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leonardo:epilog

Altes endet

Nicholas Densens stützte sich schwer auf seinen Schreibtisch. Es war ein milder Frühlingstag und draußen schien zum ersten Mal nach dem Winter wieder richtig die Sonne. Aber nichts in ihm konnte sie darüber freuen. In letzter Zeit war wirklich alles schief gelaufen. Zuerst der Tod von seinem treusten Vasallen Imbecile, danach die Ermittlung wegen angeblicher Kriegsverbrechen und zu Guter Letzt seine unehrenhafte Entlassung aus der französischen Armee. Er konnte es sich einfach nicht erklären. All seine Verbündeten, die ihn zuvor noch unterstützten und beschützten, hatte ihn plötzlich und ohne Vorwarnung fallen gelassen. Und vor wenigen Wochen hatte es noch so gut ausgesehen: Lien war immer weiter in ihrer Bedeutung, als Beraterin des Königs in den Hintergrund gerückt und er hatte immer mehr Einfluss und Macht bekommen. Nur dann war dieser Salubre mit seinem Drachen wieder in England aufgetaucht und hatten ihm eine empfindliche Niederlage zugefügt. Irgendwie wurde er das dumpfe Gefühl nicht los, dass sie auch an seiner aktuellen Misere Schuld trugen. Aber wie sollte er sie jetzt finden. Die beiden hatten sich erfolgreich ins Ausland abgesetzt und dabei, ganz nebenbei, fünf Formationen dem Erdboden gleichgemacht. Und ihm war nicht einmal das Vergnügen vergönnt gewesen, seine Rache an ihren Verbündeten in Limoges auszuüben, denn da hatte man ihn schon aus seinem Amt befördert. Und so hatte er das letzte viertel Jahr damit verbracht in seinem Studierzimmer zu hocken und wenigstens wieder den Kontakt mit einigen wichtigen Persönlichkeiten aufzunehmen. Aber es war zwecklos, der Stapel der Briefe, wo ihm kühl und unfreundlich mitgeteilt wurde, dass man mit ihm nichts mehr zu tun haben wollte, wuchs von Tag zu Tag. Zu allem Überfluss hatte auch Lien fast allen ihre Macht wiedergewonnen und betrieb die Bestrebungen weiter fort, die Drachen gesellschaftlich auf die selbe Stufe, wie die Menschen zu stellen. In seiner Verzweiflung hatte er sogar einen Brief an sie geschrieben, aber die Himmelsdrachin hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht ihm zu antworten. Er war politisch Tod. Ein Fossil. Vielleicht sollte er es wirklich in Erwägung ziehen frühzeitig in den Ruhestand zu gehen. Aber vorher wollte er wenigstens noch wissen, wie man ihn so effektiv kalt gestellt hat. Wie aufs Stichwort klopfte einer seiner Diener in diesem Moment an der Tür. „Kommen Sie herein“, sagte er ungeduldig. Die große Tür in seinem Arbeitszimmer öffnete sich und der Mann, Densens hatte sich nie die Mühe gemacht ihn auswendig zu lernen, reichte ihm einen Brief: „Dieser ist gerade für Sie angekommen, Sir“ Er nickte kurz „Danke, Sie können sich wieder zurückziehen.“ Gespannt betrachtete er das Dokument, dass er in der Hand hielt. Er hatte keine Ahnung von wem er sein könnte, das Paper sah aus, als wäre er schon vor einiger Zeit geschrieben. Irgendwie hatte er ein ungutes Gefühl als er zum Messer griff und den Umschlag vorsichtig aufschnitt. Heraus glitt ein einzelnes Blatt Papier. Vorsichtig drehte er es herum und begann zu lesen.

Frankreich, 35. März 1814

Sehr geehrter Nicholas Densens,

sicher quält Sie die Frage, wer oder was für die unerfreulichen Wendungen, die ihr so wohl geordnetes Leben auf den Kopf gestellt hat, verantwortlich ist. Bevor wir Ihnen diese Frage jedoch beantworten, muss ich Sie zuerst auf zwei Tatsachen hinweisen: Handlungen haben Folgen. Und man kann sich nicht endgültig seiner Verantwortungen entziehen. Da Sie es jedoch in der Vergangenheit so exzellent geschafft haben, die schuld Ihrer Fehler auf andere abzuwälzen und selber sogar noch mit Gewinn aus der Situation herauszutreten, haben ich und meine Verbündeten uns gezwungen gesehen, der Hydra – verzeihen Sie bitten den Vergleich – alle Köpfe endgültig abzuschlagen und auszubrennen. Sie könnten es so zu sagen, als gemeinsame Rache aller derjenigen betrachten, die unter Ihnen gelitten haben. Aber natürlich sind wir keine Narren: Keine noch so gute Entmachtung währt für die Ewigkeit und besonders Ihnen trauen wir zu, dass Sie schnell wieder Einfluss erlagen. Deshalb seien Sie gewarnt, missbrauchen Sie nicht noch einmal Ihre Position. Ihr Freund Imbecile hatte seine Chance, er hat sie nicht nicht genutzt und schamlos unzählige Morde begangen. Ihm wurde das Selbe Schicksal teil, dass auch Ihnen drohen könnten, wenn Sie sich nicht anpassen. Die alte Welt liegt im Sterben, und in ihr erhebt sich eine neue Macht. Die Drache wurde Jahrtausende unterjocht und erheben sich jetzt gegen jene, die sie fesseln zu versuchen. Stemmen Sie sich gegen diese Entwicklung. Sie können nur verlieren. Gegen Ende dieses Briefes gehen wir noch einmal auf die sie quälende Frage ein: Die Verantwortlichen für Ihren Fall sind Louis Salubre, Leonardo von Limoges und Jade Ledoux. Lassen Sie es sich eine Lehre sein, dass selbst der unbedeutendste Untertan der Fall für einen Tyrannen bedeuten kann.

Verbleiben Sie Wohl Daemon PS: Oben genannte Personen sind weit außerhalb Ihrer Reichweite, also kommen Sie nicht einmal auf die Idee Rache zu suchen. Wir würden es erfahren…

Langsam ließ Nicholas den Brief sinken. Er konnte es einfach nicht glauben. All seine Pläne, all seine Vorstellungen für die Zukunft: zerschmettert und dies von einem einfachen Arzt mit seinem Schoßdrachen. Das Blatt entglitt seinen plötzlich taub gewordenen Fingern und flatterte zum Boden. Was hatte er falsch gemacht? Zum ersten Mal seit Monaten, vielleicht sogar Jahren, stellte er sich diese Frage. Und diesmal waren die falschen Blenden seiner Arroganz und seines Erfolges von ihm wegrissen. Niemand war dar, auf den er die Schuld abwälzen konnte. Wie hatte es nur so weit kommen können? Vor Jahren als er als junger Mann in die Armee eingetreten war, waren seine Motive doch noch so rein und einfach gewesen. Über die Jahre hatten dann die Verbitterung über seine vielen Niederlagen und Fehler, ihn zu drastischeren Mitteln greifen lassen. Er hatte mit dem Geld seiner Familie einige Beamten bestochen, sich bei anderen beliebt gemacht, um sich dann die viel besser angesehen Position eines Generals zu erschleichen. Wäre er doch nur ehrlich zu sich selber gewesen: Er war kein Soldat, kein scharfsinniger Strategen oder listiger Taktiker. Er hätte viel eher in die Politik gehen sollen. Er selber hatte ein großartiger Führer sein wollen – und war grandios gescheitert, korrumpiert von seiner eigenen Arroganz. Im Spiegel dazu stand ein Mann, wie Salubre. Jemand der nie Ruhm oder Ansehen erstrebt hatte, erwies sich plötzlich als großartiger Anführer, wenn ihm die Flagge in die Hand gedrückt worden war. Macht korrumpierte wahrlich. Er hätte seine Fehler schon damals nach seiner Niederlage als Infanterie General einsehen müssen. Aber vielleicht hatte er ja noch ein Chance, wie es in dem Brief geschrieben stand: Eine neue Zeit brach an, eine in der selbst er noch etwas Gutes tun konnte. Oder vielmehr: musste….

Für die meisten Menschen gab es nur eine zivilisierte Welt oder Kultur. Für sie war alles was sich außerhalb des Teilkontinents befand, barbarisch und auf keinem Niveau, um es mit Ländern, wie England oder Frankreich aufzunehmen. Man sollte meinen die Europäer hätten aus den Kämpfen mit indischen oder chinesischen Drachen gelernt, aber war so viel einfacher weiterhin die Augen zu schließen und sich einzureden, dass die eigene Größe nicht schon lange verwelkt ist. Bisher war nur den Händlern klar, welche Entwicklungen sich auf dem Kontinent abspielten, der sich seine Unabhängigkeit so hart erkämpft hatte. In England winkte man nur milde amüsiert ab und hörte immer wieder die gleichen Worte: „Die haben nur wegen den Franzosen gewonnen. Alleine brauchen die noch Jahrzehnte um sich wieder von dem Krieg zu erholen.“ Und in der Ihnen eigenen Blindheit vergaßen sie die Ressourcen die Amerika zu bieten hatte. Und vor allen Dingen, die Stärke einer aufstrebenden Demokratie…

Als bestes Beispiel für die Organisation und des Wachstums konnte man New York City sehen. Eine beeindruckende Organisation von Straßennetzen, wie man sie keiner größeren Stadt in Europa sehen konnte , gleichzeitig kombiniert mit einige Kuriositäten, wie zum Beispiel der Broadway. Selbstverständlich vertrug es sich mit den amerikanischen Philosophie intelligente Geschöpfe zu versklaven und aus diesem Grund konnte man in den Straßen vieler Städte alle möglichen Arten von arbeitenden Drachen sehen. Schon nach wenigen Jahren gab es mehr Drachen als in jedem anderen Land, abgesehen von vielleicht China.Durch den Einfluss der einheimischen Arten und einem bunten Mix aus allen möglichen europäischen Drachen, entstanden eine Unzahl an neuen Rassen, mit allen möglichen nützlichen Fähigkeiten und dies ohne jegliche Zuchtprogramme.

Unter den Deckmantel einer Großstadt konnte man sich ohne Probleme vor den neugierigen Augen eines ganzen Kontinents verstecken. Und in einer Stadt wie New York war es beinahe noch einfacher. Keiner führte Statistiken, die nicht mit einigen gezielten Bemerkungen mit falschen Informationen gefüttert werden konnten. Die Zeiten der großen Immigrationswellen waren noch nicht gekommen und die Regierung freute sich über jeden zusätzlichen Drachen.

Direkt nach ihrer Ankunft, als sie erschöpft von der Seereise, die Stadt zum ersten Mal erblickt hatten, war Ihnen ein hervorragendes Angebot gemacht worden. Irgendwie hatten die Amerikaner ihre Identivität herausbekommen und zusätzlich auch noch ihre Geschichte. Louis war entgeistert gewesen. Er hatte ihre Spuren doch so sauber verwischt. Wie auch immer, am nächsten Tag standen vor dem Außenminister der Staaten. „Uns ist klar, dass Sie nicht hierher geflohen sind, um in weitere Kämpfe hineingezogen zu werden. Aber Sie müssen auch verstehen, dass wir nicht ohne weiteres auf Talente, wie die Ihren verzichten können.“ Er wandte sich jetzt speziell an Jade, die sich immer noch nicht ganz von dem Tod Hopes erholt hatte und noch sehr schweigsam war. „Ihr Ruf eilt Ihnen voraus Miss Ledoux.“, er wandte sich wieder zu der restlichen Gruppe. Aus diesem Grund haben wir uns eine Lösung, die sowohl Ihnen wie auch uns von Vorteil ist. Wir bekommen Zugriff auf Ihre Fähigkeiten, Menschen und vor alle Dingen Drachen, hinter sich für eine Sache zu vereinigen und Sie bekommen einen Job, der jenes verhindert, was sie so verabscheuen: Krieg.“ Louis nickte nachdenklich: „Wir sind Ihnen natürlich sehr dankbar für das Angebot, aber Sie verstehen sicherlich, dass wir nicht ohne weiteres zusagen können. Wäre es in Ordnung, wenn Sie unsere endgültige Antwort in ein paar Tagen bekommen.“ Der Mann, er hatte sich als John Smith vorgestellt, stimmte zu: „Natürlich. Nehmen Sie sich alle Zeit der Welt. Wenn Sie mich entschuldigen würden, ich habe noch einige andere Dinge zu erledigen.“ Beim Herausgehen aus dem Regierungsgebäude erfüllte Louis ein Gefühl, dass er lange nicht mehr erlebt hatte. Hoffnung. Starke brennende Hoffnung. Beinahe unwillkürlich schloss er seine Hand um die von Jade. Sie waren sich in letzter Zeit wirklich näher gekommen. Irgendwann, während Ihrer Überfahrt, als der Schmerz über Hopes Tod nicht mehr so alles überschattend gewesen war, waren sie auf seinen Ausrutscher bei der letzten Schlacht zu sprechen kommen. Louis hatte nicht eingesehen den Kuss als Fehler zu betrachten und ihr endlich – er hatte sich immerhin ein Jahr Zeit gelassen – seine Gefühle gestanden.

Nach dem sie sich einige Tage Zeit gelassen hatten, das Angebot, dass Ihnen gemacht worden war, von allen Seiten beleuchtet, stimmten sie zu, Es gab keinen versteckte Fallen und sie bekamen innerhalb weniger Monate amerikanische Staatsbürger.

Januar 1848

Jahre später stand Leonardo wieder einmal alleine an der amerikanischen Küste. Alles hatte sich verändert und trotzdem vermisste er seine Freunde in England, in Frankreich, aber es gab keinen Weg mehr zurück. Und vielleicht war es auch gut so. Seine gesamten Erinnerungen in Europa waren von Wut und Trauer verschleiert. Die wenigen sorgenfreien Momente, die sie gehabt hatten, konnte er an einem Flügel abzählen. Sie waren auf unzähligen Missionen gewesen, aber jedes Mal kam es ihm so vor als würde jemand fehlen. Plötzlich trat Louis neben ihn. Er war anscheinend mit dem Papierkram der Botschaft fertig geworden. Bald würden sie auf ihre erste Mission geschickt werden . Aber noch war diese vollkommen egal. Sein Freund betrachtete ihn mit einen wissenden Blick. „Wir werden sie wiedersehen. In Europa zieht ein Revolution auf, ein Umschwung der jetzt schon nicht mehr verhindert werden kann. Sie haben wieder einmal einen Größenwahnsinnigen die Macht ergreifen lassen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit bis wir wieder zurück müssen. Einige Länder werden dem Beispiel von Frankreich folgen. Und jetzt wo die Drachen auch einen Siinn für Politik und Demokratie entwickelt haben, werden die kommende Konflikte interessanter werden.“ Leonardo schnaubte spöttisch. Wenn wir mitmischen, gebe ich Europa nur noch ein Jahrhundert, bevor endgültig Demokratie einzieht. Louis lachte herzlich über seinen Freund. Keiner von ihnen konnte sich diesem Moment vorstellen, wie richtig Leonardo mit seiner Aussage lag. Dazwischen aber lagen die Schatten zweier mächtigen Kriege, die die gesamte Welt in ihren Grundfesten erschüttern würden…

LEONARDO

leonardo/epilog.txt · Last modified: 2013/03/20 21:20 (external edit)