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Chapter 5

Aleks schluckte. Es war ein seltsames Gefühl, das Fliegen. Er bekam ein mulmiges Gefühl in der Magengegend und sah vorsichtig an den gelb-schwarz gestreiften Drachen hinab. Erleichtert stellte er fest, dass er nicht unter Höhenangst litt. Wäre auch zu blöd gewesen, dachte Aleks. Er wandte den Blick nach hinten, wo er Nadya zwischen den beiden anderen Drachen fliegen sah. Sie funkelte diese finster an und warf immer wieder einen ängstlichen Blick nach vorne. Es war, als würde ihm jemand einen Schlag in den Magen verpassen. Sie machte sich so grosse Sorgen um ihn, obwohl sie einander erst wenige Tage kannten. Er spürte, dass das Band, das sich zwischen ihnen gebildet hatte, stärker wurde. Seine Nadya. Ein unangenehmes Gefühl im Rücken machte sich bemerkbar, aber Aleks versuchte es zu ignorieren. Es waren sowieso nur die Franzmänner, die ihn mit ihren Blick zu erdolchen versuchten. Er seufzte. Er hatte Erfahrung mit solchen Blicken. Als Sohn einer Dirne war er mit solchen Blicken gross geworden. Sein Vater hatte das nicht gestört. Er behauptete einfach stets, dass es eine junge Frau gewesen war, die dann an einer Krankheit gestorben war. Auch nicht, das, was Aleks als »akzeptieren« verstand. Doch er hatte sich beweisen können und, Teufel auch, sollten die Franzosen doch versuchen ihn zu Tode zu funkeln, es scherte ihn nicht. Immer noch spürte Aleks, wie Hakennase nah bei ihm stand und vermutlich war seine Pistole immer noch auf ihn gerichtet. Deshalb bewegte sich Aleks auch nicht, obwohl sein Bein anfing zu schmerzen. Er konzentrierte sich auf seine Atmung. Ein. Aus. Ein. Aus. Die Blicke weiter ignorieren. Ein. Aus. Ein. Nicht daran denken. Aus. Ein. Ignorieren, einfach ignorieren. Aus. Aleks knurrte verärgert. Okay, jetzt ging es ihm doch auf die Nerven. Hatten die nichts Besseres zu tun? Aleks gab es auf und erwiderte die Blicke genauso finster und es half: Einige – vor allem die Jüngeren – wandten den Blick ab und nach ein, zwei weiteren Versuchen hörten sie ganz damit auf. Aleks schnaubte leise und sah zu Kapitän Chirac. Der sass ganz vorne am Halsansatz und kritzelte etwas auf ein Blatt. Wie er das schaffte, ohne dass ihm das Papier davon flog, oder er das Gleichgewicht verlor, war Aleks ein Rätsel. Er hatte auch so schon Mühe, sich an die zugegeben gleichmässigen Bewegungen des fliegenden Drachen zu gewöhnen. Aleks seufzte und gab es auf, nach einer Ablenkung zu suchen. Stattdessen beobachtete er die atemberaubende Aussicht und stellte fest, dass sie immer weiter nach Südwesten flogen. Es war ein langer Flug und Aleks registrierte nur benommen, wie die Sonne über sie hinweg wanderte, immer näher an den Horizont und der Himmel sich verdunkelte. Er sah wie es für die Drachen immer mühsamer wurde, die Höhe zu halten. Sie wurden müde. Besorgt sah er nach hinten und bemerkte, dass Nadya noch erschöpfter war als die anderen Drachen. Sie war so lange Flüge einfach nicht gewohnt. Ihre Augen waren halb geschlossen und ihre Flügelschläge wurden immer weniger. Sie fiel zurück. Trotz der Gefahr, dass Hakennase ihn erschoss, richtete sich Aleks etwas auf, um Nadya besser im Blick zu haben. Er hatte den Mund schon zu einem Ruf geöffnet, als er die Hand von Hakennase an seinem Arm spürte. Aleks drehte den Kopf, doch der Franzose blickte ihn nicht an. Er musterte mit leicht gerunzelter Stirn Nadya. Er verharrte eine Sekunde so, dann drehte er sich um und rief seinem Kapitän etwas zu. Dieser hob den Blick von seinen Notizen und sah zu Nadya. Ein besorgter Blick schlich sich auf sein Gesicht, was Aleks überraschte. Er rief über das Rauschen des Windes und der Flügelschläge hinweg nach seinem Drachen und teilte ihm Nadyas Zustand mit – zumindest glaubte Aleks das. Der Drache drehte den Kopf ebenfalls nach hinten und sah dann angestrengt nach vorne. Mit einem tiefen Grollen sagte der Drache: „Là-bas! La base militaire!“ Kapitän Chirac seufzte erleichtert und brüllte Anweisungen. Aleks versuchte aufzustehen, aber sowohl Hakennase, als auch sein pochendes Bein machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Der Franzose legte ihm eine Hand auf die Schulter und drückte ihn unsanft wieder zurück und machte eine Handbewegung mit der bewaffneten Hand. Missmutig blieb Aleks sitzen und sah zu, wie die Drachen langsam absanken und auf einen grossen Platz nahe einer Stadt zusteuerten. Aleks wusste nicht, wie die Stadt hiess, geschweige denn, wo sie nun waren, aber es war sonnenklar, dass das ein Drachenstützpunkt war. Auf dem grossen Platz tummelten sich grosse und kleine Drachen, er erspähte sogar einen echten Fleur-de-Nuit, der gerade erst aufgestanden zu sein schien. Sie alle sahen hoch, als sie die Neuankömmlinge hörten und beobachteten, wie alle vier Drachen zur Landung ansetzten. Besonders Nadya ergatterte viele Blicke, doch sie schien zu müde, um sich ihrerseits umzusehen. Kaum spürte sie den Boden unter ihren Füssen, sackte sie zusammen und schnaufte. Aleks biss sich auf die Lippe. Aus einem Reflex hatte er erneut aufstehen und zu Nadya gehen wollen, doch wieder erinnerte Hakennase ihn an seine Lage. Wütend knirschte Aleks mit den Zähnen und wartete ungeduldig, bis man ihm vom Drachen runterhalf. Dabei gingen sie nicht vorsichtig vor. Einer löste seinen Karabinerhaken vom Ring und gab ihm einen Tritt in den Rücken, worauf er die Seite des Drachens hinunterrutschte, auf dem Boden aufschlug und einknickte. Grob zog Hakennase ihn wieder auf die Beine und schnalzte mit der Zunge. Am liebsten hätte Aleks ihm eine verpasst, aber er hielt sein Temperament im Zaun. Ein Knurren lenkte seine Aufmerksamkeit auf Nadya. Sie war inzwischen wieder aufgestanden. Als sie bemerkte, wie man ihn behandelte, hatte sie ihren Hals elegant in die Höhe gehoben und knurrte überaus aggressiv. „Aleks!“, zischte sie und kam näher. Doch Chiracs Drache versperrte ihr den Weg. „Non“, sagte der Drache. Nun fauchte sie ihn an. Aleks sah hilflos mit an, wie die Drachendame, die ihn nun um einiges überragte, den grösseren Drachen anknurrte. Ihr stacheliger Schwanz peitschte hinter ihr hin und her. Der französische Drache schien ihr etwas zu erklären und sie bleckte die Zähne. Aber sie wirkte beruhigt und sah neugierig zu Aleks hinab. „Sie wollen mich hier ausbilden, du hattest Recht Aleks“, sagte sie und sprach dann Französisch. Ein anderer hellblauer Drache mischte sich ein und redete mit einer recht hohen Stimme auf sie ein. Ermutigt, kamen die anderen Drachen näher und sprachen mit Nadya, die von einem zum anderen sah und überrumpelt schien. „Was…?“, fing Aleks an, doch er wurde von Hakennase zum einzigen Gebäude des plateauähnlichen Stützpunktes gezogen. Bevor er irgendetwas sagen konnte, war er drin. „Alors, claquemurez lui dans le cachot“, meinte Kapitän Chirac, der drinnen auf sie gewartet hatte und bedachte Aleks mit einem vernichtenden Blick. Mit einem unguten Gefühl im Bauch stolperte er einen trostlosen Gang entlang, eine kalte Steintreppe hinunter, immer tiefer, wo kein Tageslicht den Ort erhellen konnte und dafür Kerzen angezündet wurden. Hakennase stiess ihn unsanft vorwärts, die Kerze in der einen, die Pistole in der anderen Hand. Sie sprachen kein Wort, nur die Schritte auf dem kalten Steinboden waren zu vernehmen. Aleks erkannte im Schein der Kerze, Zellen und seine Vermutung bestätigte sich. Sie wollen mich einsperren und von Nadya fernhalten, dachte Aleks erbost. Offenbar hatte Hakennase seinen Zorn bemerkt, denn er murmelte etwas, das sehr nach einer Drohung klang und brachte ihn zum Stehen. Unglücklich musste Aleks zusehen, wie Hakennase mit einem zufriedenen Lächeln die Schlüssel hervor holte, eine Zelle öffnete und ihn hinein führte. Er knallte die Tür zu, schloss ab und lief pfeifend davon. Das Licht nahm er mit sich und Aleks wurde von gähnender Dunkelheit verschluckt. Hoffnungslosigkeit befiel sein Gemüt und er trommelte wütend auf die Steinwand zu seiner linken ein. Wieso musste das alles auch ihm passieren? Alles hatte mit einer unschuldigen Feier angefangen und wo war er nun? In einer stockdunklen Zelle, wo es feucht und kalt war – und von Nadya getrennt. Was würde jetzt aus ihm werden? Aleks hörte auf und sank mut- und kraftlos an der Wand herab. Eine düstere Zeit stand ihm bevor. Schon jetzt vermisste er Nadyas Direktheit und ihre ungezwungene Lebhaftigkeit. Sie hatte alles viel erträglicher gemacht. Das leise Plätschern von Wasser, das in eine Pfütze tropfte, und seine eigenen Atemzüge waren das Einzige, das Aleks hören konnte. Er war allein. Allein in einer dunklen Zelle. Seine Gedanken kreisten um Nadya als seine Lieder sich senkten und er in einen traumlosen Schlaf fiel.

Aleks wurde von schweren Schritten geweckt. Er lag immer noch wie er eingeschlafen war: Gegen die Wand gelehnt, die Beine allerdings ausgestreckt und sein Kopf war zur Seite gekippt. Ein pochender Schmerz erinnerte ihn an seine Beinverletzung und er legte eine Hand vorsichtig auf das linke Bein. Tja, ich hab jetzt genug Zeit, um es auszukurieren, dachte er säuerlich und hob den Kopf. Es war sogar noch kälter geworden als zuvor und die Dunkelheit irritierte ihn. Er war daran gewohnt, den Lauf der Sonne mitzubekommen. Hier unten drang kein einziger Sonnenstrahl herein, so tief lag der Kerker unter der Erde. Langsam gewöhnten sich Aleks Augen immer besser an die Dunkelheit und ihm fiel der kleine Lichtpunkt auf, der langsam auf ihn zu kam und die Uniform eines französischen Soldaten erhellte. Der Mann war Aleks unbekannt und er verwarf den Gedanken an seine Fragen. Wo war Nadya? Was machten sie mit ihr? Wollten sie ihn für immer hier einsperren? Aber dieser Wächter würde diese Fragen nicht beantworten können, geschweige denn verstehen. Der Franzose stellte einen Teller ab, auf dem ein Stück Brot und ein Glas Wasser stand, lief mit der Kerze wieder zum Ausgang und verriegelte die Tür. Die Tür verschluckte jeden weiteren Laut und Aleks umgab wieder gähnende Stille. Aleks machte sich nicht die Mühe, nach weiteren Gefangenen zu rufen. So still wie es war, konnte es keine anderen geben. Nur sein Atem und seine eigenen Bewegungen hallten an den Wänden wider. Schon jetzt fühlte er sich einsamer als jemals zu vor, sogar noch einsamer als an dem Tag des Überfalls. Sterben war eine Sache. Alleine verrotten eine andere. Sein Magen knurrte laut. Er sah zum Brot und betrachtete das Tablett eine Weile. Er seufzte und langte durch die Gitterstäbe danach. Es hatte keinen Sinn es zu verschmähen. Selbst wenn es aus Trotz geschah, wen zum Teufel würde es scheren ob er hier unten verhungerte? Niemanden ausser Nadya. Und bei Gott, das wollte er ihr nicht antun. Kraftlos und ins Leere starrend ass er die Scheibe Brot und trank das Glas leer. Er hatte immer noch Hunger, aber es kümmerte ihn nicht. Seine Gedanken kreisten um Nadya. Fragte sie sich schon wo er blieb? Ging es ihr gut? Vermutlich besser als ihm. Und dann wanderten seine Gedanken weiter. Er würde seine Freunde nie wieder sehen. Seinen Vater auch nicht. Er würde die einzigartige Landschaft Russlands nicht mehr erblicken und nie mehr das Heulen der Wölfe hören, bevor er einschlief. Er würde hier langsam dahin siechen, Nadya würde ihn vergessen und dann wäre es aus mit ihm. Aleksander Lobanov! Hör verdammt nochmal auf so pessimistisch zu denken! Sie würde dich niemals vergessen, sagte er sich im Stillen, auch wenn es kein grosser Trost war. Es würde rein gar nichts ändern, ausser, dass er tatsächlich irgendjemanden da draussen hatte, der auf ihn wartete. Der Überfall war inzwischen bekannt, da war sich Aleks sicher. Der Admiral wartete nie so lange auf eine Nachricht. Wahrscheinlich dachten er, sowie alle anderen, dass er genau wie die anderen getötet worden war. Es gab also nur noch Nadya. Und jetzt hatte man sie getrennt. Aleks knurrte, wütend auf seine eigenen Gedanken und knallte das Glas gegen die andere Wand. Es war doch zum verrückt werden! Seit wann war er denn so ein Jammerlappen geworden? Er schüttelte den Kopf und schloss wieder die Augen.

fly_into_the_darkness/chapter_5.txt · Last modified: 2013/07/13 10:21 by steV