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Ins Ungewisse

Disclaimer: Alle verwendeten Figuren sind geistiges Eigentum von Naomi Novik und entstammen der Serie Temeraire

Als Laurence aus der Kapitänsunterkunft in Dover trat, sich streckte und zu Temeraires Lichtung, die circa 1 Meile entfernt lag, hinüberging, war es noch ziemlich früh. Trotzdem traf er bereits zwei Handwerker, die mit einem mit Holz beladenen von Pferden gezogenen Wagen in dieselbe Richtung wie er unterwegs waren. Er lächelte in sich hinein. „Sie waren erst seit drei Tagen hier und dennoch gingen die Bauarbeiten an Temeraires neuem Pavillon gut voran.“

Es war eine lange Fahrt von Neusüdwales bis Dover gewesen, doch Temeraire war durchgehend damit beschäftigt gewesen, Emily und Sipho auf Trab zu halten, indem er sie so gut wie jeden Tag eine neue Skizze seiner Wunschvorstellung eines Pavillons anfertigen ließ. Diese Skizzen wurden zunehmend abstrakter und als Temeraire dann auch noch auf die Idee kam, dass normales Holz für seinen wunderbaren Pavillon viel zu schlecht wäre, bekam Laurence langsam Angst um seinen Geldbeutel. Er bezweifelte nämlich, dass die Admiralität davon begeistert wäre, wenn er kurz nach seiner Begnadigung wegen Stehlens von Baumaterialien verhaftet werden würde. Emily und Sipho waren durch das viele Zeichnen zunehmend genervt gewesen, voralldingen, weil man Stunden brauchte, um zwischen den einzelnen Folien einen Unterschied zu erkennen.

Doch ansonsten war ihre lange Fahrt ruhig verlaufen, von den Franzosen war nichts zu sehen gewesen und auch andere Feinde hatten sich nicht blicken lassen. Auch das Wetter war bis auf einen kleinen Sturm vor Kapstadt, bei dem Temeraire fast wahnsinnig geworden wäre, weil eine fünf Wochen alte Skizze über Bord geweht worden war, doch da diese auf sein Drängen sofort (mit allen ihren Fehlern) wiederhergestellt worden war, hatte er sich wieder beruhigt, ruhig geblieben. So kam es, dass Laurence heute, exakt neun Monate nachdem er den Brief in Neusüdwales erhalten hatte, in Dover war und mit Admiral Roland sprechen konnte.

Doch zuerst wollte er noch Temeraire seinen Morgenbesuch abstatten. Auf dem Weg traf er weitere Arbeiter und als er schließlich Temeraires Lichtung erreichte sah er ein ganzes Heer von Handwerkern bei der Arbeit, alle unter Temeraires aufmerksamen Augen. „Vielleicht sollten wir ab jetzt immer Drachen neben unsere Handwerker und Arbeiter stellen, sie scheinen dann um einiges schneller zu arbeiten“, dachte er bei sich.

Nachdem er sich von Temeraire verabschiedet hatte und nachdenklich auf das Büro der Admiralität zuging, fragte er sich, was jetzt wohl aus ihnen werden würde. Als er bald darauf hineingebeten wurde, sah er zu seiner Überraschung neben Admiral Jane Roland auch Kapitän Berkley dort sitzen. Doch er ließ sich nichts anmerken und stand ruhig da, wie er es bei der Marine gelernt hatte.

„Willkommen zurück, Kapitän Laurence, ich hoffe, ihre Fahrt war angenehm? Wie wahr ihr Aufenthalt in Neusüdwales?“, fragte Roland. Nachdem Laurence entgegnet hatte, dass ihre Fahrt gut verlaufen sei, berichtete er ausführlich von den politischen Problemen, ihrer Reise durch das Landesinnere, die Bunyips, Kulingile und die Chinesen. Das meiste schien Roland schon erfahren zu haben, doch von Kulingile hatte sie anscheinend noch nichts gewusst. „Er ist also ein Schwergewicht das zurzeit so groß ist wie Maximus und sein Kapitän ist der Junge aus Afrika, Demane? Höchst ungewöhnlich, aber warum haben Sie ihn nicht mitgebracht?“, wollte sie wissen. „Da Kulingile sehr viel fressen muss, sind Demane und er oft weit ins Landesinnere geflogen, um ausreichend Nahrung zu finden. Als der Brief ankam, waren sie gerade nicht da und da wir keine Befehle zu ihnen hatten und sie außerdem bis zu zwei Wochen weg sein können, haben wir sie zurückgelassen.“ „Nun, das ist natürlich bedauerlich, denn wir können im Moment jedes Schwergewicht gebrauchen, aber nicht zu ändern. Sie wollen bestimmt wissen, warum ich Sie und Temeraire begnadigt habe und sie zurückholen wollte?“ „Sehr gerne“, antwortete Laurence.

„Ich habe ihnen in meinem Brief geschrieben, dass sich die Lage hier nicht verändert habe, dass stimmt nun bedauerlicherweise nicht mehr. Während wir alle auf Frankreich geguckt haben, hat Napoleon hinter unseren Rücken eine List begangen. Er hat seine Frau, die ihm keine Kinder gebären konnte, verstoßen und stattdessen die Tochter des Zaren von Russland geheiratet. Die Tochter war sein einziges Kind und merkwürdigerweise ist der Zar kurz nach der Heirat tödlich verunglückt.“ Sie machte eine kurze Pause. „Du kannst dir sicher denken, was passiert ist. Napoleon war der rechtmäßige Zar von Russland, in ein paar Scharmützeln besiegte er die Generäle, die dagegen waren, dass Napoleon Zar wurde und nun ist er der vom Volk anerkannte Herrscher von Russland!“

Das saß! Laurence sank erst mal in seinen Sessel zurück und war sprachlos. „Ein Staatsstreich wie aus dem Lehrbuch“, dachte er noch, ehe Admiral Roland weitersprach: „Außer den zahlreichen Soldaten und den Drachen, die Napoleon jetzt seiner Grande Armee hinzufügen kann, gibt es noch eine andere, weitaus schlimmere Nachricht! Kurz nachdem er es sich auf dem Zarenthron gemütlich gemacht hatte, berichteten uns unsere Spione, dass er Kontakt nach Kyoto zu den Japanern aufgenommen habe!“ Laurence wunderte sich: „Was hatten die Japaner mir der Sache zu tun. Bis jetzt hatten sie sich aus dem Krieg herausgehalten und auf Grund ihrer schlechten militärischen Lage hatte bis jetzt noch niemand versucht, sie ernsthaft auf seine Seite zu ziehen. Doch sie waren bis jetzt die einzige Nation, die Drachen, die Wasser spucken und auch speichern konnten (auch genannt Wasserspeier), besaßen.“ Doch da sprach Roland schon weiter: „Napoleon hat der japanischen Regierung wertvolle, gerade in Russland abgebaute Erze versprochen, damit sie ihm helfen, aber der springende Punkt seines Angebotes war sicher, dass er versprach, die begehrten Handelswege nach Europa über Russland zu öffnen, ein Privileg, dass vorher nur den Chinesen und den Indern vorbehalten gewesen war. Kurze Zeit später sahen unsere Späher mehrere Fregatten an einem russischen Hafen anlegen, während gleichzeitig etliche Wasserspeier das Land wechselten.“

Schon wieder dauerte es ein wenig, bis Laurence sich von dem Schock erholt hatte, doch dann fragte er: „Diese Nachrichten sind wirklich erschreckend, aber was haben Temeraire und ich jetzt damit zu tun?“ Admiral Roland antwortete: „Nun, hier kommt auch Kapitän Berkley ins Spiel. Als wir von den neuesten schrecklichen Nachrichten gehört hatten, sandten wir Maximus, Messoria und Immortalis in die Türkei aus.“ Ab diesem Punkt erzählte Berkley weiter: „Nachdem Napoleon Russland und Japan auf seine Seite gezogen hatte, blieb uns als einziger Verbündeter im Osten die Türkei. Doch auch unsere Beziehungen mit dem Sultan waren recht angespannt, auch wegen einem gewissen gestohlenen Kazilik-Ei. Deshalb sollten wir losfliegen, um das Bündnis gegen Napoleon zu erneuern und den Frieden aufrecht zu erhalten. Doch du, Laurence, weißt ja, wie das mit Maximus ist. Er ist von den türkischen Rationen nicht satt geworden und als wir einmal aus der Stadt herausflogen und ein paar Kühe sichteten, die frei herumgrasten, stürzte er sich auf sie und fraß drei Stück, ehe ich ihn aufhalten konnte.

Unglücklicherweise sah ein Mitglied der Palastwache das Ganze und als sich dann herausstellte, dass die Kühe Privateigentum des Sultans gewesen waren, war unser Schicksal besiegelt.“ Seine Stimme brach: „Sie sperrten Maximus ein und wir anderen wurden unverzüglich des Landes verwiesen. Nun brauchen wir jemand anderen, der unsere Botschaftermission zu Ende führt.“

Nun sah Laurence Berkley genauer an und erkannte tiefe Ringe und Sorgenfalten in seinem Gesicht. Der Mann tat ihm sehr leid, er wagte sich gar nicht vorzustellen, was mit ihm passieren würde, wenn man Temeraire ohne ihn gefangen nehmen würde. Doch er wusste immer noch nicht, warum man ausgerechnet Temeraire und ihn in die Türkei schicken wollte. Das erklärte Roland, indem sie fortfuhr: „Wir haben euch beide aus der Verbannung zurückgeholt, weil wir einerseits kaum andere Drachen haben, aber voralldingen habt ihr wenigstens ein wenig Kontrolle über die Wilddrachen. Ich konnte durchsetzen, dass ihr, wenn ihr mir eurer Mission Erfolg habt, vollständig begnadigt seid. Wir werden die Wilddrachen in die Türkei schicken, weil sie zum einen die Landschaft kennen und außerdem die dort gesprochene Sprache der Drachen beherrschen. Zudem können wir sie hier sowieso nicht gebrauchen. Aber nur Sie, Kapitän Laurence, können sie kontrollieren. Deshalb sind Sie wunderbar dazu geeignet, mit dem Sultan zu sprechen, abgesehen davon, dass der Sultan Sie bereits kennt und Temeraire die Sprache der dortigen Drachen sowie ein wenig Türkisch spricht. Zur besseren Kontrolle der Wilddrachen werde ich Ihnen auch Tharkay mitgeben.“

Als Laurence Temeraire später von ihrem Auftrag erzählte, meinte dieser: „Ich freue mich, dass wir wieder etwas mit Tharkay machen können.“ Und nach einiger Zeit bemerkte er außerdem: „Ich kann Maximus gut verstehen, dass er diese Kühe fressen wollte, auch die Wilddrachen damals meinten schon, dass sie sehr gut wären. Trotzdem ist es gut, dass wir Maximus retten können.“

Ganz so einfach wie Temeraire sah Laurence das nicht, er hatte seit ihrem letzten Aufenthalt in der Türkei noch keine Sehnsucht, noch einmal mit dem Sultan zu sprechen und jetzt direkt wieder aus England fortzumüssen, behagte ihm auch nicht so recht. Doch gegen Janes Argumente war wenig einzuwenden und außerdem mussten sie ja auch noch Maximus retten! Da fiel ihm noch etwas ein. „Du musst dir noch ein paar neue Manschaftsmitglieder suchen, aber am besten keine jungen hübschen“, meinte er zu Temeraire, als ihm die Ereignisse vom letzten Mal einfielen.

Da auch Temeraires Geschirr noch repariert werden musste, verbrachten sie den gesamten nächsten Tag mit dem Aussuchen der neuen Männer. Da Berkley selbstverständlich mitkommen musste, nahmen sie gleich noch seine komplette Bodenmannschaft mit. Auch ansonsten fanden sie einen guten Ersatz für Temeraires alte Mannschaft, auch wenn die Bodenmannschaft noch etwas üben musste, weil Temeraire doch um einiges kleiner war als Maximus. Schwieriger war es, die Wilddrachen, die mitkommen würden, auszusuchen. Erst wollte keiner, weil Temeraire aus Versehen das schlechte Essen erwähnte, dann, als Arkadi sich schließlich bereit erklärte, wollten sie alle mit. Am Ende entschieden sie sich für Arkadi sowie die schnellsten Wilddrachen, da, falls es zu einem Kampf kommen würde (was Laurence natürlich nicht hoffte), Schnelligkeit gegen die Kaziliks besser sein würde als Stärke.

Als Laurence Roland am Tag ihrer Abreise noch einmal fragte, wo denn eigentlich Lily und auch Iskierka seien, entgegnete sie, dass beide auf Einsätzen seien. Auch Temeraire war sehr enttäuscht, dass er keinen seiner Freunde wiedersehen konnte, doch als Roland ihm mitteilte, dass sie noch jemanden für ihre Reise ausgewählt hatte, wartete er sehr gespannt.

Dann, als bereits alle aufgestiegen waren und gerade abhoben, sah Temeraire jemanden und sein Herz machte einen kleinen Sprung: Perscitia, Ballista und noch 5 andere Drachen aus dem Zuchtgehege waren bereit, mitzukommen. Nun doch noch mit seinem kurzen Aufenthalt zufrieden, stieg Temeraire, nachdem er Collins, dem Baumeister, noch einmal die letzten Anweisungen gegeben hatte, was genau an dem Dachpfosten ganz rechts oben über dem Eingang verändert werden müsse, stieg er, genau wie ihre Eskorte aus Wilddrachen und Drachenmiliz, in den Himmel auf. Alle warfen noch einmal einen Blick zurück und flogen dann davon, in die Türkei, ins Ungewisse.

Euer KRONOS (User von temeraire.net)

drachenmacht/kapitel_1_ins_ungewisse.txt · Last modified: 2013/03/20 21:20 (external edit)