User Tools

Site Tools


fly_into_the_darkness:chapter_2

Chapter 2

Aleks war, als würde er in der Dunkelheit ziellos umhertreiben. Er versuchte sich zu wehren, aufzustehen oder eine klare Richtung einzuschlagen, aber er hatte keine Kraft. Immer mal wieder hörte er Stimmen, die einen seltsamen Singsang von sich gaben, Bilder zuckten vor seinem Auge auf, aber er konnte sie nicht festhalten. Dann driftete er wieder in tiefe Dunkelheit. Er wusste nicht, wie lange er in diesem Zustand war, aber als er wieder einmal aus der Dunkelheit hervorbrach, fühlte er sich viel besser. Das Schwindelgefühl, das ihn andauernd begleitet hatte, war weg und er öffnete die Augen. Eine Zeltdecke erhob sich über ihn und Aleks merkte, dass er auf einer Matratze lag. Er wollte sich aufrichten, aber seine Muskeln fühlten sich an als hätte er sie eine Ewigkeit nicht benutzt. Mühsam schaffte er es trotzdem sich aufzusetzen. Ein Stechen lenkte seine Aufmerksamkeit auf sein linkes Bein. Er warf die Wolldecke, in die er gewickelt war, zur Seite und bemerkte, dass sein Oberschenkel verbunden worden war. Haben es doch einige geschafft? , schoss es ihm durch den Kopf. Sofort erinnerte er sich an den Überfall im Grenzgebiet und sah sich im Zelt um. Neben der Matratze gab es nur noch einen Tisch mit Stuhl und einen Stapel Decken. Eine Lampe auf dem Tisch erhellte das Innere. Der Eingang des Zeltes war zu, dennoch hörte Aleks leise Stimmen und entferntes Lachen. Wo war er? Hatten einige Kameraden den Angriff überlebt und ihn aufgelesen? Er versuchte etwas zu verstehen, aber sein Verstand war nicht ganz beieinander. Er stöhnte leise und hielt sich den Kopf. Da hörte er leise, tapsende Schritte und der Kopf einer kleinen Echse lugte ins Zeltinnere hinein. Der junge Drache von vorhin. Als das Junge erkannte, dass Aleks wach war, stiess es einen erfreuten Laut aus und schlüpfte ganz hinein. Aleks blinzelte. Er hatte das Junge kleiner in Erinnerung. Konnte ein Drache, dessen Schultern bis zu seinen Knien kamen, auf seiner Brust liegen? Wohl kaum. Er schüttelte verwirrt den Kopf. Vielleicht bildete er sich das auch nur ein. Aber auch nachdem er sich die Augen gerieben hatte, war es genauso gross wie vorher. Wuchsen Drachen so schnell? Das Junge legte den Kopf schief und wartete. Im Licht, dass von der Lampe kam, begutachtete er das nicht mehr so kleine Drachenbaby. Im Wald hatte er irgendwie nicht darauf geachtet, aber jetzt sah er, dass es eine blauschwarze Färbung hatte. Die Augen des Drachen waren hell, fast weiss, der Hals formte ein schönes S und er hatte recht schöne Proportionen – zumindest für einen Aussenstehenden wie Aleksander. Er kannte sich überhaupt nicht mit Drachen aus. Sein Metier waren Zweikampf und Schiessereien am Boden. Plötzlich öffnete der Drache den Mund und sprach mit einer melodischen, weiblichen Stimme: „Comment t’appelles-tu?“ Aleks riss seine Augen weit auf und schon wieder stand sein Mund offen. Hatte das Junge gerade geredet? Erneut stellte der Drache die Frage und wieder reagierte er nicht darauf. Der Drache schnaubte und sagte: „Ce n’est pas gentil. Parle avec moi!“ Aleks gab sich einen Ruck. „Ähm, tut mir leid, aber ich spreche kein Französisch“, sagte er und hob entschuldigend die Arme. Der Drache richtete sich auf. Offenbar war er – sie – überrascht. Die Drachendame kam näher und musterte ihn von oben bis unten. Dann flitzte sie aus dem Zelt und liess Aleks allein. Unglaublich, dache Aleks und kniff sich selbst in den Arm. Das Weibchen hatte mit ihm gesprochen. Dass Drachen wirklich reden konnten, hatte er nicht gewusst. Plötzlich kam das Weibchen wieder hereingewuselt, dicht gefolgt von einem grossen blonden Mann in blauer Uniform. Aleks spürte, wie er erbleichte. Ein Franzose. Der Mann hob die Brauen und sah zum Drachen herunter. Die Dame fing sofort an zu sprechen: „Je veux parler avec lui, mais il ne comprends rien de français!“ Der Mann nickte langsam. Aleks war wie vom Donner gerührt. Das Gespräch, von dem er sowieso kein Wort verstand, interessierte ihn nur in Massen. Er war von Franzosen geschnappt worden. Alle Hoffnung, die er sich beim Erwachen gemacht hatte, fiel in sich zusammen und eine böse Vorahnung kam in ihm auf. Sie wollten ihm Informationen entlocken oder hatten sonst was mit ihm vor. Bei diesem Gedanken wurde ihm wieder übel und er schloss kurz die Augen. Stattdessen konzentrierte er sich auf das Gespräch zwischen dem Franzosen und der Drachendame. „Peut-être il parle d’anglais?“, meinte der Mann nun. Das Weibchen knurrte zufrieden und wandte sich schnell an Aleks. „Est-ce que tu parles d’anglais? Je veux dire… Eng…Engl…English“, sagte sie und übersetzte das letzte Wort auf Englisch. Aleks fiel ein Stein vom Herzen. „Ja, kann ich“, erklärte er auf Englisch. Sein Vater war ein russischer Händler gewesen und hatte viel mit Engländern gehandelt. So hatte er gelernt, flüssig Englisch zu sprechen. Auch der Franzose schien erleichtert. „Das ist gut“, meinte er ebenfalls auf Englisch, auch wenn der Akzent sehr stark war. Und schon bangte Aleks um sein Leben. Was auch immer die mit ihm vorhatten, es würde ihm ganz und gar nicht gefallen. Der Franzose beachtete seine Reaktion nicht im Mindesten, sondern fing an, mit ihm zu reden. „Sie waren lange bewusstlos – ich würde sagen eine Woche. Hin und wieder sind Sie aufgewacht, aber Sie haben sehr viel Blut verloren und sind meist wieder ohnmächtig geworden. Wir haben Sie verarztet und in unser Lager gebracht“, erklärte er und sein Blick huschte kurz zum Drachen hinunter. Aleks runzelte die Stirn. „Wieso? Was habt Ihr mit mir vor?“ Der Franzose seufzte schwer. „Soll ich ehrlich sein? Wir hätten Sie zurückgelassen, da die Chance, dass Sie die Nacht überleben zu klein war. Der Grund, warum Sie noch leben, ist die kleine Drachendame vor Ihnen. Sie ist nicht von Ihrer Seite gewichen.“ Jetzt wusste Aleks wirklich nicht, was er sagen sollte. Entgeistert starrte er das Weibchen an und diese starrte zurück. Dann wandte sie sich an den Franzosen. „Est-ce que tu me le traduis?“, fragte sie und der Franzose übersetzte das eben gesagte auf Französisch. Aleks beobachtete, wie das Weibchen mit dem Kopf nickte und sich zu ihm umdrehte. Sie stiess ein Knurren aus, aber es wirkte nicht aggressiv. „Was…?“, fragend wandte sich Aleks an den Franzosen. Er sah, wie dessen Mundwinkel sich senkten, dann antwortete er: „Sie wird Euch nicht mehr verlassen. Sie hat Euch zu ihrem Kapitän erwählt.“ Sein Tonfall sagte ihm, dass er nicht besonders glücklich darüber war. Aleks wurde panisch. „ICH? Ein Kapitän? Nein, das kann nicht… ich bin doch bloss einfacher Soldat… das ist völlig… das geht doch nicht einfach so“, sagte er, aber der Franzose schüttelte den Kopf. „Wir hätten es auch lieber anders. Aber sie lässt sich nicht mehr umstimmen“, sagte er und fügte leise für sich hinzu: „Wenn diese Dummköpfe dem Drachen bloss kein Futter geben und ihn stattdessen angeschirrt hätten.“ Aleks sah wieder zur Drachendame hinab. Sie kam einen Schritt näher und hob erwartungsvoll den Kopf. „Aber“, begann Aleks, „Wir können nicht einmal miteinander kommunizieren. Das ist doch verrückt!!“ Der Franzose schnaubte. „Da kann man Abhilfe schaffen. Wir werden ihr Englisch beibringen.“ „Warum sollten Sie das tun? Ich bin Russe, ich steh auf der gegnerischen Seite“, erinnerte er ihn wenig geistreich. Der Franzose nickte. „Stimmt, aber Drachen sind wertvoll und als Fleur-de-Nuit können wir sie besonders gut gebrauchen.“ Er warf Aleks einen vielsagenden Blick zu, aber Aleks verstand immer noch nicht. „Wofür brauchen Sie dann mich?“ Der Franzose murmelte irgendetwas auf Französisch und der Drache fauchte ihn an. Eine Weile herrschte Stille, dann sagte der Franzose: „Sie sind ein Druckmittel für den Drachen. Sie sind ihr Kapitän, sie wird nicht wollen, dass Ihnen etwas zustösst.“ Aleks presste die Lippen fest zusammen. Ein Druckmittel. Für einen Drachen, den er erst seit kurzem kannte. Himmel, so treu konnte doch kein Drache sein! Aber als er dem Blick des Weibchens begegnete, wusste er, dass es doch stimmte. Der Franzose straffte die Schultern und sagte: „Ich werde Ihnen und dem Drachen helfen in Bezug zum Englisch. Vorerst müssen Sie sowieso erst genesen, also können wir dieses Defizit gleich ausgleichen.“ Er zögerte kurz, dann sagte er: „Ich bin Louis Marais. Sie sind?“ Einen Moment lang wollte Aleks seinen Namen verweigern, aber es hatte keinen Sinn. Wenn er mit dem Drachen anständig reden wollte, dann würden die Franzosen seinen Namen auch herausfinden. Ausserdem – was konnten die Franzosen schon mit seinem Namen anfangen? Er war ein einfacher Soldat, ersetzbar. Man würde für ihn kein Lösegeld bezahlen. Das wäre ja gelacht. Also erwiderte er: „Aleksander Lobanov.“ „Aleks“, sagte der Drache und die weissen Augen des Drachen funkelten. Als sie ihn immer noch anstarrte, flüsterte Marais ihm zu: „Sie müssen ihr einen Namen geben.“ Aleks stutzte. Das hatte ihm noch gefehlt. Woher sollte er einen geeigneten Namen für einen Drachen herausfinden? Nicht zum letzten Mal verfluchte er das Schicksal und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Äh“, macht er und der Schwanz des Weibchens zuckte aufgeregt hin und her, „Ähm, wie wär’s mit Nadya?“ Etwas Besseres war ihm nicht eingefallen. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, seine erste Tochter, die er vielleicht einmal gehabt hätte, so zu nennen. Es geschah auch etwas aus Trotz, musste sich Aleks eingestehen, denn der Name war russisch und sollte zeigen, dass sie zu den Russen gehörte, obwohl sie ein Fleur-de-Nuit war. Der Name erzielte sogar die gewünschte Reaktion. Der Franzose schürzte die Lippen und seine Augen wurden schmal. Die Drachendame allerdings war hellauf begeistert. „Nadya. Je l’aime. Merci Aleks! Mon Aleks!“, kreischte sie, sprang mit einem Satz zu ihm hin und rieb ihren Kopf an seine Brust. Aleks erstarrte. Ein Blick zum Franzosen sagte ihm, dass das nun zur Normalität werden würde. Aleks schluckte und hob langsam die Hand. Vorsichtig strich er Nadya über den Kopf und diese gab ein wohlwollendes Knurren von sich. Obwohl die Situation ziemlich schlecht für Aleks war, huschte ein Lächeln über seine Lippen. Er streichelte seinen Drachen und flüsterte leise: „Nadya.“

fly_into_the_darkness/chapter_2.txt · Last modified: 2013/06/15 13:32 by steV