, er blickte prüfend in die Runde. „Ehm, ja. Welche Aufgabe übernimmt diese Formation?“ „Habe ich das nicht erwähnt? Ich werde anscheinend langsam alt. Wir haben keinen feste Postionen, sondern fliegen hin und her, unterstützen Teams die in Bedrängnis geraten sind und führen Spezialaufträge für die Taktiker aus. Alles wichtige sehen sie dann eh erst auf dem Schlachtfeld.“ Mit diesen Worten verließ er sie und wandte sich wieder dem Mann zu mit dem er vorhin schon geredet hatte. Louis machte sich gar nicht mehr die Mühe den beiden zuzuhören, sondern begann sich und Leonardo für den Kampf fertig zumachen. Er legte eine breites Lederband einmal um den Körper seines Drachens, damit er beim Fliegen eine Möglichkeit hatte sich selber vor dem Abstürzen zu sichern. Dabei verzichtete er auf jeden weiteren Schnickschnack, damit Leonardo, falls sie geentert würden, die Gegner einfach abschütteln konnte. Sicherheit ging nunmal über Komfort. Louis selber schnallte sich einen robusten Säbel um und nahm seinen Degen auf den Rücken. Zusätzlich zu dem Ganzen steckte er noch eine Pistole für den Fernkampf in seinen Gürtel. Er kletterte vorsichtig auf den Rücken seines Drachen und blickte sich aus der erhöhten um: Neben Leonardo stand Hope mit einer ähnlichen Kampfmontur, einziger Unterschied war das Jade anstatt seiner Pistole ein Bajonett mitgenommen hatte. Naja, jedem das seine. Auf der anderen Seite von seinem Drachen stand ein ziemlich blutrünstig aussehendes Mittelgewicht. Louis war sich nicht sicher, aber irgendwie sah dieser Drache nicht nach einem reinen gelben Schnitter aus. Vielleicht war ein Wilddrache in seiner Ahnenreihe. Aulus schritt vor ihnen noch ein letztes Mal die Reihe seiner Kämpfer ab und sprach einige wenige Worte Besatzung. Dann trat er einige Schritte zurück und erhob die Stimme, damit alle ihn verstehen konnten: „Wir kämpfen dieses Mal nicht für unsere Rechte, sondern für unsere Freiheit. Unter Napoleons Herrschaft können wir uns nicht so sehr entfalten, wie wir es jetzt tun. Im Moment mag es den Drachen jenseits des Kanals vielleicht gut gehen, aber wir haben hier in England die Möglichkeit eine ganze Ära mitzugestalten. Eine Ära, in der alle Gleichberechtigt sind, wo weder Menschen noch Drachen vor einem Tyrannen niederknien müssen.“ Ein kurzes Schweigen folgte, um seinen Worten mehr Gewicht zu schenken, „kämpft und gewinnt heute ein weiteres Mal, damit wir weiterhin die Möglichkeit haben für unsere Rechte einzustehen. Viel Glück und meinen Dank, das ihr wieder einmal der Worten eines alten Drachens wie mir gehorcht habt.“ Er verneigte sich, trat in die Reihe seiner Drachen und gab das Zeichen zum Start. Leonardo stieß sich kräftig vom Boden ab und begann mit den Flügeln zu schlagen, er zügelte sich dabei, um nicht weit vor den anderen Drachen die gewünschte Höhe zu erreichen. Stattdessen reihte er sich nach einigen Sekunden Steigflug in die V-Formation seines Teams an. Die Spitze bildete Aulus, links und rechts von ihm die zwei Mittelgewichte der Formation. Nach außen hin wurden die Drachen immer kleiner bis zuletzt jeweils Leonardo und Hope das Schlusslicht bildeten. Staunend blickte sich Leonardo um, es war ein erhebendes Gefühl, wie links rechts sich die anderen Formationen ihnen anschlossen. Er erinnerte sich an eines der Bücher, dass er gelesen hatte: Ein Ritter beschrieb die unbändige Freude, die er jedes Mal verspürte, wenn er in die Schlacht zog. Beim letzten Kampf hatte er viel zu viel Angst um Louis und Jade gehabt, aber heute verspürte er die Aufregung und das prickelnde Gefühl, das entstand während Adrenalin durch seine Adern schoss. Langsam verschwand das Lager in der Ferne. Plötzlich, wie durch eine Vorhersehung, durchzuckte ihn der Gedanke, dass er diesen Ort für einen langen Zeitraum zum letzten Mal sehen würde.

SIMON

leonardo/kapitel_12.txt · Last modified: 2013/03/20 21:20 (external edit)