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Erwachen in der Dunkelheit

DISCLAIMER: Alle verwendeten Figuren sind geistiges Eigentum von Naomi Novik und stammen aus dem Temeraire-Universum.

Dunkelheit. Überall um ihn herum war undurchdringliche erstickende und beengende Dunkelheit. Er spürte die mittlerweile hart gewordene Schale auf seinen Schuppen, wie sie ihn daran hinderte in verlockende lang ersehnte Freiheit zu kommen. Er stemmte sich gegen diese Barriere und versuchte sie mit all seinen Kräften zu sprengen. Vergeblich. Die Schale war immer noch zu elastisch. Das Wesen seufzte. Anscheinen war die Zeit noch nicht gekommen. Aber es konnte nicht mehr lange dauern. In China hatte man ihm durch die nervige Hülle gesagt, dass es nur noch wenige Wochen bis zum Schlüpfen dauern dürfte. Er erinnerte sich mit Wohlgefallen an diese Zeit zurück. Dort hatte er das erste Mal seine Umgebung bewusst wahrgenommen. Anfangs hatte er nur verschiedene Stimmen gehört, die unverständliches Zeug von sich gegeben hatten. Aber nach einiger Zeit verstand erste Worte und später die gesamte Sprache. Innerhalb kürzester Zeit konnte er nun mit hören, was außerhalb seiner Schale gesagt wurde. Er erfuhr viel über das alltägliche Leben in China. Auch konnte er sich nun zum ersten Mal ungefähr vorstellen, wo er sich befand: Sein Ei lag in einem ausgepolsterten Bottich, der sanft in einem Becken voller heißen Wasser schaukelte. Links und rechts von ihm standen ebenfalls zwei Eier, wobei diese offenbar viel größer und dunkler waren als seines: Konigsdracheneier. Um diese Einsenkung herum, bestand der Boden aus einfachen Holzleisten. Diese waren abgeschmirgelt und mit einer speziellen Farbe vor Witterung geschützt. Auf dieser Schicht waren einfache Muster aufgemalt. Unter dem Boden hatte man Leitungsröhren aus Bambus montiert, mit denen heißes Wasser zum auf wärmen der Böden und dem Füllen des Beckens transportiert wurde. An den Ecken der Plattform standen mächtige Pfeiler, die kunstvoll verziert und ineinander verdreht, die Decke des Pavillons trugen. Das darauf ruhende Dach war im typisch chinesischen Stil elegant Gebogen und vervollständigt das insgesamt sehr prunkvolle Bild. Um den Pavillon herum erstreckte sich die riesige Stadt Peking. Einige Tage später spürte er, wie sein Ei angehoben und unter starkem Geruckel abtransportiert wurde. Um sich herum nahm er die lauten Geräusche einer Großstadt wahr. Ein Händler pries laut seine Ware an, ein Beamter versuchte lautstark sich den Weg frei zu machen und überall war der allgegenwertige Lärm von tausenden Gesprächen. Nach einer Weile verblassten diese Geräusche und sein Ei wurde abgesetzt. Eine dunkle und volle Stimme begann direkt zu ihm zu sprechen: „Seien Sie gegrüßt. Mein Name ist Lung Tien Qian. Sie befinden sich momentan in der verbotenen Stadt in der mein Palast liegt. Falls sie sich fragen warum Ihnen eine so große Ehre zuteilwird, ist in diesem Fall die Antwort etwas komplizierter. Mir wurde vom Kaiser die Aufgabe erteilt, sie für ihre Mission zu instruieren. Diese besteht darin als unerkannter Diplomat nach Europa zu reisen und die momentane Lage dort einzuschätzen. Im Speziellen werden wir ein gekauftes Piratenschiff von einem französischem kapern lassen. Da unsere Rassen in Europa begehrt sind, werden Sie höchstwahrscheinlich direkt nach Paris gebracht. Dort sollen sie sich mit einer möglichst hochrangingen Person zusammentun, eine feste Bindung, wie sie dort üblich ist, vorspielen und möglichst viel über die politische Situation herausfinden. Wir schicken keinen menschlichen Spion, da sie die Sicht der Drachen ausspionieren und einschätzen sollen. Zusätzlich haben Sie die Aufgabe möglichst viel über die nun im Exil lebenden Lung Tien Lien und Xiang in Erfahrung bringen. Nach dem Ablauf einer gewissen Frist, die wir Ihnen noch mitteilen werden, müssen Sie nach Peking zurückkehren, bzw. in einem ausführlichen schriftlichen Bericht ihre Erkenntnisse mitteilen. Nun zu Ihnen und den Ihnen gegebenen Fähigkeiten. Sie sind der erste Vertreter einer neu gezüchteten Rasse, in Auftrag gegeben vor ungefähr 300 Jahren. In den alten Dokumenten fand man nur noch die Zuchtanleitung und wenige Informationen über die Art selber, auch fanden wir den Namen der Züchtung: Sternendrachen. Als Anmerkung stand dort auch: „Winzig klein, aber von alles überstrahlender Leuchtkraft.“ Ihre körperliche Größe beschränkt sich demnach zwar auf das etwa anderthalbfache eines Pferdes, aber Ihre intellektuellen Fähigkeiten werden überragenden sein. Sie besitzen ein exzellentes Gedächtnis, das sich auch nach dem Schlüpfen nicht verliert. Zusätzlich haben Sie wahrscheinlich sehr scharfe Augen und Klauen mit denen Sie auch motorisch anspruchsvolle Aufgaben lösen können. Eine wichtige Fähigkeit, die dieses Gespräch erst ermöglicht ist, dass Sie schon früh ihre Umgebung wahrnehmen und verstehen können. Nichtsdestotrotz sind viele Berichte leider verloren gegangen und wir konnten längst nicht alles über ihre Möglichkeiten erfahren. In ihren Ahnenreihen befanden sich nämlich auch 2 Himmelsdrachen. In den nächsten Tagen werden Sie Unterricht in vielen wichtigen Gebieten erhalten: Politik, Taktik und Grundwissen in Literatur und den Naturwissenschaften. Wir werden uns jetzt für längere Zeit nicht mehr treffen. Leben Sie also wohl. Der Kaiser vertraut auf ihre Loyalität und ihre Verschwiegenheit.“ Plötzlich verspürte er eine Veränderung in seiner Umgebung und wurde unsanft aus seinen Erinnerungen gerissen. Das leichte Schaukeln, das für eine normale Schiffreise typisch war, schlug um in ein unsanftes Schlingern. Zeitgleich ertönte ein lautes Donnern und der Drache im Ei hörte das laute Splittern von Holz. Er brauchte nicht lange, um sich vorzustellen, was gerade passierte. Offensichtlich wurde das Schiff gerade von den Franzosen gekaperte. Nach weiterem lautem Krachen ertönte lauter Kampfes Lärm direkt auf dem Deck über ihm. Nach und nach verlagerte sich dieser immer weiter in seine Richtung. Als er fast bei ihm angelangt war, verstummte das Geschrei und er hörte nur noch, wie Säbel klirrend auf den Boden fallengelassen wurden. Dann näherten sich Schritte und es ertönte ein verwunderter Aufschrei in einer für ihn noch unbekannten Sprache. Wahrscheinlich Französisch. Er hörte weitere hastige Schritte, die sich näherten. Eine laute und autoritäre Stimme befahl etwas. Die Kiste mit dem Ei wurde angehoben und weggebracht. Wenig später spürte der Drache, wie er wieder abgesetzt wurde. Dann geschah erst einmal für eine ganze Weile nichts mehr. Nach ein oder zwei Stunden ereignete sich endlich wieder etwas Spannenderes. Das Deck erzitterte wie durch einen schweren Schlag. Als das Schiff sich endlich wieder beruhigt hatte, lag es etwas tiefer Wasser. Anscheinend war ein Drache gelandet. Wieder hörte er Gebrüll und jemand näherte sich ihm, um seine Kiste anzuheben und in die Nähe des Drachen zu bringen. Dort wurde er unter lautem Gerumpel in irgendeine maschige Umgebung geworfen. Wahrscheinlich ein Netz. Er hörte noch einige Worte, die gewechselt wurden, und dann hob der Drache ab. Er wurde grob in seinem Ei hin- und hergeworfen, aber schon nach wenigen Momenten wurde der Flug gleichmäßiger. In den nächsten paar Tagen hatte er genug Gelegenheiten den Gesprächen zwischen dem Kapitän und dem Drachen zuzuhören und lernte die französische Sprache fließend. Soweit er das heraushören konnte, lief der Plan von Lung Tien Qian ohne Probleme. Der Drache flog auf direktem Weg nach Paris. Auch fiel ihm auf das die französische Sprache viel primitiver als die chinesische war. Er spürte, dass die Schale immer mehr aushärtete, aber er konnte sie noch nicht durchbrechen. Aber auch dieser Moment würde kommen. Der winzige Drache ging in Gedanken noch einmal die Pläne durch. Eigentlich sehr vielversprechen er würde schnell sehr viele Teile der Welt besuchen können. Besonders auf Begegnungen mit den beiden Himmelsdrachen freute er sich schon. Sie würden sicher sehr interessant werden. Er wollte endlich wissen, warum sie freiwillig an diesem Krieg in Europa teilnahmen. Von dem gleichmäßigen Auf und Ab der Flügelschläge wurde er langsam in den Schlaf gewiegt.

SIMON

leonardo/kapitel_1.txt · Last modified: 2013/03/20 21:20 (external edit)