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Entgegen allen Erwartungen

“Ich halte das hier nicht mehr aus. Die Gurte scheuern mir auf den Schuppen und etwas kratzt mich am Bauch!” “Hör auf zu quengeln.”, antwortete sein Kapitän, Ricky Fulke. “Sei froh, dass Agathon so nett ist, euch beide zu tragen.” “Ja, und ihr seid zwei verdammt schwere Leichtgewichte”, kam es von vorne. “Jetzt fang du nicht auch an, Alter.”, brummte Thomas, während er seine Pistole reinigte. “Wir sind hier ja nicht auf einem Spaziergang. Wenn jemand anders näher gewesen wäre, hätten sie uns nicht geschickt, um diesen verdammten Fleur-de-nuit abzufangen. Wie schafft man es überhaupt, sich ein Ei von einem Schwergewicht klauen zu lassen?” “Er hat es ja nicht geklaut, er ist auf dem Deck gelandet, hat die halbe Crew getötet und ist mit dem Ei abgehauen”, warf Annabeth Darryl ein. Lachend fügte Fulke hinzu: “Dann sollte die Marine ihren Job mal besser machen!” Der Königskupfer Agathon und die beiden Leichtgewichte, ein Graukupfer namens Lucius und ein betagtes aber scharfsinniges Schwenkflüglerweibchen namens Clytia, waren entsandt worden, um einen französischen Drachen abzufangen, der ein Königskupfer-Ei gestohlen hatte. Sie hatten sich auf einem Drachenträger, der gerade aus dem Mittelmeer gekommen war, befunden, als sie die Nachricht mit ihrem Auftrag, den Fleur-de-nuit abzufangen und das Ei zurückzubringen, erreichte. Nach einer halben Stunde Flug bildeten sich drei schwarze Punkte am Horizont ab. “Wie wir es erwartet hatten. Der Fleur-de-nuit hat Verstärkung erhalten.”, sagte Fulke, während er sein Fernrohr ausfuhr. Als er es ansetzte, wurde er bleich. “Und nicht nur ein bisschen.” “Was ist denn?”, fragte Darryl. “Zwei Schwergewichte, wahrscheinlich Grand Chevaliers.”, antwortete Fulke, während er zu Thomas, dem Ranghöchsten, hinüber sah. “Was guckst du so?”, fragte Thomas barsch. “Wir werden doch wohl zwei Grand Chevaliers den Arsch versohlen können, seien sie auch noch so groß. Wenn wir es nicht tun, kommen die Franzosen mit einem Königskupfer davon! Und so einen wie meinen Agathon will ich nicht auf der Feindseite wissen.” “Du hast ja schon recht.”, gab Darryl zu. “Aber trotzdem behagt es mir nicht, einen so ungleichen Kampf zu beginnen.” “Das wird schon gut ausgehen. Wir haben doch extra für diesen Fall unsere beiden Kleinen an Agathon festgeschnürt. Um zwei Schwergewichte mit zwei Leichtgewichten auszugleichen, erfordert es schon ein bisschen Taktik.” “Ruhe dahinten.” rief Thomas vom Hals des Königkupfers. Er wusste, dass er manchmal ein bisschen unfreundlich zu seinen Kollegen war, aber er wusste ebenfalls, dass sie ihn für seine Selbstkontrolle und sein taktisches Verständnis respektierten. “Wir wurden bemerkt. Die französischen Drachen richten sich in unsere Richtung aus. Macht euch klein Clytia und Lucius, sie dürfen euch nicht sehen!” “Ist uns schon klar!”, kam es kleinlaut von Agathon Oberschenkeln, hinter denen sich die Leichtgewichte versteckten, hervor. “Ist bei dir auch alles okay Cly?”, fragte Darryl ihr ruhiges Drachenweibchen. “Ja, obwohl ich es blöd finde, dass ihr nicht mit uns fliegen könnt!”. “Ha! Ihr wisst nicht wie schnell zwei kleine schwächliche Menschen bei so einem verrückten Manöver tot wären. Und das wollt ihr doch auch nicht, oder?”, rief Fulke spaßeshalber nach hinten, aber es kam keine Antwort von den beiden durch den anstrengenden Flug schlechtgelaunten Drachen. Thomas meldete sich wieder zu Wort: “Okay alle auf Kampfbereitschaft. In ein paar Minuten sind wir in Schussreichweite. Löst die meisten der Gurte, die Clytia und Lucius festhalten, gleich muss es schnell gehen!”. Langsam bewegten sich die drei französischen Schwergewichte auf den scheinbar einzelnen Königskupfer zu. “Wartet…noch nicht.”, rief Thomas zu den beiden Drachen, die sich immer noch hinter Agathon versteckten. “Wir müssen so nah an sie rankommen wie möglich!” Als nur noch wenige Dutzend Meter zwischen Agathon und den französischen Drachen war, gab Thomas das Signal. “Los, los! Ab in die Luft mit euch!” Die Gürtel, die die Drachen auf Agathon hielten, wurden durchtrennt und die Leichtgewichte schossen mit Höchstgeschwindigkeit in die Luft. Den französischen Drachen blieb kaum Zeit zu reagieren, und die beiden überraschten Grand Chevaliers flogen geradewegs an Agathon vorbei, der sich auf den stark unterlegenen Fleur-de-nuit stürzte. Obwohl die Grand Chevaliers es schnell schafften sich umzudrehen, um ihrem Kameraden zu Hilfe zu eilen, hatten sie die Spur der Leichtgewichte verloren. Dies änderte sich jedoch drastisch, als Lucius und Clytia plötzlich von oben herabgeschossen kamen und auf den riesigen Rücken der Drachen landeten. Bevor sie abgeschüttelt werden konnten, trieben sie ihre Klauen in das Fleisch der französischen Drachen und begannen sich durch die panische Besatzung einen Weg zum Hals des Drachens zu bahnen, auf dem sich der Kapitän befand. In der Zeit hatte Agathon dem Fleur-de-nuit, der zuerst gehofft hatte zu fliehen, schwere Rückenwunden zugefügt und sogar ein Stück seines Schwanzes abgebissen. Nur hatte der Fleur-de-Nuit jedoch seinen Bauch zum Königskupfer gedreht, was diesen dazu zwang, weniger aggressiv zu kämpfen, um das Ei, das sich im Bauchnetz befand, nicht zu beschädigen. Die beiden Drachen befanden sich in einer Patt-Situation, in der sie Klauen des anderen hielten und sich mit ihren Hinterbeinen schwere Bauchwunden zufügten, doch langsam gewann Agathon die Überhand und seine Pranken bewegten sich immer näher zu dem Königskupfer-Ei, das nur wenige Meter vor Agathon am Geschirr befestigt war. Plötzlich sah Fulke etwas auf dem Grand Chevalier, auf dem sich Lucius befand. Der Graukupfer befand sich nur noch wenige Meter von dem Kapitän entfernt, der nur noch von zwei verzweifelten Besatzungsmitgliedern beschützt wurde. “Dort!”, rief Fulke und zeigte auf eine Gestalt, die vom Bauchnetzt des Drachen hinter Lucius kletterte. “Er hat eine Bombe!” Nun erkannte Thomas ebenfalls das schwarze Objekt in der Hand des Soladaten, und die Gefahr in der Lucius schwebte. Dank der jahrelangen Kampferfahrung von Thomas und Agathon benötigte er nur zwei Worte, um Agathon sein Vorhaben klarzumachen: “Agathon, still!” Mit einem wuchtigen Tritt seiner Hinterbeine schleuderte der Königskupfer den Fleur-de-nuit weg und legte seine Flügel, nachdem er noch einmal kräftig mit ihnen geschlagen hatte, an seine Flanken an. Die Zeit schien stillzustehen, während sie im freien Fall waren. Fulke spürte das Kribbeln im Bauch, das er sehr gut von den Klippensprüngen seiner Kindheit ins eiskalte Küstenwasser Schottlands kannte. Langsam reduzierte sich die Kraft, die seine Füße auf den Boden drückte und er fühlte sich immer leichter. Beinahe in Zeitlupe bewegte sich Thomas' Hand an seinen Holster. In einer flüssigen Bewegung öffnete er den Verschluss mit dem Daumen, zog die Pistole und legte sie an. Einen winzigen Bruchteil einer Sekunde geschah nichts, bis es laut krachte und die Zeit für Fulke wieder in ihren normalen Bahnen lief. Agathon breitete seine Flügel wieder aus und ruckartig wurden sie so stark abgebremst, dass Fulke stark in die Knie sinken musste. Als er wieder einen Blick auf den Grand Chevalier warf, sah er lediglich eine weitere reglose Gestalt im Geschirr des Drachen hängen und Lucius, der keine Ahnung davon hatte, wie knapp er seinem möglichen Tod entronnen war. “Thomas, das war… Ich muss Ihnen da-” Er wurde abgeschnitten von einem Ruf von Darryl: “Der Fleur-de-nuit! Er holt sich Clytia!” Ohne auf eine Antwort von Thomas zu warten, schoss Agathon, der alles für seine beiden “kleinen Freunde” getan hätte, los in Richtung des Grand Chevaliers. Gerade als der Fleur-de-nuit den Grand Chevalier erreichte, schaffte Agathon es ihn einzuholen. Beim Zusammenprall schlitzte er die ungeschützten Flügel des französischen Drachen auf, doch nicht nur der Fleur-de-nuit musste unter Agathons Angriff leiden. Der Königskupfer schaffte es, seinen Hinterfuß auf den Kopf des Grand Chevaliers unter ihnen zu setzen, da dieser sich aufgrund seiner Angst, seinen Kapitän in dem Chaos zu verletzen, kaum bewegte, und grub ihm eine Kralle am oberen Ansatz des Genicks von hinten in den Kopf. Als die beiden Schwergewichte sich vom Grand Chevalier lösten, war Darryl geschockt und erstaunt zugleich von dem grausamen, kalten aber unglaublich gekonnt durchgeführten Manöver. Doch ihre Aufmarksamkeit wurde plötzlich auf etwas anderes gezogen. Sie war die einzige, die es gesehen hatte, doch der Fleur-de-nuit hatte es geschafft Clytia, ihrer eleganten Clytia, eine tiefe und schwere Wunde am Flügel zuzufügen. Die Muskelstränge waren zum Großteil durchtrennt und der Flügel war kurz davor abzufallen. Als sie nach einer Sekunde des Schocks Anstalten machte, es Thomas zu sagen, der einige Meter weiter zusammen mit Fulke auf der Schulter von Agathon stand, traf sich ihr Blick mit dem von Clytia. Das Schwenkflüglerweibchen schüttelte ganz schwach, kaum merkbar für jemanden, der sie nicht schon seit Ewigkeiten kannte und diese tiefen grünen Augen schon so oft gesehen hatte, ihren Kopf. Darryl wusste, was das bedeutete, obwohl es sie so sehr schmerzte. Agathon würde garantiert von dem Fleur-de-nuit um Clytia zu retten, falls sie die anderen informierte. Der Fleur-de-nuit würde sich trotz seiner schweren Verletzungen nicht von dem Königskupfer einholen lassen und es schaffen zu fliehen. Clytia war ein alter Drache und sie wusste das. Sie war bereit ihr Leben für das Königskupferei zu opfern. Immer schneller begann der tote grand Chevalier mit dem flugunfähigen Drachen auf seinem Rücken der Meeresoberfläche entgegenzufallen Bis der Drache aufrgund von Agathons mächtigem Körper aus Darryls Sichtfeld verschwand, blickten sich der Kapitän und der Drache in die Augen. Darryl spürte eine Träne ihre Wange herunterrollen, als sie sich wegdrehte und sich zu den anderen beiden Kapitänen begab. Inzwischen hatte Agathon den Fleur-de-nuit stark verletzt, und obwohl er von dem französischen Drachen abließ, nachdem er das Ei aus seinem Bauchnetz entrissen hatte, war es nur eine Frage der Zeit, bis der Fleur-de-nuit an seinen Verletzungen sterben würde. “Was ist eigentlich mit Lucius?”, fragte Darryl Fulke, während sie versuchte ein Schluchzen zu unterdrücken. “Er hat es geschafft, den feindlichen Kapitän zu schnappen und der Grand Chevalier hat ihm gehorcht wie ein Hündchen.” Fluke lächelte. “Siehst du, da ist er!” “Ja, ich sehe den grand Chevalier, aber wo ist Lucius?”

Clytia fiel. Sie war es gewöhnt zu fallen, da das zum Fliegen dazugehörte, doch diesmal wusste sie, dass es anders war. Sie würde nicht mehr fliegen können. Sie würde sich nicht mehr in die Lüfte schwingen und der Herr des Himmels sein. Sie fiel in den Tod. Clytia dachte an Annabeth, ihre Kapitänin und beste Freundin. Sie war etwas anderes als ihr erster Kapitän gewesen, aber trotzdem hätte sie nie auf Annabeth verzichtet. Hoffentlich würde sie ein schönes Leben haben. Ein Schatten fiel über Clytia und plötzlich wurde sie mit einem Ruck ergriffen und in die Luft gehoben. Über sich sah sie ein graues Etwas, das mit aller Kraft versuchte, sie in der Luft zu halten. “Sorry Agathon, aber du wirst wohl doch nochmal jemanden tragen müssen!”, rief Lucius, während er ihren Sturz abfing.

von Golol

entgegen_allen_erwartungen.1390203257.txt.gz · Last modified: 2014/01/20 07:34 by Terminator