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Kapitel 14: Stadtbummel

Eigentlich wollte ich nur in Ruhe etwas fressen, aber noch bevor ich das Wort ‚Mittagessen‘ hätte aussprechen können, war ich umgeben von schaulustigen Kindern und einigen Erwachsenen. „Schau mal, Mama, ein Drache!“ „Wow, ein echter Schakri!“ „Mir gefällt die Schuppenfarbe…“ „Ist das ein Weibchen?“ „Nein… oder doch?“ „Daariv! Wo bleibst du?!“ Ich erhob mich von meinem Platz und schaute mich im Marktbezirk um. Tira wollte nur etwas Proviant und Wasser kaufen, während ich mein Lama verspeiste. Im Markbezirk waren nach wie vor hunderte Leute unterwegs, Menschen, Zwerge und einige Elfen, welche weit im Osten des Kontinents beheimatet sind. Eine Minute später tauchte Tira aus der Menge schaulustiger Passanten auf, einen Beutel mit Dörrfleisch und getrocknetem Gemüse über der rechten Schulter. „Da bin ich wieder. Tut mir Leid, aber da war dieser Stand mit Silberschmuck…“ Ich beugte mich zu ihr hinunter. „Könntest du den Leuten bitte sagen, dass sie mich nicht so anstarren sollen?“ Sie nickte und drehte sich mit erhobenen Händen zur Menschenansammlung. „Würden Sie bitte weitergehen? Sie belästigen meinen Schakri! Danke sehr und schönen Tag noch!“ Einige der Leute sahen sich gegenseitig verlegen an, andere drehten sich einfach um, als sei nichts gewesen. Letztendlich verschwanden die Schaulustigen im Getümmel auf dem Marktplatz und ich konnte ungestört mit meiner Mahlzeit fortfahren. „Ich mag die Großstadt nicht, Tira. Zu viele Menschen…“ Nachdem wir uns gestärkt hatten, liefen wir eine breite Straße entlang, umgeben von Handelsständen. Ich musste ständig aufpassen, dass mir keine Kinder, Hunde oder andere kleine Wesen vor die Krallen rannten und Gefahr liefen von mir zertrampelt werden. Hin und wieder liefen mir andere Drachen über den Weg, Kurierdrachen und Lincesai, die nicht wesentlich größer waren, als ich. Obwohl Tira auf meinem Rücken ritt und alles beobachten konnte, was um uns herum passierte, schienen ihr die irritierten Blicke, die die anderen Drachen und einige Menschen mir zuwarfen, zu entgehen oder sie ignorierte sie gekonnt. „…außerdem machen sich Alle über meinen Kopfschmuck lustig.“ „Oh, bitte, Yin! Der Kopfschmuck steht dir wunderbar, das hab ich dir vorhin schon gesagt. Die einfachen Menschen hier haben eben keinen Modegeschmack. Und die Zwerge, die deine Ausrüstung verkauft haben, sagten, dass die Symbole auf dem Kopfschmuck magische Runen seien und Schutz bieten.“ „Ich spüre keinerlei Schutzmagie davon ausgehen… Vielleicht haben die Zwerge gelogen.“ „Ach, nein. Zwerge sind zwar generell etwas geizig aber im Grunde genommen ehrlich. Wenn sie sagen, dass es magisch ist, dann ist es magisch.“ „Okay… verstehen die Zwerge denn überhaupt etwas von Schutzmagie?“ Tira schaute sich nachdenklich um. „Ähm, nun… Oh! Schau mal, dort drüben. Der Händler verkauft Vogelgreifen!“ Sie deutete auf einen Handelsstand in der Nähe der Mauer. Ein älterer Elf mit blonden, zu Zöpfen geflochtenen Haaren und grüner Seidenkleidung saß auf einem Fass und redete mit einem Kunden. Neben ihm lagen seltsame, Wesen auf bunten Teppichen und beobachteten die vorbeilaufenden Leute. Sie waren in etwa so groß wie Pferde, hatten den Körper ähnlich denen von großen Raubkatzen, den Kopf eines Adlers und fedrige Flügel, die ebenfalls denen eines Raubvogels glichen. Sie waren angeschirrt und an Holzstämmen, welche im Boden verankert waren, festgebunden. „Das sind Vogelgreifen? Die Viecher sehen echt merkwürdig aus…“ „Sie leben überwiegend weit im Osten, in den Vregnth Caesini. Die Elfen dort leben mit ihnen zusammen und verwenden sie als Reittiere, so wie wir Nachtelfen mit Drachen zusammenleben. Normalerweise verkaufen sie sie nicht, aber ich habe gehört, dass die Nachfrage nach Greifen hier in der Wüstenregion stark gestiegen ist und dass sich durch das Handelsabkommen mit dem Wüstenrat die diplomatische Lage zwischen dem Wüstenvolk und den Elfen sehr verbessert hat. Die Bedrohung durch die Orks wird von Jahr zu Jahr schlimmer und Verbündete kann man in solchen Fällen nie genug haben.“ „Und die Orks leben im Südosten, in den Kifel Rehlaemi?“ „Genau, in den Grauen Schluchten, südlich der Wälder, wo die Elfen ihre Heimat haben. Die Orks waren schon immer ein Störenfried in Zezhuanthia, immer verfeindet mit allen anderen Rassen, die es gibt. Etliche Kriege hat es schon gegeben und zumeist haben die Orks den Kampf verloren, doch aufgeben werden sie wohl nie. Seit ungefähr einem Jahrhundert züchten sie Wyverne, drachenähnliche Kreaturen. Das Königreich Ikliss rüstet mittlerweile unaufhörlich die königliche Armee weiter auf. Zum einen wegen der ständigen Bedrohung durch die Orks, zum anderen da es möglicherweise eines Tages eine weitere Revolution der Drachen geben könnte. Das Königreich hat sogar die Erlaubnis der Zwerge, Elfen und des Volkes aus Bilaesvi Jonali erhalten, Truppen in ihren Reichen zu stationieren, um potentiellen Bedrohungen vorzubeugen. Auf eine Stationierung hier in der Wüste haben sie wohl nur verzichtet, weil es schwierig wäre ein ganzes Bataillon von Kriegern und Drachen dauerhaft zu ernähren. Ich schätze mal, nach dem Fiasko, was die schwarzen Magier derzeit hier anstellen, wird sich König Kepesk das wohl nochmal überlegen…“

Die Revolution… Bis heute habe ich gegenüber Tira oder irgendeinem anderen kein Wort darüber verloren. Kanska sagte, dass die Drachen bald wieder ihr Recht auf ein freies Leben im Königreich Ikliss zurückfordern werden. Aber bin ich wirklich der Messias, vom dem Suturi’s Prophezeiung spricht? Wann wird sich zeigen, welcher Drache die Revolution anführen und zum versprochenen Sieg führen wird? Sollte ich überhaupt zulassen, dass Tira in diese Sache verwickelt wird? Wie sie wohl reagieren wird, wenn ich ihr das Sage, was Kanska mir anvertraut hat. Der Grund, weshalb ich zum Schakri ausgebildet wurde… Sie wäre bestimmt überrascht, aber sie würde es verstehen, zumal sie selbst König Kepesk‘s Tyrannei verabscheut. Kanska hat mir eine schwere Bürde auferlegt, aber möglicherweise kann mir Tira helfen, diese Last zu tragen.

Tira klopfte mir auf den Nacken. Ich blieb stehen und drehte meinen Kopf zu ihr. „Yin, sieh dir mal das Gebäude da an.“ Ich schaute in die Richtung, zu der sie deutete. Die Gasse öffnete sich vor uns zu einem großen Platz mit einem prachtvollen Springbrunnen aus Marmor. Am anderen Ende des Platzes ragte der Palast auf, in dem der Wüstenrat tagte. Weiterhin wurde der Platz von mehreren größeren Gebäuden umringt, wie zum Beispiel Gasthäuser, Cafés oder Handelshäuser. Das Gebäude auf das Tira’s Aufmerksamkeit lag, hatte ein kunstvolles Zunftzeichen aus Bronze, in Form eines Buches und einer Feder. Es hatte 4 Etagen, welche voll mit Bücherregalen waren. Vor dem Eingang des Gebäudes standen ungefähr ein Dutzend schwarze Magier und alle anderen Menschen auf dem Platz machten einen großen Bogen um sie. „Die Bibliothek…“ flüsterte ich Tira zu. Sie nickte, sah sich flüchtig um und begann ebenfalls zu flüstern. „Ganz offensichtlich. Und ich wette, dass El Xerik auch da drin ist. Der Palast wird nicht annähernd so streng bewacht, obwohl ich vermute, dass er selbst keine Wachen brauch. Seine Schergen passen nur auf, dass sich niemand dem Gebäude nähert. Hmm… Ich hab durst. Du auch? Lass uns Tee trinken.“ „Was für Tee?“ Das Café, an dem wir uns niederließen, lag am anderen Ende des Platzes, weit genug von der Bibliothek entfernt. Nekromanten waren ebenfalls keine in Hörweite. Dadurch konnten wir alles Weitere besprechen. Der Pfefferminztee schmeckte übrigens sehr gut. Tira musste deshalb unbedingt einen Monatsvorrat davon kaufen… „Ein Haupteingang, viele Fenster, bestimmt gibt es noch einen Hintereingang… Ich schätze mal, dass es ein Spaziergang wird, da reinzukommen. Die Suche nach dem Artefakt wird etwas schwieriger, da ich noch nicht weiß, was es ist. Vielleicht trägt dieser Weiße Dämon das Artefakt auch mit sich herum. In einer Stunde geht die Sonne unter und dass ich mich hervorragend in den Schatten verbergen kann, brauch ich wohl nicht zu erwähnen. Das wird mir zumindest noch einen weiteren Vorteil einbringen.“ „Und was werde ich in der Zeit tun?“ „Du könntest versuchen die Magier irgendwie abzulenken. Nicht provozieren, nur ihre Aufmerksamkeit auf dich ziehen. Und halte dich bereit, zu fliehen, wenn es gefährlich wird.“ „Lass dich nicht erwischen, Tira. Wenn sie dich angreifen, werde ich sie alle dafür bluten lassen!“ Tira schaute gedankenverloren über die Dächer der umstehenden Häuser hinweg und beobachtete die orangerote Sonne. Sie lächelte. „Alles wird gut. Wir stehen das durch und werden den Nekromanten Einhalt gebieten. Sobald die Verstärkung eingetroffen ist, werden die bösen Magier gezwungen sein, sich zurückzuziehen. Dann wird hier wieder Frieden herrschen und wir fliegen wieder nach Hause.“ Ich schwieg, genau wie Tira und genoss den Moment der Ruhe, abgesehen vom Lärm welcher von den Massen auf dem Platz und den Umstehenden Geschäften ausging. Die Ungewissheit über das was uns bevorstand machte mich nervöser. Und dann war da noch die Prophezeiung, von der Kanska sprach. Bin ich all dem schon gewachsen? Schließlich bin ich noch jung und unerfahren, aber ich kann meine Freunde nicht im Stich lassen… „Tira? Es gibt da etwas, das ich dir bisher verheimlicht habe. Ich wollte es niemandem sagen, weil ich mich davor fürchte, was in Zukunft passieren wird.“ Sie sah mich interessiert, aber auch etwas besorgt an. „Meinst du… dass du Angst vor dem Krieg mit den schwarzen Magiern hast? Keine Sorge, es ist nicht falsch Angst zu haben.“ „Nein, das meine ich nicht. Du hast vorhin die Revolution erwähnt… der Krieg zwischen den Drachen und der königlichen Armee von Ikliss, und du hast wahrscheinlich Recht. Es wird irgendwann eine weitere Revolution geben und wenn es soweit ist, werde ich eine Rolle darin spielen.“ Tira sah mich erstaunt an, äußerte sich aber nicht, sondern wartete darauf, dass ich fortfuhr. „Es gibt einen Grund warum ich zum Schakri ausgebildet wurde. Mein Ankin, Kanska …“ „FEUERMAGIER!“ Der Schrei wehte aus Richtung Bibliothek zu uns herüber und ich erkannte sofort, was sich gerade dort abspielte. Einer der schwarzen Magier deutete mit seinem Ebenholzstab auf eine Person, welche einen schäbigen, braunen Umhang mit Kapuze trug, in der Nähe der Bibliothek. Die anderen Nekromanten zogen ebenfalls ihre Stäbe vom Rücken, die Menschenmenge drumherum geriet in Panik und verstreute sich in alle Richtungen. Die unbekannte Person im Umhang warf einen Feuerball auf den Schwarzen Magier, welcher zum Alarm gerufen hatte, und stürmte davon. Der Nekromant ging komplett in Flammen auf, rannte schreiend zum Brunnen im Zentrum des Platzes und sprang hinein. Zwei andere Magier nahmen die Verfolgung der verdächtigen Person auf. Tira und ich beobachteten das Schauspiel sprachlos und warteten ab, wie es weitergeht. In der dritten Etage der Bibliothek schwenkte eines der großen Fenster auf und ein Mann mit langen dunklen Haaren und einer prunkvollen schwarzen Robe spähte verärgert auf den Platz vor dem Gebäude. Er hatte ein schmales, scharfkantiges Gesicht, seine Haut war gepflegt aber unnatürlich blass und seine Augen unheimlich finster. Man hätte meine können, er wäre um die 30 Jahre alt, was allerdings nicht stimmen konnte, wenn die Legenden wahr waren. Eine mächtige, geradezu todbringende Aura, die man jedoch nicht sehen konnte, ging von ihm aus. Kein Zweifel, das war der Mann, den man den Weißen Dämon nannte. El Xerik. „Was geht hier vor?! Sprecht!“ Der schwarze Magier, welcher vor kurzem noch in Flammen stand, kletterte klatschnass und qualmend aus dem Springbrunnen und verneigte sich. „Verzeiht die Störung, Meister. Ich habe einen vermummten Feuermagier enttarnt, welcher sich hier herumgeschlichen hat. Er ist geflohen, aber wir werden nach ihm suchen.“ „Findet ihn und bringt mir sein Herz!“ El Xerik schlug die Fenster zu und überall herrschte Stille. Sämtliche Passanten, die noch da waren, wandten sich allmählich wieder ihren Tätigkeiten zu oder entfernten sich unauffällig vom Platz. Ein paar schwarze Magier verließen die Bibliothek. Sie versammelten sich und gaben sich gegenseitig Anweisungen. Tira klopfte mit ihren Fingernägeln auf dem Tisch und schaute nachdenklich in ihre leere Teetasse. „Dann haben sie wohl doch noch nicht alle Feuermagier erwischt? Gut zu wissen, aber im Moment können wir nicht viel für ihn tun. Ihn zu suchen würde zu viel Zeit kosten und schlimmsten Falls machen wir die Nekromanten auf uns aufmerksam. Allerdings kommt uns dieser Zwischenfall sehr gelegen.“ flüsterte sie. Ich neigte meinen Kopf wieder näher zu Tira. „Die sind mit der Fahndung nach dem Feuermagier abgelenkt. Ich frage mich nur, ob er nach demselben sucht, was wir erhoffen zu finden.“ Die Sonne verschwand hinter den Dächern der Häuser im Westen und der Horizont nahm eine violette Farbe an. Erste Sterne zeigten sich am Firmament und ein paar Knaben begannen mit Fackeln die bronzenen Straßenlaternen auf dem Platz zu entzünden. Tira lächelte und sah mir ins Gesicht. „Ich bin sicher, dass das Artefakt der Schlüssel zu allem ist. Wenn es in unsere Hände gelangt, haben wir einen Vorteil. Wenn wir Glück haben treffen wir auch den Feuermagier wieder. Er weiß bestimmt mehr über das Artefakt und was damit zu tun ist. Mach dich bereit, wir fangen an. Ich werde mich in das Gebäude schleichen und du wirst irgendwie die Nekromanten ablenken.“ „In Ordnung, aber was genau soll ich tun?“ Sie erhob sich und ging voraus, Richtung Springbrunnen. „Singen? Genau, sing einen Song, oder zwei. Das wird bestimmt reichen. Halte dich aber jederzeit bereit zu fliehen. Es muss schnell gehn!“ Am Springbrunnen angekommen hörte Tira auf zu flüstern, damit auch die umstehenden Leute sie hören konnten. „Warte hier, Yin! Ich gehe nur schnell etwas Schmuck kaufen.“ Ich seufzte und schaute ihr hinterher, während sie sich unter die Menschenmenge mischte. Wenige Sekunden später verlor ich die blaue Seidenrobe, die sie trug, aus den Augen und ich blickte mich auf dem Platz um. Einige Passanten waren stehengeblieben und starrten mich interessiert an. Also dann… Showtime! Ich nahm Haltung an und neigte mein Haupt vor den Leuten. „Seid gegrüßt, Bewohner von Annyo Idol. Gestatten, Yinvetsilti, aus den wundersamen Sjach Caesini. Ich wäre erfreut ihnen etwas Unterhaltung zu bieten.“ Die umstehenden Menschen schwiegen, außer ein paar wenigen, die sich etwas zuflüsterten. Da niemand Einwände zu haben schien, fuhr ich fort. „Der folgende Song handelt von Magie, eine ganz besondere Form von Magie… I have just one tale of magic And in the mirror all things are now clear For all those tears we learned to hide Our smiles will never be the same For once in my life The future is mine It calls to me from the inside Been waiting so long Through your eyes I see forgotten worlds Been waiting so long They say all is fair in love and war” Dem Publikum gefiel mein Gesang. Einige Leute begannen zu applaudieren, manch andere warfen mir Münzen vor die Klauen. Den Nekromanten schien es jedoch weniger zu gefallen. Ich bemerkte, wie sich ein paar von ihnen die Ohren zuhielten. Beim Refrain sang ich so laut, dass ich die Glasscheiben in den Fensterrahmen klirren hören konnte. “So close and so cold the water If that's all you want and if that's all you need I know that love is just another word To say what I feel tonight Into the mirror I'll found all the answers Shivering memories untold Been waiting so long Through your eyes I see forgotten worlds…” Erneut sprang das Fenster in der dritten Etage der Bibliothek auf, allerdings mit solcher Wucht, dass die Scheiben darin zersprangen und ich meinen Gesang vor Schreck abrupt stoppte. Auch die umstehenden Leute drehten sich um und hoben ihren Blick zu El Xerik, der mit wutverzerrter Grimmasse nach dem Ursprung des Lärmes suchte. „Bei den Fürsten der Dämonen! Wer ist für diesen Lärm verantwortlich!“ Einige Sekunden lang tat ich nichts, dann hob ich langsam eine Klaue. „Bitte verzeihen Sie mir vielmals, nobler Herr, wenn ihnen mein Gesang missfällt. Ich hatte wirklich nicht die Absicht Sie zu stören, sondern lediglich das Volk dieser wundervollen Stadt zu unterhalten.“ Nach einer gespielten Verbeugung meinerseits, schwang die Stimmung des weißen Dämons um, als hätte er jegliche Wut im Bruchteil einer Sekunde vergessen. Er lehnte sich auf den Fensterrahmen und hatte ein charmantes Lächeln aufgesetzt. „So so… Schakri. Ich nehme dir deine gute Laune und dein Verlangen diese Laune auch mit anderen Leuten zu teilen nicht übel. Aber würdest du mir den Gefallen tun und deine… musikalische Darbietung an einem anderen Ort in dieser Stadt fortführen?“ „Ich denke das ließe sich einrichten. Ich warte nur noch auf meinen Meister. Er sagte mir, ich solle warten, bis er zurück ist.“ „Hm… Und dein Meister ist wer?“ Ich zögerte. „Daariv di Myvillion Grovisvi.“ El Xeriks machte plötzlich ein nachdenkliches Gesicht und sein Blick verfinsterte sich etwas. „Myvillion Grovesvi…? Im Norden der Schattenwälder gibt es soweit ich weiß kein Dorf der Nachtelfen, nur Ruinen und Sümpfe.“ Verdammt! Was sag ich jetzt? „Oh… nun, das ist eine interessante Geschichte …“ Noch ehe ich ausreden konnte zuckte El Xerik und sein Blick schnellte zurück in die Halle voller Bücher. Er wirkte entsetzt, sprang regelrecht weg vom Fenster und außer Sichtweite. „Du! Diebin!“ Die gesamte 3. Etage der Bibliothek explodierte, schwarzes Feuer sprengte die Fenster aus den Angeln und Glasscherben, Holzsplitter und zerfetzte Bücher hagelten auf den Platz nieder. Finsterer Rauch umhüllte das Gebäude, was es mir unmöglich machte zu erkennen, was von der Bibliothek übrig geblieben war. Ein Schatten durchbrach die Rauchwolke und flog dem Erdboden entgegen. Zuerst dachte ich, es wäre El Xerik, doch dann erkannte ich die grau-schwarze Lederrüstung wieder. „Tira!“ „Rückzug!“ schrie sie noch im Flug. Sie hatte sich ihre blaue Seidenrobe unter dem linken Arm geklemmt und hielt ihr Langschwert in der Rechten. Mit spielerischer Leichtigkeit rollte sie sich auf dem gepflasterten Boden ab rannte mir entgegen. Die Nekromanten vor dem Gebäude gingen vor dem Trümmerregen in Deckung, genauso wie alle anderen Leute, die noch nicht fassen konnten, was gerade geschehen ist. Mit einem Satz war ich bei Tira. Sie sprang ohne zu zögern auf und ich hob noch in derselben Sekunde ab. Das Timing war perfekt. Ehe die schwarzen Magier reagieren konnten waren wir von undurchdringbar schwarzem Rauch umgeben, der unangenehm in den Augen brannte. Ein weiterer Flügelschlag und meine Sicht war wieder klar, offenbarte mir einen herrlichen Ausblick über eine, von Straßenlaternen beleuchtete, Wüstenstadt bei Nacht. Die Bibliothek unter uns brannte noch in schwarzem Feuer und schreie waren zu vernehmen, ganz besonders ein Schrei. „Diebische Nachtelfe! Ich werde dich und deine ganze Sippe vernichten!“ „Das kannst du ruhig versuchen…“ flüsterte Tira mit einem spöttischen Grinsen und nahm eine bequemere Sitzhaltung ein. „Das war verdammt knapp, Tira! Was ist schiefgelaufen?“ Sie lachte. „Nichts. Es lief alles nach Plan. Und dein Gesang war hervorragend!“ Anschließend band sie die Robe mit einem Lederriemen zusammen und befestigte ihn am Sattel. „Ich hab gefunden, wonach Alle suchen. Jetzt müssen wir uns erst einmal in Sicherheit bringen und morgen sehen wir weiter…“ Tira richtete den Blick wieder nach vorn, zum aufgehenden Sichelmond.

die_sagen_von_zezhuanthia/kapitel_14.txt · Last modified: 2014/04/13 21:56 by indigoryu