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fly_into_the_darkness:chapter_7

Chapter 7

Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. Die meiste Zeit verbrachte Aleksander im schwarzen Verlies und ein bis zwei Stunden war er draussen mit Nadya und unterhielt sich mit ihr. Sie erzählte ihm von den Manövern, die sie lernte und dass sie sich für ihn weigerte, Französisch zu reden. Er fand es irgendwie niedlich von ihr, aber er fürchtete, dass sie irgendwann zu weit ging. Aber bis dahin würde sie ihre Grenzen austesten, das war klar und ihm vollkommen Recht. Nadya erzählte ihm, dass sie etwas über Signale lernte und an diesem Punkt hatte er sie gebeten, leiser zu sprechen. Die Franzosen würden es sicher nicht gutheissen, dass sie ihm von ihren Signalen erzählte. Aber wenn sie es nicht mitbekamen… Denn seine Bewacher, die während der zwei Stunden auf ihn aufpassten, hielten sich möglichst weit weg von ihm, als wäre er ein Stück Dreck. Nun, das war ihm vollkommen egal, wenn er so mehr über die Franzosen herausbekam. Nadya selbst schien nicht zu merken, dass sie Geheimnisse ausplauderte und Aleks nahm sich vor, es ihr irgendwann einmal zu sagen. Vielleicht, falls sie hier wegkommen sollten. Inzwischen war Nadya noch mehr gewachsen. Sie war inzwischen sogar grösser als der gelb-schwarz gestreifte Drache von Chirac, der wie Nadya behauptete ein Flamme-de-Gloire war. Dem Namen nach zu urteilen, ein Feuerspucker und ein Mittelgewicht. Aleks hatte das alles nicht gewusst. Er war ein Soldat, verdammt nochmal, woher sollte er wissen, wann ein Drache ein Leicht-, Mittel- oder Schwergewicht war? Nadya hatte ihn geneckt, weil er es nicht wusste, ebenso wenig, welche Rasse wie aussah. „Aber da ist doch ganz einfach“, hatte sie ihm gesagt und dann mehrere Drachenarten aufgezählt, bis Aleks Kopf geschmerzt hatte. Einmal hatte er auch zusehen können, wie sie übte. Er stellte fest, dass sie ziemlich wendig und ausdauernd war. Nicht unbedingt die schnellste, aber sie würde eine gute Kämpferin abgeben. Wie dumm, dass sie in der Hand der Franzosen ist, dachte Aleks wehmütig.

Heute hatte er wieder mit ihr geredet und gemerkt, wie viel sie eigentlich von den Franzosen lernte. „Und sie wollen demnächst damit anfangen, mich für Kämpfe in der Nacht zu trainieren“, verkündete sie gerade stolz und Aleks schüttelte den Kopf. Er hatte gewusst, dass sie keine passive Persönlichkeit sein würde, aber er hoffte, dass sie nicht zu stolz wurde – denn so schien sie zu werden. Die ganze Aufmerksamkeit, die sie wegen ihrer Ausbildung bekam – und auch, weil sie eine Kreuzung und vollkommen neu war – tat ihrem Ego nicht gut. Sie plusterte sich zu sehr auf. „Vergiss einfach nicht, dass du erst in der Ausbildung bist“, holte er sie auf den Boden zurück, „Du hast noch einiges zu lernen.“ „Und was ist mit dir?“, maulte sie, „Du hast das alles nicht gewusst!“ „Weil ich in anderen Dingen ausgebildet wurde. Ich weiss, was ich tun muss, wenn jemand mit einer Schusswaffe oder einem Degen auf mich zukommt. Ich kenne mich in Sachen Kavallerie und den Zweikampf bestens aus. Im Fliegen wurde ich nie ausgebildet und mit Drachen kam ich nie in Kontakt“, belehrte er sie, „Also suche keine Ausflüchte!“ Nadya schnaubte und drehte kurz den Kopf weg. Dann wandte sie sich wieder zu ihm hinab und sagte ganz leise. „Warum bist du nicht mit mir zufrieden?“ Aleks blinzelte und dachte, er hätte sich verhört. „Ach du lieber Himmel, Nadya!“, sagte er und streichelte ihre Nüstern, „So hab ich das nicht gemeint! Du machst deine Sache gut, ehrlich. Aber du bist auch etwas zu… nun ja, überheblich.“ „Was meinst du damit?“, fragte sie verwirrt. Aleks seufzte. Wie sollte er ihr das nur erklären? „Naja, du bist zu stolz. Du wirst unachtsam und könntest denken, dass sich alles um dich dreht.“ Es fiel ihm nicht leicht, das zu sagen, aber er wollte nicht daran denken, was passieren würde, wenn er es nicht tat. „Du bist zwar eine neue Kreuzung, aber das bedeutet nicht, dass du beiden Franzosen Privilegien hast. Du hast mich als dein Kapitän gewählt. Ich bin ein gefangener Russe.“ Aleks hoffte, dass sie es verstanden hatte. Milchig-weisse Augen musterten ihn und dann stupste sie ihn an. „Ich glaub, ich weiss was du meinst“, gab sie leise zurück. Aleks seufzte erleichtert. „Bitte sei mir nicht böse, aber du musst vorsichtig bleiben, ja?“ Nadya nickte und knurrte wohlwollend. Er grinste. „Meine schöne Nadya“, murmelte, „Du bist wirklich die schönste Drachendame, die ich kenne.“ Das half vielleicht nicht wirklich dabei, ihr Ego zu mindern, aber er konnte es nicht lassen. Nach einer solchen Schelte, musste er sie doch wieder aufbauen. Nadya legte ihren Kopf neben ihn, so dass er sie streicheln konnte. Eine Stimme holte ihn wieder in die Gegenwart. Einer seiner Wächter war herangetreten und winkte ihn mit sich. Aleks seufzte und folgte ihm; nicht ohne sich von Nadya zu verabschieden. „Wir sehen uns morgen“, murmelte er und wurde zurück in seine Zelle geleitet. Die Tür fiel krachend ins Schloss und wieder war er allein. Aber es machte ihm nicht mehr so viel aus, denn er wusste, dass er jeden Tag wieder herauskam. Er dämmerte schon eine Weile vor sich hin, als er laute Geräusche vernahm. Aleks‘ Kopf zuckte hoch und er sah überrascht zu, wie die Tür geöffnet wurde und ein ganzer Haufen Leute herein kam. Er setzte sich auf, blieb aber sitzen. Mit grossen Augen bemerkte er, dass die Franzosen mehrere Gefangene mit sich brachten. Aleks‘ Herz machte einen Satz. An der Uniform erkannte er die Gefangenen als Russen. Aber sie gehörten nicht den Bodentruppen an. Er sah zu, wie die Franzosen die Männer – Aleks zählte achtzehn insgesamt – in dreier Gruppen in die Zellen geworfen wurden. Man sperrte ab und einer der Franzosen kam auf seine eigene Zelle zu. „Déjeuner“, sagte der Mann, trat ein und legte ihm ein Tablett mit Brot und Wasser in die Zelle. Dann ging auch er. Aleks wartete, bis er die Schritte verhalten, dann kam er ganz nah an die Gitterwand und fragte auf Russisch: „Wer seid ihr?“ Zuerst antwortete niemand auf seine Frage, dann hörte er eine recht tiefe Stimme sagen: „Wir sind Leute vom Luftkorps Russlands. Und du?“ Aleks traute seinen Ohren kaum. Das waren Leute, die sich mit Drachen auskannten! „Nun, ehemals Soldat der Russischen Bodentruppen, aber inzwischen… naja, es ist etwas kompliziert“, fing er an. Es war nicht weiter verwunderlich, dass er sich ihnen anvertraute. Welcher Mensch, abgesehen von einem gebürtigen Russen konnte fliessend Russisch sprechen? Genau, keiner. „Nun, wir haben alle Zeit der Welt“, meinte die Stimme und lachte verächtlich auf, „Also fangt doch an zu erzählen.“ „Mensch, Dimitri, stell dich zuerst vor!“, sagte eine harsche Stimme. „Oh ja, tut mir leid“, antwortete wieder die erste Stimme, „Ich bin Dimitri Petrowski. Du… ich darf dich doch duzen? Du bist wer?“ Aleks schmunzelte und versuchte den Mann in der Dunkelheit auszumachen – vergebens. Es war einfach zu dunkel hier unten. „Aleksander Lobanov“, antwortete er. „Nun denn Aleks“, sagte Dimitri, „Wie lange bist du schon hier?“ Aleks seufzte. „Vermutlich zu lange. Hier unten verliert man jegliches Zeitgefühl.“ Eine Weile herrschte Stille, dann fragte die zweite Stimme: „Und weshalb bist du hier? Ich bin übrigens Ivan.“ „Naja, angefangen hat alles damit, dass die Franzosen einen schwach besetzten Stützpunkt überrannt haben“, erklärte er. Es war ihm peinlich davon zu erzählen, da sie sich damals so hatten gehen lassen. „Ah, davon haben wir gehört“, meinte Dimitri, „Diese feigen Hunde!“ „Dimitri! Lass ihn ausreden“, zischte jemand anderes. Aleks‘ Mundwinkel zuckten. „Ich glaube es hat keiner überlebt, und ich hätte es auch nicht, wenn da nicht…“ Er zögerte, aber es hatte schliesslich keinen Sinn. Entweder sie glaubten ihm oder sie taten es nicht. „Wenn da nicht der Drachenschlüpfling gewesen wäre.“ „WAS?“, riefen mehrere Stimmen gleichzeitig und Aleks zuckte zusammen, da ihr Ruf laut im Kerker widerhallte. „Ein Drache?“, fragte Dimitri scharf, „Und was ist dann passiert?“ „Ich bin bewusstlos geworden“, erzählte er weiter, „Und bin dann in einem Zelt aufgewacht. Dann kam einer der Franzosen mit dem Drachen angetanzt und meinte, dass sie nicht mehr von meiner Seite weichen würde und ich jetzt Kapitän sei.“ Er wartete auf eine Reaktion, aber es blieb still. „Also nur zum Mitschreiben: Du warst verletzt. Dann hat dich ein Drachenschlüpfling gefunden. Du bist bewusstlos geworden und als du aufgewacht bist, erfuhrst du, dass der Drache dich als Kapitän ausgesucht hatte?“, fragte Dimitri und Aleks hörte seinen Unglauben heraus. „Es hört sich verrückt an, aber es stimmt“, sagte er, „Nadya wollte…“ „Nadya?“ „Der Drachenschlüpfling“, erklärte er, „Nadya hat mir erzählt, dass sie…“ Nein, das konnte er nicht sagen. Das war mehr als nur peinlich. „Was?“, hakte Ivan nach und Aleks schluckte. „Sie hatte Mitleid mit mir, als ich damals blutend im Schnee gelegen habe“, erzählte er stattdessen. Er würde niemals sagen, dass Nadya ihn süss fand. Er war immer noch ein Mann und besass Stolz. Die anderen Gefangenen schwiegen. „Du hast schon recht… Es hört sich etwas… unwirklich an“, sagte da Ivan. Aleks seufzte. „Nun, ich kann es schlecht beweisen. Aber vielleicht habt ihr Nadya gesehen? Sie ist eine Fleur-de-Nuit Kreuzung.“ „Der blauschwarze Drache mit den Hörnern und den hellen Augen?“, fragte Dimitri neugierig, „Ich hab mich schon gefragt, was das für eine Rasse ist.“ „Eine Fleur-de-Nuit Kreuzung?“, sagte Ivan misstrauisch. Aleks bejahte. „Ich weiss nur nicht mit welcher Rasse sie noch gekreuzt wurde.“ „Nun, wir auch nicht“, schmunzelte Dimitri, „Aber wir können ja darüber diskutieren. Zeit haben wir ja.“ Aleks lachte gehässig auf. „Oh ja, die haben wir.“ Kurz zögerte er, dann fragte er: „Wie seid ihr in Gefangenschaft geraten?“ Er hörte allgemeines Murmeln und einige schwere Seufzer. „Nun, unser Drache wurde geentert“, erklärte Dimitri und Aleks hörte Frust aus seiner Stimme, „Als wir in Frankreich landeten, gab es einen Tumult und so konnte der Drache mit seinem Kapitän fliehen.“ „Wenigstens einer“, meinte Ivan und andere stimmten murmelnd zu. Aleks verzog das Gesicht. „Besser als nichts“, bestätigte er. Dimitri lachte und Ivan seufzte: „Oh ja, und wie. Nur ist das ein schwacher Trost, wenn die Zukunft der Galgen ist.“ „Jetzt hab dich nicht so“, munterte Dimitri ihn auf, „Immerhin haben wir hervorragende Gesellschaft.“ Wieder fing er an zu Lachen und Aleks schmunzelte. Der Mann hatte gar nicht so Unrecht. Immerhin war er nicht mehr alleine hier unten. Die Frage war nur: Für wie lange?

fly_into_the_darkness/chapter_7.txt · Last modified: 2013/08/03 17:20 by steV