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drachenmacht:kapitel_10_gedankenspiele

Disclaimer: Alle verwendeten Figuren sind geistiges Eigentum von Naomi Novik und entstammen der Serie Temeraire.

Blau schimmernd lag das Meer unter ihnen, der endlos erscheinende Ozean der Ägäis, nur durchbrochen von einzelnen grünen oder grauen Flecken, die die kleinen Inseln Griechenlands darstellten. Von Temeraires Rücken aus konnte Laurence eine große Fläche überblicken. Nachdenklich sah er hinab auf das rauschende Wasser, die schäumende Brandung, die gegen die Felsen stieß, nur um sich anschließend leise wieder zurückzuziehen. Seit Äonen von Jahren lieferten sich Wasser und Stein einen ewig andauernden Kampf in einer Schönheit und Wildheit, die Laurence verstummen ließ.

Während er das Naturschauspiel betrachtete, ließ er sich für kurze Zeit von seinen Gedanken treiben. Die wenigen Wolken zogen vorüber und neben ihm schwangen in einem leisen Auf und Ab die weißen Flügel von Atalanta neben den schwarzen Temeraires, die einen seltsamen Kontrast darstellten, der durch das Gold von Herkules Schuppen, die in der Sonne blitzten und leuchteten, noch verstärkt wurde.

Was sie in der Türkei wohl erwarten würde. Es gab so viele Gefahren, die dort auf sie lauern konnten, so viele Bedrohungen, mit denen sie konfrontiert werden würden und über all dem schwebte die Frage, ob Maximus überhaupt noch am Leben war. Aber dann dachte Laurence an das verzweifelte Gesicht seines Freundes Berkley, der mit den anderen Männern auf Grund seiner Verletzungen im Dorf der Wächter geblieben war und das Versprechen, das Laurence ihm dort gegeben hatte. Sie würden Maximus retten! Doch schmerzhaft wurde Laurence bewusst, dass er sein Versprechen brechen würde, sein Land und seine Ehre verraten würde, wenn er Temeraire verlieren würde. Niemals könnte er ohne ihn leben und er würde alles tun, um seinen Drachen zu schützen. Er musste daran denken, wie er zu Temeraire gefunden hatte und ihn auf keinen Fall haben wollte und an die Liebe, die zwischen ihnen entbrannt war und sie von Innen stützte.

Und als Laurence die zitternde Halskrause des schwarzen Himmelsdrachen betrachtete, die Schwingungen seiner Flügel vernahm und den Klang seiner Stimme hörte, wusste er, dass er dieses Leben jedem anderen vorziehen würde!

Auch Temeraire dachte über vieles nach, während er unermüdlich dahin flog, auf dem langen Weg nach Istanbul. Schmerzhafte Stiche bei dem Gedanken an den armen Maximus, der ganz alleine, ohne Kapitän und ohne seine Freunde in der türkischen Hauptstadt eingesperrt war wechselten sich ab mit leuchtenden Glücksmomenten, in denen er sich mit Atalanta unterhielt, während er sich von der Sonne bescheinen ließ. In solchen Momenten nahm er die Schönheit der Landschaft, die Geräusche der Natur und die Farbenpracht des schillernden Wassers wahr, die sich ihm darboten, in solchen Momenten vergaß er seine Furcht und seinen Schmerz.

Er unterhielt sich sehr viel mit Atalanta, während er zusammen mit der wahren Tochter der Athene hinter Herkules, der ein wenig vor ihnen war, her flog. Er erzählte ihr mehr über sein Leben, seine Freunde, seine Reisen, er berichtete von Liens Rachegelüsten und von Perscitia und der Drachenmiliz.

Im Gegenzug erklärte Atalanta ihm ihr Leben in der großen Drachenhöhle, wie sie geschlüpft war und von ihrer Abstammung erfahren hatte. Sie erzählte von der Vorbereitung auf das Leben in der Welt draußen und von der Hoffnung, der Hoffnung darauf, dass endlich jemand kommen würde um ihren Anführer, den wahren Sohn des Zeus, aus seinem Ei zu befreien. Sie beide genossen die Gesellschaft des Anderen, zusammen fühlten sie sich stärker und mutiger und bereit, den Gefahren, die auf sie zukommen würden, zu begegnen und sie gemeinsam zu überwinden.

Der Tag neigte sich dem Abend zu, ein leichter Wind kam auf, die strahlende Sonne begann sich zurückzuziehen und hinterließ wie jeden Abend eine rote Spur. Laurence erwachte aus einem kurzen Schläfchen, dass er sich auf Temeraires Rücken gegönnt hatte und setzte sich auf. Nachdem er die Halterungen, mit deren Hilfe seine Beine an Temeraire befestigt waren, ein wenig gelockert und sich aufrecht hingesetzt hatte, schaute er sich um. Vor ihnen war noch immer nichts zu sehen, kein Land, nur Wasser, dass die untergehende Sonne spiegelte und das Ende eines herrlichen Tages markierte. Doch hinter ihnen, noch weit entfernt, aber stetig näherkommend, konnte Laurence etwas erkennen. Mit großen Schwingen flog eine Ansammlung von Drachen auf sie zu, offensichtlich ohne Besatzung oder ein Kennzeichen ihrer Herkunft.

Eilig warnte er Temeraire und die anderen und sie beratschlagten, was sie nun tun wollten. „Wir fliegen zu ihnen und reißen sie ihn Stücke!“, rief Temeraire, dessen Wut wegen Maximus auf jeden französischen Drachen übergesprungen war, doch Laurence beschwichtigte ihn: „Sie dürfen nichts von Herkules und Atalantas Existenz erfahren und das werden sie, wenn wir mit ihnen kämpfen. Lass uns lieber weiterfliegen und so lange wie möglich versuchen, ihnen zu entkommen!“ Atalanta stimmte ihm zu und Herkules schien so große Angst vor einem Kampf zu haben, dass er sofort weiterflog, eilig mit seinen riesigen Flügeln schlagend. Auch Temeraire war von Laurence überzeugt worden und so wandten sie sich um und flogen weiterhin vor den fremden Drachen her, in Richtung Istanbul.

Dort, zur gleichen Zeit, führte Maximus ein Leben in Saus und Braus. Genüsslich eine Kuh verzehrend lag er auf einer schattigen Lichtung im Schlossgarten des Sultans und genoss den Ausblick über die geschäftige Großstadt. Dort war wie immer in den letzten Stunden des Tages eine Vielzahl von Geräuschen und Gerüchen zu vernehmen. Laute Rufe von Händlern und Verkäufern, die ihre Waren im Marktviertel darboten, waren ebenso zu hören wie Pferdehufe und Boote, die die Menschen über den Fluss brachten.

Viele Gerüche stiegen Maximus in die Nase, einige, wie den Geruch von frischem Fisch kannte er, andere waren ihm vollkommen fremd, sie rochen süß und gleichzeitig bitter. Doch bevor er überlegen konnte, was dies für ein Geräusch sei, hörte er noch etwas anderes, ganz in seiner Nähe. Zwei Stimmen unterhielten sich lautstark, verstummten jedoch, bevor Maximus etwas verstehen konnte. Dann sah er die weiße Drachendame Lien auf sich zukommen.

Seit ihrem Pakt, den sie geschlossen hatten, sah er sie häufiger, doch nun kam Lien auf ihn zu. Auf einmal fiel Maximus wieder ein, dass er ja versprochen hatte, die Schlachtpläne der Engländer, ihre Formationen und Aufstellungen, zu verraten und Zweifel durchzogen ihn wie bereits einige Tage zuvor. Konnte er seine Heimat, das Land, für das er viele Jahre lang gekämpft hatte, wirklich verraten?

Doch als Lien auf ihn zukam, ein Lächeln in den roten Augen, merkte Maximus, dass es nun kein Zurück mehr für ihn gab.

Eilig überflogen Perscitia, Lily, und die anderen das blaue Meer unter ihnen. Sie alle waren müde nach dem Kampf am Vormittag und ihre Flügel hoben sich nur noch langsam. Doch ein Stück vor ihnen, immer in Sichtweise flog Tharkay auf dem seltsamen Drachen, der sie vor den Seeschlangen gerettet hatte und sie nun unermüdlich antrieb. Als Perscitia ihn so vor sich sah, bekam sie Mitleid mit ihm. Tharkay war aus dem Nichts aufgetaucht und hatte sowohl Temeraire und Laurence als auch sie oft gerettet, doch trotzdem vertraute ihm niemand. Oft hatte sie über Tharkay nachgedacht, seine Angewohnheit, genau dann aufzutauchen, wenn er gebraucht wurde und gleichermaßen zu verschwinden, sobald er nicht mehr gebraucht wurde. Was trieb diesen Mann nur an? Warum setzte er sein Leben aufs Spiel, um sie alle zu retten, obwohl sie ihm kein Vertrauen entgegenbrachten?

Lily und Harcourt kamen näher heran und Harcourt fragte: „Hast du schon eine Idee, wie wir Maximus und möglicherweise auch Temeraire und Laurence retten können? Wir können ja unmöglich einfach nach Istanbul fliegen und angreifen. Das würde jegliche Hoffnungen unserer Regierung auf die Hilfe der Türkei, die sowieso immer weiter schwinden, vollends zunichte machen.“

Darüber hatte Perscitia bereits nachgedacht. „Ich würde vorschlagen, dass wir uns erst einmal über die Situation informieren und versuchen, mit dem Sultan in Kontakt zu treten, ehe wir voreilig handeln.“ Die anderen stimmten ihr zu, nur Iskierka sah enttäuscht aus, aber das verwunderte eigentlich niemanden.

Und so blickte Perscitia, unermüdlich mit den Flügeln schlagend, nachdenklich auf die untergehende Sonne, die nur vom Umriss Tharkays und seines Drachens verdeckt wurde.

Auch Tharkay dachte nach, während er auf dem Rücken seines Schaldrachens über das Meer flog. Er wusste, dass sein Drache ihn nach Istanbul führen würde, sodass er seine Gedanken schweifen lassen konnte. Im schwachen Licht des Abends durchlebte er sein gesamtes Leben, von der Geburt bis zu seiner momentanen Rolle, noch einmal. Doch diese Gedanken hellten sein Gesicht nicht auf. Im Gegenteil, Wolken der Trauer und des Zweifels durchzogen Tharkays sonst so undurchdringbare Miene.

Er dachte an all jene, die den Fluss seines Lebens besucht hatten. So viele Menschen und Drachen waren es, die er lieb gewonnen hatte und die dennoch vom Fluss hinfort gerissen wurden und verschwanden, so viele, die ihm etwas bedeutet hatten und deswegen nicht mehr waren. Bei diesen Gedanken stieß er einen tiefen Seufzer aus, den jedoch außer seinem Drachen und ihm niemand hören konnte.

Dieser schaute zu Tharkay hoch und schaute ihm in die Augen. Ein tiefes Einverständnis herrschte zwischen ihnen und Tharkay beschloss, dass, egal was passieren würde, er niemals zulassen würde, dass auch sein Drache ihm genommen wurde.

Euer KRONOS (User von temeraire.net)

drachenmacht/kapitel_10_gedankenspiele.txt · Last modified: 2013/03/20 21:20 (external edit)