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fly_into_the_darkness:chapter_6

Chapter 6

Ein lautes Krachen liess ihn auffahren. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er eingedöst ist. Aleks streckte sich und hörte, wie sich Schritte näherten. Er sah durch die Gitterstäbe zur Tür. Vier Männer liefen durch den Gang und hielten vor seiner Zelle an. Sie öffneten sie, traten ein und schlossen sie wieder. Aleks schluckte. Was hatten sie vor. Mühsam rappelte er sich auf und fragte: „Was wollt ihr, he?“ Er kümmerte sich jetzt nicht im Geringsten darum, höflich zu sein. Warum sollte er auch? Sie behandelten ihn auch nicht besser als ein Stück Dreck. Im Schein der Kerze erkannte er, dass die Männer allesamt Fliegeruniformen trugen – zumindest glaubte er das. Sie waren genauso angezogen wie Marais und der war ein Flieger. Ein Mann mit braunem Haar trat näher und fragte in stockendem Englisch: „Sie sind Russe?“ „Was soll denn diese Frage? Sehe ich aus wie ein hochnäsiger Engländer? Oder wie einer von euch?“, fragte er und rümpfte die Nase. Seine Sprechweise schrie geradezu nach einer Auseinandersetzung, die er mit seinem Bein nicht ausfechten konnte. Halt dich zurück, Lobanov, oder du bist tot, dachte er und presste die Lippen fest zusammen. Die Augen des Franzosen wurden schmal. „Nein, so wie Sie reden, hört man, dass Sie ein dreckiger Russe sind.“ „Allemal besser als ein Franzose“, fauchte Aleks. Ein heftiger Schlag knallte auf sein Kinn und warf ihn einige Schritte zurück. Sein Bein knickte ein und er hockte nun vor ihnen auf den Boden. Er keuchte und spürte den metallischen Geschmack von Blut im Mund. „Hüten Sie Ihre Zunge, Russe!“, befahl der Franzose wütend. Dann stellte er sich wieder etwas weniger bedrohlich hin und fragte: „Was hat der Zar vor?“ Aleks blinzelte perplex. Dachten diese Dummköpfe allen Ernstes, dass er irgendeine Ahnung hatte, was der Zar, der Herrscher des russischen Reiches, für Pläne hatte? Wussten sie nicht, dass er ein gewöhnlicher Fusssoldat war? Aleks zuckte mit den Achseln. „Der Zar redet mit mir nicht über solche Kleinigkeiten“, meinte er und seine Worte trieften nur so vor Sarkasmus, „Wir trinken lieber zusammen eine Flasche Wodka und saufen uns die Birne voll.“ Einen Moment lang schien der Franzose überrumpelt. Dann stiess er bebend vor Zorn die Luft durch seine zusammengebissenen Zähne. Oh, der Mann war definitiv kurz vor dem Siedepunkt. Wieso konnte er nicht einfach die Klappe halten? „Rede, Russe, oder wir greifen zu härteren Mitteln“, kam es nun von ihm. „Wie bitte?“, fragte Aleks. Zu seiner Verteidigung musste man sagen, dass der Franzose so schlecht Englisch konnte, dass er tatsächlich jedes Wort falsch betonte und Aleks es wirklich nur falsch verstanden hatte. Dummerweise war das dem Franzosen völlig gleichgültig. Er flüsterte seinen Kumpanen etwas zu und dann begann es. Wie ein Mann holten sie aus und begannen auf ihn einzuprügeln. Aleks wehrte sich so gut er konnte, aber spätestens nach dem sie ihm gegen das Bein getreten waren und ihn an den Armen festhielten, war er ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Besonders der englisch sprechende Franzose schlug hart und gerne zu. Immer wieder fragte er ihn etwas, doch Aleks Ohren klingelten und so blieb die Antwort aus. Die Prügelei ging weiter. Irgendwann war ihnen auch das verleidet und sie liessen ihn fallen. Aleks schlug hart auf dem Boden auf und keuchte. Er blutete. Im Mund, am Kopf, im Gesicht. Seine Rippen brannten höllisch und er bekam fast keine Luft. Die Franzosen spukten ihm vors Gesicht, verschwanden und liessen ihn blutend in seiner Zelle liegen. Minuten verstrichen bis Aleks es schaffte, sich aufzurichten. Er schnappte nach Luft und lehnte sich wieder an die Wand. Seine Augenlieder wurden schwerer und schwerer. Aleks schloss die Augen. Würde so seine Zukunft aussehen? Tägliche Prügel und eine finstere Zelle? Es schien so. Langsam driftete er ab und glitt in einen traumlosen Schlaf. Seine letzten Gedanken galten Nadya.

Aleksander wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seit diesem Abend. Tage, Wochen, Monate? Er wusste es einfach nicht. Überraschenderweise waren die Franzosen auch später nicht wiedergekommen, obwohl es inzwischen sicher mehrmals Abend gewesen war. Worüber Aleks sehr froh war. Nur schon die erste Prügelei hatte ihm neue schmerzende Stellen verschafft, ganz zu schweigen vom Bein, das wieder heftig pochte. Verfluchte Franzosen! Aleks dämmerte in der Zelle vor sich hin, nicht wissend, was draussen geschah. Er war allein und fühlte sich verraten. Er hatte bis jetzt keine Anzeichen gefunden, dass Nadya sich den Franzosen widersetzte, sonst hätten sie ihn wohl schon längst nach oben gebracht. Einen Drachen konnte man doch nicht so ohne weiteres bändigen! Aber er hörte nichts von ihr. Wütend dachte er, dass sie sich wahrscheinlich an den neuen Flugmanövern erfreute und mit ihren neuen Freunden plauderte. Augenblicklich tat ihm der Gedanke wieder leid. Das hatte sie nicht verdient. Sie war sonst immer treu gewesen, hatte sich sogar zu der russischen Seite bekennen wollen und jetzt bezichtigte er sie als Verräterin. Aleks schüttelte den Kopf. Diese Einsamkeit tat ihm nicht gut. Er war gerade dabei nochmals einzudösen, als das Geräusch eines Schlüssels seine Aufmerksamkeit auf die Kerkertür lenkte. Mit gleichgültiger Miene sah er zu, wie drei Männer auf ihn zukamen. Er bewegte sich nicht, sondern sah einfach nur hoch. Dann erkannte er den einen blonden. „Marais?“, fragte er langsam und runzelte die Stirn. „Mr. Lobanov“, sagte der französische Kapitän und öffnete die Zellentür. Mühsam zog sich Aleks an der Wand hoch. „Ich dachte, Sie kommen nicht hierher?“, fragte er und blinzelte träge. Marais schürzte die Lippen und musterte ihn von Kopf bis Fuss. „Es gab eine Planänderung, Mr. Lobanov. Meine Englisch-Kenntnisse werden hier gebraucht“, meinte er schlicht und deutete mit einem Kopfnicken hinaus, „Folgen Sie mir.“ Verwirrt lief er durch hinaus auf den Gang und folgte Marais. Dieser bemerkte, dass er wieder hinkte. „Was haben Sie mit Ihrem Bein angestellt?“, fragte Marais, „Es war zuvor doch viel besser genesen.“ „Fragen Sie Ihre lieben Kollegen“, knurrte Aleks, „Bestimmt erzählen die Ihnen gerne von ihrem Besuch.“ Marais hob die Brauen und er sah sehr unzufrieden aus. Dann lief er murmelnd weiter, etwas langsamer, damit Aleks auch nachkam. Sie liefen die Treppe hinauf und Marais fing wieder an zu sprechen: „Sie müssen wissen, dass es bei Jungdrachen möglich ist, sie an einen anderen Kapitän zu gewöhnen.“ „Ach nein“, presste Aleks zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Marais nickte einfach, als hätte er Aleks Sarkasmus gar nicht bemerkt. „Ja, aber ich wusste von Anfang an, dass Nadya das nicht mit sich machen lassen würde. Capitaine Chirac wollte es trotzdem ausprobieren.“ Aleks antwortete nicht. Er hätte sowieso wieder das Falsche gesagt und die nächste Prügel eingesteckt. „Wo bringen Sie mich jetzt hin?“, fragte er kühl und sah Marais fest in die Augen, als dieser sich umdrehte. „Das sehen Sie gleich“, meinte Marais und trat hinaus. Das Tageslicht blendete Aleks und er kniff die Augen zusammen. Aber er genoss die Sonne. So lange ohne Licht zu sein war nicht gerade das, was er als angenehm bezeichnen würde und langsam öffnete er die Augen. Alles wirkte so hell und fröhlich. Er holte tief Luft und bemerkte zum ersten Mal, wie frisch die Luft hier draussen doch war. „Gott, wie ich das vermisst haben“, murmelte er auf Russisch. Dann hörte er eine sanfte und zögerliche Stimme seinen Namen sprechen: „Aleks?“ Er drehte den Kopf und erblickte Nadya. Neben ihr sassen zwei weitere Drachen. Der eine war Kapitän Chiracs Drache und der kleinere war ein grün-brauner Drache, den Aleks als Aeolus wiedererkannte. Aleks erstarrte, als er sie sah. Sie war nun etwa so gross wieder schwarz-gelbe Drache und wirkte sehr müde. Entsetzt stellte er fest, dass sie dünner wirkte, als er sie in Erinnerung hatte. Wütend wirbelte er zu Marais herum. „Was habt Ihr mit ihr angestellt?“, fauchte er und sein Blick zeigte eine schwache Mordlust. Marais wich unauffällig zurück und räusperte sich. Er schien traurig und machte auf Aleks den Eindruck, als wäre er um einiges älter als bei ihrer letzten Begegnung. „Nadya hat sich geweigert etwas zu sich zu nehmen, wenn sie Euch nicht mehr sieht“, erklärte er, „Kapitän Chirac hoffte, dass sie das Fasten bald sein lassen würde, aber…“ Er brach ab und musterte Nadya besorgt. „Gehen Sie zu ihr, sie braucht Euch jetzt“, meinte er und in seiner Stimme schwang ein Ton mit, der Aleks etwas besänftigte. Wenigstens einer stellte das Wohl des Drachen über die eigenen Ziele. Aleks humpelte zu ihr hin. Die Drachen liessen ihn vorbei, auch wenn der schwarz-gelbe Drache abfällig schnaubte und dabei kleine Rauchwölken aus seinen Nüstern dampften. Er ging neben ihrem Kopf, er auf dem Boden lag, in die Knie, auch wenn sein Bein heftig protestierte, und streichelte ihre weichen Nüstern. „Um Gottes Willen, was haben dir die Schweine angetan?“, hauchte er und streichelte sie unentwegt. „Aleks“, schnurrte sie und schloss die Augen. „Ich wusste, dass ich dich so zu sehen bekomme! Ich hab dich so vermisst!“ „Ich dich auch Nadya“, flüsterte er und sah sie sanft an. Seine Nadya. Wieder glitt sein Blick zu ihrer abgemagerten Statur. Dafür würden sie büssen! Mit einem wütenden Russen war nicht zu spassen, das würden die gleich erleben! Er knirschte mit den Zähnen. Dann wandte er sich wieder Nadya zu und sagte ganz sanft: „Bitte, iss was. Mir zu liebe. Ich will nicht, dass du meinetwegen hungerst.“ „Ich würde es jedes Mal wieder tun um dich zu sehen“, flüsterte die Drachendame leise. Aleks hätte weinen können. Was war sie doch für ein dummes, treues Mädchen! „Denk auch an mich, meine Liebe. Weisst du was du mir für einen Schock versetzt, wenn ich dich so abgemagert antreffe?“ Nadya öffnete die Augen und sah ihn mit einem Blick an, der einem Hundewelpen-Blick Konkurrenz machte. „Du hast dich erschrocken?“ „Ach Nadya, ich will nicht, dass du dich zu Tode hungerst! Das könnte ich mir nie verzeihen.“ Aleks war bewusst, wie kitschig das Ganze war, aber es gab einfach keine anderen Worte dafür. Nadya reckte den Kopf etwas in die Höhe. „Nein, das will ich nicht“, sagte sie bestimmt, „Du hast schliesslich keine Schuld daran!“ Aleks fiel ein Stein vom Herzen. Er sah verstohlen zu Marais und dieser nickte aufmunternd. Dann gab er einigen jungen Kadetten barsche Befehle und sie sausten davon. Während Aleks weiterhin Nadya streichelte und ihr so viel Zuneigung zukommen liess wie sie verdiente, bemerkte er nicht, dass Kapitän Chirac angekommen war und sich mit Marais stritt. Erst als Marais von diesem umgerempelt wurde und Chirac auf ihn zu stapfte, hob Aleks den Kopf. Er stand mit grimmigem Gesichtsausdruck auf. Sollte er kommen. Der würde gleich herausfinden, dass man sich nicht mit einem Russen anlegte. Besonders nicht mit Aleks! Als Chirac nah genug war und schon den Mund öffnete um etwas zu sagen, sprang Aleks hervor und knallte ihm seine Faust mitten ins Gesicht. Chirac fiel hinten über und Aleks zitterte vor Wut. „DU ELENDER MISTKERL!! WIE KONNTET IHR SIE EINFACH SO HUNGERN ZU LASSEN?!!“, brüllte er auf Russisch und liess seinem Ärger, sowie seinem Frust, der sich in der Zelle bei ihm aufgestaut hatte, Luft. Er stürzte sich erneut auf Chirac und prügelte auf ihn ein. Sein Bein schmerzte höllisch, besonders als es von Chiracs Fäusten bearbeitet wurde, aber Aleks Wut dämpfte den Schmerz. Ein lautes Brüllen war zu hören und ein Fauchen. Dann packte jemand Aleks von hinten und zog ihn weg. „Beruhigen Sie sich sofort, Mr. Lobanov, Sie machen alles nur komplizierter“, zischte Marais und brachte Aleks wieder zu Vernunft. Er schäumte immer noch vor Wut, aber ihm wurde gewahr, dass Nadya und Chiracs Drache sich gegenseitig anknurrten und jederzeit aufeinander losgehen könnten. Aleks liess sich von Marais zu Nadya bringen, so dass sich diese allmählich beruhigte, aber ihre Augen fixierten weiterhin den gelb-schwarz gestreiften Drachen, der zu Chirac lief und den Kopf hinabsenkte. Aus seinem Mund rauchte es gefährlich. Nadya zog die Lefzen hoch, knurrte erneut und senkte angriffslustig den Kopf. „Schhht, Nadya, bleib ruhig. Wir sind in der Unterzahl“, sagte Aleks und berührte ihre Flanke. Marais hatte immer noch seine Hand auf seinem Rücken – nur zur Sicherheit. Aleks sah, wie man Chirac aufhalf. Er blutete aus der Nase und seine Lippe war aufgeplatzt. Aleks verspürte einen kleinen Triumph, aber wenn es nach ihm gegangen wäre, dann wäre auch noch Chiracs Nase gebrochen – oder der Franzose wäre gar nicht mehr aufgestanden. Aber er stand und stapfte jetzt wütend wie ein Nashorn auf ihn zu. Marais seufzte. „Na, das kann ja was werden“, murmelte er und schloss die Augen, als Chirac ihn anschrie. Er verstummte kurz, als Nadya brüllte. „Was ist?“, fragte er leise und Nadya zischte: „Er meint, dass er dich umbringen will.“ Sofort schüttelte Aleks den Kopf. „Nein, das stimmt nicht. Er sagt das nur so, weil er sauer ist. Sie brauchen mich noch, sonst könntest du ja einfach davonfliegen und das wollen sie nicht“, erklärte er leise. Nadya senkte den Kopf und blies ihm ihren Atem ins Gesicht. „Wirklich?“ Er nickte. In solchen Situationen merkte er immer wieder, wie jung Nadya eigentlich war. Seine Aufmerksamkeit wurde wieder auf die beiden Streitenden gelenkt. Sowohl Chirac als auch Marais machten wilde Gesten auf ihn und Nadya und beide schienen nicht geneigt, nachzugeben. „Ist Marais auf unserer Seite?“, fragte Aleks vorsichtig. Nadya hob ihr blauschwarzes Haupt und lauschte einen Moment. Dann senkte sie ihren gehörnten Kopf wieder zu ihm hinunter und sagte: „Marais behauptet, dass es unverantwortlich ist, so weiterzufahren. Er versucht Chirac zu überreden, dass ich dich pro Tag einmal sehen kann.“ Aleks hob die Brauen und sah zum blonden Franzosen. Es gab eben auch gutherzige Franzmänner. Aleks wandte sich ab und sah hinauf in den Himmel. Wärmendes Sonnenlicht traf auf sein Gesicht und er atmete die frische Luft ein. Wie lange war es jetzt her? Er hatte unten den Überblick über die Tage verloren, die inzwischen verstrichen sein mussten. Aleks schloss die Augen und lehnte sich an Nadyas Flanke, damit er sein Bein entlasten konnte. Er spürte ihre Wärme und vergass alles um sich herum. In diesen Sekunden gab es nur ihn und Nadya. Ihren kräftigen Herzschlag. Das sanfte Grollen, durch das der ganzer Körper vibrierte. Aleks strich langsam über ihre Schuppen und wünschte sich wieder in seine Heimat. Nadya hätte sich dort sicher wohler gefühlt. Die vielen Nadelbäume. Der Schnee. Die langen Nächte. Und keine Leute, die sie bedrohten. Aleks wäre immer bei ihr. Er öffnete die Augen. Wie würde es jetzt weitergehen? Aleks sah zur Seite und beobachtete, dass Marais und Chirac nun etwas ruhiger miteinander diskutierten. Hinter Chirac standen mehrere Männer, die ihn böse anfunkelten. Sein Ausraster würde ihm noch teuer zu stehen kommen. Da werden einige anstrengende Tage auf mich zukommen, dachte Aleks und schauderte. Plötzlich trennten sich die beiden Kapitäne und Marais eilte auf ihn zu. „Wir konnten uns einigen“, meinte Marais dann, „Sie dürfen Ihren Drachen sehen, wenn Nadya dafür alle Übungen ohne Widerworte macht.“ Aleks Magen verkrampfte sich. „In diesem Zustand?“, fragte er und hielt sein Temperament im Zaun. Er würde sich hüten, den einzigen Franzosen zu schlagen, der auf seiner Seite war. Marais lächelte. „Natürlich nicht. Zuerst muss sie wieder etwas zulegen. Also“, er beugte sich vor und flüsterte nun, „Am besten reden Sie ihr ein, dass sie viel Essen soll.“ Er musterte die Drachendame und schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht, warum Chirac das zugelassen hat. Er, als Kapitän, sollte es eigentlich am besten verstehen.“ Der Franzose seufzte und lief kurz zu seinem Drachen. Er streichelte ihn und Aleks bemerkte sofort das enge Band, das die beiden schon miteinander geknüpft hatten. Automatisch sah er zu Nadya hoch. Das Licht der Sonne glänzte zwischen den eleganten Hörnern auf und liessen die blauschwarzen Schuppen glänzen. Aleks kniff die Augen zusammen. Sie wäre ein wunderschönes Drachenweibchen, wenn sie nicht so dünn wäre. „Ich glaub nicht, dass ich das jetzt sage, aber Nadya, ich glaub du musst zunehmen.“ Nadya hob den Kopf und stupste ihn sanft an. „Heisst das, ich darf wieder essen?“, fragte sie und sie klang ungeduldig. Aleks nickte. „Wenn du tust, was sie von dir verlangen“, erklärte er und sah in ihre milchig-weissen Augen. Sie schien zu überlegen. „Ich werde dich jeden Tag einmal sehen, oder?“ Aleks nickte. „Dann bin ich einverstanden“, erklärte sie würdevoll und fügte ganz leise an ihn gewandt hinzu: „Wenn sie mit mir trainieren, dann werde ich irgendwann einfach mit dir wegfliegen.“ Er blinzelte. Sie war schon recht gewitzt. Es stimmte, wenn die Franzosen sie trainierten, war sie stärker und achtsamer und die Gefahr, dass sie bei bester Gelegenheit mit ihm verschwinden würde, war gross. Dennoch… „Ich glaube nicht, dass das so funktioniert“, meinte Aleks bedrückt. „Warum?“, fragte sie unschuldig und ihr stacheliger Schwanz zuckte. Er seufzte. „Weil alle Drachen ein Auge auf dich haben werden.“ Er sah resigniert zu Boden. Heisser Atem kam ihm entgegen. „Du darfst die Hoffnung nicht aufgeben, Aleks“, meinte sie liebevoll. Er lachte kurz auf. So unschuldig. „Nein, da hast du recht.“ Da kamen mehrere Kadetten herbeigeeilt und zogen einen Wagen mit einer toten Kuh mit sich. Nadya hob ruckartig den Kopf. „Oh, lecker!“, rief sie aus und erhob sich. Aleks schüttelte belustigt den Kopf. „Na dann, guten Appetit.“

fly_into_the_darkness/chapter_6.txt · Last modified: 2013/07/28 14:46 by steV