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Chapter 4

Aleks schlief schlecht. Er machte sich grosse Sorgen um Nadya und was nun aus ihnen werden würde. Irgendwann wurde es im zu blöd im Zelt liegen zu blieben. Er schnappte sich seine Krücken, lief hinaus und ging zu Nadya. Es war vermutlich kurz vor Sonnenaufgang, denn der Himmel schien immer heller zu werden. Die Franzosen, die Wache hielten, beäugten ihn misstrauisch. Er ignorierte die Blicke und steuerte auf Aeolus und Nadya zu. Der grün-braune Plein-Vite war schon wach und beobachtete ihn. Neben den Soldaten war der Drache dafür zuständig, dass Nadya nicht mit Aleks verschwand und so verfolgte er aufmerksam jeden von Aleks Schritten. Dieser lief zur schlafenden Nadya und setzte sich neben sie. In Gedanken versunken, strich er über ihre Klaue und fühlte bei ihrem Anblick eine innere Ruhe. „Wer hätte das gedacht“, murmelte er sehr leise, „Ich ein Kapitän.“ So was hätte er sich nie vorgestellt. Kapitäne des Luftkorps wurden gewöhnlich nur die, die schon von Kindesbeinen an mit Drachen gearbeitet hatten. Und jetzt war er, ein einfacher Soldat, Kapitän. Die Frage war nur, für wie lange. Falls Aleks und Nadya die Franzosen überlebten – was sehr unwahrscheinlich war – so würde man auch in Russland versuchen Nadya an einen fähigen Kapitän abzugeben. Von solchen Fällen hatte er einmal gehört und meistens funktionierte es ohne Probleme. Er verspürte einen seltsamen Stich in seiner Magengrube, als er daran dachte, Nadya womöglich zu verlieren. Denk nicht darüber nach, dachte er betrübt, Wahrscheinlich überlebst du die Franzosen sowieso nicht. Ein lautes Knurren riss ihn aus den Gedanken. Nadya war aufgewacht und hob verschlafen den Kopf. „Wieso bist du so früh schon wach?“, fragte sie und gähnte, wobei sie ihre scharfen, weissen Fangzähne zeigte, „Du solltest doch schlafen, dich ausruhen und genesen.“ Aleks lachte leise auf und strich ihr belustigt über die Nüstern. „Bemutterst du mich jetzt? Ich bin sechsundzwanzig, meine Liebe, ich kann auf mich selbst aufpassen.“ „Du gibst dir nicht genügend Sorge“, widersprach sie gereizt, „Du denkst über alles andere nach, nur nicht, wie du am schnellsten gesund wirst. Also tu ich das!“ „Lass uns nicht streiten“, lenkte Aleks ab und seufzte. Sofort merkte der Drache, dass etwas nicht stimmte. „Aleks, was ist los?“, fragte sie besorgt und stupste ihn vorsichtig an. Er schüttelte den Kopf. „Es ist nichts–“ „Sag das nicht“, meinte Nadya beleidigt, „Ich bin jetzt älter, du kannst mir sagen, was los ist! Du kannst mir vertrauen.“ Ein wohliges Gefühl breitete sich in ihm aus und er lächelte versonnen. Es stimmte, sie war älter, aber dennoch sehr jung. Aleks überlegte. Aber sie war sein Drache. Er setzte sich und lehnte sich an ihre linke Flanke. „Wie wahr! Tut mir leid. Es ist nur… heute sollen wir verlegt werden“, gestand er. Nadya hob ruckartig den Kopf. „Wohin denn?“ „Ich weiss es nicht“, erklärte er und fuhr leiser fort, „Aber ich denke, sie werden versuchen, dich umzustimmen.“ Sie stiess ein empörtes Brüllen aus, das sämtliche Wachen erschreckte. Aleks hob die Arme und versuchte sie zu beruhigen. „Sei still, sie sollen doch nichts davon hören!“ „Sie werden dich mir nicht wegnehmen!“, fauchte Nadya und knurrte bedrohlich. Aleks selbst war mulmig zumute und er sagte: „Schhht, beruhig dich doch! Sie werden es nicht schaffen, wenn du so dagegen bist.“ Nadyas Nasenlöcher blähten sich auf und das Knurren verebbte. Es war erstaunlich, dass nur ein Wort von ihm genügte, um ein so gefährliches Geschöpf zu beruhigen. „Sie werden es nicht schaffen“, murmelte sie leise, aber bestimmt, „Du gehörst mir!“ Aleks schmunzelte über ihre Formulierung. „Hörst du mir wieder zu?“ Nadya beobachtete misstrauisch die Wachen, doch dann wandte sie sich wieder ihm zu. „Ich weiss nicht, wohin sie uns bringen, aber vermutlich wollen sie auch, dass du auf Seiten der Franzosen kämpfst.“ Nadya blinzelte. „Oh. Heisst das, ich werde mit Aeolus zusammen kämpfen? Und mit dir?“ Einen Moment lang sah er sie bestürzt an. Sie schien überhaupt nicht abgeneigt von der Vorstellung. Sofort gab er sich im Stillen einen Rüffel. Warum sollte es sie auch stören? Sie kannte nur französische Drachen und er hatte ihr bis jetzt nie erzählt, dass er eigentlich zur gegnerischen Seite gehörte. Viele Zeichen deuteten zwar darauf, aber Nadya wusste nicht, dass die Franzosen gegen die Engländer und Russen kämpften, ausserdem war sie doch dauernd am Lernen gewesen. „Naja… äh, weisst du Nadya, es… nun…“ Nadya horchte auf und senkte den Kopf auf seine Höhe. „Was ist? Ich werde doch mit dir und Aeolus kämpfen? Gut, er hat behauptet, dass er nicht kämpfen würde, weil er Späher ist, aber mit dir werde ich kämpfen, oder?“ Aleks zögerte einen Moment. „Nun, nein, vermutlich nicht.“ „Wieso nicht?“ „Weil ich ein Gegner der Franzosen bin. Die Russen sind gegen sie und sie werden mich ganz bestimmt nicht auf deinen Rücken fliegen lassen. Ich könnte mit dir abhauen und dann hätten sie nicht nur einen wertvollen Drachen verloren, sondern einen neuen gegen sich.“ Nadya riss die Augen weit auf. „Du bist gegen sie?“ „Ja, ich bin Russe. Ich hätte es dir vorher sagen sollen. Vielleicht möchtest du jetzt nicht gegen die Franzosen kämpfen…“ „Unsinn“, unterbrach sie ihn schroff, „Du bist mein Kapitän und ich bin auf deiner Seite! Ausserdem wollen sie dich mir wegnehmen, deshalb werde ich nicht für sie kämpfen!“ Aleks Stolz schwoll an. Doch bevor er irgendetwas sagen konnte, hörte er ein Rauschen und Nadya sah nach oben. „Da kommen ein paar Drachen“, meinte sie und er hörte Aufregung in ihrer Stimme. Abgesehen von Aeolus hatte sie noch keine anderen Drachen gesehen. Aleks nahm seine Krücken und stand auf. Er fühlte ein unangenehmes Kribbeln in seinem Bauch und er sah finster zu, wie drei Drachen über sie hinwegflogen, Kreise zogen und zur Landung ansetzten. Einer der Drachen war schwarz mit gelben Streifen, die anderen beiden sahen ihm ziemlich ähnlich. Sie schienen alle drei derselben Rasse anzugehören, aber etwas stimmte nicht ganz und Aleks runzelte sie Stirn. Die Männer auf dem Drachen stiegen nicht ab, was Aleks noch misstrauischer machte. Nur zwei Männer stiegen von dem ersten schwarz-gelb gestreiften Drachen ab und kamen auf ihn zu. Sie blieben einige Schritte vor ihm stehen und fingen an Französisch zu reden. Er schürzte die Lippen und flüsterte Nadya zu: „Was haben sie gesagt?“ „Sie haben gefragt wer du bist und wo Marais ist“, übersetzte sie und antwortete den Franzosen. Sie wirkten überrascht und funkelten ihn verächtlich an. Er spannte seine Muskeln an und sah sie genauso finster an. Endlich kam Marais zu ihnen und rettete die Situation. „Excusez-moi… Ah, Capitaine Chirac!“, sagte Marais und Aleks sah zu, wie er sich höflich mit dem Kapitän unterhielt. Immer wieder machte er wilde Gesten und redete so schnell, dass Aleks es aufgab, nach bekannten Worten zu horchen. „Was reden sie jetzt?“, fragte er und merkte, wie peinlich es ihm war, dass sein Drache ihm das Gespräch übersetzen musste. Nadya knurrte verärgert. „Sie reden von einem Stützpunkt. Welcher der Beste ist, um mich auszubilden. Und der andere Kapitän fragt Marais, warum er uns zusammen sein lässt.“ Nun konnte er Nadyas Zorn nachempfinden. Irgendwie hatte er trotz allem gehofft, dass sie es aufgeben würden, aber GOTT waren diese Franzosen stur! „Ach, die können mich alle Kreuzweise!“, fluchte er leise auf Russisch. Die Männer sahen kurz zu ihm rüber, straften ihn mit einem bösen Blick und wandten sich wieder ihrem Gespräch zu. Er knirschte mit den Zähnen und sah missmutig in den Himmel. Ein schöner Tag, der Himmel war überraschend blau und es war recht angenehm warm für den Frühlingsbeginn. Ein Räuspern lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf Marais und die anderen zwei, die sich nun ihm zugewandt haben. Marais kam etwas näher und sagte: „Du wirst mit Kapitän Chirac reisen. Er wird Euch zu einem sicheren Stützpunkt bringen.“ Aleks nickte langsam. Seine Kehle war trocken. Kapitän Chirac macht eine Geste, die ihm bedeutete, ihm zu folgen. Doch noch während er den ersten Schritt machte, sprang Nadya vor und versperrte ihm den Weg. „Warum darf er nicht auf mir fliegen?“, fragte sie Marais. Alle drei Franzosen wirkten äusserst angespannt. Marais fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Weil… auch wenn er dein Kapitän ist, ist er immer noch–“ „Der Feind“, beendete Aleks den Satz. Nadya knurrte. „Ich will das nicht!“ Da verlor der Kapitän Chirac die Nerven. „Fais ce que nous voulons, ou alors votre capitaine va se blesser!“, drohte er und dessen Gefolgsmann richtete eine Pistole auf Aleks. Nadya erstarrte. Alle hielten den Atem an. Dann, ganz langsam, zog sich Nadya mit gesenktem Kopf zurück und er Gefolgsmann des Kapitäns packte Aleks am Arm, die Pistole in der anderen Hand. Er hätte fast das Gleichgewicht verloren, aber er gab keinen Mucks von sich. Mit diesen beiden war nicht gut Kirschen essen. „Allez!“, befahl der Kapitän und Aleks wurde zum schwarz-gelben Drachen gebracht. Es war mühsam mit dem verletzten Bein an den Riemen hochzuklettern, vor allem, weil er das noch nie gemacht hatte. Der Gefolgsmann – Aleks nannte ihn im Stillen Hackennase – hatte ihm ein Geschirr mit Karabinerhaken angelegt und als er oben angelangt war, hakte er sich in einem der Ringe ein. Die Mannschaft des Drachen musterte ihn mit ebenso verächtlichen Blicken wie ihr Kapitän und Aleks gab sich alle Mühe sie zu ignorieren. Dennoch zitterten seine geballten Fäuste und er konzentrierte sich mit aller Kraft auf Nadya, die ihn mit grossen, ängstlichen Augen beobachtete. Als alle, auch der Kapitän, auf dem Drachen sass, gab er das Signal zum Abflog und vier Drachen erhoben sich in die Lüfte.

fly_into_the_darkness/chapter_4.txt · Last modified: 2013/07/02 16:37 by steV