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Chapter 3

So vergingen mehrere Tage, in denen Aleks sein Bein schonte und mit Marais zusammen Nadya Englisch beibrachte. Es viel ihr leichter als er gedacht hatte, aber sie ging mit solchem Eifer an die Aufgabe, dass es schon wieder wenig verwunderlich war. Aleks bewunderte ihre Entschlossenheit. Als er mit 14 von seinem Vater Unterricht erhalten hatte, wäre er am liebsten abgehauen. Es war ihm schwer gefallen, weil er sich so gegen das Lernen gewehrt hatte. Nicht so Nadya. Sie wollte sich so sehr mit Aleks unterhalten können, dass er sie fast anschreien musste, damit er etwas Ruhe bekam. Sie verliess nur zum Essen das Zelt und verweilte ansonsten neben seiner Matratze und lernte. Nach fünf Tagen brachte ihm Marais Krücken, damit er aus dem Zelt rauskam. „Ihr Drache benötigt hin und wieder eine kleine Flugrunde.“ Es gefiel dem Franzosen immer weniger, dass Nadya in Aleks Nähe sein wollte, aber egal was er auch sagte, sie ignorierte ihn und freute sich diebisch über die Krücken. So konnte Aleks etwas an die frische Luft und bekam die Gelegenheit, das französische Lager zu erkunden. Es war eigentlich ziemlich unspektakulär, wenn man von Nadya und dem kleinen grün-braunen Drachen absah, der etwas abseits neben einem einzelnen Zelt schlief. Nadya stellte ihn als Aeolus vor, Marais‘ Drachen. Ansonsten entdeckte er keine Drachen und beobachtete sogar, dass ausnahmslos alle Franzosen im Lager, die sehr jung zu sein schienen, ängstlich zum Drachen hochstarrten. Er hatte es kurz Nadya gegenüber erwähnt, die er als einzige Verbündete im Lager ansah, aber sie war dummerweise zu Marais gerannt und hatte ihn gefragt. Mit säuerlicher Miene hatte er ihnen geantwortet: „Diese Soldaten – nein, Kinder trifft es besser – wissen, wie Sie, absolut nichts im Umgang mit Drachen. Sie wussten nicht einmal, dass man einen Drachen anschirren sollte, bevor man ihn füttert! Quelle horreur!“ „Aber das ergibt keinen Sinn“, hatte Aleks gesagt, „Warum sollten denn ausgerechnet sie ein Drachenschlüpfling bei sich haben?“ „Nicht ein Schlüpfling, ein Ei“, verbesserte Marais hitzig. Er war so in seiner Schimpftirade versunken gewesen, dass er vermutlich vergessen hatte, mit wem er redete. „Über den Flugweg ging es nicht. In letzter Zeit sind so viele russische Drachen gesichtet worden, das konnten wir nicht riskieren. Und dann ist la dame ici einfach geschlüpft. Und diese Idioten geben ihr auch noch zu fressen und dann schauen sie einfach nur zu wie sie davonfliegt anstatt sie einzufangen! Merde!“ Aleks liess ihn ausschimpfen und sah zu Nadya. Diese schien eher unbeeindruckt. „Und wieso bist du dann zu mir gekommen? Wo du doch frei warst?“, fragte er sie verwirrt. Sie blinzelte und rieb ihren Kopf an sein Bein. „Du sahst so hilflos und süss aus, ich konnte dich nicht einfach da liegen lassen.“ Seine Mundwinkel zuckten. Süss? Hilflos? „Du warst ein Schlüpfling“, wies er sie zurecht, „Wie wolltest du mir da helfen?“ Sie hatte ihn beleidigt angeknurrt. „Ich hab dir geholfen! Ohne mich wärst du da draussen erfroren! Mein armer Aleks!“ Sie war wie eine Katze um seine Beine gestrichen und hatte ihn rührselig angesehen. Aleks hatte das so amüsant gefunden, dass er lachte. Die Kleine wusste auf jeden Fall, wie man jemanden um den Finger wickelte. Ein Blick von ihr genügte und er würde ihr jederzeit zur Seite stehen. Ausserdem hat sie mir das Leben gerettet, verteidigte er sich, Da muss ich doch für sie sorgen. Marais hatte die beiden stillschweigend beobachtet und den Kopf geschüttelt. „Ich glaub es einfach nicht“, murmelte er leise. Es schien ihn richtig zu nerven, dass seine Leute Nadya an einen Russen verloren hatten. Aleks verkniff sich einen Kommentar und sah wieder zu den jungen Soldaten, die angeregt miteinander tuschelten. Sie sahen wirklich sehr jung aus – neunzehn, die ältesten vielleicht dreiundzwanzig. „Wieso gibt es überhaupt so junge Truppen so nahe an den Grenzen“, fragte er. Marais hatte aufgeblickt und die Zähne zusammengebissen. Er antwortete nicht, sondern warf ihm einen finsteren Blick zu. „Oh. Ich verstehe“, meinte Aleks kühl. Zu erzählen, dass die Franzosen ihre Eier zu Fuss von den Zuchtgehegen zu den Drachenstützpunkten brachten, war okay, aber warum junge Männer an die Front mussten, war streng geheim. Womöglich haben sie weniger Truppen zu Verfügung, dachte Aleks. Aber es ergab keinen Sinn. Wohin sollten denn all die Leute hin sein? Aleks wusste, dass Napoleon in letzter Zeit keine gravierenden Verluste erlitten hatte. Wieso dann die Jungen? Er schüttelte den Kopf. Vermutlich würde er es nie erfahren. Seine Gedanken schweiften ab und er dachte über seine Zukunft und die Nadyas nach. Dass er sie automatisch in seine Pläne einbezog fiel ihm gar nicht auf. Sie mussten auf jeden Fall freikommen. Aleks wollte nicht, dass Nadya gezwungen wurde, gegen die Russen oder gegen die Engländer zu kämpfen. Er wusste nicht, wohin Marais sie bringen würde, aber irgendwann würde Nadya genug gross sein, um in den Krieg zu ziehen. Aleks konnte eins und eins zusammen zählen und merkte, dass sie den Franzosen ausgeliefert waren. Sie mussten tatsächlich nur sein Leben bedrohen und sie würde alles für sie tun. Er wollte das nicht zulassen. Niemand, absolut kein Lebewesen hatte das verdient. Aber Aleks fiel nie die geeignete Strategie für eine Flucht ein. Das Lager wurde gut bewacht seit Marais die jungen Soldaten zusammengestaucht hatte und er konnte sein Bein immer noch nicht belasten. Es war zum verrückt werden. „Qu'est-ce qui se passe ?“, fragte Nadya besorgt, als sie ihn ein paar Tage später fluchen hörte. Aleks hatte diese Frage schon oft von ihr gehört und wusste, dass sie ihn fragte, was mit ihm los war. „Nichts, alles in Ordnung“, murmelte er und streichelte ihren Kopf. Inzwischen reichte ihre Schulter bis zu seiner Brust. Er war überrascht, wie schnell sie wuchs, aber Marais hatte ihnen versichert, dass das bei Drachen normal war. „Die Kleine wird sogar ein Schwergewicht. Was für eine Schande!“ Aleks unterdrückte ein Grinsen und drehte sich von dem Franzosen weg. Er streichelte die blau-schwarzen Schuppen Nadyas und bewunderte ihre Schönheit. Nadyas Farbe war immer kräftiger geworden und nachts konnte er sie kaum noch sehen. Noch trampelte sie etwas laut herum, aber in der Luft war sie so leise wie eine Eule und er konnte nachvollziehen, warum die Fleur-de-Nuit gefährlich waren. Mit ihren milchig-weissen Augen konnte Nadya in der Nacht sehen und liebte es auch des Nachts zu fliegen. Marais hatte sie einmal ganz unschuldig gefragt, ob sie ins Licht der Sonne sehen könne, ohne dass es schmerze. Sie hatte hochgeblickt und den Kopf geschüttelt. Daraufhin hatte Marais geflucht wie ein Kesselflicker. „Ich glaube, es ist unüblich, das Fleur-de-Nuit auch Tagsüber so gut sehen“, flüsterte Nadya ihm einmal leise zu. Aleks stimmte ihr lachend zu. Er vermutete, dass diese Rasse nicht umsonst das Wort Nuit im Namen hatten. „Du bist eine Kreuzung, Nadya, da kann einiges anders sein. Neben der zusätzlichen Tagsicht scheinst einige andere Attribute des anderen Elternteil angenommen zu haben.“ Darauf war die Drachendame besonders stolz. Und Aleks war aufgefallen, dass sie eine ausgeprägte Kampfeslust hatte. Immer wieder fragte sie ihn, ob sie bald miteinander in die Schlacht ziehen würden. Aeolus hätte ihr viel von dem Krieg erzählt und jetzt wollte sie es auch einmal ausprobieren. Aber Aleks wehrte ab. Erstens hätte Marais Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit er nicht auf ihren Rücken gelangte, zweitens war sie noch etwas zu klein und drittens würde er sicherlich von ihrem Rücken in den Tod rutschen. Also hatte er sie sanft, aber bestimmt abgewiesen. Sie schien etwas enttäuscht, aber ihre Laune konnte kein Wässerchen trüben. Heute war sie – wie so oft – damit beschäftigt, ihr Spiegelbild in einer grossen Pfütze aus geschmolzenem Schnee zu begutachten. Nadya waren Hörner gewachsen, die elegant, schwarz und lang waren, bogen sich schön nach hinten und am Schwanzende bildeten sich gefährliche Stacheln. Marais trat zu ihm, als Aleks seinen Drachen gedankenverloren anstarrte. „Sie ist wahrlich eine Kreuzung“, meinte er, „Ihr müsst wissen, Fleur-de-Nuit haben keine Stacheln oder Hörner. Die hat sie von ihrem anderen Elternteil. Ich wüsste zu gern, was das für ein Drache war…“ „Ihr wisst das nicht?“, fragte Aleks verwundert und drehte mithilfe der Krücken zu Marais um. Dieser schüttelte den Kopf. „Ich arbeite nicht in Zuchtgehegen und ich hab das Ei nicht abgeholt. Sie wird sich in der Schlacht als tödlich erweisen, da bin ich mir sicher.“ Eine Weile schwiegen beide, dann räusperte sich Marais. „Wir reisen demnächst ab.“ Aleks schauderte. „Wohin?“, fragte er leise. Marais Blick war bemüht ausdruckslos. „Zu einem unserer Stützpunkte. Nadya wird dort ausgebildet werden.“ Und ich eingekerkert, dachte Aleks wütend. Er zügelte seine Wut und fragte: „Wann?“ „Morgenfrüh.“

fly_into_the_darkness/chapter_3.txt · Last modified: 2013/06/22 15:41 by steV