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fly_into_the_darkness:chapter_1

Chapter 1

Schüsse erklangen in der eisigen Luft und Aleksander duckte sich. Ein scharfer Schmerz im Bein liess ihn stolpern, aber er hielt nicht an. Sein Atem ging schnell und bildete kleine sichtbare Wölkchen in der Luft. Um ihn herum erklangen Schreie und weitere Schüsse. Aleks duckte sich, hielt einen Moment inne. Er wartete, bis erneut Schüsse abgegeben wurden und stürmte danach auf die kleine, kaum sichtbare Baumgruppe zu. Bitte, bitte, lass sie mich übersehen, betete er im Stillen. Seine Seiten stachen und er kam kaum zu Atem, aber die Angst, von den Franzosen erwischt zu werden war grösser. Endlich erreichte er den Beginn des Nadelwalds und hielt erst nach ein paar Metern an. Nach Luft schnappend lehnte er sich an einen Baum und hielt sich die Seiten. Wie hatte das passieren können? Aleks rutschte zu Boden. Der Schnee war eiskalt, aber es kümmerte ihn nicht. Er war mit Schnee aufgewachsen und an kältere Temperaturen gewöhnt. Der Schmerz in seinem linken Bein wurde stärker und er besah sich die Wunde. Ein sauberer Einschuss durch den Oberschenkel. Aber er verlor zu viel Blut… Schnell öffnete Aleks seinen Wintermantel, riss sich einen Stoffstreifen von seinem Hemd ab und versuchte die Blutung irgendwie zu stoppen. So ein Mist, dachte er und schloss die Augen. Iwan hatte Recht behalten. Niemand hatte dem alten Griesgram glauben wollen, dass die Franzosen sich nur vorläufig zurückgezogen hatten. Sie hatten ihn ausgelacht und gefeiert. Tja, und jetzt waren die meisten vermutlich tot. Aleks biss die Zähne fest zusammen und drückte einen neuen sauberen Stoffstreifen auf die Wunde. Es würde nicht helfen. Die Kugel hatte vermutlich eine Arterie aufgeschossen. Aleks kannte sich mit Medizin nicht aus, aber er hatte mal aufgeschnappt, dass es gefährlich wurde, wenn eine Arterie getroffen wurde. „Wie dumm“, murmelte er leise. Im Wald herrschte eiserne Stille. Offenbar hatten die Franzosen das russische Lager stürmen können. Aleks bezweifelte, dass irgendeiner seiner Kameraden überlebt hatte – er selbst würde es wahrscheinlich auch nicht schaffen. Es war erst anfangs Frühling, die Nächte waren kalt. Entweder er verblutete oder er erfror. Erneut fluchte der russische Soldat. Verdammte Franzosen! In der Abenddämmerung anzugreifen und dann auch noch in einer solchen Überzahl!! Der Stützpunkt, auf dem er diente, war klein, denn für die Franzosen gab es viel attraktivere Stützpunkte zu erobern. Niemand hätte gedacht, dass sie hier mit so vielen Soldaten angreifen würden. Wir haben sie unterschätzt, wurde Aleks klar und ein bitteres Gefühl machte sich in ihm breit. Wie dumm sie doch gewesen waren. Und jetzt gab es niemanden mehr, der den General benachrichtigen konnte… Aleks merkte nur noch am Rande, wie sein Blick sich trübte und er abdriftete.

Aleks hätte nicht sagen können, was ihn geweckt hatte. Die Kälte des Schnees, die er plötzlich an seinem Nacken spürte – ??? – oder das unerklärliche Gewicht auf seiner Brust. Nur mühsam gelang es ihm die Augen zu öffnen. Sein Blick war verschwommen und er fühlte sich ausgelaugt, geschwächt. Da bemerkte er, dass er auf dem Rücken lag. Das erklärte den Schnee an seinem Nacken. Gut. Ein seltsames, helles Quieken lenkte seine Aufmerksamkeit auf ein ungewöhnliches Ding, das auf seiner Brust sass und ihn anblinzelte. Endlich wurde Aleks Blick wieder schärfer und er zuckte zusammen, als das Ding seinen Kopf näher an sein Gesicht hielt und ihn an stupste. Das Geschöpf quiekte überrascht ob seiner Reaktion und breitete kleine schwarze Flügel aus – Moment, Flügel? Aleks riss die Augen auf und sein Mund stand offen. Auf seiner Brust hockte ein kleiner Drache! Er bewegte sich keinen Millimeter und beobachtete, wie der Drache den Kopf schieflegte und einen hellen Schrei ausstiess. Aleks schluckte. In seinem ganzen Leben hatte er nur zweimal einen Drachen gesehen, aber die waren weit weg in der Luft gewesen und er hatte nie mehr von ihnen ausmachen können, als einen kleinen Punkt mit Flügeln. Ein leibhaftiges Drachenbaby vor seiner Nase sitzen zu sehen, hätte er nie für möglich gehalten. Aber da sass es und gähnte herzhaft. Aleks wusste nicht was er tun sollte. Am besten, er redete ruhig auf das Tier ein, dann würde es vielleicht von ihm runter gehen. „Hey Kleines“, sagte er und zwang sich zu einem freundlichen Ton. Das Tier sah ihn fragend an und streckte seinen Hals in die Höhe. Aleksander schluckte. Vielleicht verstand das Drachenbaby kein Russisch. Wie dumm. „Dann eben anders“, murmelte er und richtete sich langsam auf. Sofort machte sich sein verletztes Bein bemerkbar und er stiess einen leisen Schmerzensschrei hervor. Das Junge sprang erschrocken von seiner Brust in den Schnee und sah ihn aus grossen Augen an. Es bemerkte seine Wunde und kam näher. Was es dann tat, überraschte Aleks mehr als alles andere: Es knurrte und leckte die Wunde ab! Aleks schüttelte verwirrt den Kopf. „Verschwinde“, sagte er, diesmal lauter, „Geh zu deinem Kapitän.“ Das Junge legte erneut den Kopf schief und trat einen Schritt auf ihn zu. Aleks verstand den Drachen nicht und er hatte auch keine Zeit dafür. Ihm war schwindlig und übel. Er stöhnte und hielt sich die Hand vor den Mund. Alles begann sich zu drehen. Da hörte er laute Rufe und sah Männer in blauen Uniformen auf ihn zu hasten. Dann verschwamm erneut seine Sicht und er wurde zurück in die Dunkelheit gerissen.

fly_into_the_darkness/chapter_1.txt · Last modified: 2013/06/12 18:30 by steV