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Die Wächter

Disclaimer: Alle verwendeten Figuren sind geistiges Eigentum von Naomi Novik und entstammen der Serie Temeraire

Als Laurence die Augen öffnete, fühlte er sich, wie sich eine Kuh in Temeraires Klauen fühlen musste: Alles tat ihm weh, sein Kopf schmerzte fürchterlich und über ihm war ein Drachenkopf. Der Kopf sah interessant aus, blau, aber mit orangenen Streifen durchzogen. Als Laurence sich aufrichtete, sah er, dass der Körper des Drachen dieselbe Färbung hatte. Er war in etwa so groß wie ein Gelber Schnitter, doch er gehörte keiner Art an, die Laurence bekannt war, oder von der er schon irgendwann einmal gehört hatte.

Doch das merkwürdigste an dem Drachen waren seine Augen. Sie waren vollkommen blau, eisblau, schienen sich aber bei Laurences Blick in sich selbst einzurollen. Nur mit Mühe konnte Laurence sich losreißen und sah sich um. Neben ihm lag Temeraire, der sich gerade aufrichtete und zu ihm herüberguckte. Auch er schien Schmerzen zu fühlen, denn sein schwarzer Körper war voll blauer Flecken, die aussahen, als hätte er blaue Drachenmasern. Hinter Temeraire konnte Laurence einen Mann erspähen, der zu ihm herüberkam. Er schien schon sehr alt zu sein, hatte viele Falten im Gesicht und humpelte, doch seine Augen schimmerten lebendig.

Als Laurence die Landschaft um sie herum betrachtete, merkte er, dass sie sich auf einer Lichtung befanden. Um sie herum standen überall Bäume, doch auffallend war, dass auch auf der Lichtung selber viele abgebrochene Bäume herumlagen.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte der alte Mann Laurence, als er zu ihm gekommen war. „Nun ja, ein wenig schummrig ist mir schon“, antwortete Laurence und fragte gleich darauf: „Wer sind sie und wie haben sie uns gefunden, was ist passiert?“ Der Mann entgegnete grinsend: „Immer mit der Ruhe! Ich bin einer der Wächter und dies ist mein Drache Prometheus. Was mit Ihnen und Ihrem Drachen passiert ist, wissen Sie vermutlich besser als ich, aber wir haben Sie gefunden, als Sie unseren Wald hier um eine Lichtung bereichert haben.“

Da kehrten Laurences Erinnerungen auf einen Schlag zurück. Er setzte sich auf. Die Wasserspeier, die Grand Chevaliers, der Hinterhalt, ihre Mission, die Verfolgungsjagd, Perscitia und die anderen Drachen aus dem Zuchtgehege und die Wilddrachen. Er dachte noch einmal über den Hinterhalt nach und ihm wurde klar, was eigentlich geschehen war. Die Osmanen hatten die Seite gewechselt, so musste es sein, denn die Wasserspeier hätten in der kurzen Zeit seit Laurences Abreise niemals über Frankreich zum Mittelmeer geflogen sein können, sie mussten die Türkei überquert haben. Aber in so einer großen Menge hätten sie nicht unbemerkt quer durch das osmanische Reich fliegen können, ohne gesehen zu werden, deshalb mussten sie das Wohlwollen des Sultans gehabt haben. Das bedeutete, dass Perscitia und die anderen, falls sie ihre Mission fortsetzen würden, direkt in die Arme des Feindes fliegen würden!

Da fiel Laurence wieder ein, wo sie sich befanden. Misstrauisch geworden, richtete er sich auf und richtete seinen Säbel auf den Mann. Der Drache Prometheus knurrte wütend und der Alte hob abwehrend die Hände: „Was ist los, ich habe Ihnen nichts getan!“, versuchte er Laurence zu beschwichtigen. Dieser antwortete angespannt: „Sie gehören zum Osmanischen Reich, also sind Sie der Feind Englands. Was haben Sie wirklich vor?“

Auf einmal sah der alte Mann bekümmert, ja sogar traurig aus. Er sagte mit leiser Stimme: „Ja, das denken die Leute. Zum Osmanischen Reich gehören wir, sind Sklaven des Sultans. Von der einstigen Freiheit, der Macht und des Reichtums des griechischen Weltreiches ist nichts mehr geblieben. Heute sind wir ein Volk von Bauern, deren Sorge es ist, jedes Jahr aufs Neue nicht zu verhungern und trotzdem die Steuern an den Sultan zusammenzubekommen. Doch“, fügte er nun mit fester und entschlossener Stimme hinzu, „langsam beginnt sich das griechische Volk zu regen. Seit der Eroberung durch die Römer vor knapp 2000 Jahren sind wir die Sklaven eines anderen Volkes, erst der Römer, dann der Byzantiner und nun müssen wir den Osmanen gehorchen. Jetzt aber beginnen sich Aufstände zu organisieren, es gibt Proteste gegen die Unterdrückung und die hohen Steuern. Bald schon wird es die griechische Revolution geben, da bin ich mir sicher!

Laurence ließ seinen Säbel sinken und Temeraire fragte erstaunt: „Aber warum lassen sie sich dann nicht helfen. Ich bin sicher, die englische Regierung würde Ihnen bei einer Revolution helfen, nicht wahr, Laurence?“ „Schon möglich, mein Lieber“, antwortete dieser, „allerdings musst du bedenken, dass die Regierung noch gar nicht weiß, dass die Osmanen nun unsere Feinde sind.“ Er vermied es, Temeraire darüber aufzuklären, dass die englische Regierung keinen Finger zu Gunsten der Griechen rühren würde. Die Ausgaben waren auch so schon zu hoch und es gab sowieso schon viel zu wenig Männer und Drachen, da würde die Regierung sich nicht an einer Revolution gegen ein Volk beteiligen, das vielleicht noch umgestimmt werden könnte. Und selbst wenn die Griechen erfolgreich wären, hätten sie doch kaum eine Streitmacht zu bieten, die im Gegenzug für deren Hilfe den Engländern gegen Napoleon beistehen könnte. Stattdessen wendete er sich wieder an den alten Mann, der reglos dagestanden hatte. „Wie haben Sie uns denn nun entdeckt und wo sind wir hier eigentlich?“ „Nun“, meinte der Mann, „wir haben Sie entdeckt, als Sie von einem Leuchtfeuer begleitet in den Wald stürzten und Ihr Himmelsdrache eine neue Lichtung schuf. Sie haben sehr großes Glück gehabt, dass Ihnen dieser Wald sozusagen im Weg war. Er hat Ihren Sturz zumindest einigermaßen gebremst, auch wenn Ihr Drache deswegen einige Kratzer mehr haben dürfte.

Aber ich vergesse mich“, fuhr er an Temeraire gerichtet fort, „ich habe Sie noch gar nicht gefragt, wie Sie und Ihr Kapitän eigentlich heißen.“

Nachdem Temeraire ihm ihre Namen mitgeteilt hatte, fragte er: „Haben Sie zufällig noch andere Männer gefunden? Sie sind mit uns abgestürzt.“ „Oh, Ihrer Mannschaft geht es gut, jedenfalls den Umständen entsprechend. Die anderen Wächter haben sie bereits versorgt, außer ein paar Prellungen und ein paar gebrochenen Beinen ist nichts passiert! Zu Ihrer Frage nach unserem Aufenthaltsort, wir befinden uns im Osten von Kreta.“

Nachdem er diese Informationen erhalten hatte, überdachte Laurence ihre Lage. Er war erleichtert zu hören, dass es den Männern, unter denen sich unter anderem auch Berkley befinden musste, überlebt hatten, auch wenn sich einige Beinbrüche, wie der Mann, der sich Wächter nannte, nicht so gut anhörten. Laurence wunderte sich, dass sie sich auf Kreta befanden, schließlich hatten sie sich zu Beginn des Hinterhaltes am anderen Ende Griechenlands aufgehalten. Sie mussten während der Verfolgungsjagd weitergekommen sein, als er vorher vermutet hatte.

Nachdem die Überraschung und die Fragenwelle aufgehört hatten, guckte Laurence nach Temeraire. Er erschrak sehr, als er dessen Flügel betrachtete. Temeraire hatte eine große Fleischwunde am Ende des Flügels und viele lange Kratzer und Prellungen am ganzen Körper. Jetzt verstand Laurence, warum Temeraire sich bei ihrer Unterhaltung mit dem Mann und seinem Drachen Prometheus so wenig beteiligt hatte, er musste große Schmerzen haben. Er bekam ein schlechtes Gewissen, weil er nicht vorher nach Temeraire geguckt hatte. Nun meinte er zu dem alten Mann, der sich Wächter nannte: „Gibt es hier irgendwo einen Drachenarzt, wir müssen Temeraires Wunden unbedingt behandeln!“

Der Mann antwortete: „Kommt mit in mein Dorf, dort halten sich auch eure Kameraden auf. Ich denke nicht, dass Ihr Drache fliegen kann, deswegen gehen wir zu Fuß. Es ist nicht sonderlich weit.“ Sie machten sich auf den Weg, wobei Temeraire ab und zu vor Schmerzen ächzte, ansonsten aber durchhielt. Nachdem sie den Wald, in den Temeraire und Laurence gefallen waren, durchquert hatten, gingen sie auf ein großes Gebirge zu. Laurence erinnerte sich noch durch seinen Geographieunterricht an das Gebirge. Um Temeraire von seinen Schmerzen abzulenken, meinte er: „Schau mal, Temeraire, das ist das Ida-Gebirge, wo der Mythologie nach Zeus geboren wurde.“ Temeraires Augen wanderten sofort vom Boden zu dem Gebirge, wo sie es ausgiebig und interessiert betrachteten. Laurence bemerkte jedoch, wie der alte Mann bei dem Wort „Mythologie“ sichtlich etwas sagen wollte, sich dann jedoch zusammen riss. „Merkwürdig“, dachte er, beschloss aber nicht nachzufragen. Er hatte Temeraire abgelenkt, dass genügte ihm vollkommen.

Als sie nach etwa zwei Meilen die ersten Ausläufer des Ida Gebirges erreichten, ertönte hinter ihnen plötzlich ein lautes Brüllen. Sie drehten sich erschrocken um und sahen einen ca. zwei Meter großen, aufrecht stehenden Bären hinter sich. Temeraire machte sich schon zum Angriff bereit, als der Bär plötzlich taumelte, als sei er gegen eine Wand gelaufen. Man sah ein grünes Funkeln in seinen Augen, dann drehte er sich um und ging gemächlich davon.

Alle schauten ihm nach, bis er hinter einem großen Felsen verschwand. Als Laurence sich wieder zu den anderen wandte, sah er, dass Prometheus Blick auch etwas grünlich schien, wie vorher der des Bären. „Waren Sie das?“, wollte Laurence von ihm wissen. „Ja“, entgegnete ihm der Drache, „Ich habe die Fähigkeit, andere Lebewesen aller Art zu hypnotisieren! Ich habe dem Bären in die Augen geguckt und ihm klar gemacht, dass er gehen müsse. Da ist er gegangen.“

Laurence und auch Temeraire sahen ihn überrascht an. „So einen Drachen könnte England gut gebrauchen“, dachte Laurence bei sich, „er bräuchte die Französischen Drachen nur einmal anzugucken und sie würden für uns kämpfen.“ Nun verstand er, warum er sich vorhin beim Aufwachen nur schwer von den Augen lösen konnte. „Funktioniert Ihre Fähigkeit bei jedem gleich gut?“, wollte er weiterhin wissen. „Nein, es kommt immer auf die Charakterstärke des anderen an!“, antwortete ihm Prometheus.

Sie gingen immer weiter in das Gebirge hinein, bis sie auf einmal einen scharfen Knick nach rechts machten und in eine sehr gut verborgene Senke im Schatten eines besonders großen Berges kamen. Dort sahen sie das Dorf, von dem der Mann gesprochen hatte. Es bestand ausschließlich aus Steinhäusern, alle mit Säulen vor dem Eingang. Sie alle waren gleich groß, nicht so riesig wie die englischen Herrenhäuser, aber doch groß genug. Es gab viele Verzierungen und neben vielen Häusern standen mit Feuer gefüllte Kessel. Laurence hatte das Gefühl, in Athen 2000 Jahre früher zu stehen. Alles mutete griechisch an, es war überhaupt nicht so, wie Laurence sich ein einsam in den Bergen gelegenes Dorf vorgestellt hatte.

Doch das merkwürdigste an dem Dorf war, dass überall Drachen herumflogen oder einfach nur herumstanden und sich unterhielten. Alle diese Drachenarten hatte Laurence jedoch noch nie gesehen. Zwar erinnerten sie ihn teilweise an ihm bekannter Arten, doch erkennen konnte er keine Art, was sehr ungewöhnlich war.

Er blickte zu Temeraire hinüber und wartete auf erfreute und erstaunte Ausrufe zur offensichtlichen Freiheit der hier lebenden Drachen, doch es kamen keine. Stattdessen lag Temeraire am Boden und wimmerte vor Schmerzen. Das erinnerte Laurence wieder an den Zustand seines Drachen und er fragte den Mann heftig erregt: „Wo ist denn nun ihr Drachenarzt, Temeraire braucht unbedingt Hilfe, sehen sie doch, wie er sich verletzt hat!“

„Natürlich, dort hinten im letzten Gebäude auf der rechten Seite ist unser Krankenhaus. Gehen Sie bis dorthin, Prometheus wird Sie begleiten.“ Sie schleppten sich bis zum Krankenhaus, wo sie sogleich von einem Drachen empfangen wurden. Er war komplett weiß, doch es war nicht ein farbloses weiß, wie Lien es hatte, sondern ein schimmerndes weiß, mit dem er hervorragend aussah. Seine Augen jedoch waren golden.

Als der Drache Temeraire sah, machte er eine Verbeugung vor ihm und meinte: „ Kommt schnell herein, dort hinten ist eine Bahre, die für euch passen müsste, dort werde ich Sie behandeln!“ Temeraire sah ihn verwundert an, sagte aber nichts. Mit größter Mühe schleppte er sich zu der Bahre, die wahrhaftig riesig war und für noch größere Drachen als Temeraire gedacht schien und hievte sich hinauf. Oben angekommen blieb er zitternd liegen und rührte sich nicht mehr. Laurence trat ängstlich näher, als der weiße Drache zu Temeraire ging und ihn aufmerksam betrachtete. Dann legte der weiße Drache seine Klauen auf die Fleischwunde in Temeraires Flügel. Laurence wollte schon herbeieilen, denn die scharfen Klauen mussten auf der Wunde schrecklich wehtun, doch Temeraire rief ihm zu: „Warte Laurence, es fühlt sich sehr gut an.“

Laurence blieb überrascht stehen. Da sah er, wie sich die Haut langsam wieder schloss. Die Wunde heilte immer weiter, bis nichts mehr davon übrig war. Anschließend berührte der weiße Drache die Kratzer und Prellungen, die Temeraire sich zugezogen hatte, bis Laurence Drache wieder vollkommen genesen war. Temeraire stand überrascht auf, befühlte die Stellen, wo früher die Wunden gewesen waren und brüllte dann voller Freude. Er bedankte sich überschwänglich bei dem weißen Drachen. Dieser antwortete: „Ich habe es sehr gerne getan. Ich würde Ihnen raten, den Flügel noch ein wenig zu schonen, nur um sicherzugehen. Wenn sie Prometheus und seinen Reiter suchen, die sind im fünften Haus gegenüber. Ich heiße übrigens Circe.“

Das verwunderte Laurence, denn er hätte den Drachen nicht für weiblich gehalten, doch auch er bedankte sich noch einmal bei Circe, bevor sie sich auf den Weg zu dem Mann und Prometheus machten.

Als sie hereinkamen, sahen sie, dass das Haus in zwei Ebenen geteilt war. Die untere schien für den Mann, die obere für seinen Drachen Prometheus zu sein. Besonders die obere sah bemerkenswert aus, sie hatte eine riesige Öffnung am Rand, durch die Prometheus jederzeit ins Freie konnte. Auch ein riesiger Kamin und ein bequemes Drachenlager mit riesigen Kissen waren vorhanden. Temeraire meinte zu Laurence: „Oh weh, Laurence, ich werde meinen Pavillon noch einmal neu bauen lassen müssen, wenn wir wieder zu Hause sind. Ob die Drachen hier wirklich alle so frei sind. Wir müssen Prometheus oder Circe unbedingt einmal fragen“, fuhr er mit dem von ihm gewohnten Eifer in der Stimme fort.

Dann gingen sie zu dem alten Mann hinüber, der in der unteren Etage des Hauses auf einem Hocker saß. Laurence fragte ihn: „Wer sind Sie wirklich, warum haben Sie sich Wächter genannt, von welcher Art ist Circe, warum konnte sie Temeraire so schnell und gut heilen, was ist das hier für ein Dorf, was wollen Sie erreichen?“ Diese und tausende andere Fragen kamen ihm über die Lippen und als er fertig mit Fragen war, lächelte der alte Mann. „Ich glaube, ich muss Ihnen etwas erzählen, es wird alle Ihre Fragen und noch viele weitere beantworten, ich werde Ihnen die Geschichte der Drachen erzählen!“

Euer KRONOS (User von temeraire.net)

drachenmacht/kapitel_3_die_waechter.txt · Last modified: 2013/03/20 21:20 (external edit)