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Auf Drachenschwingen durch den Alltag

Meine Hand bewegt sich nahezu automatisch zum Handy, neben mir auf dem Nachttisch. Ich deaktiviere den Wecker noch bevor ich richtig wach bin und meine Augen brauchen einen kurzen Moment um die Details auf dem Bildschirm zu erkennen. Montag, 5.45 , ich muss zur Arbeit. Doch mein Körper weigert sich und bleibt liegen. Seufzend starre ich auf die graue Arbeitshose und das Paar Sicherheitsschuhe in der Ecke mir gegenüber… und meine Augen fallen wieder zu. In fünf Minuten klingelt mein Wecker erneut. Es sei denn… Drei schnelle Schläge an der Fensterscheibe lassen mich aufschrecken, mein Blick wandert durch das düstere Hotelzimmer und bleibt beim zugezogenen Fenster neben dem Schreibtisch hängen. “Hey, Johann! Musst du nicht zur Arbeit?” Die Stimme kommt von draußen und ich weiß genau, wem sie gehört. Ohne noch weiter zu zögern springe ich aus dem Bett, ziehe die Vorhänge auseinander und sehe den Kopf eines blauen, leichtgewichtigen Shen-Lung, der mich angrinst und mit seiner Tenorstimme “Moin!” wünscht. Ich gähne herzhaft und lasse frische Luft in die muffige Bude. “Nicht so laut, Tiānshǐ. Du weckst noch die anderen Hotelgäste auf.” “Ja, ja. Aber mach dich langsam bereit, sonst kommst du noch zu spät. Mal wieder…” flüstert der Drache. Ich schließe das Fenster, springe schnell unter die Dusche und suche, noch während ich mich ankleide, meine sieben Sachen zusammen… und vergesse beim Hinausgehn fast mein Smartphone. Draußen auf dem Parkplatz vor dem Hotel angekommen, treffe ich auch schon Tiānshǐ, der sich mit meinen Arbeitskollegen unterhält. Martin, ein blondhaariger, junger Mann, der schon seit drei Jahren in der Firma arbeitet, verschränkt die Arme und wirft Tiānshǐ einen skeptischen Blick zu. “Pavillions für Drachen? Nä! Sowas kann ich mir nicht vorstellen…” Der Shen-Lung tippt mit einer Klaue auf sein Tablet, welches mit einer Halterung an seinem linken Vorderbein befestigt ist. “Doch! Die gibt es und zwar schon seit Jahrhunderten, in China beispielsweise. Google mal 'Drachen-Pavillion'!” Helmut, ein etwas älterer Kollege mit kurzem, schwarzen Haar und Geheimratsecken, fängt an zu lachen und wendet sich an mich sobald er mich sieht. “Hey, Johann! Ich glaube, dein Haustier will dich nach China verschleppen.” “Als ob Tiānshǐ mein Haustier wäre…” Ich seufze und wische mir den Rest an Müdigkeit aus den Augen. “Aber China würde ich auch gerne mal sehen. Wenn ich mir nur mehr Urlaub gönnen könnte… Aber ohne mich läuft ja nix auf'm Bau!” Nachdem sich auch Martin köstlich amüsiert hat, fragt er mich beiläufig. “Fährst du mit oder fliegst du?” “Fliegen natürlich. Das macht viel wacher als Kaffee.” Tiānshǐ wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu. “Wie kann man um 6 Uhr morgens noch müde sein?” “Werd du erstmal 26 und arbeite 58 Stunden pro Woche.” antworte ich, während ich meine Jacke zuknöpfe , auf seinen Rücken steige und meinen Gürtel im Ledergeschirr einhake. Er schnaubt und rückt seine Kopfhörer auf den nicht vorhandenen Ohrmuscheln zurecht. Die Kopfhörer hab ich ihm vor einiger Zeit gebastelt und bestehen aus zwei, in schwarze Kissen eingebaute, Subwoofer und einem mit Leder umwickelten Blechstreifen, der das Ganze zusammenhält. “Pff… Ich hab beim Taxi-Dienst auch schon 7 Tage pro Woche gearbeitet, 10 Stunden am Tag, und das ist kein Problem für mich.” “Ich weiß. Wenn ich fliegen könnte und dafür bezahlt werden würde, wär das bestimmt mein Traumjob.”

Die Luft über Brehna, ein kleiner Ort am Rande von Sachsen-Anhalt, ist sehr kühl obwohl es schon Juni ist. Ich ziehe den Kragen meines Pullovers etwas enger und lege mich flach auf den Nacken von Tiānshǐ. Asiatische Folklore schallt aus seinen Speakern zu mir hinüber. Tiānshǐ hört ausschließlich altmodische Musik. Ich schreie um den rauschenden Wind und die Shamisen-Spielerei zu übertönen. “Nächstes Wochenende ist wieder Mittelaltermarkt in Solingen! Wolln wir da hinfliegen?!” Ich weiß die Antwort bereits und der Drachenkopf neigt sich zu mir mit einem Lächeln. “Auf jeden Fall! Ich muss nur meinem Boss Bescheid sagen, damit er mich freistellt.”

Nach ungefähr einer halben Flugstunde kommen wir in Delitzsch bei der Baustelle an, eine alte, aber immernoch betriebsbereite Werkstadt für Schienenfahrzeuge. Genau genommen ist es ein riesiges Areal aus Hallen und Abstellgleisen. Tiānshǐ landet nicht auf dem Parkplatz sondern direkt beim Baucontainer. Dadurch spare ich mir 5 Minuten Fußweg. Meine beiden Kollegen und die Mechaniker von einer anderen Firma sind bereits da. Kaffee scheint ebenfalls fertig zu sein, wie ich an den qualmenden Tassen in den Händen der Mitarbeiter sehe. Routiniert springe ich vom Drachenrücken und grüße die Mechaniker. Thomas, ein Mann in den 30ern mit Brille und Pferdeschwanz, muss unwillkürlich lachen. “Moin, Johann! Zu welchem Friseur gehst du eigentlich?” Ich schmunzel und kämme mir mit der Rechten die zerzausten Haare glatt. “Hehe… das wüsstest du gern…” Der Shen-Lung stupst mir mit der Schnauze in den Rücken. “Aha! Jetzt bin ich nicht nur Taxi-Flieger sondern auch Friseur? Werd ich dafür auch bezahlt?” Martin setzt dazu an einen Schluck Kaffee zu trinken, schaut in den Himmel und widerruft sein vorhaben. “Leute, packt das Essen weg. Da kommt Navi.” Alle Anwesenden, mich eingeschlossen, brechen in Gelächter aus bevor der schwergewichtige Drache in der Nähe des Containers landet und eine Klaue zum Gruß hebt. Der Petit Chevalier fällt außerdem durch sein schwarz-gelb gestreiftes Geschirr mit Reflektoren auf. Es ähnelt einer Warnweste und hebt sich stark von seinen steingrauen Schuppen hervor. “Guten Morgen, Sportsfreunde! Oh… Morgen, Tiānshǐ. Willst du heute mitarbeiten?” “Moin, Navitas. Nö, die Arbeit auf Baustellen liegt mir nicht so… Ich muss dann auch wieder los, frühstücken.” Sein Blick wandert noch einmal kurz zu mir. “Zàijiàn, Yōuhuàn!” “Auf deutsch, bitte…” Tiānshǐ lächelt und übersetzt. “Bis später, Johann!” “Bis später.” ruf ich ihm noch zu, dann hebt er ab und ich besorge mir noch schnell eine Tasse Kaffee bevor die Schicht beginnt. Navitas verkündet unterdessen einige Neuigkeiten. “Nächsten Montag kommen die Inbetriebnehmer. Bis dahin sollten die Motor- und Buskabel für den Hallenkran verlegt sein. Hebebühne 01 ist allerdings vorerst in Reparatur. Ihr müsst also mit zwei Bühnen auskommen.” Thomas meldet sich und grinst. “Kannst du uns nicht einfach auf den Kran heben?” Navitas schnaubt kurz amüsiert und zeigt ihm nen Vogel. “Pff… Ich bin keine Hebebühne, ich bin Bauleiter. Und wenn die Sicherheitsbeauftragten hier sowas sehen, springen die im Dreieck und verteilen rote Karten. Wir halten uns an die geltenden Vorschriften, in Ordnung?”

Die Arbeit geht gut vorran. Stunden vergehen während ich orangene Motorkabel ausrolle und Martin dabei helfe, die Leitungen im Kabelkanal zum Schaltschrank zu verlegen. Dabei bemerken wir, wie Navitas fluchend versucht sich durch eines der großen, offenen Hallentore zu zwängen. “Wer hat die Tür denn gebaut?! Da hat sich wohl jemand vermessen!” “Du musst abnehmen, Navi! Weniger Rindfleisch!” ruft einer der Mechaniker vom Kran herunter. Ein Weiterer schreit “Maximal 75 Tonnen auf dem Grubengleis zugelassen!” Navitas tut so als würde er lachen. “Haha, ich bin doch bereits auf Diät!” Dann, nach wenigen Minuten, schafft er es durchs Tor, stellt sich in die Mitte der Werkhalle und begutachtet den Fortschritt am Hallenkran. “Das sieht doch schonmal nach was aus… Mit einem müden “Moin…” betritt ein Grauling die Halle durch eines der Seitentore. Der Drache trägt ebenfalls eine Warnweste, allerdings mit anderem Firmenlogo. Offenkundig ein Mitarbeiter der Werkstatt. “Man sagte mir, dass ich euch behilflich sein kann?” Der Petit Chevalier überlegt kurz und antwortet dem kleinen, grauen Drachen. “Hmm… Oh ja, stimmt! Bei euch im Lager müsste noch eine Trommel mit 16er PE-Leitung von uns herumliegen.” Dann richtet Navitas sich an mich. “Johann, hilfst du dem Kollegen beim tragen? Muss aber nicht sofort sein. Gleich ist Mittagspause.”

In der Pause gehen wir in die Kantine des Firmengeländes. Die Auswahl an Speisen ist nicht schlecht und schmecken tuts auch. Heute gibt es Hähnchenschnitzel. “Wie bist du eigentlich zu deinem Drachen gekommen, Johann?” fragt mich Thomas beiläufig. “Huh…Tiānshǐ? Er ist nicht wirklich mein Drache… eher ein Kumpel und das schon seit 4 Jahren.” “Und wie hast du ihn kennengelernt?” “Das war… in einem chinesischen Restaurant. Kurz nachdem er geschlüpft war, ist er ausgebüchst und hat sich in der Stadt umgesehn. Ihm gefiel die Musik in dem Restaurant und weil er um Essen gebettelt hat, hab ich ihm was spendiert. Seitdem hängt er irgendwie an mir… und an chinesische Musik. Dennnoch führt er ein eigenes Leben.” “Aber er fliegt dich, wohin du willst und du musst sein Pad regelmäßig aufladen?” “Ja, genau.”

Der Grauling stapft neben mir durch die Werkstatt. Dieser Gebäudeteil grenzt an die Halle an, in der wir arbeiten und wo zurzeit nicht rangiert wird. Hier jedoch herrscht reger Betrieb. Einige Zugwagons stehen parrallel zueinander und sind aufgebockt. “Wartungen an Bremsanlagen sind immer nervig… und verdammt dreckig…” murmelt der Drache monoton während er mich zum Lager führt. Einen kurzen moment schaut er zurück, woher wir kamen, dann blickt er mich an. “Du, sag mal… wie hat dieser Bauleiter überhaupt durch das Hallentor gepasst?!” Ich muss mir das Lachen verkneifen und grinse vor mich her. “Frag nicht… Ich dachte schon, er würde die Wand einreißen…”

Im Lager finden wir sofort die Kabeltrommel mit der Erdungsleitung. Ich befestige sie mit Spanngurten am Geschirr des Graulings und wir machen uns auf dem Rückweg. Nebenbei danke ich dem Drachen noch für seine Hilfe. Ein Gabelstapler kommt uns hupend entgegen. Der Fahrer, ein etwas beleibter Mann mit Glatze, hält kurz an und grölt. “Ey, Fafnir! Bist du jetzt Elektriker, oder was?!” Der Drache verzieht genervt das Gesicht. “Vielleicht sollte ich wirklich Elektriker werden…” Der Staplerfahrer lacht und grinst. “Ach was. Dafür bist du doch viel zu blöd!” Ich trete einen Schritt zur Seite als Fafnir plötzlich neben den Gabelstapler springt und ihn mit einer Klaue bedrohlich zur Seite kippt, sodass der Mann vom Sitz fällt. Die Fratze des Graulings verzieht sich ebenfalls zu einem Grinsen. “Ha! Und du bist zu blöd zum Stapler-Fahren, Peter!” “Meine Güte! Was macht ihr denn da?” ruft Navitas vom Ende der Halle zu uns herüber. Sein Kopf schaut durch das Tor zur Nachbarhalle. Während der Staplerfahrer sich lachend erhebt und den Schmutz von seinen Klamotten klopft, stellt der Grauling den Stapler wieder hin und wendet sich an den Petit Chevalier. “Keine Sorge. Wir sind immer so drauf.”

Der Rest der Arbeitszeit verläuft eher eintönig und ohne weitere nennenswerte Ereignisse. Kurz nach Feierabend werfe ich meine Warnweste in den Baucontainer und trinke noch einen Schluck Kaffee. Navitas hat es wieder, ohne Schäden anzurichten, durch das Hallentor geschafft und gesellt sich nun zu den Mechanikern und Elektronikern, während ich den Himmel nach Tiānshǐ absuche. Ca. 15 Minuten vergehen, ehe der blaue Drache über eine der Werkhallen segelt und zur Landung ansetzt. “Tut mir Leid, Johann. Ich hab mich noch mit einem neuen Kollegen unterhalten, der im 1. und 2. Weltkrieg gedient hat. Der hatte ne ganze Menge zu erzählen…” “Ein alter Kriegsdrache beim Taxi-Unternehmen? Sowas gibt es?” “Eigentlich war er nur Bote… Und, ja. Er sagte, dass er durch sein Alter und seine Vergangenheit nur schwer Arbeit findet. Warum sind die Menschen deswegen heute noch so nachtragend, obwohl seit langem kein Krieg mehr in Europa herrscht?” Wir setzen die Diskussion in der Luft fort, schweifen dabei jedoch schnell ab und fangen stattdessen an, uns über Filme und Bücher mit ähnlichen Themen zu unterhalten. “Heute Abend läuft im Fernsehn eine Doku über die Feldzüge von Napoleon in Europa. Wollen wir uns das anschaun?” fragt mich das Leichtgewicht, während ich auf dem Hotel-Parkplatz von seinem Rücken steige. “Gabs da nicht vorgestern schon eine Sendung?” Seine Kopfhöher verrutschen als er den Kopf schüttelt. “Nein, das war eine Doku über Drachen im zweiten Weltkrieg. Die hab ich schon dreimal gesehn, weil sie ständig diesen Krieg thematisieren…” Mein Blick wandert über den Parkplatz bis hin zur Fleischerei auf der anderen Straßenseite. “Hast du eigentlich noch genug Metzger-Münzen?” Tiānshǐ hebt seine rechte Klaue und begutachtet das klimpernde Lederarmband mit den tellergroßen Edelstahlplatten, auf denen Tiersymbole eingeprägt sind. Es ist so eine Art Währung für Drachen. “Rind, Schwein, Rind, Geflügel… Das sollte noch für ein paar Tage reichen. Aber… können wir nicht mal wieder in irgendein Restaurant gehen? Am besten chinesisch!” “Oh je…” antworte ich seufzend und muss unwillkürlich lächeln. “Du weißt, dass das teuer wird?” Der Shen-Lung schaut mich erwartungvoll an, ohne auf meine Frage einzugehen. “Na gut… aber erstmal geh ich duschen und saubere Klamotten anziehn. Warte solange hier und… verschrecke bitte nicht die anderen Hotelgäste.” Bevor ich den Eingang zum Hotel erreiche, ruft mich der blaue Drache zurück. “Warte, Johann! Du musst mein Tablet zum aufladen mitnehmen! Ich brauche Musik beim Fliegen!” Ein paar Leute, die gerade durch den Empfang treten, werfen uns verwunderte Blicke zu. Ich weiß, was sie denken. Wir sind einfach ein seltsames Duo.

auf_drachenschwingen_durch_den_alltag.txt · Last modified: 2015/08/07 12:28 by IndigoRyu