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Kapitel 1 - Die Geschichte eines Überlebenden

Ihr habt Glück, dass ihr dem Grim Reaper noch nicht begegnet seid… Was?! Wollt ihr mich verarschen?! Ihr kennt den Grim Reaper wirklich nicht? Okay… nur so viel vorweg. Ihr wollt ihm nicht persönlich begegnen. Ich muss es wissen, denn ich bin ihm schon oft genug begegnet und… bei allen Göttern, sofern es sie gibt, ich bin heilfroh, dass ich noch lebe! Der Grim Reaper trägt viele Namen. Der schwarze Sturm der Meere, der Teufel des Ozeans, der fliegende Tod, allmächtiger Morgenstern, Phantom der Nacht, Schiffsvernichter, Seemannsmetzger, Schlag-mich-tot… Klar ist, dass jeder, der schon einige Zeit auf dem Meer verbracht hat, auf jeden Fall irgendwo, von Irgendwem einmal von ihm gehört hat, oder ihn mit etwas Glück einmal gesehen, sofern er es überlebt hat. Wenn dieses Monster sich erst einmal ein Schiff als Ziel ausgesucht hat, dann sollte man sich nicht auf diesem Schiff aufhalten. Ehrlich! Man kann ihn zwar verletzen aber aufhalten kann man ihn nicht! Einmal hab ich mit eigenen Augen beobachtet, wie er gegen zwei Drachentransporter und drei Fleur-de-Nuit zugleich gekämpft hat und als glorreicher Sieger hervorgegangen ist. Vergesst Feuerspeier oder Säurespucker! Dieser Bunte Greifer hat solchen Viechern schon den Schädel eingeschlagen, da war er kaum aus der Eierschale gesprungen, hab ich gehört. Ich könnte euch Bände von Geschichten über diesen Drachen erzählen, aber es reicht wohl, wenn ich euch eine Warnung auf den Weg gebe… Solltet ihr einmal dem Grim Reaper begegnen… springt über Bord! Denn wenn er erst einmal auf Beutezug ist, dann zerstört er Alles und tötet Jeden, ganz egal was ihm Widerstand leistet… Was? Ihr wollt mehr hören? Na gut… Okay, dies ist einer seiner Raubzüge, von denen ich berichten kann. Es war ein kalter Mai-Morgen auf dem Atlantik, Anno 1809. Welcher Tag wusste ich nicht und welche Zeit war mir ebenfalls unklar, da unser Moloch von Captain im Vollsuff oftmals dazu neigte, alles in Mitleidenschaft zu ziehen, was in Reichweite war, besonders wenn er eine Party veranstaltete. Erst am vorigen Abend hatten wir eine reiche Ausbeute bestehend aus hochwertigen Schätzen, wie Gold und Schmuck, was natürlich ausgiebig gefeiert werden musste. Das ist unter Piraten immer so üblich. Und an dem Abend hat der Captain das Stundenglas von Hauptmast zerschmettert, und noch einiges mehr… Aber ich schweife ab. Jedenfalls segelten wir gen Nordosten auf der Suche nach weiteren Handelsschiffen, die von Europa nach Amerika unterwegs waren. Ich musste mal wieder das Deck schrubben, wie allzu oft. „Hey, Fisheye! Zeig etwas mehr Enthusiasmus beim Schrubben! Wir hatten doch gestern einen guten Tag und der Captain ist gerade nicht auf Deck.“ Der übergewichtige, ältere Mann mit Glatze, welcher ebenfalls für die Reinigung des Decks verantwortlich war, hieß ‚Ham, weil er fraß wie ein Schwein. Das war nicht sein richtiger Name, aber hier an Bord dieses Piratenschiffes galten Regeln, die einzig und allein vom Captain festgelegt wurden. Wer sich diesen Regeln wiedersetzte, wurde einer Tracht Prügel unterzogen, aber von der übelsten Sorte. Kielholen war noch ein Segen, in Gegensatz zu den berüchtigten Ohrfeigen des Captains. Das ist kein Scherz! Darum hieß mein Freund ‚Ham und ich war ‚Fisheye, weil der Captain meinte, dass ich ein bisschen schielen tue, was eigentlich nicht stimmt. Schließlich hab ich mich schon oft im Spiegel betrachtet und schaue doch normal aus. Aber egal… Ich unterbrach die Schufterei, stützte mich auf dem alten Mobstiel und sah Ham ins Gesicht. „Ich kotze gleich… Bin gerade mal ein Jahr an Bord der Old Magpie und der Captain raubt mir seit dem ersten Tag schon den letzten Nerv! Vom ständigen Putzdienst ganz zu schweigen… Wie zur Hölle… konntest du 30 Jahre auf diesem Schiff aushalten, Ham?!“ Der alte Pirat schob ein leeres Rumfass beiseite und stellte es neben eine der Kanonen, welche zu beiden Seiten der Fregatte verteilt standen. Das Schiff hatte knapp 60 Kanonen, wohlgemerkt, und war groß genug, dass sogar ein schwergewichtiger Drache auf dem Oberdeck landen konnte. Garnichtmal so schlecht, für ein Piratenschiff. Ham lächelte und schaute hinaus aufs Meer. „Ich kenne den Captain schon seit seiner Jugend und habe schon unzählige Schiffe mit ihm geplündert. Ich wäre sozusagen einer seiner besten Freunde, wenn der Captain nicht vehement bestreiten würde, dass wir nur Mitglieder seiner Crew sind, nicht mehr und nicht weiniger. Und ja, er mag meistens etwas… herausfordernd sein. Aber, wenn man ihn erstmal etwas besser kennt, so wie ich es tue, weiß man ihn auch als richtigen Captain zu akzeptieren. Vorausgesetzt, du gibst ihm keinen Grund, dich zu hassen. Dann kannst du genauso gut heute noch von Bord springen und hoffen, dass dich irgendein anderes Schiff aus dem Ozean fischt. Er hat schon einigen aufmüpfigen Burschen hier gezeigt, wo der Hammer hängt. Im wahrsten Sinne des Wortes…“ Goat, ein kleiner Mann mit länglichem Gesicht und Ziegenbart kam herbei und verteile Zwieback. Er war stets für die Rationierung der Vorräte verantwortlich. Und wir alle wussten, dass er vernünftig genug war, kein Essen oder Rum für sich zu horten. Der letzte, der das gewagt hatte, liegt nun in 15000 Fuß Tiefe begraben, ungefähr 300 Meilen westlich von Madeira. „Na? Alle schon wieder nüchtern geworden?“ fragte Goat müde. Ham antwortete zuerst. „Nay, bin noch dabei. Die frische Seeluft hilft, die Müdigkeit zu vertreiben. Ist überhaupt noch Rum da?“ „Sieht schlecht aus… Wir haben es wohl gestern etwas übertrieben…“ sprach Goat und begutachtete eines der leeren Fässer. „Mit ‚wir meinst du den Captain! Diese alte Schnapsdrossel ist doch der größte Säufer auf allen Weltmeeren!“ bemerkte ich amüsiert. Goat und Ham brachen in lautes Gelächter aus. Weitere Crewmitglieder gesellten sich zu uns und mischten sich in das Gespräch ein. Scarecrow, ein stämmiger Mann der, wie der Captain sagt ‚so potthässlich ist, dass alle Vögel, die ihn sehen, vor Schreck tot vom Himmel fallen, trat lachend auf mich zu und boxte mir auf den rechten Arm. „Halt bloß die Fresse, Fisheye! Sonst hört er dich noch und dann wird er dich an Ort und Stelle vierteilen.“ Ich sah mich nach dem Tyrannen um, fand ihn aber zum Glück nirgendwo. Dann trat ich Scarecrow gegen sein linkes Schienbein. „Jag mir nicht so `nen Schreck ein!“ „Oi! Mach das nochmal und ich wisch mit dir das Deck!“ brüllte Scarecrow. „Versuchs doch!“ antwortete ich und hob die Fäuste. Scarecrow war zwar kräftiger als ich, aber ich konnte besser Kämpfen. Während meiner Zeit auf der Old Jackdaw hab ich mich oft mit Scarecrow duelliert und nur selten verloren. Scarecrow holte zum ersten Schlag aus, ich war bereit ihm auszuweichen und wusste bereits, wie ich zurückschlagen würde. Doch dann unterbrach Monkeys Schrei unser Duell. Er rief „Schiff in Sicht! Nord-Nordost!“ vom Krähennest hinunter. Scarecrow ignorierte mich und lief zum Hauptmast des Schiffes. „Bist sie sicher, Monkey? Kannst du erkennen, was es für ein Schiff ist?“ „Ein Handelsschiff unter spanischer Flagge!“ Nach dieser Neuigkeit war die gesamte Crew wieder munter und Alle liefen zu ihren Posten. Der Steuermann änderte den Kurs und lenkte die Fregatte in Richtung Handelsschiff. Die nächste Enteraktion hatte begonnen. „Wo zur Hölle bleibt der Captain?! Sollen wir das Schiff ohne ihn entern?“ brüllte Scarecrow. „Wenn er weiterhin fern bleibt, müssen wir ohne ihn anfangen. Diese Gelegenheit dürfen wir uns nicht entgehen lassen! Ladet die Kanonen und holt eure Entermesser, sofort! Ich hole das Schießpulver.“ Rief Ham bevor er unter Deck verschwand. Ich holte meine Ausrüstung und half dabei die Geschütze zu beladen. Mit jeder Minute kamen wir dem Schiff näher, doch in solchen Momenten schien die Zeit nur sehr langsam zu vergehen. Das Handelsschiff versuchte abzudrehen, doch entkommen konnten die Spanier uns nicht. Als sie nur noch weniger als eine Meile entfernt waren schrie Monkey erneut vom Krähennest zu uns hinunter und kündigte das an, was ich schon befürchtet hatte. Er rief „Grim Reaper!“ Dieser Bunte Greifer, welcher entgegen seiner Rasse überhaupt nicht bunt, sondern komplett schwarz gefärbt war, erscheint immer dann, wenn man kaum mit ihm rechnete. Der dunkle Schatten war schon von weitem zu sehn, wie er an den tiefhängenden Wolken vorbeisegelte und sich unheilvoll von Südosten näherte. Alle Crewmitglieder hielten den Atem an und ihre Blicke waren nur noch auf die herannahende Bedrohung gerichtet. Das spanische Schiff schienen alle in diesem Moment vergessen zu haben. Glücklicherweise hielt er nicht auf uns sondern auf das spanische Schiff zu. Das Knallen von Gewehrschüssen schallte aus der Ferne zu uns herüber, als der schwergewichtige Drache geradewegs durch die Segel des Handelsschiffes glitt, die Mäste mit seinen mächtigen Klauen durchtrennte, wie Streichhölzer und mit seinem morgensternähnlichen Schweif das Oberdeck zerschlug und dutzende von Matrosen in die Luft katapultierte, wobei einige von ihnen als blutige, leblose Körper im eiskalten Salzwasser landeten und lautlos versanken. Dieser Angriff sorgte auch dafür, dass das Schiff einige der Kanonen, welche das Oberdeck flankierten, einbüßte und diese zusammen mit den toten Seemännern in den Fluten verschwanden. Um diesen grausamen Anblick noch zu toppen, drehte der Drache nach dem Angriff um und flog auf uns zu. Wenn wir uns nun falsch verhielten, gab es noch mehr Tote… Einige Piraten rannten unter Deck, einige andere, wie Scarecrow, Ham und ich, versteckten uns hinter den leeren Fässern, Kanonen, oder was sonst so als Versteck auf dem Oberdeck diente, als der schwergewichtige Drache landete, was die Fregatte um einige Meter im Wasser absenken ließ. Mit wutverzerrter Fratze, welche mithilfe von weißer Farbe dem Totenschädel eines Drachen glich und ihn noch furchterregender erscheinen ließ, schaute er sich suchend auf dem Deck um. Schließlich erhob er mit seiner tiefen, rauchigen Stimme das Wort. „Kommt aus eurem Versteck, ihr gestiefelten Flaschen! Ich weiß, dass ihr da seid, oder haltet ihr mich für bescheuert?! Ihr habt wieder über mich gelästert, stimmts?!“ Noch während er sich auf dem Deck umschaute, zerschlug er eines der leeren Fässer mit seinem stachelbesetzten Schweif, grollend vor Wut. „Und wer von euch dreckigen Ratten hat meinen Rum ausgesoffen?!“ Bevor der Drache auf die Idee kam, das leere Rumfass, hinter dem Ham sich versteckte, zu zertrümmern, sprang dieser aus der Deckung und verbeugte sich. „Captain Grim… schön, dass ihr zurück seid! Wir haben nicht gelästert! Und den Rum habt ihr höchst persönlich letzte Nacht vernichtet… Wie dem auch sei… wir haben ein weiteres Schiff gesichtet und alles für die Enteroperation vorbereitet!“ „Aye, das sehe ich auch, Ham. Und ich will hoffen dass diese Nussschale haufenweise Fässer Rum an Bord hat. Und Gold! Und Juwelen! Ich will mehr davon… Also fertig machen, zum Entern!“ rief Grim Reaper mit einem fiesen Grinsen auf dem Gesicht, den finsteren Blick auf seine Beute gerichtet. Goat kam an Deck und musterte unseren Captain, wurde dann allerdings etwas blass… „Captain… ihr seid verletzt…“ „Was?! Niemals!“ Der schwarze Bunte Greifer inspizierte seinen Körper etwas genauer und dann fielen ihm auch die Schusswunden an der Flanke und an den Hinterbeinen auf. „Pah! Das ist gar nichts! Da drüben wartet ein Schatz auf mich und ein paar Kratzer halten mich niemals davon ab, zu holen, was mir gehört!“ Ich trat unauffällig näher zu Ham und flüsterte ihm leise zu. „Er ist immer noch besoffen… Kein Wunder, dass er die Wunden kaum bemerkt…“ Der Captain drehte seinen großen Totenkopf in meine Richtung und funkelte mich mit seinen Bernsteinaugen böse an. „Das hab ich gehört, Fisheye! Du reparierst die Holzplanken!“ Ich schaute ihn unschuldig und verwirrt an. „We-Welche Planken?“ Im nächsten Moment schlug er mit seinem Schweif ein Loch in das Oberdeck des Schiffes, direkt vor mir. „Diese Planken! Und wehe, es sieht morgen nicht wie neu aus, sonst gibts einen Monat lang keinen Rum für dich!“ „A-Aye Aye, Captain…“ stammelte ich. Ein weiteres Mal war ich dem Tod nur um Haaresbreite entkommen. Während ich anfing das Deck zu reparieren, hatten Grim Reaper und knapp zwei Dutzend Mann ihren Spaß auf der ‚Periquito, wie das spanische Schiff genannt war. Die Enteroperation verlief, wie erwartet, ohne weitere Schwierigkeiten. Das Schiff war zwar kaum mit Wertsachen beladen, von Geld einmal abgesehn, aber es gab Fässer mit Pökelfleisch, getrocknetem Gemüse, frisches Obst und, was den Captain besonders zufriedenstellte, eine ganze Menge Schnaps. An diesem Tag hatte ich aufgehört, Witze über den Captain zu machen, da ich noch vorhatte lange genug zu überleben um mit dem Gold, was ich an Bord der Old Jackdaw verdiente, nach einigen Jahren in Ruhestand zu gehen. Und bei der Erfolgsquote von Grim Reaper sprang wirklich für jedes Crewmitglied eine Menge bei raus. Das war auch der beste Grund, warum ich überhaupt die Chance genutzt hatte, bei ihm anzuheuern, als der Drachentransporter, auf dem ich ursprünglich gearbeitet habe… nun ja… Sagen wir einfach, Grim hat maßgeblich zu meinem Berufswechsel beigetragen. Andernfalls würde ich jetzt wohl bei den Fischen schlafen und nicht in dieser Kneipe sitzen, mit einem Krug Bier und einem prallgefüllten Geldbeutel. Versteht mich aber bloß nicht falsch! Die zwei Jahrzehnte auf der Old Jackdaw waren eine Tortur und ich kann gar nicht sagen, wie oft ich dem Tod von der Schippe gesprungen bin, allein schon durch die cholerischen Launen des Captains. Aber ein Teil von mir vermisst auch das alte Piratenleben. Ich frage mich, was Grim, die alte Schnapsdrossel wohl jetzt gerade so anstellt…

grim_reaper_kapitel_1.txt · Last modified: 2017/04/01 12:32 by Jside